Detroit Pistons

Warum Van-Gundy-Ball nicht funktioniert

Die Probleme der Detroit Pistons

Mike D’Antonis Seven-Seconds-or-Less in Phoenix. Tom Thibodeaus Ice-Defense in Chicago. Gregg Popovichs Motion-Offense in San Antonio. Früher Jerry Sloans Flex Offense in Utah. Während manche Coaches eher allgemeine Prinzipien verwenden, haben andere eine klare Handschrift, ein System, das untrennbar mit ihrem Namen verbunden bleibt. Ein weiterer Vertreter dieser Gattung ist Stan Van Gundy. In Orlando stellte er von 2008 bis 2012 ein Spitzenteam um Dwight Howard auf die Beine, das durch seinen charakteristischen Spielstil auffiel: die Kombination eines dominanten Big Man mit hochprozentigen Schützen. Howard gab den Anker der Defense und Fixpunkt in der Mitte, ihn umgaben hochprozentige Schützen.

Mittlerweile ist Van Gundy Coach und General Manager der Detroit Pistons. Schon diese Doppelfunktion verrät, dass die Owner ihn mit einer klaren Agenda einstellten: Van Gundy sollte die Spieler holen, die er für sein System brauchte und es gleichzeitig auf den Platz übertragen. Die Parallelen sind auf den ersten Blick zu offenkundig, um in der öffentlichen Diskussion nicht genannt zu werden. Andre Drummond, das athletische Reboundmonster, wird dadurch zum Nachfolger Howards stilisiert. Kentavious Caldwell-Pope, Reggie Jackson, Marcus Morris und Tobias Harris geben die variablen Außenspieler an seiner Seite.

Der Haken an der Sache: Zum Erfolg führt das (bislang noch) nicht. Mit einer Bilanz von knapp 44% gewonnener Spiele stehen die Pistons momentan nicht auf einem Playoff-Platz im Osten. Seit Van Gundys Amtsantritt sprangen mittelprächtige Bilanzen von 32-50, 44-38 und ein 4-0 Erstrundenaus gegen die Cleveland Cavaliers heraus. Woran hakt die Umsetzung in der Motor City? Und was ist wirklich dran an dem Vergleich mit den Orlando Magic?

Vier Problemfelder lassen sich dabei identifizieren: der Spielstil; die Stretch-Vierer; die Außenspieler; und, der vielleicht gewichtigste von allen, Howards Erbe.

Howards Erbe?

Beginnen wir mit dem Letzten, Andre Drummond. Ihm kommt im Van Gundy-System eine herausragende Rolle zu. Offensiv ist er meist der einzige Spieler, der sich konstant in der Zone postiert oder das High-Pick-and-Roll läuft. Der Rest des Teams positioniert sich außerhalb der Dreierlinie, es entsteht eine klassische 4-Out Aufstellung. Drummond kommt daher die Aufgabe zu, für Punkte und Präsenz am Brett zu sorgen – sonst geht die in der heutigen NBA vielversprechende Formel Dreier + Korbleger nicht auf. Defensiv ist er als Anker der Verteidigung gefragt. Neben „Power Forwards“ wie Tobias Harris, Marcus Morris oder Jon Leuer muss er den gegnerischen Center verteidigen und gleichzeitig den Ring beschützen. Wie schlägt Drummond sich bei diesen hohen Anforderungen? Bisher leider enttäuschend! Auch wenn ihn wahrscheinlich niemand in einer Riege mit Dwight Howard in seiner Prime sieht, ist Drummonds guter Ruf in Teilen der NBA-Gemeinde kaum zu rechtfertigen.

Defensiv ist Drummond ein überdurchschnittlicher Spieler, der sowohl am Mann ordentlich verteidigt als auch den Ring beschützen kann – zur absoluten Rim-Protector Elite gehört er aber nicht. Am Ring erschwert er 7,2  gegnerischen Würfe/Spiel (ligaweit Platz 15) und lässt dabei eine Wurfquote von 53,6% zu. Das sind solide Werte, aber natürlich weit entfernt von der defensiven Dominanz eines Dwight Howard. Auch die 1,2 Blocks/Spiel nehmen sich bescheiden aus, verglichen mit den 2,9, die Howard 2008/09 auflegte.

