Philadelphia 76ers

Erwartungen übertroffen

Der Saisonstart von Sixers Rookie Ben Simmons in der Analyse
Screenshot: NBA League Pass

Der Saisonstart von Sixers Rookie Ben Simmons in der Analyse

Nachdem knapp ein Achtel der Saison für jedes Team absolviert wurde, blickt Go-to-Guys ein wenig genauer auf interessante Storylines verschiedener Teams. Heute geht es um die Philadelphia 76ers und ihren ungewöhnlichen sechs Fuß und elf Inches großen Point Guard Ben Simmons. Während seine Position bei traditionellen Berichterstattern immer wieder Fragen aufwirft („Ist er jetzt der Point Guard oder nicht?“), löst die GtG-Redaktion diese Frage schon seit Jahren mit Verweis auf die Rolle, die ein Spieler ausfüllt. Der Fokus dieses Artikels liegt darauf, den Rookie Ben Simmons als primären Ballhandler der Sixers zu Saisonbeginn zu evaluieren.


Bereits vor einem Jahr habe ich in Antizipation seines Debuts einen Artikel darüber geschrieben, worin Ben Simmons reüssieren und worin er sich noch verbessern muss, um die Erwartungen eines Superstars zu erfüllen. Durch seine Verletzung steigt er nun erst ein Jahr später in seiner Karriere ein.

Kurz zur Wiederholung und Einordnung: Ein Star in der dieser Liga sollte eine erste (Ball Handling-) Option sein, die effizient scoren und passen können muss. Playmaking, Scoring und ggf. Defense sind Attribute von NBA-Stars. Darüber hinaus ist in der modernen NBA der Dreier ungemein wichtig, sodass dieser auch im Repertoire eines Stars enthalten sein sollte. Ist dies nicht der Fall, so sollte der betrachtete Spieler effizient und häufig am Korb abschließen und oft an die Freiwurflinie kommen.

Der College-Spieler Ben Simmons erfüllte bis auf den Dreier alle Anforderungen. In Anbetracht der Tatsache, dass es als unwahrscheinlich gilt, dass er jemals ein respektabler Dreierschütze wird, ist es für ihn in NBA umso wichtiger, ein starker Finisher am Ring zu werden. Dazu müsste er aber eine Eigenart ablegen, die Kevin O’Connor und Tobias Berger schon aufzeigten: Simmons schließt fast nie mit seiner linken Hand ab und nimmt sogar seltsam aussehende off-balance-Layups mit der rechten Hand, um seine linke Hand zu umgehen:

Diese Art von „Korbleger“ war kein Einzelfall und steht repräsentativ für viele Aktionen, bei denen Simmons sowohl im College als auch in der Preseason nach links zog und unnötigerweise mit der rechten Hand abschloss. Im Folgenden soll nun analysiert werden, inwiefern Simmons in den obigen Teilbereichen in die Saison gestartet ist.

Abschluss mit der linken Hand bei Non-Jump Shots

Positiv fällt zunächst auf, dass Simmons Abschlüsse wie im obigen Video nahezu vermeidet. Des Weiteren lässt sich festhalten, dass der Australier zwar insgesamt immer noch deutlich häufiger mit der rechten Hand den Korbversuch probiert, jedoch ist dies deutlich weniger einseitig als noch zu LSU-Zeiten. Kevin O’Connor listete in seinem Artikel vom 06.11.17 detailliert alle Korbversuche von Simmons auf und konnte dabei zeigen, dass sich das Verhältnis verschoben hat. Benutzte Simmons vor dieser regulären Saison seine rechte Hand noch bei 96% aller Layups, so beträgt der Wert in der regulären Saison nur noch 79%. Vor dieser Saison kamen zudem nur 5% seiner „Close Shots“ (alles außer Layups und Jump Shots) mit der linken Hand. Auch hier konnte er in der bisherigen regulären Saison seinen Diversität unter Beweis stellen, indem er bei diesen Würfen bislang seine linke Hand in 18% der Fälle benutzt hat. Es ist im Hinblick auf die Verteidigungsleistung, die nun gegen ihn nötig ist, definitiv die richtige Entwicklung. Der Abschluss über die rechte Hand und damit auch der Drive über rechts sind nach wie vor bevorzugt, jedoch benutzt er seine off-Hand auch, wenn er über die andere Seite dribbelt:

In dieser Szene drivt er vom rechten Flügel aus in die Zone und geht links an der Defense vorbei, um dann mit seiner linken Hand per Finger Roll zwei Punkte zu erzielen. Zu Collegezeiten hätte er wahrscheinlich wieder in der Luft die Hand gewechselt und den Abschluss mit rechts versucht.

