Cleveland Cavaliers

Wie gut ist Kyrie Irving wirklich?

Der Wert des Guards der Cavaliers im Ligakontext

Sonntag, 19.6.2016, Oakland, Kalifornien. Nicht viel mehr als eine Minute sind in Game 7 der NBA Finals noch zu spielen. Der Score: 89-89. Ballbesitz Cleveland. Die Cavaliers besitzen durch eine historische Aufholjagd nach einem 3-1 Serien-Rückstand die Chance zum ersten Mal seit Bestehen der Franchise die Larry O’Brien Trophy ihr Eigen zu nennen.  Die tragenden Rollen auf Seiten der Cavaliers und damit hauptverantwortlich für den Serienausgleich waren – neben Rollenspieler Tristan Thompson – wenig überraschend, LeBron James und ein Guard, der nach dem kontroversen Abgang James’ als 1st Pick der Draft 2011 das neue Aushängeschild der Franchise verkörpern sollte: Kyrie Irving. Der weitere Verlauf der letzten Minute(n) ist jedem NBA-Fan bekannt. LeBron James steht beim Inbound und passt den Spalding ohne zu zögern zu Irving, für den unmittelbar ein Isolation-Play angesagt wird. Irving dribbelt einige Sekunden die Uhr herunter, bekommt top-of-the-key einen Screen von J.R. Smith gestellt und sieht sich in Folge mit Stephen Curry dem schwächsten Glied in der ansonsten schwer zu überwindenden Warriors-Defense gegenüber. 

Es folgt eine für Kyrie Irving typische Sequenz: Eine Kombination aus Crossovern, Hesitation-Dribblings resultierend in einem contested Fadeaway Jumper. Was für den geschulten Beobachter ein mäßig erfolgsversprechender Abschluss ist, ist für Irving ein plausibler und regelmäßig gewählter Abschluss. Der Wurf findet sein Ziel und die Cavaliers führen mit drei Punkten. Ein Rückstand, den die Warriors in der verbleibenden Spielzeit nicht mehr in der Lage sind aufzuholen. Cleveland ist NBA Champion 2016. Diese ausgewählte Sequenz steht wie kaum eine andere für den Stellenwert, den Kyrie Irving in der breiten Öffentlichkeit genießt. Superstar, Elite-Point Guard, erste Scoring-Option oder Killer-in-the-Clutch sind Schlagwörter, die man oft in der Verbindung mit Irvings Namen hört. Am 24.7. diesen Jahres veröffentlichte Brian Windhorst einen Report, in dem mehrere Quellen von einer Trade-Forderung Irvings berichteten. In der Folge dominieren mögliche Trade-Szenarien die News der NBA Offseason. Resultierend daraus stellen sich einige Fragen: Welchen Wert hat Kyrie Irving in der heutigen NBA und damit für einen möglichen Abnehmer? Ist Irving wirklich ein Superstar/eine erste Option und Leader einer NBA-Franchise? Gehört er in die Riege ligaweiter Elite-Ballhandler wie Stephen Curry, James Harden oder Russell Westbrook? 

Elite-Scorer in Fesseln?

Fragt man nach der größten individuellen Stärke Irvings, fällt die Antwort wohl in neun von zehn Fällen gleich aus: Scoring. Nun gibt es verschiedene Arten von Scoring, die einem Team helfen können. Zum einen kann ein Spieler positiven Impact generieren, wenn er bei solider Effizienz effektiv scort. Zum anderen kann ein Spieler produktiv sein, wenn er bei großer Effizienz bei geringem Volumen punktet. Bei der ligaweiten Scoring-Elite findet man eine Kombination der beiden Faktoren vor: großes Volumen bei hoher Effizienz. In der folgenden Tabelle finden sich alle Scorer der vergangenen NBA-Saison, die bei hohem Volumen effizient gescort haben.* Als grobe Kriterien wurden ein ORtg von mindestens 115, ein durchschnittlicher Punktschnitt von >= 25 sowie eine TS% von mindestens .58 gewählt. Zusätzlich wurde eine überdurchschnittliche USG% (mehr als 25%) inkludiert. Das alles sind Werte, welche die qualitative Spreu vom Weizen trennen. 

