Memphis Grizzlies, Oklahoma City Thunder

Sündenbock Russell Westbrook?

Am Samstag Abend spielte sich in Memphis, Tennessee, etwas ab, was es diese Playoffs schon häufiger zu bestaunen gab: das Verspielen eines hohen Vorsprungs. Ob in Los Angeles, Portland, Chicago, Philadelphia oder jetzt auch in Memphis. Fast überall konnten Favoriten oder Underdogs einen zweistelligen Vorsprung nicht über die Zeit retten. Dass dies zum Basketball gehört, braucht man wohl niemandem ausführlicher zu erklären. Die Geburtsstunde des Basketballs war wohl auch die Geburtsstunde der Aufholjagden. Das Momentum wechselt in Sekundenschnelle und kurze Zeit später steht der Spielstand plötzlich auf dem Kopf. In vielleicht keiner anderen Sportart passieren diese Umschwünge wohl so häufig wie im Basketball. Wahrscheinlich zeichnet gerade das diese Sportart aus. Typisch ist ebenso, dass irgendwem die Schuld für das Verspielen eines komfortablen Vorsprungs zugewiesen wird. Gesucht ist ein Sündenbock, der den Kopf hinhalten soll, wenn der vermeintlich sichere Sieg – aus welchen Gründen auch immer – weggeworfen wird.

Russell Westbrook – der Hauptverantwortliche?

Samstagabend führten die Thunder im dritten Viertel zwischenzeitlich mit 16 Punkten und es sah somit alles danach aus, als ob sie sich den Heimvorteil zurückholen würden. Nach einem kurzen Run der Grizzlies am Anfang des vierten Viertels waren es jedoch nur noch sieben Punkte. Scott Brooks nahm verständlicherweise eine Auszeit für Oklahoma City. Die Thunder schlugen nach Körben von James Harden und Kevin Durant (nach Vorlagen von Russell Westbrook) zurück und sicherten sich so wieder eine 11 Punkte Führung. Auszeit Memphis. Und nun nahm das Unheil in Form von Russell Westbrook seinen Lauf. Unzählige erfolglose Alleingänge ohne einen einzigen Pass reihten sich aneinander.

Wir erinnern uns: Es war sicherlich nicht das erste Mal, dass Russell Westbrook in seinen “hauseigenen” Heromode schaltete und es völlig in die Hose ging (siehe Spiel 4 bei den Denver Nuggets in Runde 1). Der Status “Sündenbock” drängt sich aufgrund dieser Performance des Jungstars geradezu auf. Doch macht man es sich nicht zu leicht, einen Spieler für diesen einfallslosen Basketball zur Veranwortung zu ziehen? Greift eine Anklage Westbrooks nicht zu kurz? Denn dass ein einziges Element eines Systems die alleinige Schuld für ein Problem trägt, ist doch recht unwahrscheinlich. Hätte Coach Brooks eingreifen und den Spielmacher auf die Bank setzen müssen? Oder schuf er vielleicht gar nicht die Voraussetzungen, damit Westbrook auf dem Court funktionieren und seine beste Leistung abrufen kann?

Im Folgenden sind sämtliche Angriffe der Thunder zusammengestellt, damit sich unsere Leser ein eigenes Bild machen können:

Empfohlen sei an dieser Stelle auch der Kommentar von den Kollegen von www.dailythunder.com, die jeden Angriff der Thunder einzeln durchgegangen sind.

Ich habe mir diese knapp acht Minuten immer und immer wieder angeschaut und mit jedem weiteren Mal möchte ich weniger Russell Westbrook die Schuld in die Schuhe schieben, sondern Coach Scott Brooks. Es ist offensichtlich, dass die Thunder große Probleme in der Offensive hatten. Trotzdem steht die meiste Zeit Defensivspezialist Thabo Sefolosha auf dem Feld und nicht James Harden. Sefolosha hat keinen zuverlässigen Wurf und bringt somit kein Spacing. Er kann auch nicht für andere kreieren. Coach Hollins von den Grizzlies erkannte dies sofort und konnte so Shooting Guard OJ Mayo gegen Russell Westbrook stellen, wodurch der kleine Conley den offensiv limitierten Sefolosha verteidigen durfte; ohne Gefahr zu laufen, dass ein Mismatch entsteht. Des Weiteren fällt auf, dass praktisch keine Bewegung im Spiel der Thunder stattfindet. Symptomatisch ist die Possession mit 4:20 auf der Uhr, als Kevin Durant unten am Perimeter steht und keine Anstalten macht, sich aktiv am Spielgeschehen zu beteiligen. Es fällt auch auf, dass Sefolosha unten rechts in der Ecke steht und von den Grizzlies bewusst total freigelassen wird, um einen weiteren Defender in Ringnähe zu haben, falls Westbrook es auf eigene Faust versuchen sollte, was dann ja auch geschah (nicht getroffener Jumper von Westbrook nach dieser Isolation). Das ist schlicht und ergreifend schlechtes Coaching.

Oder doch Scott Brooks?

