Denver Nuggets

Zu viel Tiefe in der Mile High City

Über die Trade-Optionen der Nuggets

Ein Blick auf die Contender und wahrscheinlichen Playoffkandidaten im Westen zeigt, dass fast alle relativ stark von ihren Stars abhängen. Ganz besonders die Warriors, aber auch die Jazz und Blazers verloren in der Offseason wichtige Rollenspieler, die sie größtenteils nicht optimal ersetzen konnten. Die beiden Teams aus LA haben schon bessere Voraussetzungen bei der Tiefe, sind aber auch nicht ohne Fragezeichen und Verletzungssorgen. Ganz anders sieht es bei den Nuggets aus: Kein anderes Team der Liga dürfte über den ganzen Kader hinweg so stark besetzt sein. Das ist natürlich ein Vorteil im Vergleich zu etwa den Warriors, die in der Preseason teils ein besseres G-League-Team auf dem Parkett hatten. Trotzdem ist die Situation in Denver nicht ohne Probleme. Denn starke Konkurrenz innerhalb des Teams kann zu Unzufriedenheit führen. Außerdem müssen die Nuggets über die mittelfristigen Aussichten ihres Kaders nachdenken. Nachdem in der zu Ende gehenden Offseason wenig passiert ist, wird das Management um Tim Connelly und Arturas Karnisovas während der Saison einiges zu tun haben.


Wie sieht es also aus mit dem Luxusproblem Tiefe bei den Nuggets? Aktuell lässt sich die Rotation der Nuggets auf vier Positionen recht klar prognostizieren: Als Guards werden Jamal Murray und Monte Morris beziehungsweise Gary Harris und Malik Beasley auflaufen, die Big-Rotation stellen Nikola Jokic und Mason Plumlee beziehungsweise Paul Millsap und Jerami Grant. Die große Frage ist, wer auf der nominellen Position des Small Forward die Minuten bekommt. Hier gibt es sechs (!) einigermaßen realistische Kandidaten: Die schon genannten Beasley und Grant könnten Minuten erhalten. Zudem werden der Starter des letzten Jahres Torrey Craig, der nach Gehältern naheliegende Will Barton sowie die jüngeren, aber talentierten Juancho Hernangomez und Michael Porter Jr. sich Hoffnungen auf Spielanteile machen. Das ist einerseits ein klares Überangebot, andererseits ergibt sich der Kampf um Minuten gerade deswegen, weil keiner der Spieler echte Starter-Qualitäten aufweist. Craig ist zwar ein hervorragender Verteidiger, ansonsten aber stark limitiert. Barton enttäuschte letzte Saison nach seiner Verletzung und ist möglicherweise als Sixth Man besser aufgehoben als in der Starting Five. Porter hat noch keine Minute in der NBA gespielt. Hernangomez, Grant und Beasley dürften an sich für die 4 bzw. 2 besser geeignet sein. Die Auswahl stellt Michael Malone also vor einige Herausforderungen, die gleichzeitig weiterreichende Folgen haben.

Das Grundproblem eines Überangebots ist, dass die weniger eingesetzten Spieler selten zufrieden sind mit ihrer Situation. In der Folge fordern sie möglicherweise Trades oder planen, die Franchise nach Ablauf ihres Vertrags zu verlassen. Für die Franchise sinken aber mit geringeren Spielanteilen auch die Chancen, diejenigen für einen guten Gegenwert zu vertraden. Insbesondere bei jungen Talenten können fehlende Einsatzzeiten auch die Entwicklung blockieren. Spieler mit fragwürdigen Verträgen lassen sich kaum noch abgeben, wenn sie erst einmal aus der Rotation gefallen sind. Mit all diesen möglichen Folgen müssen sich die Nuggets jetzt auseinandersetzen. Die eine mögliche Reaktion ist, dass Malone die gesamte Saison über eine kaderinterne Lösung sucht. Craig, Barton und Beasley als die etablierteren Spieler würden vermutlich regulär die meisten Minuten erhalten, Hernangomez und Porter müssten auf Ausfälle oder Garbage Time warten. Möglicherweise löst sich die Problematik wie im letzten Jahr durch Verletzungen ohnehin von selbst.