PlayerPPGORtgTS%USG%
Kevin Durant25.1125.65127.8
Isaiah Thomas28.9122.62534.0
Kawhi Leonard25.5121.61031.1
Karl-Anthony Towns25.1121.61827.5
LeBron James26.4119.61930.0
Stephen Curry 25.3119.62430.1
James Harden29.1118.61334.2
Damian Lillard27.0118.58631.5
Kyrie Irving25.2116.58030.8

*sortiert nach absteigendem ORtg

Beim ersten Begutachten der Liste fällt auf, dass Irving den zweitgeringsten Scoring-Output, das niedrigste ORtg sowie die niedrigste TS% vorweist. Bei der Usage befindet er sich hingegen unter den Top 5 der Liste. Es sei an dieser Stelle allerdings nochmal darauf hingewiesen, dass die Liste lediglich absolutes ligaweites Top-Niveau darstellt. Beschränkt man sich nun auf diese Zahlen um die Qualität eines Scorers zu evaluieren, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Kyrie Irving ligaweit unter den Top 10 einzuordnen ist. In der Regel sollte bei erhöhter Balldominanz die Effizienz leiden. Mehr Verantwortung bedeutet mehr Belastung und damit oftmals nachlassende Leistungen. Wird diese Kausalkette umgangen, befindet man sich im Tier der Elite-Spieler. Kyrie Irvings Zahlen sind ohne Frage auf hohem Niveau. Es verdeutlicht allerdings, dass alle Spieler in der Liste, welche eine höhere USG% als Irving vorweisen (Lillard, Thomas, Leonard, Harden) sowohl in einem größeren Volumen punkten als auch eine bessere Effizienz aufzeigen. Alle Spieler, die den Ball seltener als Irving in ihren Händen halten, gleichen das mit einer ausnahmslos deutlich höheren Effizienz als Irving aus. Beschränkt man sich auf die Guards der Liste, besitzen bis auf Stephen Curry alle einen (teils deutlich) schwächeren Supporting Cast. Irving nannte mit LeBron James einen der gefährlichsten Screener sein Eigen und konnte auf ausgezeichnetes Spacing, kreiert durch Schützen wie J.R. Smith, Kyle Korver und Kevin Love zurückgreifen. Für einen Scorer eine mehr als potente Roster-Konstruktion.
In dem eingangs erwähnten Report wird kolportiert, dass Irving eine größere Rolle einnehmen möchte und damit die klare erste Scoring-Option eines Teams sein Eigen nennt. Neben einem Spieler wie James stelle sich das als problematisch heraus. Man sollte davon ausgehen, dass ein balldominanter Mitspieler das eigene Potential einschränkt. Wie verhielt es sich bei den Cavaliers in der vergangenen Regular Season? Ein Blick auf die “Big 3” der Cavaliers zeigt folgende Zahlen:

PlayerPPGFGAORtgTS%USG%
Kyrie Irving25.219.7116.58030.8
LeBron James26.418.2119.61930.0
Kevin Love19.014.5114.57326.4

Besonders eine Tatsache sticht hervor. Kyrie Irving nahm die meisten Würfe und hielt den Ball am meisten in der Hand. Das ist für einen Spieler, der in den ersten drei Jahren seiner Karriere führender Ballhandler in seinem Team war, kaum überraschend. Seit 2014 spielt jedoch (erneut) LeBron James bei den Cavaliers. Trotzdem wurde Irving die Rolle als erste Ballhandling-Option zuteil. Das ist vor allem überraschend, da James bis auf die hier gezeigte vergangene Saison in seiner 14 jährigen NBA-Karriere ausnahmslos die höchste USG% sowie die meisten Wurfversuche in seinem Team vorwies. Es fand also bereits eine Art Verschiebung der Hauptverantwortung statt. Verdeutlicht wird dies zusätzlich dadurch, dass Irving selbst in Clutch-Situationen öfter die Verantwortung trägt als James. Sowohl bei den Abschlüssen (83 zu James’ 66) als auch bei der USG% (36.2% zu 32.1%) liegt Irving klar vor James. In den vergangenen Playoffs verhält sich die Verteilung wenig anders:

