BBL

Zwei-Klassen-Gesellschaft

Die BBL zwischen Hoffnung und Existenzangst

Die BBL zwischen Hoffnung und Existenzangst

Die BBL steht inmitten ihrer wahrscheinlich schwierigsten Saison. Während einige Teams ihre Hoffnungen in die Fortsetzung der unterbrochenen Spielzeit stecken, kämpfen andere Standorte ums Überleben. Ein Blick in eine gespaltene Liga. 

Trevor Releford war zufrieden.

“Ich war einige Male offen, ich habe meine Würfe getroffen. Aber ich muss auch meine Teamkameraden loben. Sie haben mir den Platz gegeben, den ich brauche, um mein Spiel zu spielen.”, sagte der Spielmacher im Interview mit Magenta Sport. Mit 22 Punkten und sechs Vorlagen hatte der 28-Jährige einen entscheidenden Teil zum knappen 95:89 Sieg seiner Basketball Löwen beigetragen. Gegen des Synatics MBC aus Weißenfels gelang ihm an diesem Abend fast alles. Doch zu diesem Zeitpunkt ahnte noch kaum einer, dass das Duell mit seinem Ex-Verein sein vorerst letztes Spiel für die Braunschweiger gewesen sein sollte.

Die Liga in der Krise

Eine knappe Woche später unterbrach die BBL ihre Saison. Die Corona-Krise hatte die Sportwelt innerhalb weniger Tage lahmgelegt – und damit vor allem kleinere Vereine wie Relefords Arbeitgeber in existenzielle Nöte gebracht. Ohne Heimspiele fehlt ein großer Teil der bereits verplanten Einnahmen. “Für uns als Standort ist es aus wirtschaftlicher Sicht eine existenzbedrohende Situation”, sagte Löwen-Geschäftsführer Sebastian Schmidt auf der vereinseigenen Homepage, “Wir hätten noch sieben Heimspiele – darunter unsere Bestseller gegen München und Berlin, die einen wichtigen Posten unserer Finanzplanung ausmachen.” Selbst ohne die Gehälter der US-Profis Lyles, Lawson und Releford, die im März ihre Verträge auflösten, lastet die aktuelle Situation auf den Finanzen des Klubs. Per Crowdfunding sollen bis Ende Mai 50.000 Euro zusammenkommen, um den Verbleib der Löwen in der BBL zu sichern.

Der Gegner aus dem letzten Ligaspiel ist da schon einen Schritt weiter. Bereits wenige Tage nach Saisonunterbrechung hatte der MBC seine Fans auf diesem Weg um Mithilfe gebeten. Innerhalb von vier Wochen kamen über 96.000 Euro zusammen – genug, um den Klub zumindest vorerst am Leben zu erhalten. “Die Herausforderung ist für uns noch nicht gemeistert”, so Geschäftsführer Martin Geissler, “Doch die erfolgreiche Crowdfunding-Aktion ist die Grundlage dafür, dass wir jetzt optimistisch nach vorne blicken und mit unseren Sponsoren und Partnern die neue Saison planen können.” Eine neue Saison, in der es in Weißenfels wahrscheinlich Erstliga-Basketball zu sehen geben wird. Nach dem einstimmigen Beschluss der 17 BBL-Klubs ist für die Wölfe zumindest das Risiko ausgeräumt, sportlich in die zweite Liga abzusteigen. 

Am anderen Ende der Tabelle sehen die Sorgen ähnlich aus. Selbst am amtierenden Meister aus München geht die Krise nicht spurlos vorbei. Die rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle sind rückwirkend zum 1. April in Kurzarbeit. Das Profi-Team verzichtet freiwillig auf 30 Prozent des Gehalts. “Wir sind zwar Teil des FC Bayern, aber eben auch eine eigenständige Firma, die für ihre sportliche und wirtschaftliche Bilanz selbst verantwortlich ist”, sagte Geschäftsführer Marco Pesic der eigenen Vereinswebseite, “Unser Job ist es, neben der wirtschaftlichen und sportlichen Basis auch die Arbeitsplätze zu sichern.”