Darauf sollten sich die Nuggets aber nicht verlassen. Zum einen könnten sie durch fehlende Qualität auf dem Flügel ihre Chancen auf einen Titel reduzieren – schließlich muss ihr Small Forward in den Playoffs möglicherweise Kawhi Leonard, LeBron James oder James Harden verteidigen. Zum anderen würden vor allem Porter und Hernangomez durch ein Festhalten an der aktuellen Teamstruktur vermutlich in ihrer Entwicklung blockiert. Daher sollten die Nuggets jetzt und in den ersten Saisonspielen sowohl ihren Kader als auch den Trademarkt intensiv evaluieren. Letzteres ist ohne Insiderinformationen höchst spekulativ, aber ein detaillierter Blick auf den Nuggets-Roster erlaubt ein besseres Verständnis der Situation: Wer könnte und sollte getradet werden, wer nicht? Dazu ist erst ein Blick auf die Gehaltssituation als Ganzes sinnvoll, dann auf die Spieler im Einzelnen.

Die Nuggets zahlen in der laufenden Saison somit gut 131 Millionen Dollar an Gehältern, was sie praktisch direkt an die Luxussteuer-Grenze bringt. Millsaps 30-Millionen-Expiring sorgt auf den ersten Blick für mehr Flexibilität in den Folgejahren, aber Murrays Maximum-Extension und die Free Agency von weiteren Rotationsspielern lassen den finanziellen Spielraum praktisch eher kleiner werden. Ob die Nuggets bereit sind, die Tax in Kauf zu nehmen, darf bezweifelt werden. Daher ist der Faktor Finanzen für alle Trade-Überlegungen zentral. Die konkreten Bedingungen lassen sich am besten individuell darstellen: Beginnend mit den Schlüsselspielern, die keinen Umzug planen müssen, bis hin zu den Kandidaten, die sich lieber kein Haus in Denver mehr kaufen sollten.

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Nikola Jokic und Jamal Murray: Die beiden Stars des Teams werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in einem Jahr noch bei den Nuggets spielen. Jokic als Top 10-Spieler ist sowieso quasi unantastbar, bei Murray hat die vorzeitige Vertragsverlängerung letzte Zweifel beseitigt: Nicht nur, dass sie durch den hohen Preis seinen Tradewert deutlich reduziert haben dürfte, durch sie ist ein Trade aufgrund der NBA-Regularien auch deutlich erschwert.

Bol Bol, Vlatko Cancar, Jarred Vanderbilt und die übrigen Minimum-Spieler: Hier ist die Überlegung nicht, dass die Nuggets sie keinesfalls traden würden, sondern dass kein Team wirklich nach ihnen fragen dürfte. Bol als langzeitverletzter Two Way-Spieler ist sowieso kaum zu bewegen. Die anderen – darunter je nach Verlauf des Training Camps etwa auch Tyler Zeller – könnten zum matchen der Gehälter oder Roster Spots durchaus abgegeben werden. Aber dann ginge es kaum um die Spieler selbst.

Monte Morris: Es mag etwas überraschen, dass Morris sich schon als dritter Rotationsspieler in dieser Liste wiederfindet. Das liegt schlicht daran, dass es auch für ihn kaum realistische Tradeszenarien gibt. Er ist mit der zweitbesten Assist-zu-Turnover-Rate der NBA, 41,4% aus der Distanz und brauchbarer Defense zwar mindestens grundsolide. Trotzdem dürfte keine Franchise ihn so hoch einschätzen, dass er ausdrücklich zum Tradeziel wird. Außerdem haben die Nuggets bei noch zwei Minimum-Vertragsjahren wenig Grund, ihn abzugeben.

Jerami Grant: Nachdem die Nuggets Grant erst in diesem Sommer aus OKC holten, scheint ein erneuter Trade eher unwahrscheinlich. Angesichts seiner Spieleroption zählt er zwar praktisch auch zu den Expirings. Aber er wurde mit ziemlicher Sicherheit als langfristiger Nachfolger für Paul Millsap verpflichtet, nicht für einen Kurzaufenthalt in Denver.

