Cleveland Cavaliers, Golden State Warriors, Playoffs 2015

Game 4: Cleveland Cavaliers vs. Golden State Warriors

Regression zur Mitte

Nach den überraschenden engen ersten drei Spielen und zwei ebenso überraschenden Siegen der Cavaliers war Spiel 4 im Vorfeld ein absolutes Schlüsselspiel für die Warriors. Ein aus einer Niederlage resultierendes 3-1 würde das Team unter immensen Druck setzen. Mit einem Sieg hätte man den Heimvorteil zurück erobert und eine Best-of-Three Serie vor der Brust.

Golden State setzte sich schlussendlich mit 103-82 durch, auch wenn das Ergebnis deutlicher ausfällt als der Spielverlauf dies vermuten lässt. Zwischenzeitlich waren die Cavs im dritten Viertel bis auf wenige Punkte herangekommen. In gewohnter Go-to-Guys-Manier folgen nun einige Auffälligkeiten und Knackpunkte des Spiels:

Kerrs Adjustments

Steve Kerr war nach drei schwächeren offensiven Vorstellungen gezwungen, Adjustments zu tätigen, welche in engen Playoffserien elementar für die Coaches sind. Resultat hiervon war u. a. die Hereinnahme von Andre Iguodala in die Starting Five für den bislang nutzlosen Bogut. Man konnte also gleich zu Beginn mit der bevorzugten Small Ball-Aufstellung spielen und zwang so den Gegner wiederum zu Justierungen der Defense.

Die kleine Aufstellung führte zu mehr Spacing, was insbesondere für Stephen Curry wichtig war. Er wurde weiterhin gedoppelt, konnte durch den größeren Platz aber seine Pässe viel besser anbringen und seine Mitspieler besser in Szene setzen.

Defensiv änderte Kerr vor allem die Verteidigung gegen LeBron James. Er wurde „getrappt“ und wesentlich öfter gedoppelt, in Isolationen wurde er vom Verteidiger viel früher aufgenommen. Teilweise klebte der Defender (oft Iggy) schon nach James´ Überquerung der Mittellinie an ihm. James sollte durch diese Taktik müde gemacht werden und weniger oft an seine Sweet Spots gelangen. Teilweise hatte es Erfolg. LeBron war wesentlich zurückhaltender und forcierte weniger eigene Abschlüsse.

Das teilweise massive Doppeln LeBrons war eine klare Botschaft an die anderen Cavs-Spieler: Wenn heute jemand die Dubs schlägt, müssen es die „anderen“ sein. Die Abschlüsse von James wären gegen die Double- und Triple Teams oftmals viel zu schwierig gewesen, sodass er oft den Ball an die dann freien Dellavedova, Smith und Shumpert abgab. Diese Defensivtaktik war grundsätzlich dem sehr ähnlich, was die Cavs ihrerseits defensiv tun.

Zu wenig LeBron

Nichtsdestotrotz lag es nicht nur an der Defense der Warriors, dass LeBron ein schwaches Spiel hatte. Einerseits schaffte die Cavs-Offensive es fast nie, LeBron den Ball tiefer im Post zu geben oder für ihn günstigere Pick ‘n’ Roll-Mismatches zu kreieren. Andererseits wirkte LeBron selbst zögerlich und passte selbst in Situationen, in denen er in den ersten drei Spielen den eigenen Wurf suchte, den Ball weg. Er muss realisieren, dass „Delly“ und Co. die Warriors nicht schlagen können. Vergessen sollte man aber nicht, dass die Müdigkeit jetzt eine große Rolle spielt. James stand vor heute Nacht ca. 47 min pro Spiel auf dem Parkett. Ihm fehlt wahrscheinlich einfach die Kraft, um weiterhin dieses immense Volumen zu schultern.

Dies würde auch erklären, warum er so selten an der Freiwurflinie war. Ich schrieb bereits in der Memphis-Portland-Serie darüber, wie wichtig der Freiwurf ist, um trotz schwacher Feldwurfquote effizient zu scoren. In den beiden Siegen war James 12 bzw. 18 mal an der Linie, heute Nacht waren es nur zehn Versuche bei nur fünf Treffern. Das ist viel zu wenig.

Auffällig war zudem, dass Kerr David Lee als ersten Spieler von der Bank ins Spiel brachte, da dieser im vorherigen Spiel sehr effektiv auftrat und im Pick n Roll gute Entscheidungen traf. Diese Anpassung Kerrs hatte zur Folge, dass Cleveland mit dem Switchen begann.

It’s all about the Pace

Ein wichtiger Knackpunkt der bisherigen Serie ist Clevelands Erfolg, die Pace an ihr Niveau anzupassen. Die Warriors waren in der regulären Saison das Team mit den meisten Abschlüssen pro Spiel. Das langsame Halfcourt-Game Clevelands schmeckt ihnen überhaupt nicht. Heute Nacht versuchten sie ständig, die Pace zu pushen und mehr ihrem Gusto anzupassen. Offensiv gelang dies nach Korberfolgen des Gegners durch „Outlet“-Pässe, wobei ein Spieler direkt nach vorne rannte. Dies führte zu mehreren einfachen Iggy- oder Green-Dunks/Layups. Nach dem Defensivrebound wurde ebenso direkt nach vorne gesprintet. Die Taktik ging ziemlich gut auf.

