Minnesota Timberwolves

Ist Andrew Wiggins ein Bust?

Das schwierige dritte Jahr des Minnesota Timberwolfs

Die Minnesota Timberwolves gehören zu den Enttäuschungen der bisherigen NBA-Saison. Nicht wenige Beobachter attestierten dem Team gute Chancen, eine positive Siegesbilanz einzufahren und um die Playoffs mitzuspielen. Eine halbe Saison, 14 Siege und 27 Niederlagen später wird nun erste Kritik laut: am Coach (Tom Thibodeau), den Rollenspielern (Ricky Rubio), aber auch den designierten Franchise-Playern. Besonders Andrew Wiggins steht dabei im Fokus der Kritik: zu ineffizient und eindimensional sei er, zu wenige Verbesserungen zeige sein Spiel in seinem nun dritten NBA-Jahr. Die Website deanondraft.com bezeichnet den ehemaligen Rookie-of-the-Year gar als Draft-Bust. Neben der Frage, was heutzutage eigentlich als Bust gezählt wird, bleibt doch im Raum stehen, ob die Kritik an Wiggins eigentlich berechtigt ist. Auf den ersten Blick zeigt Wiggins mit 21,9 Punkten pro Spiel eine gute Saison, ungefähr auf dem Level des Vorjahres. Auf den zweiten Blick fallen die miesen Effizienz-Werte (ORtg: 104) ins Auge. Wagen wir also einen dritten.

Potential zum Lockdown-Defender?

Gerade am defensiven Ende des Feldes waren die Erwartungen an Wiggins hoch. Beobachter bescheinigten ihm schon zu College-Zeiten das Potential, ein großartiger Wing-Defender zu werden, zudem steht mit Tom Thibodeau mittlerweile ein waschechter Defensiv-Experte an der Seitenlinie. Phasenweise blitzt dieses Potential bereits auf, etwa bei dieser starken Defensiv-Possession gegen Harrison Barnes.

Trotzdem ist Wiggins weiterhin weit davon entfernt, ein echter Stopper zu sein. Vor allem abseits des Balles fällt das ins Auge: Wiggins verschläft Rotationen, lässt Cuts zu und leistet auf der Helpside kaum einen Beitrag. Auch Blöcke frühzeitig zu erkennen und hindurchzukämpfen ist eine Schwachstelle.

Der Fehler liegt hier nicht primär in seinen Fähigkeiten, sondern schlicht in mangelnder Aufmerksamkeit. Hier ist das gut zu sehen: Auch wenn Victor Oladipo letztlich nicht punktet, bringt Wiggins quasi aus dem Nichts seine Defense unter Druck.

Am Mann sieht die Sache etwas besser aus. Hier zeigt Wiggins, warum die Einschätzungen seines Defensiv-Potentials gerechtfertigt waren: Seine Fußarbeit ist solide, seine langen Arme erschweren Würfe seines Gegenübers. Ein perfektes Beispiel für Wiggins Defensive findet sich in der spielentscheidenden Situation als Verteidiger von Danilo Gallinari im Spiel gegen die Nuggets. Die Defensiv-Sequenz beginnt abseits des Balles katastrophal: Wiggins hilft einen Passweg entfernt vom Shooter aus und lässt dann beim Close-out die Mitte offen. Dann schafft er es allerdings, Gallinari dank guter Fußarbeit vom Korb wegzuhalten und ihn in einen schwierigen Fadeaway zu zwingen – der sitzt jedoch. Wiggins Fehler liegt hier klar in der Defensiv-Arbeit abseits des Balles. 

Ihm fehlt zudem eine wirkliche Stopper-Mentalität. Zu oft begleitet er seinen Gegenspieler lediglich in Richtung Korb als aggressiv dessen Drive zu beenden. Das gleiche Phänomen zeigt sich beim Rebounding: Wiggins besitzt durchaus ein Näschen (etwa am offensiven Brett), jedoch nicht immer nötige Aggressivität oder den Fokus (Ausboxen!), um ein Top-Rebounder zu sein – bei seiner Athletik ein Jammer.

Wiggins’ Probleme beruhen also nicht auf mangelnder Fähigkeit, sondern eher Einsatz und defensivem Verständnis. Etwas überraschend ist, dass sich hier bisher kein Thibodeau-Effekt eingestellt hat: Gerade er steht für Defense und Einsatz wie keine Zweiter Coach der Association. Ein Zeichen, dass Wiggins lernresistent ist? Diese Einschätzung ist zu früh, dennoch sollten sich eher mittel- statt langfristig in diesem Bereich Verbesserungen zeigen. Beeinträchtigt wird Wiggins Leistung auch vom insgesamt miserablen Defensiv-Konstrukt der Timberwolves (DRtg: 109,8/Platz 23). Wiggins muss etwa allabendlich gegen den Top-Flügelspieler des Gegners antreten, da Flügel-Partner Zach LaVine ein sogar noch schwächerer Verteidiger ist. Von einem echten Stopper neben ihm würde Wiggins enorm profitieren.