Torrey Craig: Craig ist in einer ähnlichen Situation wie Morris: Für die Nuggets wichtig, aber nicht elitär, und gleichzeitig so günstig, dass ein Trade wenig Sinn ergibt. Er wird jedoch schon im kommenden Sommer Restricted Free Agent und ist üblicherweise auf der Drei zuhause, also der Position, für die Denver noch aktiv werden sollte. Daher könnte es für den Tradepartner spielerisch sinnvoll sein, ihn noch zu fordern.

Michael Porter Jr.: Nachdem die Nuggets ihren eigenen Erstrundenpick im kommenden Draft bereits im Grant-Trade nach OKC schickten, dürfte Porter der für Lottery-Teams interessanteste Gegenwert sein. Im Draft 2018 galt er als klares Top 10-Talent, rutschte jedoch aufgrund seiner Verletzungen ab und spielte seither nicht. Daher ist seine Qualität und damit sein Tradewert aktuell kaum einzuschätzen. Für die Nuggets dürfte es wichtig sein, dass er überhaupt aufs Parkett kommt, um der Liga zu zeigen, dass er fit genug für die NBA ist. Diese Überlegung reduziert aber gleichzeitig die Tradewahrscheinlichkeit für Porter: Wenn er fit ist, dürfte seine Upside zu groß sein, als dass die Nuggets ihn ohne weiteres abgeben.

Paul Millsap: Schon in der gerade zu Ende gehenden Offseason hätten die Nuggets Millsap durch ihre Team Option entweder gehen lassen oder durch einen neuen Vertrag längerfristig binden können, behielten ihn jedoch trotz seines 30-Millionen-Vertragsjahres. In Kombination mit der Grant-Verpflichtung spricht somit einiges dafür, dass das Nuggets-Management über kurz oder lang auf Millsap zu verzichten bereit ist. Als teurer Expiring wäre er zudem eine der Möglichkeiten, wie die Nuggets einen teuren Spieler aufnehmen könnten, ohne etwa Gary Harris abzugeben.

Gary Harris: Wenn fit, dürfte er als Starter gesetzt sein, trotz der positiven Entwicklung von Malik Beasley. Ein Trade ist trotzdem denkbar, falls die Nuggets auf Beasley, Barton oder Craig auf der Zwei setzen wollen und einen Trade für einen Small Forward anpeilen. Für Harris als Tradekandidaten spricht, dass andere Win-Now-Teams ihn vermutlich als wertvoller ansehen als die jüngeren Spieler. Sein noch drei Jahre laufender Vertrag ist mit etwa 20 Millionen Dollar pro Jahr trotz regelmäßiger Verletzungsprobleme akzeptabel. Gegen einen Trade spricht allerdings, dass die Nuggets seine Defense auf den Guard-Positionen brauchen.

Mason Plumlee: Der Grund, warum Plumlee einer der wahrscheinlichsten Tradekandidaten ist, heißt Jerami Grant. Die Verpflichtung des ehemaligen Thunder-Bigs dürfte Plumlees Rolle stark reduzieren. Vor allem die Minuten gemeinsam mit Jokic fallen vermutlich komplett weg, was trotz der gar nicht so schlechten Zahlen für diese Lineups sicher ein Gewinn für die Nuggets darstellt. Ist Plumlee allerdings komplett auf die Rolle als Backup-Center hinter Jokic begrenzt, hält sich sein Wert in Grenzen. Das zeigte sich schon in den letzten Playoffs, in denen er mit 15,6 MPG anstatt 21,1 wie zuvor der Regular Season, der Rotationsspieler mit den wenigsten Minuten war – die Starter sowie Morris, Beasley und Barton erhielten jeweils mehr. Für eine noch kleinere Rolle werden die Nuggets ihm nicht unbedingt 13 Millionen Dollar zahlen wollen, zumal andere Teams ihn, beziehungsweise seinen auslaufenden Vertrag durchaus als nützlich betrachten könnten.