Scoring

Der anvisierte Schritt zum Franchiseplayer kann nur funktionieren, wenn Simmons selbst genügend punktet, um für die Defensive jederzeit eine doppelte Gefahr dazustellen, die neben den Punkten auch den entscheidenden Pass spielen kann.

Simmons ist trotz seines Rookie-Status’ bislang wohl der beste Spieler der 76ers, noch vor Joel Embiid. Er konnte die prä-saisonalen Erwartungen hinsichtlich des eigenen Scorings bislang leicht übertreffen. Seine Zurückhaltung und seine Probleme beim Abschluss in der Summer League 2016 und Preseason 2017 legten einen eher niedrigen Maßstab an. Darüber hinaus sind Rookies gerade zu Beginn einer Spielzeit eher überfordert und scoren im Laufe der Saison besser und effizienter. Nach dem Utah-Spiel steht er bei 17.8 Punkten und 15 Würfen, die er pro Spiel nimmt. Dies zeigt, dass er, mehr als vermutet, den eigenen Abschluss sucht. Seine FG % beträgt 48,7 % (noch keinen Dreier versucht), wobei gerade das letzte, schlechte Spiel gegen Utah diesen Wert von 52 % aus herunter zieht.

Sein Abschlussprofil ist in etwa das, was man von einem Spieler ohne Jumpshot erwarten würde (Stand: 09.11.2017):

Entfernung

0-3 Fuß

3-10 Fuß

10-16 Fuß

> 16 Fuß

% FGA

41

28

23

4

FG %

69

38

29

67

Simmons zieht viel zum Korb und schließt dort relativ effizient ab. Dies gelingt hauptsächlich über zwei Wege: Einerseits nutzt er den Drive, um zum Ring zu gelangen. Simmons ist so schnell, athletisch und kräftig, dass er trotz absinkender Verteidigung  mit seinem schnellen ersten Schritt vorbei ziehen kann.

Oder er nutzt seine Größe, um noch einen einigermaßen wenig contesteten Wurf abzugeben, wo vergleichbare Ballhandler ohne Wurf keine Chance hätten.

Andererseits nutzt er das Post-Up. Je nach dem, wenn ein kleiner Verteidiger der Gegner gegen Simmons agiert, begibt sich Simmons relativ schnell in den Post. Gerade wenn gegnerische, „echte“ Point Guards Simmons verteidigen, haben sie bisweilen keine Chance, den Australier vom Punkten abzuhalten.

Rein körperlich ist Simmons ein wandelndes Mismatch. Er ist so schnell wie die meisten kleinen Spieler der Liga, aber deutlich größer und kräftiger als jene. Mit ihnen geht er sofort in den Post (s.o.). Umgekehrt sind die meisten größeren Spieler zu langsam für Simmons, wonach er dann mehr vom Perimeter agiert.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle die Tatsache, dass er natürlich von Embiid profitiert. Sind die zwei zusammen auf dem Feld, sorgt Embiids Gravity häufig für einfache Abschlüsse, weil die Defensive Embiid nicht aus den Augen verlieren will.

Bei einem gestandenen Spieler wäre obiges Profil anders zu bewerten als bei einem Rookie. Die Häufigkeit schlechter Abschlüsse zwischen 3 und 16 Fuß ist zu ausgeprägt. Aber bei einem Spieler, der ausprobieren soll, der in einer echten Wettbewerbssituation Würfe trainieren soll, kann man mit der Wurfverteilung leben.


Ben Simmons nimmt 5,3 Freiwürfe pro Spiel, was einer FTaR von 35% entspricht. Dies ist kein schlechter Wert, aber noch deutlich unter seiner Collegerate. In Zukunft sollte er versuchen, mehr Freiwürfe zu ziehen.

Sein ORtg beträgt 105 bei einer Usagerate von 25%. Simmons beeinflusst bereits einen großen Teil der Sixers-Abschlüsse und agiert dabei mit einer soliden Effizienz.