PlayerPPGFGAORtgTS%USG%
Kyrie Irving25.920.6116.57331.1
LeBron James32.821.3125.64931.6
Kevin Love16.812.1120.60421.8

In sämtlichen Kategorien stellt James die Spitzenwerte. Irving nahm indes noch nicht einmal einen Wurf im Schnitt weniger und hielt auch den Spalding nur geringfügig seltener in den Händen. Dabei schnitt er trotz der ähnlichen Verantwortung deutlich schlechter ab, was den Scoring Output und vor allem die Effizienz anbetrifft. Keine guten Vorzeichen für eine erste Option. Irvings angebliche Forderung nach mehr Verantwortung scheint, wenn man sich nur auf den Basketball bezieht, wenig nachvollziehbar. Versucht man statistisch aufzuzeigen, dass Irving unter der Anwesenheit James’ leidet zeigen sich folgende Zahlen (Saison 16/17):

 Minutes (16/17)PTS/100eFG%USG%
Irving, James on Court257731.853.929.9
Irving, James off Court63249.352.140.9

Kyrie Irving weist in der vergangenen Saison ohne James auf dem Feld einen beeindruckenden Scoring-Output vor. In 632 Minuten scort er fast 50 Punkte bei kaum geringerer Effizienz. Dabei hält er zu mehr als 40% den Ball in den Händen. Eine höhere USG% konnte lediglich Russell Westbrook vorweisen, der mit 41.7% in der vergangenen Saison einen historischen Höchstwert stellte (dies allerdings in 2802 Minuten). Es ist nahezu komplett auszuschließen, dass Irving über eine Saison als erste Ballhandling-Option einen ähnlich gigantischen Wert verbuchen kann. Offenbar besitzt Irving also als klare erste Option ein enormes Scorer-Potential. Eine entscheidende Zahl wurde bisher jedoch noch nicht erläutert. Dass erhöhtes Scoring nicht mit gesteigertem Teamerfolg einher geht, zeigt, dass die Cavaliers in den 632 Minuten ohne James aber mit Irving auf dem Feld einen Plus/Minus-Wert von -120 verbuchen. Dieser Wert kann als nichts anderes als katastrophal beurteilt werden. Löst man sich von der vergangenen Spielzeit, verhält es sich kaum besser.  

Seit James im Jahr 2014 nach Cleveland zurückkehrte, stand Irving ganze 2000 Minuten ohne James auf dem Feld. In dieser Zeitspanne verbuchten die Cavaliers ein Plus/Minus von -93. Das ist für Irving ebenso wenig schmeichelhaft, wie die Siegesbilanz der Cavaliers in den Spielen, die James in den drei Jahren verpasste. Hier gewann Cleveland lediglich vier seiner 17 Spiele. In all diesen Spielen startete Irving. In lediglich zwei Spielen fehlte Kevin Love. Damit schneidet Cleveland in der James 2.0-Ära ohne James auf dem Feld gar schlechter ab als in Irvings ersten drei Saisons komplett ohne James (23.5 Win% zu 33.9 Win%). Die Zahlen zeigen, dass Irving ohne James auf dem Feld als Scorer, was den reinen Output betrifft, zwar deutlich potenter agiert, der Teamerfolg sich aber stark ins Negative bewegt. Irving “ohne Fesseln” (ergo ohne James) ist ein potenter Scorer, der sich so allerdings kontraproduktiv auf den Teamerfolg auswirkt. Zu bedenken ist dabei, dass die Sample Size mit 2000 bzw. 632 Minuten durchaus als aussagekräftiger Indikator dient. Gleichzeitig muss angemerkt werden, dass die Cavaliers als Team klar auf die Stärken von LeBron James zugeschnitten sind. Die Rosterstruktur ist allerdings, wie bereits angemerkt, für einen scorenden Ballhandler des Typus Irving ebenso fördernd wie für James’ Skillset. 