Defensiv waren sie bestrebt, die Cavs ebenso zu schnellen Abschlüssen zu zwingen. Auch dies war ein Nebeneffekt des Doppelns von James. LeBron wurde zu schnelleren Entscheidungen gezwungen und teilweise führte es zu einer höheren Pace.

Keine Bank – Keine Investitionen

Ein großes Problem der Cavs tritt immer deutlicher zu Tage: die Ausfälle von Irving und Love. Als James zu Beginn des zweiten Viertels eine Pause nahm, brach für diese zwei Minuten die Offensive völlig ein. JR und Dellavedova können vereinzelt, aus der Not geboren, kreieren, aber als primäre Ballhandler sind sie völlig überfordert. Das gleiche Bild ergab sich bei James’ Pause im letzten Viertel. In der kurzen Zeitspanne, in der LeBron auf der Bank saß, wuchs der Vorsprung direkt auf über 10 Punkte an, was einer Vorentscheidung gleichkam.

Eine zweite negative Auswirkung der Verletzungen ist die dünne Rotation. Bereits nach Spiel drei wurde berichtet, dass Delly und LeBron mit starken Krämpfen zu kämpfen hatten und Infusionen erhielten. Diese Fitness-Probleme waren auch heute Nacht klar ersichtlich. Wie viele Spiele können die Cavs überhaupt noch durchhalten?

Russisch’ Roulette

Bedingt durch den Small Ball der Warriors wollten die Cavs offensiv ihre Größenvorteile ausspielen und die sich ergebenden Mismatches ausnutzen. Dies führte zu sehr vielen Touches für Tristan Thompson (6-10 FG, gutes Spiel) und insbesondere Mozgov, der ein famoses Spiel ablieferte. 28 Punkte aus 15 Würfen (bei 10/12 FTs) waren über weite Teile die offensive Lebensversicherung des Teams aus Ohio. Zumindest er konnte die kleine Aufstellung der Dubs bestrafen.

Defensive der Cavs und Regression zur Mitte

Die defensive Disziplin der Cavaliers bleibt auch nach dieser Niederlage faszinierend und unheimlich wichtig. Sie halten sich strikt an ihren Game-Plan: Curry wird on-ball fast immer gedoppelt (oder getrippelt), Klay wird in extrem enge Manndeckung genommen. Die Cavs forcieren 3-vs-4- bzw. 2-vs-3-Situationen für Green, Iggy, Barnes etc. Sie wollen, dass die Rollenspieler als Scorer und Playmaker agieren und geben diesen mehr Volumen als eigentlich gut für das Spiel der Dubs ist. Im dritten Viertel war die Cavs-Defense atemberaubend gut.

Dieser eigentlich sehr gute Plan, sich von dritten oder vierten Optionen schlagen zu lassen, ging heute Nacht schief.

Mit Regression zur Mitte ist gemeint, dass sich das Wurfglück nach Ausreißern nach unten (Barnes, Green) oder nach oben (Dellavedova) wieder dem Normalzustand annähert. Barnes traf 40 % seiner Dreier, Green 55 % aus dem Feld. Umgekehrt trafen Dellavedova (3/14 FGs), Smith (0/8 Dreier) und Shumpert (2/9 FGs) miserabel aus dem Feld und von der Dreierlinie, teilweise sogar extrem offene Würfe. Passend dazu der Tweet von Seth Partnow:

Das eine Team trifft, das andere nicht.

Die wohl seltsamste, weil überraschendste Rolle spielte natürlich Andre Iguodala. Als Sixers-Anhänger habe ich ihn in dem Großteil seiner Karriere beobachten können. Iggy hatte zwar immer tolle Fähigkeiten, war aber eigentlich nie ein Scorer, schon gar nicht per Wurf. Sein offensiver Output in dieser Serie war deshalb überhaupt nicht vorhersehbar und ist in gewisser Weise großes Glück für die Warriors. Zwar hat gerade er durch viele defensive Schemen der Cavs offene Würfe, aber die gibt man Iggy als Defensive gerne, weil er eigentlich ein schlechter Schütze ist. Langsam müssen sich die Cavs aber fragen, wie sie defensiv hier weiter vorgehen möchten. Überreagieren und Iguodala nun mehr Aufmerksamkeit schenken? Oder hoffen, dass auch endlich bei ihm Regression zur Mitte eintritt? Fakt ist: seine 22 Punkte bei 53,3 % aus dem Feld und 4/9 von der Dreierlinie waren ein Sargnagel auf Clevelands heutiger Blowout-Niederlage.

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