Bemerkenswert ist ferner, dass Simmons’ eigene Abschlüsse zum großen Teil unassistiert sind (67%). Dies ist normalerweise ein guter Indikator, da Starspieler oft einen hohen Anteil an assistierten Würfen haben. Es ist der schwierigste Skill im Basketball, für sich selbst (und andere) Offense zu kreieren, deshalb ist der Anteil an assistierten Würfen bei dieser Kategorie Spieler klein.

Für die langfristige Entwicklung wäre es natürlich äußerst hilfreich, wenn Simmons tatsächlich einen Jump Shot (bestenfalls mit Dreier) ins Repertoire bekäme. Für die erste Saison reicht es aber zunächst, dass er diese Würfe zumindest ab und zu probiert. Wenn der primäre Defender unter dem Screen durchgeht und die Verteidigung die restlichen Driving Lanes zustopft, so muss Simmons in der Lage sein, dies zu bestrafen. Bislang probierte er 29 solcher Würfe (alle aus dem Dribbling, kein Catch & Shoot-Wurf bislang) und traf dabei 48%. Hier bestraft er die Rockets-Defensive, als sie den Screen „under“ verteidigen.


Anhand seiner Playtypes sieht man, dass Simmons’ Offensive hauptsächlich durch Isolation, Transition und als Ballhandler im Pick’n’Roll zustande kommt. Gerade in der Isolation überzeugt der Sixer bislang, wo er mit 1,05 PPP zum 75. Perzentil gehört. Seine Werte als PnR-Ballhandler sind zwar noch schwach, jedoch ist die Frequenz (die zwölftmeisten der Liga) für einen Rookie in einem Team mit Playoff-Aussichten mehr als bemerkenswert. Zweitens listet Synergy in diesem Playtype auch nur die Effizienz des eigenen Abschlusses auf und nicht, inwiefern der Ballhandler daraus Abschlüsse für andere kreiert.

Playmaking

Während Simmons als Scorer bislang nur andeutet, welches Potential in ihm schlummert, so sind seine Fähigkeiten als Playmaker, als „Point Guard“, der die Offensive leiten soll, bereits auf dem Level eines gestandenen NBA-Stars. Simmons hat den Ball nahezu in jeder Possession in der Hand und trifft die meisten Entscheidungen.

Simmons hat pro Spiel die meisten Touches der Liga (101,7), die elftgrößte Ballbesitzzeit (7,0 min/g) und die meisten Pässe der Liga gespielt (75,4 pro Spiel). Dies zeigt erneut, dass die Usage Rate von basketball-reference sehr stark von den Würfen abhängt, die ein Spieler nimmt. Die Wichtigkeit und offensive Rolle wird nur teilweise erfasst. Anhand obiger Zahlen wird deutlich, wie viel Simmons in die Arbeit am Ball involviert ist.

Dabei überzeugt er bereits als Playmaker. Er ist auf Platz 6 in Assists, Platz 4 bei den Secondary Assists und Platz 5 bei den Potential Assists. Er kreiert seinen Mitspielern viele leichte Körbe (dazu später mehr), findet offene Mitspieler sowohl aus Double-Teams als auch aus dem Drive oder aus dem Post-Up. Wenn es ein Wort gibt, das seine Fähigkeiten am Ball am besten beschreibt, wäre es Kontrolle. Simmons macht nahezu keine Rookie-Fehler, überdreht nie und wirkt immer unfassbar kontrolliert. Er spielt mit dem Tempo und weiß, wann er dieses drosseln muss und wann er zu beschleunigen hat.

Was aber durchaus am meisten beeindruckt, ist seine geringe Turnover-Anfälligkeit, die nicht nur für einen Rookie exzellent ist, sondern auch für die meisten gestandenen Profis erstrebenswert wäre, gerade im Hinblick auf seine große Rolle. Seine 3,6 Turnovers pro Spiel ergeben gerade einmal 3,54 TOs pro 100 Touches. Damit liegt er deutlich unter den Werten von Westbrook, Harden, James, George und Wall aus dem letzten Jahr, obwohl er den Ball mindestens so oft in der Hand hält wie jene Stars. Auch seine 0,51 TOs pro Minute Ballbesitzzeit spielen in einer Liga mit dem letztjährigen John Wall und sind besser als die Werte von Harden, Westbrook und James.