Scoring! Aber wie?

Es wurde erläutert, dass Irving Qualitäten als Scorer sich auf einem hohen, aber nicht auf elitärem Niveau bewegen. Ungeklärt ist hingegen, wie Irving zu seinen Punkten kommt. Welche Stärken und Schwächen sind in seinem Scoring zu finden? Betrachtet man Irvings Scoring nach Playtypes, zeichnet sich ein recht konkretes Bild:

PlaytypePossessionsFrequencyPoints per PossessioneFG%
Isolation5.1 (4th*)21.4% (6th)1.12 (1st)53.2% (1st)
Pick&Roll Ballhandler8.1 (14th)34.0% (46th)0.96 (19th)50.7% (14th)
Spot-Up1.9 (Top 100)8.0% (Top 100)1.15 (Top 100)59.9% (Top 30)
Handoff1.3 (23rd)5.5% (Top 40)1.01 (14th)43.4% (Top 40)

*Rang im Ligavergleich

Eines wird direkt ersichtlich: Kyrie Irving ist ein begnadeter 1-on-1 Spieler. Aus der Isolation schließt Irving mehr als fünfmal pro Spiel ab und erzielt dabei pro Ballbesitz ganze 1.12 Punkte (ligaweit Platz 1). Gleichzeitig agiert er dabei enorm effizient (eFG% 53.2; Platz 1). Durch sehr präzises und trickreiches Ballhandling in Verbindung mit elitärer Körperbeherrschung und einem ausgeprägten Arsenal an Abschlussvarianten ist Irving konstant in der Lage im 1-on-1 Punkte zu generieren. Auch als Ballhandler im Pick&Roll befindet sich Irving in den wesentlichen Kategorien ligaweit in den Top 15. In diesen Situationen sind Irvings Qualitäten als Shooter sowie im Drive nur schwer einzuschränken. Besonders mit LeBron James als Screener stellt Irving die gegnerische Defense vor massive Probleme. Die Kombination aus Irvings und James’ Skillset verkörpert in einem Pick&Roll-Play gehört zu den am schwersten zu verteidigenden Plays in der ganzen Liga.

Abseits des Balles ist Irving durchaus effizient, aber wenig effektiv. Lediglich 1.9 Spot-Up Plays laufen die Cavaliers für Irving. Bei diesen ist er mit einer eFG% von fast 60% jedoch überdurchschnittlich effizient. Das verdeutlichen auch seine Catch&Shoot Zahlen. Zwar schließt er kaum dreimal (2.8 FGA) aus diesen Situationen ab, verwandelt seine Abschlüsse jedoch sehr sicher (eFG% 68.7%). Dabei sind gerade einmal 0.4 seiner C&S Abschlüsse aus dem Zweierbereich. Mehr als zwei Versuche nimmt Irving aus der Distanz. Es ist anzunehmen, dass bei einer erhöhten Frequenz an Spot-Ups die Effizienz wenig leidet. Bei Irvings Stärke beim Kreieren eigener Würfe, sollte ein Spot-Up Play dennoch eher optional und nicht primär genutzt werden, um ihn gewinnbringend in Szene zu setzen. Seine Potenz beim Generieren eigener Abschlüsse spiegelt sich auch in seiner Unassisted FG% wider. Ganzen 69.6% seiner getroffenen Abschlüsse geht kein Assist voraus. Doch wo verteilen sich Irvings primär selbst kreierte Abschlüsse auf dem Spielfeld? Mit mehr als sechs Abschlüssen pro Spiel (6.1) aus der Distanz gehört Irving zu einer Gruppe bestehend aus lediglich 24 Spielern. Was die Effizienz betrifft, befindet er sich in dieser Gruppe mit 40.1% sogar in den Top 10. Dennoch nimmt Irving nur 31.1% seiner Abschlüsse von jenseits der Dreierlinie. Folglich kommen fast 70% seiner Wurfversuche innerhalb der Dreierlinie zustande. Die Verteilung dieser Würfe ist in der heutigen NBA durchaus ungewöhnlich. 