Die Liebe zum Wurf

Am anderen Ende des Parketts sieht das Ganze differenzierter aus. Wiggins’ Scoring scheint stabil (2015/16: 21,2 Punkte/36 Minuten, 2016/17: 21,4), hat sich aber auf den zweiten Blick deutlich verändert. Neu ist vor allem der Dreier: Wiggins steigerte die Versuche von 2,3/Spiel auf 3,6/Spiel und die Dreierquote von 30,0% auf 34,2%. Dieser Anstieg alleine ist beachtlich und ein absoluter Schlüssel für seinen Erfolg in der NBA. Problematisch ist allerdings, dass dieser Zuwachs an Dreiern auf Kosten seiner Abschlüsse am Ring gegangen ist: Statt 32,1% nimmt er in dieser Saison nur noch 26,3% seiner Abschlüsse in weniger als 3ft Entfernung, auch die Freiwürfe sind zurückgegangen (7,0 auf 6,2/Spiel). Im folgenden Beispiel etwa verlässt sich Wiggins auf einen Dreier aus dem Dribbling, anstatt hart den Korb zu attackieren. Darunter leiden seine Wurfquote (44,6%) und die Effizienz. ORtg, erzielte Punkte und sogar eFG% sind in der Summe alle auf dem gleichen Niveau wie in der Vorsaison.

Dazu kommt, dass Wiggins in nahezu allen Abschluss-Kategorien nur durchschnittlich effizient agiert. Ein Großteil seiner Abschlüsse (31,1%) erfolgt aus dem Pick-and-Roll, die Effizienz ist jedoch verbesserungswürdig (0,77 PPP).  Auch in Isolations gehört er nicht zur Liga-Elite (0,82 PPP); sein Spot-up Shooting bleibt trotz verbessertem Dreier durchschnittlich (0,90 PPP). Einzig in Transition kann er naturgemäß seine athletischen Fähigkeiten ausspielen (1,17 PPP) – umso unverständlicher,dass die Timberwolves mit ihrem jungen, athletischen Kader die fünft-langsamste Pace der Liga spielen…

Somit zeichnet sich das Bild eines mäßig effizienten Volume-Scorers. Für die Zukunft lässt aber dennoch einiges hoffen: Ein Teil seiner Schwierigkeiten sind mit dem System und seinen Mitspielern in Minnesota begründet. Zudem besitzt Wiggins schlicht alle Tools, um ein exzellenter Scorer zu werden: neu gefundener Dreier, Athletik und softer Touch aus der Mitteldistanz. Die Wurfauswahl zu verändern, ist schließlich einfacher, als zu lernen, überhaupt Würfe zu treffen. Einzig sein Ballhandling ist noch nicht auf dem Niveau, um konstant aus dem Pick-and-Roll zu dominieren.

Besorgniserregender sind hingegen seine Körpersprache und die stellenweise fehlende Aggressivität in der Offense. Stellenweise wirkt Wiggins dann phlegmatisch und weich –  etwa wenn er sich auf gut verteidigte Mitteldistanzwürfe versteift, anstatt hart zum Korb zu ziehen. Ähnlich wie in der Defense fehlt ihm der absolute Killerinstinkt, notfalls mit purer Willenskraft zu punkten. Zu sehen war dies etwa bei seinem verfehlten Gamewinner gegen die Nuggets: Wiggins muss hier einfach härter – per Dunk – abschließen und darf Wilson Chandler niemals die Möglichkeit geben, ihn von hinten zu blocken! 

Dies äußert sich auch in mangelnder Konstanz als Scorer: Phasenweise taucht Wiggins einfach ab und ist dann kein Faktor mehr in der Offense. 3 Mal schon blieb Wiggins diese Saison bei einer einstelligen Punkte-Ausbeute – häufiger als andere Flügelspieler mit vergleichbarer Punkteausbeute wie Klay Thompson, Bradley Beal, Gordon Hayward oder Carmelo Anthony. Natürlich muss nicht jeder Spieler ein Russell Westbrook sein, dennoch sollte Wiggins daran arbeiten, dieses Phlegma abzulegen.