Der Sixer ist einer der Spieler mit den meisten Drives pro Spiel (18,2), verliert den Ball aber nur in 3,8 % seiner Drives, was einer der besten Werte der Liga ist. Wall, Westbrook und DeRozan setzen den Drive etwa genauso oft ein, verlieren ihn aber fast doppelt so oft.

Schaut man sich die begangenen Turnovers genauer an, fällt auf, dass bislang nur starke 42% seiner Ballverluste Live-Ball-Turnovers waren. Zudem war in 36% der Fälle der Ballverlust nicht unbedingt seine Schuld bzw. der Referee tätigte einen zweifelhaften Pfiff gegen Simmons.

Dass Simmons nicht nur gut in der Fehlervermeidung, sondern auch bereits ein sehr guter Playmaker ist, zeigt ein Blick aufs Tape. Simmons findet seine Mitspieler für einfache Punkte aus jeder Lage.

Aus dem Drive-and-Kick:

Aus dem Drive mit einem Bodenpass für den einfach Amir Johnson Layup:

Mit dem schwierigen Bodenpass in Semi-Transition für einen Cutter:

Behind the back Pass für einen offenen Pick´n´Pop-Dreier:

Im Folgenden Play kommt sein exzellentes Passing besonders zur Geltung. Er spielt einen perfekt getimten Lob Pass zum rollenden Embiid, den nur der Mitspieler erreichen kann. Simmons Größe und Passgefühl machen dies erst möglich. Am Ende des Spiels gelang den beiden ein nahezu identisches Play.

Simmons macht so oft das richtige Play, die Besonderheit seines Playmakings wird aber dann deutlich, wenn er solche Reads macht:

Er sieht hier dank seiner Größe über die Verteidiger hinweg und spielt einen Laser in die Ecke für den Eckendreier.

Im folgenden Ballbesitz sieht der Pass schon sehr LeBron-esk aus:

Hier ist es zwar nicht Simmons, der den Assist spielt, aber er kreiert überhaupt erst die Möglichkeit für diesen Dreier mit diesem tollen Pass in die Ecke zu TJ McConnell.


Kurz ein paar Worte zu seiner Defensive: Das Hauptproblem der Evaluierung vom Defender Simmons als Prospect war, dass er bei LSU fast nie Interesse zeigte, überhaupt zu verteidigen. Die physischen Tools waren zwar da, aber gute Verteidigung bedarf vor allem Basketball-IQ und Einsatz.

Bislang sieht Simmons wie ein potentiell guter Defender aus. Überragende Spiele wie gegen Utah sind ebenso dabei wie schlechte Partien (Atlanta). On-ball überzeugt er, bis auf 1-gegen-1-Situationen gegen kleine, flinke Point Guards wie Dennis Schröder, dank seiner Kombination aus Kraft, Schnelligkeit und Fußarbeit durch die Bank weg.

Besonders stark ist er, wenn er die Gegenspieler liest und Situationen vorher antizipiert. Sein offensiver Basketball-IQ scheint sich zu übertragen und erlaubte ihm so schon mehrfach Steals.

Die Probleme ergeben sich eher off-ball, wenn er weder antizipieren noch direkt gegen den Ball agieren kann. Er verliert seinen Gegenspieler aus den Augen, verschläft noch Rotationen und schaut noch zu viel auf den Ball. Aber insgesamt sind bis dato gezeigten Leistungen ermutigend.

Fazit

Rookies sind schlechte NBA-Spieler. Diese Regel gilt normalerweise immer. Selbst viele Nummer-1-Picks haben oft einen negativen Gesamt-Impact. Dies gilt nicht für Simmons. Ein Grund dafür könnte daran liegen, dass er durch sein Redshirt-Jahr kein normaler Rookie ist. Aber dadurch lässt sich nicht alles erklären. Wahrscheinlich ist der Point Power Guard Center einfach ein immenses Talent, das den Sport besser versteht als die meisten.  Sein Saisonstart macht Hoffnung auf mehr und lässt sogar den skeptischen Verfasser dieses Artikels seine Erwartungen an Simmons’ Karriere überdenken. Kann der Australier sein Scoringtalent weiterhin verbessern, wie er es bis dato schon getan hat, dann wird er bald dank seiner Two-Way-Fähigkeiten zu den 10 besten Spielern der NBA gehören.

Stats via basketball-reference.com und nba-com/stats; Stand: 09.11.17, nach dem Auswärtsspiel bei den Utah Jazz

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