Fast sechs Abschlüsse pro Spiel nimmt Kyrie Irving  aus der Mitteldistanz. Damit befindet er sich ligaweit unter den Top 10. Eine Erfolgsquote von 47.6% bedeutet dabei ligaweit gar Rang 3. Würfe, die bei Daryl Morey tiefstes Unverständnis hervorrufen, sind für Irving eine Waffe. Mit den genannten Werten befinden sich in der ganzen Liga lediglich die geringfügig effizienteren Midrange-Experten Chris Paul und C.J. McCollum vor Irving. Eine Nennung im selben Atemzug vor allem mit Chris Paul ist ein eindeutiger Qualitätsbeweis für Irvings Midrange-Qualitäten. Folgerichtig ist hier Irvings Effektivität und Effizienz bei Pull-Ups. Gut die Hälfte seiner Abschlüsse besteht aus Pull-Ups. Mit 46.5% wird dieser sehr zufriedenstellend verwandelt. Die Qualitäten beim Shooting sind demnach klar zu erkennen. Betrachtet man Irvings weitere Wurfverteilung denkt man unweigerlich an sein spektakuläres Finishing in der Zone und am Ring. Wie verhält es sich dort mit der Produktivität? Fast acht (7.9) Abschlüsse nimmt Irving in der Zone. Hierbei macht die Restricted Area (RA) mit 5.6 Versuchen den Großteil aus (Platz 10 aller Guards ligaweit). Nur 2.3 Würfe nimmt er in der Zone außerhalb der RA. Innerhalb der RA schließt er mit 57.6% (Platz 5 unter den Guards) zudem sehr effizient ab. Mit diesen Werten befindet sich Irving zwar nicht auf Prime Tony Parker Niveau, aber auf einem vor allem für Guards sehr hohen Level. Sein bereits erwähntes Arsenal an Abschlüssen hilft Irving enorm auch gegen Big Men effektiv zu scoren. Akrobatische Korbleger mit beiden Händen, unzählige Floater- und Leanervarianten kombiniert mit einem außergewöhnlichen Ball- wie Körpergefühl ermöglichen Irving Korberfolge, zu denen in dieser Form nur wenige Spieler in der Lage sind:

Bei der hohen Frequenz an Abschlüssen in der Zone fällt ein Faktor überraschend negativ aus. Unter den eingangs genannten Elite-Scorern (siehe erste Tabelle) belegt Irving mit einer Free Throw Attempt Rate von nur 23.1% abgeschlagen den letzten Platz. Spieler mit ähnlichen körperlichen Voraussetzung schneiden allesamt (teils klar) besser ab:

PlayerFTrDrives per Game
Kyrie Irving23.1%9.3
Damian Lillard36.6%10.0
Isaiah Thomas44.1%12.7
Mike Conley36.5%7.7
Stephen Curry25.1%6.4
Kyle Lowry39.8%10.2

Das Ziehen von Freiwürfen ist ein sehr wertvoller Skill beim Generieren von Punkten. Von den aufgezeigten Spielern zieht Irving am dritthäufigsten zum Korb und forciert dennoch die wenigsten Freiwürfe. Gerade bei Irvings ausgeprägten Finishing Skills und die damit einhergehende Gefahr, die Irving bei seinen Drives ausstrahlt, sollten deutlich mehr Freiwurfversuche zu verbucht werden können. Eine klare Schwäche in Irvings ansonsten von Stärken gezeichneten Scorer-Fähigkeiten. 