Dies gelang bisher sowohl in der Geschäftsstelle als auch im Profi-Team. Als eines von wenigen Bundesligateams verzeichnete der FC Bayern bisher keine Corona-bedingten Abgänge. Aus dem ursprünglichen Kader wird voraussichtlich lediglich Josh Huestis fehlen. Der ehemalige NBA-Profi bat bereits vor Unterbrechung der Saison um eine Auflösung seines Vertrages, nachdem er in den Partien zuvor kaum eine Rolle gespielt hatte. Auch ALBA Berlin, die wie die Bayern in der Euroleague spielen, konnten ihren international besetzten Kader zusammenhalten.

Das Grundgerüst steht

Sie könnten also aus dem Vollen schöpfen, sollte die Liga ihren Betrieb tatsächlich wieder aufnehmen. Seit letzter Woche steht das Grundgerüst für die Saisonfortsetzung. Zehn Teams wollen weitermachen. Für den Rest ist die Saison vorbei. Im Münchener Audi Dome sollen in zwei Fünfergruppen die acht Viertelfinalisten ermittelt werden, die schließlich in einem angepassten Playoff-Modus den Meister ausspielen. Neben den Euroleague-Teams aus München  und Berlin haben auch die Mannschaften aus Ludwigsburg, Crailsheim, Vechta, Bamberg, Göttingen, Ulm und Frankfurt ihre Teilnahme zugesagt, sollten Politik und Behörden dem Plan der Liga zustimmen. Nach den Beschlüssen vom vergangenen Mittwoch, die der Fußball-Bundesliga unter Auflagen den Neustart ermöglichen, ist eine Saisonfortsetzung auch in der BBL wahrscheinlicher geworden. Während die NBA vermutlich noch einige Zeit auf ihre Rückkehr warten muss, könnte die BBL schon im kommenden Monat wieder spielen. 

Die Zeit drängt: Bis Ende Juni soll die Saison beendet sein. Für das Turnier selbst sind drei Wochen eingeplant, zwei weitere Wochen sollen die Teams vor dem ersten Tip-Off zusammen trainieren. Dazu müssten die zu Beginn der Corona-Krise in die Heimat zurückgekehrten ausländischen Profis aller Wahrscheinlichkeit nach 14 Tage in Quarantäne verbringen, sofern sie überhaupt nach Deutschland einreisten dürften. Die Liga hofft auf eine Entscheidung bis Mitte Mai. Bis dahin muss das Hygienekonzept stehen. 

In der Liga scheint man derweil zufrieden zu sein, nach Wochen des mehr oder weniger offen ausgetragenen Streits überhaupt einen Kompromiss gefunden zu haben. Einige Klubs hatten in den vergangenen Wochen durch Vertragsauflösungen Fakten geschaffen, was nicht allen in der Führungsetage der Liga gefiel. Carl Steiner, Alleingesellschaftler bei medi Bayreuth, forderte  in einem offenen Brief sogar einen sofortigen Saisonabbruch. Mit dem Beschluss von letzter Woche ist zumindest der Schein der Einigkeit gewahrt. “Wir wollen die Saison beenden, eine Einstimmigkeit erzielen und ein interessantes Konzept auf die Beine stellen. Das ist uns gelungen”, zeigte sich BBL-Geschäftsführer Stefan Holz zufrieden

Ein Weg aus der Nische?