Der Coach der Thunder, Scott Brooks, äußerte sich selbst nach der unglücklichen Niederlage folgendermaßen:

“Wir müssen  in Sachen Attackieren des Korbes einen besseren Job machen. Die Stärke unseres Teams ist das Herausholen von Freiwürfen. Wir schafften es nicht, häufig an die Freiwurflinie zu kommen […].”

Hier darf dann mal die Frage aufgeworfen werden, wie die Thunder gegen Ende der Partie penetrieren wollen, wenn zum einen Franchiseplayer Kevin Durant von Defensivspezialist Tony Allen zugestellt wird, und zum anderen die Zone aufgrund den offensiven Limitierungen von Thabo Sefolosha dicht gemacht werden kann. Es ist kein Zufall, dass in der Verlängerung, als Harden endlich wieder aktiv am Geschehen teilnehmen durfte, er zweimal Nick Collison (der offensiv potenter als Kendrick Perkins ist) einsetzen konnte. Jeweils ein Korberfolg und Freiwürfe waren die Folge.

Im Gegensatz dazu macht die Starting-Unit um Westbrook, Sefolosha, Durant, Ibaka und Perkins es den Gegnern teilweise extrem leicht, sie zu verteidigen. Auch das sieht man nicht das erste Mal in den Playoffs. Laut www.basketballvalue.com macht die Starting-Five der Thunder in den Playoffs gerade einmal 100 Punkte pro 100 eigenen Ballbesitzen. Zum Vergleich: wenn Harden anstatt Sefolosha auf dem Feld ist, sind es ganze zehn Punkte pro 100 Ballbesitze mehr. Das ist der Unterchied, wenn Spacing und eine weitere effiziente Offensivoption wie James Harden vorhanden ist. Um diese statistische Differenz zu illustrieren: der Unterschied zwischen der Offensive der Cleveland Cavaliers und den Heat, Spurs oder Nuggets (die drei besten Offensivmannschaften der NBA) sind ebenfalls zehn Punkte (in der regulären Saison). Zwar ist das Team mit Harden defensiv statistisch deutlich anfälliger, doch bei nur zehn erzielten Punkten im vierten Viertel ist es offensichtlich, auf welcher Seite des Courts das Spiel verloren wurde.

Abseits des Sefolosha/Harden-Problems erstaunt mich persönlich auch, wie wenig Einfluss Scott Brooks durch angesagte Plays genommen hat. Er hätte klarere Spielzüge ansagen, mithin mehr Einfluss auf das Spielgeschehen nehmen müssen. Der ein oder andere schlägt vielleicht vor, in solchen Situationen Westbrook rauszunehmen und den klassischeren Point Guard Eric Maynor zu bringen. Dazu möchte ich Folgendes sagen: Bis dahin hat Eric Maynor ein sehr schwaches Spiel gemacht und hatte praktisch keinen Impact auf das Spiel der Thunder. Ferner war er defensiv noch deutlich schlechter als Westbrook, der dieses Mal ausnahmsweise mal ein gutes Spiel in der Verteidigung gemacht hat. Nein, Maynor in ähnlich schwierigen Situationen wie am Samstag zu bringen und Westbrook auf die Bank zu verbannen, halte ich nicht für die Lösung. Brooks hätte dafür sorgen können, dass Westbrook besser funktioniert, doch er versäumte es.

Fazit

Scott Brooks trug selbst einiges zu dieser Niederlage bei. Man kann natürlich nicht abstreiten, dass Westbrook den ein oder anderen Fehler gemacht hat. Aber die Kritik allein an ihm festmachen zu wollen, geht deutlich zu weit. Wie im Kommentar von dailythunder.com angemerkt wurde: Westbrook hat keinen Einfluss darauf, dass seine Mitspieler sich nicht bewegen. Er hat kann nichts dafür, dass die Grizzlies Thabo Sefolosha komplett ignorieren können und so defensiv leichtes Spiel haben. Es ist die Aufgabe von Scott Brooks, die von Memphis kreierten Mismatches auf beiden Seiten des Courts aufzudecken und Lösungen zu finden. Doch er ließ sich von seinem Gegenüber auscoachen, nicht zum ersten Mal in dieser Saison. Dass Brooks selbst noch ein verdammt junger Coach ist, der noch einiges zu lernen hat, konnte man am Samstag ein weiteres Mal sehen. Falls er es nicht schaffen sollte, von nun an bessere Entscheidungen zu treffen, sollte die Frage erlaubt sein, ob nicht ein erfahrener Coach für ein unerfahrenes Team möglicherweise die bessere Wahl ist.

Brooks hat den Vorteil, dass der Erfolgsdruck bei dieser noch so jungen Franchise sehr gering ist. Doch das wird nicht ewig halten. Der Druck steigt stetig an. Die Thunder haben die meisten Puzzlestücke für einen Contenderstatus zusammen, das sollte außer Frage stehen. Diese Saison kommt vielleicht noch zu früh. Doch die nächste Saison wird eine Schlüsselsaison, insbesondere für Scott Brooks. Spätestens dann muss er sich an Erfolgen messen lassen – wie jeder andere Coach einer ambitionierten Franchise auch.

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