Wir kommen zu der Konklusion, dass Kyrie Irving ein sehr potenter Scorer ist, der sich auf sehr hohem aber nicht absolut elitärem Niveau befindet. Wie verhält es sich mit anderen Aufgaben eines primären Ballhandlers wie Passing oder generelles Playmaking?

You cannot pass!

Es muss eingangs erwähnt werden, dass Irving im System der Cavaliers zwar große Spielanteile erhält, die erste Option in Sachen Shot Creation und Facilitating jedoch eindeutig LeBron James verkörpert. Irvings primäre Aufgabe in Cleveland ist eindeutig das Scoring. Dennoch offenbart Irving Schwächen in dem Bereich Passing und Shot Creation, die bei einem Spieler mit einer derartigen Balldominanz schädlich für das Team sein können. Für eine grobe Einordnung werden in der folgenden Tabelle primäre Ballhandler aufgezeigt, die gleichzeitig als “Score first” Guards beschrieben werden können.

PlayerAssists per GameAST%Secondary AssistsPasses Made
Kyrie Irving5.829.71.452.2
Goran Dragic5.829.01.359.6
Stephen Curry6.631.22.252.5
Damian Lillard5.928.71.558.3
Isaiah Thomas5.932.51.755.7

Die totale Assist-Ausbeute verhält sich bei allen aufgelisteten Spielern ähnlich. Die Passes Made-Spalte ist mit Vorsicht zu genießen, da diese Werte klar vom jeweiligen System der Teams beeinflusst werden. In den Teams unter dem Coaching von Terry Stotts, Erik Spoelstra und Brad Stevens wird der Ball traditionell viel bewegt. Bei der AST% schneidet Irving auf Platz 3 der Liste überraschend gut ab. Dennoch belegt er bei allen Kategorien außer der AST% den letzten Platz. Es sind geringe Abweichungen, aber wenn man die Qualität des Rosters sowie die USG% berücksichtigt (nur Thomas und Lillard halten den Ball mehr in den Händen), wirft die Liste kein gutes Licht auf Irving. Bei Irvings erläuterten Qualitäten als Scorer, der um ihn vorhandenen Potenz an Shooting und Finishing und seiner Gravity, die er als permanente Gefahr für die gegnerische Defense darstellt, müssen die Mitspieler als Resultat mehr profitieren. Die oftmals fehlende Bereitschaft Irvings den Ball zu teilen oder in wenig erfolgsversprechenden Situationen den Wurf einem Pass vorzuziehen, sorgte in der Vergangenheit für Unmut seitens der Mitspieler. Auch in der Öffentlichkeit wurde Irving teils scharf kritisiert. Sobald er keinen produktiven Tag als Scorer erwischt, schadet er seinem Team mehr, als dass er ihm hilft. Beispiele für solche “schlechten Tage” wären zum Beispiel die ersten beiden Spiele der vergangenen NBA Finals. Irving forcierte vermehrt schlechte Würfe, stellte sein Spiel aber auch bei weiterhin ausbleibendem Erfolg nicht um. 

“They’re obviously trying to make a few other guys make plays and when we’re coming off our isolations, they’re bringing a few more bodies to clog the lane. For us, just see the weak side action and be able to make those passes.”

Irving erkannte offenbar die Problematik, dass Golden States Defense bei seinen Drives kollabierte und ihm den Abschluss damit enorm erschwerte. Vermehrtes Suchen der Mitspieler blieb in der Folge jedoch aus:

Ein Ausschnitt wie dieser ist in nahezu jedem Spiel der Cavaliers zu beobachten. Diese Form von Decision Making ist ein klarer Schwachpunkt in Irvings Spiel. Irving ist nicht deshalb ein schlechter Passgeber, weil sein Assistsschnitt nicht so hoch ist, sondern weil er in zahllosen Situationen, in denen der Pass das beste Basketball-Play ist, den Ball nicht bewegt. Besonders negativ zum Tragen kommt diese Schwäche in qualitativ minderwertigeren Teams. In seinen ersten drei Saisons zeigte Irving mit einer AST% von 32.3 sowie 5.8 APG keine beeindruckenden Zahlen. Als Lead Guard mit einer Usage von 29% muss der Impact auf die Mitspieler größer ausfallen. Es bleibt abzuwarten, ob Irving in einem neuen Team sowohl statistisch als auch nach dem Eye Test in der Lage ist, seine Mitspieler besser zu machen. 