Noch gravierender ist der Unterschied in der offensiven Produktion, wo Drummond auf ganzer Linie enttäuscht. Gerade einmal 14,6 Punkte erzielt der Big Man pro Spiel, bei einer Wurfquote von 53,4%. Ein riesengroßes Problem dabei sind seine Freiwürfe, die er mit 43,4% historisch schlecht trifft, aber auch nur selten zieht: Für einen Spieler mit seiner Athletik und Statur sind 4,5 FTA/Spiel viel zu wenig. Auf den ersten Blick ist das überraschend, da gegnerische Teams um seine Freiwurfschwäche wissen und ihn so oft wie möglich an die Linie schicken wollen. Drummond entgeht dieser Taktik jedoch auf eine Weise, die sein eigenes Spiel extrem in seiner Effektivität beschneidet: Er nimmt seine Abschlüsse nicht mehr direkt am Brett, sondern oft per Hookshot und vermeidet häufig den Kontakt zum Verteidiger.

Noch 2015/16 nahm er 59,2% seiner Abschlüsse in weniger als 3 ft Entfernung zum Korb, diese Saison sind es nur noch 48,6%. In der Zone zwischen 3-6 ft stieg der Wert parallel von 35,8% auf 42,2%. Seine Average-Field-Goal-Distance stieg seit seiner Rookie Saison von 2,8 (2014/15) über 3,1 (2015/16) auf 4,5 (2016/17). Zum Vergleich: Howard nahm 2008/09 54% seiner Abschlüsse näher als 3 ft, traf dort 70% und garnierte das mit einer Average-Field-Goal-Distance von 3,4.

Diese Thematik ist ein riesengroßes Problem für die Pistons. Drummond schafft es einfach nicht, die dringend benötigte Präsenz in der offensiven Zone zu sein. Auf andere Weise beitragen kann er ebenfalls nicht: Weder besitzt er einen brauchbaren Wurf noch wirklich ausgereifte Post-Moves. 0,71 PPP aus dem Post-up sind ein verheerender Wert! Auch sein Passspiel (1,10 Assists/Spiel – Career High!) bleibt quasi nicht existent.

Alles in Allem spielt Drummond dieses Jahr die Saison eines Rollenspieler. Im Angriff spielt er durchaus effizient (105 ORtg) in limitierter Rolle, defensiv ist er solide, ohne herauszuragen. Seine Per-36-Minuten Stats ähneln denen von Clint Capela, beziehungsweise liegen sogar noch leicht darunter! Einzig sein starkes Rebounding sticht heraus; dass gerade dieser Skill einen Spieler in der NBA aber nicht zum Star macht, haben wir an anderer Stelle gezeigt. Das alles macht Andre Drummond nicht zu einem schlechten Spieler – aber eben auch nicht zu dem Fixpunkt, den Van-Gundy-Ball scheinbar benötigt.

Der moderne Power Forward

Widmen wir uns nun also den Spielern an Drummonds Seite. Der Power Forward ist hierbei vielleicht die wichtigste Position auf dem Feld, da sie maßgeblich dafür verantwortlich ist, Platz in der Zone zu schaffen. Mit Rashard Lewis bemannte 2008/09 einer der ersten wirklichen Volume-Shooter (7,0 Dreier/Spiel, 39,3%) auf der Vier diesen Platz. Bei den Pistons teilen sich Marcus Morris und Jon Leuer diese Position, vereinzelt hilft Small Forward Tobias Harris aus. Hier zeigt sich ein weiteres dreckiges Geheimnis der Pistons: elitäre Stretch-Vierer sind Morris , Harris und Leuer nicht. Alle treffen den Dreier leicht unterdurchschnittlich (Morris: 32,6%, Leuer: 33,3%, Harris: 33,8%) und haben nicht das Schussvolumen eines Rashard Lewis – oder Ryan Anderson als aktuelleres Beispiel, der auch schon damals neben Howard in Orlando auflief. Lewis nahm seinerzeit noch 50,9% seiner Abschlüsse hinter der Dreierlinie, bei Morris sind es nur 36,8%, bei Harris 30,4%, bei Leuer gar nur 28,7%.