Die Liga scheint in den Festival-Playoffs eine Chance zu sehen, das Dasein als Nischensportart wenigstens temporär hinter sich zu lassen. Wenn es außer vielleicht Fußball keinen anderen Sport zu sehen gibt, könnte sich der ein oder andere verzweifelte Handball- oder Eishockey-Fan zum Basketball verirren – und bestenfalls sogar über Corona hinaus dranbleiben. Die BBL könnte im kleineren Stil kopieren, was der koreanischen Baseballliga derzeit in den USA gelingt: Ohne die MLB zieht die KBO die Zuschauer vor den Fernseher – obwohl die Spiele nicht gerade zur Primetime beginnen. Die internationale Aufmerksamkeit, von der Frankfurts Geschäftsführer Gunnar Wöbke jüngst öffentlich träumte, könnte doch mehr sein als bloß Größenwahn. Sein Team wird beim Turnier dabei sein – trotz einer bis hierhin enttäuschenden Saison. Im ersten Jahr ohne Trainer Gordon Herbert reichte es gerade einmal für den 14. Tabellenplatz. Zeitweise fand sich das einstige Spitzenteam sogar im Abstiegskampf wieder. 

Dass die Skyliners nun doch noch die Gelegenheit erhalten, die Spielzeit zu einem positiveren Ende zu bringen, liegt nicht nur am Frankfurter Unternehmergeist. Frankfurt übernimmt den Platz der s.Oliver Baskets aus Würzburg, die sich trotz ihres achten Tabellenplatzes gegen eine Teilnahme aussprachen. “Wir haben aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt und bleiben unserer Linie treu, in finanzieller Hinsicht kein Risiko einzugehen”, so Geschäftsführer Steffen Liebler. Man respektiere die Entscheidung der Liga, müsse jetzt jedoch die Vernunft walten lassen.

Die Saisonfortsetzung – eine unvernüftige Entscheidung? Fest steht, dass die Liga mit ihrer Entscheidung ein erhebliches Risiko eingeht. Ein zu spät entdeckter Corona-Fall würde den gesamten Plan zunichte machen. Verträge müssten erneut aufgelöst werden. Sponsoren erhielten keine Aufmerksamkeit, der übertragende Streaming-Dienst keinen Livesport. Diskussionen um eventuelle Regress-Forderungen könnten von neuem beginnen. Und selbst wenn gesundheitlich alles gut geht, ist der langfristige Erfolg keinesfalls garantiert. Nur, weil es keinen Hand- oder Volley- und weniger Fußball zu sehen geben wird, muss sich die übrige Sportwelt nicht zwangsläufig plötzlich für Basketball interessieren. Zudem fraglich ist, ob das Turnier überhaupt sportlichen Wert und damit den erhofften werblichen Effekt hätte. Während die Spitzengruppe ihre Kader größtenteils zusammenhalten konnten, trennte sich die BG Göttingen als wahrscheinlich kleinstes der teilnehmenden Teams von gleich zwei Leistungsträgern. Kyan Anderson und Dylan Osetkowski lösten bereits im März ihre Verträge auf und kehrten in die Heimat zurück. Während bei Anderson die Entscheidung noch offen ist, sagte Osetkowski der BG bereits ab. Auch Adam Waleskowski wird vorerst nicht mehr für die Veilchen auflaufen. Die zwei Wochen Vorbereitungszeit reichen dem 37-Jährigen nicht aus, um seinen Körper rechtzeitig wieder in Wettkampf-Form zu bringen.

Auch diejenigen, die aller Wahrscheinlichkeit nach spielen werden, sind von den Plänen der Liga nicht durchweg begeistert. Nach einer zweimonatigen Pause ein mehrwöchiges Turnier zu spielen, birgt ein gewisses Verletzungsrisiko. Gerade diejenigen, die am Ende ihre Knochen hinhalten müssen, wurden bisher kaum gehört. “Für mich ist es extrem Schwierig”, sagte ALBA-Profi Niels Giffey, “Ich denke, dass wir noch darüber reden müssen und werden, dass wir als Spieler eine Stimme haben.” Für einen könnte sich der Auftritt in den Playoffs besonders lohnen: Killian Hayes, Point Guard von ratiopharm Ulm, gilt als einer der besten Spielmacher im kommenden NBA-Draft. Während seine College-Konkurrenz zum Zuschauen verdammt ist, könnte der junge Franzose zeigen, warum in ihm einige einen potentiellen Top-Pick sehen. Gewinner gibt es derzeit wenige. Killian Hayes könnte einer werden.

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