Man For The Moment

Ein wichtiger Faktor für den Status, den Kyrie Irving genießt, ist sicherlich sein Ruf als Spieler, der in den “großen Momenten” seine Leistung steigert. Besonders durch die Finals 2016 erwarb er diesen Ruf. Dass Irving in entscheidenden Momenten sehr starke Leistungen zeigen konnte, kann man ihm nicht absprechen. Wie verhalten sich seine Leistungen allgemein, wenn man die Playoffs mit der Regular Season vergleicht? Zur Analyse stehen drei Saisons (2014-2017):

 PPGORtgTS%AST%TOV%
Regular Season22.411557.227.111.1
Playoffs23.911757.323.19.7
Finals26.511454.421.28.2

Tatsächlich scort Irving in den Playoffs in höherem Volumen als in der Regular Season und steigert dabei sogar minimal seine Effizienz. In den Finals wird das Volumen nochmals erhöht, was allerdings mit einer gesenkten Effizienz ansatzweise negiert wird. Irvings Skillset ist ohne Frage prädestiniert für die Post Season. Auch wenn das Niveau der Gegner merklich ansteigt, kann Irving seine Stärken als Scorer weiterhin gewinnbringend einbringen. Vor allem seine Unabhängigkeit von Mitspielern kommt ihm hier entgegen. Selbst gegen starke Defense ist er ohne Hilfe in der Lage, sich konstant seinen eigenen Abschluss zu erarbeiten. Allerdings kommt auch hier erneut sein schwaches Decision Making zum Vorschein. In der jeweils zweiten Hälfte der Finals 2016 und 2017 sorgte Irving durch starkes Scoring maßgeblich dafür, dass Cleveland einmal den Titel gewann und einmal konkurrenzfähig blieb. In der jeweils ersten Hälfte der Finals zeigte Irvings Spiel kaum einen Unterschied zu den beeindruckenden Leistungen: hohes Wurfvolumen gepaart mit diskutabler Wurfauswahl und wenig Ballbewegung. Der essenzielle Unterschied war lediglich, dass die Würfe in der zweiten Hälfte der Finals fielen und in der ersten nicht. Der Spielstil verhielt sich konstant gleich. Konstanz ist hier das Stichwort. Kyrie Irving kann bei seinem Talent an guten Tagen schwere Würfe treffen und durch diesen Skill Spiele entscheiden. Fallen diese Würfe nicht, ist er ein klarer Minusspieler. Dennoch besitzt er eben die Eigenschaft an gewissen Tagen – wie in Game 7 der Finals 2016 – “Man For The Moment” zu sein. Die NBA Finals, bei denen Kyrie Irving mitwirkte, stehen, wie kaum ein anderer Auszug seiner Karriere, für Licht und Schatten seiner Qualität als Basketballer.

Two Ends Of The Floor

Ein Attribut, das viele Elite-Ballhandler der NBA vereint, ist schwache Verteidigungsarbeit. Spieler wie James Harden, Russell Westbrook oder Isaiah Thomas tragen enorme offensive Verantwortung. Das führt unweigerlich zu einer hohen Belastung, die zuweilen auf der anderen Seite des Courts für falsche Rotationen, fehlende Help- sowie zögerliche 1-on-1-Defense sorgt. Bei Thomas kommt zusätzlich seine fehlende Größe zum Tragen. 