Ebenfalls häufig kritisiert werden seine (mangelnden) Passfähigkeiten. 2,3 Assists/Spiel sind in der Tat nicht berühmt, auch weil seit seinem Rookie-Jahr kaum eine Verbesserung zu sehen ist. Auch hier muss man Wiggins jedoch in Schutz nehmen – und auf die Umstände in Minnesota verweisen. Wirkliche Spot-up-Schützen findet man im Kader kaum, die Starting-Five-Frontcourt-Starter Gorgui Deng und Karl-Anthony Towns sind zudem keine klassischen Stretch-Big Men. Dazu spielen mit Rubio (24,7%) und Kris Dunn (27,8%) zwei echte Spacing-Killer auf der Eins. Gerade Rubios Mann hilft häufig extrem bei Wiggins aus. Solche Situationen kann Wiggins mit einfachen, aber unspektakulären Pässen bestrafen.

Gerade Rubio beeinträchtigt sowohl seine Assistzahlen als auch seine Abschluss-Effizienz aus dem Pick-and-Roll stark.

Dazu teilt sich Wiggins die offensive Ballhandling-Last eben auch: LaVine und Towns können (und sollten) beide kreieren, auch Rubio braucht den Ball eigentlich selbst in seinen Händen. Es ist schwierig in einer solchen Situation, auf hohe Assistzahlen zu kommen. Der Eye-Test stützt diese Aussage: Wiggins ist sicherlich kein exzellenter Passer, jedoch durchaus in der Lage, nach Drives solide Pässe zu den freistehenden Schützen zu spielen – dass es die in Minnesota nicht gibt, sollte man ihm nicht negativ anrechnen.

Auch den in die Mitteldistanz abrollenden Big Man findet Wiggins teilweise, wenn der Big-Man-Verteidiger zu hart hedged.

Assists “in traffic” direkt zum Korbleger spielt Wiggins selten – das Pick-and-Roll mit Karl-Anthony Towns würde davon enorm profitieren. 

Wiggins ist also sicherlich kein guter Passer, jedoch auch keine katastrophaler. Zum Abschluss noch die Zahlen Kevin Durants aus seiner dritten Saison: 2,8 Assists bei 3,3 TO/Spiel. Wiggins? 2,3 Assists bei 2,5 TO/Spiel. Wiggins kann und wird sich auch im Passing weiter verbessern.

Fazit

Auch wenn Andrew Wiggins mit Sicherheit Fehler in seinem Spiel hat, muss man ihn vor Einschätzungen als Draft-Bust in Schutz nehmen. Dazu muss man sich nur die Rahmenbedingungen vor Augen führen, die Wiggins in Minnesota bisher vorgefunden hat: Drei verschiedene Coaches in drei Jahren. Miese Teams mit 16 und 29 Saison-Siegen. Veränderungen im Spielsystem, um Towns und LaVine zu integrieren. Mindestens eine volle Saison unter Thibodeau (und konstanten Rahmenbedingungen) sollte man ihm zugestehen, um zu sehen, wie er sich in dessen System zurechtfindet. Die Anlagen dazu hat er. Einzig sein wenig emotionales Grundnaturell bietet Anlass zur Sorge; auch hier hat er aber noch Zeit, Leader-Qualitäten aufzubauen.

Vorstellbar ist zudem, dass schon kleine Veränderungen im Gesamtkonzept der Timberwolves großen Einfluss auf sein Spiel nehmen könnten: ein 3-and-D-Spieler neben ihm oder ein etwas gefährlicherer Point Guard könnten Wiggins zum Aufblühen bringen. Als Indiz dafür kann man die Two-Man-Lineups der Timberwolves anführen: sowohl mit Ricky Rubio (982 Minuten, -42 Net-Rating) als auch Kris Dunn (328 Minuten, -56 Net-Rtg) harmoniert Wiggins mehr schlecht als recht. Mit Sophomore Tyus Jones hingegen kommt er in 122 Minuten auf ein Net-Rtg von +53 – das beste aller Two-Man-Lineups der Timberwolves. Auch wenn die Sample Size gering ist: Gepaart mit einem sicheren Schützen (Jones: 42,3% 3FG), der ihm den Ball überlässt, scheint Wiggins aufzublühen…

Und nochmal zum Mitschreiben: Andrew Wiggins ist 21 Jahre alt! Auch wenn im dritten Jahr von NBA-Profis häufig ein Sprung kommt: Man sollte sich von der Vorstellung verabschieden, dass die Entwicklung eines Spielers Anfang 20 abgeschlossen ist. Oder um es sinngemäß mit den Worten Mark Cubans zu sagen: Nur weil ein Spieler etwas noch nicht gezeigt hat, heißt das nicht, dass er es nicht beherrscht. Andrew Wiggins mag kein neuer LeBron James sein, hat aber immer noch das Potential ein sehr guter Spieler zu werden.

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