Malik Beasley: In seiner dritten NBA-Saison gelang Beasley der Schritt vom Bankdrücker zu einem höchst interessanten Rotationsspieler. Aufgrund der Verletzungsprobleme von Harris erhielt er zu Saisonbeginn größere Spielanteile und einige Starts, was insgesamt zu gut 23 MPG mit 11,3 Punkten und hervorragenden Effizienzwerten (40,2% 3P, 117er ORtg) reichte. Auch in den Playoffs behielt er Rolle und Leistungen annähernd bei. So weit, so gut – für die Nuggets ergibt sich nur das Problem, dass Beasley in der kommenden Offseason Restricted Free Agent wird und aufgrund der eher schwachen Free Agency-Class mit einem hohen Angebot rechnen darf. Mit dem Wechsel zu Rich Pauls Klutch Sports und dem Ablehnen eines 30 Millionen/3 Jahre-Extension-Offers hat er seine Ansprüche verdeutlicht. Denver könnte mit einem höheren Angebot kaum mitziehen, nachdem Beasley und Harris nur begrenzt zusammenpassen. Mit 6-5 bzw. 6-4 sind beide vermutlich zu klein, um gemeinsam mit Murray zu starten. Bei einer Franchise mit Aversion gegen die Luxussteuer ist es somit unwahrscheinlich, dass Beasley zusätzlich zu Harris gehalten wird.

Will Barton: Nach einem verletzungsbedingt enttäuschenden Jahr ist Barton keiner der Nuggets-Spieler, den die Franchise unbedingt halten will. Angesichts von etwa 42 Millionen Dollar garantierten Gehalts über die nächsten drei Jahre bleibt ihnen allerdings vermutlich nicht viel anderes übrig. Darin liegt das Problem: Barton könnte die Möglichkeiten der Nuggets beeinträchtigen, sportlich relevantere Spieler mit einem neuen Vertrag auszustatten. Vor allem Barton, Harris und Beasley zu behalten erscheint ungünstig, da sich die Skillsets zu stark überschneiden. Daher wäre es vorteilhaft für Denver, wenn sie den vermutlich sportlich schwächsten der drei Spieler abgeben könnten. Aber das wird nicht ohne weiteres möglich sein, falls Barton nicht in den ersten Saisonspielen deutlich besser aussieht als im vergangenen Jahr. Diese Überlegung dürfte jedenfalls dazu führen, dass die Nuggets mit einem Trade noch etwas abwarten: Eigentlich kann Bartons Tradewert nur nach oben gehen, denn er ist jetzt schon klar negativ.

Juancho Hernangomez: Hernangomez ist ziemlich eindeutig der Spieler mit der höchsten Tradenotwendigkeit, falls er nicht überraschend konstant Minuten erkämpfen sollte. Ähnlich wie Beasley wird er kommenden Sommer Restricted Free Agent, war aber nach einer guten ersten Saisonhälfte in den letzten Playoffs praktisch komplett aus der Rotation gefallen. Bei der Weltmeisterschaft konnte er sich im Sommer zwar wieder empfehlen, muss jetzt aber – und darin liegt der Unterschied zu Beasley – mit einer sehr kleinen Rolle rechnen. An sich wäre er vermutlich auf der 4 am besten aufgehoben, dürfte aber nur schwer an Millsap und Grant vorbeikommen. Bleibt die stark umkämpfte Small Forward-Position, wo er allerdings auch nicht die besten Karten hat. Mit jedem Spiel, das er komplett auf der Bank verbringt, sinkt jedoch sein Tradewert. Aus dieser Dynamik ergibt sich die Dringlichkeit: Wenn Hernangomez nicht bis zur Deadline vertradet wird, dürfte er die Nuggets im Sommer ohne Gegenwert verlassen.