All diese Spieler haben nicht die Option größere Spielanteile an ihre Mitspieler zu verteilen, da diese offensiv entweder unterdurchschnittlich oder einfach limitiert sind. Das ist für Kyrie Irving in einem Team mit LeBron James und Kevin Love sicherlich kein Argument. Irvings Schwächen in der Verteidigung sind vielfältig. In der Pick&Roll Defense reichen simple Screens, um Irving abzuschütteln. Off-the-Ball verliert Irving konstant seinen Gegenspieler, verzichtet dabei aber trotzdem auf Help Defense. On Ball ist er sehr leicht mit einfachen Richtungswechseln oder Dribbling Moves geschlagen. Auch wenn individuelle Defensiv-Metriken mit Vorsicht zu genießen sind zeigen sie zumindest auf, dass Irving sich defensiv am absoluten Bodensatz der Liga befindet. Gegnerische Teams stellen mit Irving auf dem Feld ein 111.8 ORtg; ohne ihn 107.4. Beim DRPM befindet sich Irving ligaweit auf Platz 440, sein DBPM-Wert liegt bei -2.3 und seine defensiven Win Shares liegen bei 1.5. Selbst wenn man keiner dieser Statistiken vertraut, zeigen sie dennoch, dass sich Irving defensiv auf enorm schlechtem Niveau befindet. Spieler wie Harden oder Westbrook gleichen ihre schwache Defense im Ansatz durch ihre Offense auf abolutem Elite-Niveau aus. Irving ist offensiv nicht auf diesem Level und kann dadurch seinen großen negativen Impact auf die Defensive wenig bis gar nicht ausgleichen.

Fazit

Kyrie Irving ist ein hochgradig talentierter Scorer. Bezieht man seine desaströse Defense, sein durchschnittliches Playmaking sowie sein fehlerbehaftetes Decision Making in die Gesamt-Evaluation mit ein, erhält man einen guten Spieler mit offensiven Star-Qualitäten. Wie hinreichend dargelegt, befindet sich Irvings Scoring jedoch nicht ganz auf dem allerhöchsten Level. Spieler wie Isaiah Thomas oder Damian Lillard sind, was die Stärken und Schwächen betrifft, vergleichbar mit Irving zu bewerten. Klammert man den großen Marketing-Wert, den Irving einer Franchise ohne Zweifel beschert, aus und konzentriert sich simpel auf die basketballerische Qualität, so besitzt man mit Irving einen guten, aber nicht sehr guten Spieler oder gar Franchise Player.

Was können die Cleveland Cavaliers also als Gegenwert für einen Spieler dieser Kategorie erwarten? Erst kürzlich sind mit Jimmy Butler und Paul George zwei Spieler getradet worden, die zumindest sportlich (mit Abstrichen) höher einzuschätzen sind als Irving. Der Gegenwert verhielt sich mau. Aufgrund der bestehenden Vertragslänge (2 Jahre garantiert) und dem absolut marktgerechten Salär Irvings sollte der Gegenwert besser ausfallen als der, den die Pacers und Bulls für ihre Stars erhielten. Die Historie der Liga zeigt allerdings, dass der Gegenwert für Stars bei Trades selten bis nie mit dem Wert des Stars gleichzusetzen ist. Zumeist liegt dieser deutlich darunter, wie erst jüngst zu sehen war. Es steht außer Frage, dass Irving maßgeblich am Titelgewinn der Cleveland Cavaliers beteiligt war und für LeBron James einen formidablen Co-Star verkörpert. Als erste Option ist Kyrie Irving indes bislang noch schuldig geblieben, seinem Team zu Siegen zu verhelfen. Welchen sportlichen Wert Irving letztendlich besitzt, wird sich voraussichtlich recht bald sowohl für die Cavaliers als auch für das aufnehmende Team zeigen. In Cleveland sollte es jedoch möglich sein, sich bei adäquatem Gegenwert nicht zu verschlechtern und sich in manchen Bereichen (Defensive, Passing) eventuell sogar zu verbessern. 

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