Anstatt sich auf den Dreier zu konzentrieren, tendieren die drei oft dazu, Abschlüsse in der Mitteldistanz zu suchen. Auch fehlt Leuer und Morris die Dynamik, um Gefahr per Drive auszustrahlen. Zudem hat die NBA sich gewandelt: Immer mehr Teams spielen selbst mit einem mobilen Stretch-Vierer. Wurf- und Mobilitäts-Vorteile haben die Pistons von ihren Vierern also nicht zwangsläufig zu erwarten. Vor die Wahl gestellt, einen Wurf der beiden Power Forwards zuzulassen, Drummond in die Zone rollen zu lassen oder einen Reggie-Jackson-Drive zu ermöglichen, wird sich eine Defense immer für ersteres entscheiden. Gut zu sehen ist das in folgender Spielszene gegen die Charlotte Hornets:

Reggie Jackson und Tobias Harris laufen das Pick-and-Roll. Harris Verteidiger hedget dabei extrem weit, um Jacksons Drive zu verhindern. Die Verteidiger von Andre Drummond und Marcus Morris orientieren sich auf die Helpside. In der Theorie wird so ein freier Dreier für Harris herausgespielt. Der Pass erfolgt auch, Harris nimmt jedoch nicht den Wurf sondern ein Dribbling in die Mitteldistanz. Williams hat so genug Zeit, um zurückzurotieren und zwingt Harris zu einem schwierigen Fadeaway aus der Mitteldistanz.

Hierbei werden die Spacing-Probleme der Pistons deutlich. Weder Harris noch Morris Dreier werden genug respektiert, um Verteidiger konstant aus der Zone zu ziehen. Andre Drummond sorgt zusätzlich dafür, dass der gegnerische Center ungestraft unter dem Korb verteidigen kann. Insgesamt ist das Dreigestirn um Leuer, Morris und Harris gerade noch solide, aber weit entfernt von dem, was Detroit an dieser Stelle benötigen würde.

Die Außenspieler

Auf den Außenpositionen tummeln sich bei den Pistons eine Menge solider Spieler. Nur ist das eben nicht genug, denn ein Star findet sich auch hier nicht. Designiert für diese Rolle ist seit seinem Trade aus Oklahoma City und der anschließen Vertragsverlängerung Reggie Jackson. In der Theorie passt er perfekt in das System. Er ist einer der aggressivsten Driver der NBA (Top 20 bei Drives/Spiel und bei Punkten nach Drives), stark im Pick-and-Roll (58,5% seiner Abschlüsse (!), 0,9 PPP) und verfügt zudem über einen soliden Dreier (38,1%). Seine Werte sind dabei sogar schwächer als in der vergangenen Saison, da er fast 20 Spiele aufgrund einer Verletzung verpasste: Der Prozentsatz seiner Abschlüsse direkt am Korb ging von 28,0% auf 22,9% zurück, die langen Zweier stiegen dagegen von 10,9% auf 16,8%.

Trotzdem scheinen die Pistons nicht wirklich zufrieden mit ihrem Aufbau, dessen Name sogar immer wieder in Trade-Gerüchten auftaucht. Jackson fehlt einfach das gewisse Etwas, das ihn wirklich in die Riege der besten Point Guards der NBA katapultiert. Sein ORtg (104), seine eFG% (49,0), gezogene Freiwürfe (3,2/Spiel) bleiben solide, aber ausbaufähig – auch defensiv ist er solide, aber nicht auf Top-Niveau.

All die Rollenspieler der Pistons würden extrem von einem Star an ihrer Seite profitieren, der ihnen frei und gute Würfe verschafft. Tobias Harris und Kentavious Caldwell-Pope bilden ein starkes Flügelduo: Beide punkten verlässlich (16,7 bzw. 14,4 Punkte/Spiel), treffen den Dreier (33,8% bzw. 38,8%) und spielen effizient (112 Ortg bzw. 110 Ortg). Für andere kreieren oder als Playmaker auftreten können die beiden jedoch nicht (1,7 bzw. 2,9 Assists/Spiel). Die Rolle des Backup-Playmakers fällt daher Ish Smith zu, der  ohne verlässlichen Dreier (23,7%) jedoch wiederum nicht ideal in Van Gundys System passt. Das gleiche Schicksal teilt auch Reggie Bullock (28,6%) und Stanley Johnson (31,6%), die dem Team-Spacing ebenfalls schaden. Zu sehen ist das hier bei einer Tobias-Harris-Isolation gegen die Washington Wizards:

Tobias Harris spielt 1-gg-1 von der Birne. Sämtliche Wizards-Verteidiger orientieren sich dabei in die Zone, um seinen Drive zu stoppen. Ish Smith in der Ecke wird von John Wall nicht respektiert. Marcus Morris verengt das Spiel zusätzlich mit einem Cut, der von Otto Porter und Kelly Oubre verteidigt wird. Reggie Bullock bewegt sich zwar gut, muss jedoch von Oubre ebenfalls nicht zwingend beachtet werden. Jon Leuer steht im Aus.