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Ein zentrales Problem für die Nuggets ist somit, dass sie verschiedene zeitliche Faktoren miteinbeziehen müssen. Hernangomez sollten sie möglichst bald traden, solange er nicht spielt. Bei Barton ist es tendenziell umgekehrt: Sein Vertrag ist wieder leichter abzugeben, wenn er einigermaßen solide Leistungen zeigt. Wenn er es kaum aufs Parkett schafft, dürfte bezüglich der Trade-Optionen zumindest nicht mehr viel Luft nach unten sein. Bei Beasley ist das Problem, dass er sicher ein Teil der Rotation ist, die Nuggets ihn also eigentlich nicht abgeben wollen. Bleibt er aber ohne andere Rostermoves bis zum Sommer, dürften sie ihn ebenfalls ersatzlos verlieren. Bei Plumlee und Millsap wäre das ebenfalls der Fall, aber leichter zu verschmerzen. Harris ist deswegen unter den wahrscheinlichsten Tradekandidaten, weil er alternativ zu Barton und Beasley abgegeben werden könnte – besonders diese drei Spieler sind miteinander verknüpft. Weil ein einfacher, sinnvoller Trade nicht problemlos zu finden ist, könnte ein größerer Umbruch mitten in der Saison sinnvoll sein.

Dass die Nuggets keine ganz einfache Lösung haben, zeigt schon die Tatsache, dass sie mit einer klaren Schwachstelle und einem übervollen Roster in die Saison gehen. Hier mag man zwar noch argumentieren, dass jeder Tradekandidat sich theoretisch auf der 3 durchsetzen könnte. Praktisch wäre eine sichere Lösung jedoch schon seit Juni die vermutlich bessere Wahl gewesen. Daraus lässt sich schließen, dass Connelly und Karnisovas abwarten, weil es (noch) keine bessere Alternative gab. Dazu trug möglicherweise auch bei, dass im Sommer keine Small Forwards offensichtlich auf dem Trademarkt verfügbar waren, anders als etwa Otto Porter und Harrison Barnes zur letzten Deadline. Zu diesem Zeitpunkt fehlte den Nuggets allerdings noch die Flexibilität für eine solche Entscheidung: Erst der Trade für Grant machte es realistisch, Millsap oder Plumlee abzugeben. Harris ist auch erst ein realistischer Tradekandidat, seit sich Beasley als Rotationsspieler etabliert hat.


Wie könnten mögliche Trades also strukturiert sein? Der bereits für Grant an die Thunder abgegebene Pick erschwert diese Überlegungen etwas, weil die Nuggets wohl nur ungern Draftrechte für 2022 abgeben: Zum einen reduziert das die zukünftige Flexibilität, zum anderen dürfte wohl um 2022 die Änderung eintreten, dass Rookies direkt aus der High School gedraftet werden dürfen. Daher wäre der Optimalfall für die Nuggets, dass die jungen Spieler im Kader den erforderlichen Tradegegenwert darstellen. Die einfachste Variante: Ein Team hat genug Interesse an Hernangomez, um Barton mit ihm aufzunehmen. Die Nuggets könnten dafür einfach einen mehr oder weniger brauchbaren Spieler mit auslaufendem Vertrag erhalten – die Rotation wäre auch nach den beiden Abgängen tief genug. Hierfür bieten sich vor allem zwei Franchises an: Die Grizzlies haben in Andre Iguodala einen Spieler im Kader, den sie mit Sicherheit loswerden möchten. Hernangomez könnte, obwohl schon 24, durchaus in ihre Pläne passen. Das gilt auch für die Hornets, die mit Willy Hernangomez schon den Bruder von Juancho im Kader haben. Die Franchise wäre ein naheliegender Kandidat für den Nuggets-Forward, nachdem schon die Pacers und Bucks mit ihren Verpflichtungen von Justin und Aaron Holiday beziehungsweise Brook und Robin Lopez eine Renaissance der von der Marcus/Markieff Morris-Saga etwas in Mitleidenschaft gezogenen Tradition der Familienvereinigungen wiederaufleben haben lassen. Gegen diese Varianten spricht, dass vermutlich keine Franchise Hernangomez so hoch einschätzt, dass sie Barton ohne weitere Assets aufzunehmen bereit wären. Außerdem könnten die Nuggets so den Starter-Spot auf der 3 nicht füllen – vermutlich würde Craig weiterhin die Rolle nominell übernehmen, während Beasley vorerst als Sixth Man Minuten auf beiden Flügel-Positionen erhält, bis vielleicht Porter übernehmen kann. Trotzdem ist eine solche Konstruktion noch einigermaßen realistisch und sinnvoll, was bei Tradespekulationen immer die zentralen Kriterien sein sollten.