Auch hier werden wieder die Spacing-Probleme des Teams eklatant: Entweder stehen die Spieler auf den falschen Spots (Leuer & Morris) oder strahlen auf den richtigen Spots keine Gefahr aus (Smith & Bullock).

Das Team

Die individuellen Probleme der Pistons-Spieler schlagen sich in gewisser Weise auch auf das Team nieder. Wagen wir zunächst einmal einen erneuten Blick in die Vergangenheit, zu den Orlando Magic 2008/09. Diese spielten einen aus heutiger Sicht überaus modernen Stil: Eckpunkte waren das schnelle Spiel (Pace: Platz 12), Freiwürfe (Platz: 4), der Dreier (3FGA: 2., 3FG%: 7.) und eine beinharte Defense (DRtg: 1.). Die Detroit Pistons 2015/16 spielen anders. Zum einen deutlich langsamer (Pace: Platz 25), was ein Stück weit unverständlich ist. Das Team verfügt eigentlich über genug Athleten und junge Spieler, um einen deutlich schnelleren Stil zu spielen. Denn offensiv drückt der Schuh bei den Pistons – die Zahlen sprechen nicht gerade für eine moderne NBA-Offensive.

Detroit zieht etwa kaum Freiwürfe (Platz 29) und nutzt den Dreier kaum (3FGA: Platz 24, 3FG%: Platz 27), nimmt dafür aber die viertmeisten Zweier der Liga. Geblieben ist das starke Rebounding und die gute Defense (DRtg: Platz 11), die jedoch in keiner statistischen Kategorie herausragt.

Auch die Playtype-Statistics werfen kein gutes Licht auf die Detroit Pistons: Bei Isolations, Abschlüssen in Transition und Spot-ups liegt man eher im Mittelfeld der Liga. Auffallend sind jedoch das Pick-and-Roll und das Post-up. Gerade diese Abschlüsse werden häufig gesucht (PnR-Ballhandler: Platz 5, PnR-Abroller: Platz 18, Post-up: Platz 6), weisen jedoch allesamt schlechtere Effizienz-Werte auf ((PnR-Ballhandler: Platz 13, PnR-Abroller: Platz 25, Post-up: Platz 25). Besonders beim Post-up ist diese Diskrepanz gravierend! Warum das 6.-schlechteste Post-Team der Liga aus diesen Situationen die 6.-meisten Abschlüsse nimmt, ist eigentlich nicht zu erklären! Stan Van Gundy sollte schnellstens erkennen, dass Andre Drummond im Post eben kein gewinnbringender Ansatz ist. Generell zeigt sich hierbei, dass die Pistons immer noch auf der Suche nach ihrer Identität sind: Wo Van-Gundy-Ball drauf steht, steckt eben nicht immer auch Van-Gundy Ball drin – zumindest nicht in Reinform.

Fazit

Was bringt also die Zukunft für die Detroit Pistons? Kurzfristig wohl eine zweite Saison-Hälfte im Mittelmaß. Dass die Playoffs noch erreicht werden, ist nicht ausgeschlossen, ein tiefer Run jedoch ebenso utopisch wie ein Absturz in der Tabelle. Im Sommer wird die Franchise neu evaluieren müssen. Optionen hat Van Gundy dabei einige: In den nächsten Jahren behält die Franchise alle ihre Firstround-Picks, alle Leistungsträger sind vertraglich langfristig gebunden. Einzig Caldwell-Pope wird im Sommer Restricted Free Agent; er wird mit Sicherheit lukrative Angebote bekommen, die Pistons sind jedoch in der komfortablen Situation, jedes Angebot matchen zu können.

Langfristig wird die Franchise das brauchen, was alle Teams im Neuaufbau brauchen: Stars! Reggie Jackson und Andre Drummond sind das, Stand heute, nicht. Per Free Agency werden diese ebenfalls nicht zu bekommen sein. Damit verbleiben zwei Optionen: Entweder man setzt auf das interne Wachstum des Teams plus einige Verstärkungen oder reißt das Team ein und setzt auf einen Neuanfang per Draft – der zweite Weg scheint aber unwahrscheinlich. Assets, die man auf dem Trade-Markt einsetzen kann, hat das Team einige: etwa Reggie Jackson, Picks oder auch Stanley Johnson, der in seiner Sophomore-Saison kaum zum Zug kommt.

Der kommende Sommer könnte daher interessant werden. Den Pistons droht im schlimmsten Fall die Mittelmaß-Falle.

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