Bei komplizierteren Trades sind diese Punkte nicht mehr unbedingt gewährleistet. Wollen die Nuggets einen unumstrittenen Starter erhalten, müssten sie deutlich mehr investieren, was die Transaktion massiv verkomplizieren würde. Dazu kommt: Flügel-Spieler mit Länge und Geschwindigkeit für die 3 sind in der modernen NBA extrem gefragt und damit teuer. Kaum ein Team hat hier ein Überangebot, so dass sie solche Wings abzugeben bereit wären. Nur zwei Franchises bieten sich aktuell an: Celtics und Kings haben bislang erfolglos mit ihren zukünftigen Restricted Free Agents Jaylen Brown beziehungsweise Bogdan Bogdanovic verhandelt. Gleichzeitig bieten die Kader in Gordon Hayward und Jayson Tatum beziehungsweise Harrison Barnes und Trevor Ariza ähnliche Spielertypen. Allerdings zeigt sich auch hier, dass mögliche Nuggets-Pakete vermutlich zu uninteressant für die Tradepartner (mit Beasley/Hernangomez) beziehungsweise für alle Beteiligten zu unberechenbar (mit Porter) wären. Möglicherweise wäre mit diesen und weiteren Franchises in einer ähnlichen RFA-Situation ein Mehr-Team-Trade zu gestalten. Hier bieten sich die Pacers an, die aktuell mit Domantas Sabonis verhandeln und das Big-Problem der Celtics lösen könnten. Allerdings werden Transaktionen mit mehreren Teams immer unübersichtlicher und somit unrealistischer, selbst wenn man sich auf Tradekandidaten wie die zukünftigen RFAs beschränkt.

Daher ist die wahrscheinlichste Variante, dass die Nuggets erst einmal abwarten und dann im Saisonverlauf vielleicht nur Juancho Hernangomez abgeben. Der Gegenwert von zwei Zweitrundenpicks, den die Hornets für seinen Bruder zahlten, gibt eine realistische Größenordnung vor. Angesichts des überschaubaren Gehalts kommen diverse Franchises in Frage, beispielsweise eben die Hornets. Am anderen Ende der Skala sind aber auch größere Transaktionen denkbar. Dann müssten vermutlich Millsap oder Harris die Nuggets verlassen, Plumlee und Barton kommen als zusätzliche Salary Filler in Frage. Wollen beispielsweise die Kings lieber Hield und Bogdanovic halten und dafür Barnes abgeben – dessen hohen Vertrag sie angeblich schon bereuen? Oder entscheiden sich die Celtics für Brown und gegen Hayward? Für Boston könnte auch Plumlee einen Zweck erfüllen.


Diese Ideen sind jedoch so spekulativ, dass sie nur das Problem der Nuggets verdeutlichen: Sie haben keinen offensichtlichen Weg, ihren Logjam auf praktisch allen Positionen zu beheben. Gleichzeitig werden sie im kommenden Sommer nicht alle eigenen Free Agents halten können und riskieren ohne Trades, einige von ihnen ersatzlos zu verlieren. Bei allen Entscheidungen müssen sie zudem ihre Ambitionen für die Playoffs mit der langfristigen Planung in Einklang bringen. Welche Variante das Nuggets-Management letztendlich wählt, dürfte auch vom Saisonverlauf abhängen: Wenn alles gut läuft, bietet sich die risikolose Minimalvariante an. Das würde etwa bedeuten, nur Hernangomez etwa zur Deadline abzugeben und alle Entscheidungen um Barton und Beasley auf den Sommer zu verschieben. Nach dem Draft 2020 wäre immerhin auch der Pick 2021 wieder tradebar. Gibt es jedoch während der Saison entweder sportliche Probleme oder innerhalb des Teams aufgrund der Konkurrenzsituation zu viel Ärger, wäre ein etwas größerer Umbau sinnvoll. Aber auch eine extrem gut laufende Saison könnte zu einem radikaleren Einschnitt einladen – schließlich haben die Raptors gerade erst gezeigt, dass eine Midseason-Addition den letzten Baustein zur Meisterschaft bilden kann.

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