Oklahoma City Thunder

Sam Prestis Teambuilding

Warum die Strategie der Thunder besser ist als ihr Ruf
© Michael Tipton, CC-BY-SA-2.0

Rückblende, ein Jahr in die Vergangenheit. Die Thunder haben gerade Kevin Durant und damit defacto die Hälfte ihres Teams verloren. General Manager Sam steht vor einem Scherbenhaufen, denn das bisherige Team war komplett auf die Koexistenz der beiden Superstars Durant und Russell Westbrook ausgerichtet. Dazu kommt, dass alle relevanten Free Agents schon woanders unterschrieben haben. Presti hat kaum Spielraum – nutzt diesen aber, um Alex Abrines aus Spanien zu verpflichten und Westbrook eine lukrative Vertragsverlängerung zu geben. 42 Triple-Doubles, ein Erstrundenaus und eine Transferperiode später stehen die Thunder mit der wohl besten Offseason der Liga da und mit Paul George ist wieder ein zweiter Star in der Stadt und auch sonst wurde das Team deutlich verstärkt. Nicht nur für die Mannschaft war dieser Sommer eine einzige Rehabilitierungsmaßnahme, sondern auch General Manager Presti konnte seinen zuletzt ramponierten Ruf deutlich aufbessern. Schon immer war seine Strategie, seine Trade-Entscheidungen, seine Attitüde hochumstritten gewesen. Mit den Ereignissen des Sommers 2016 hatten fast alle sie für untauglich erklärt. Doch im Sommer 2017 konnte Presti zeigen, dass sich seine kontinuierliche, vorausschauende Arbeit im Small-Market-Standort Oklahoma City trotzdem auszahlt.

Trauma Harden-Trade? 

Prestis Bilanz als Thunder-GM erscheint für den neutralen Beobachter wechselhaft: Drei erfolgreiche Drafts, NBA-Finals 2012, die Dynastie am Horizont, Harden-Trade. Presti wurde zerrissen für diesen Trade, allen voran von Bill Simmons. Die Wörter „Harden“, „Trade“ und „Presti“ werden wohl für immer verknüpft sein. In der Retrospektive sieht der Trade auch wahrlich nicht gut aus: während der damalige 6th-man Harden inzwischen zu den besten fünf Spielern der NBA gehört, bekamen die Thunder unterm Strich in Alex Abrines und Steven Adams nur zwei (gute) Rollenspieler. In derselben Retrospektive ist der Trade innerhalb des langfristigen Plans Prestis, der vollständig darauf ausgerichtet war, im Sommer 2016 das für Kevin Durant bestmögliche Team zu stellen, nur konsequent. Wir wissen nicht, warum Kevin Durant die Thunder letztlich verließ, doch sein Abgang ließ Presti und seinen langfristigen Plan zunächst richtig alt aussehen. Letztlich hat Prestis Arbeit trotz mancher Fehlentscheidung aber dafür gesorgt, dass die Thunder nicht wie andere Teams nach dem Abgang ihres Superstars über Jahre in die Lottery abgerutscht sind.

Fixpunkt Flexibilität

Doch der Reihe nach. Zwar soll es hier nicht um eine umfassende Historie der Transaktionen der Thunder gehen – das wäre dann doch etwas langweilig – aber ohne eine Einordnung der wichtigsten Entscheidungen Prestis ist seine Strategie schwer zu packen. Im Prinzip operiert Presti immer an drei Grundprinzipien entlang: (finanzielle) Flexibilität, Kontrolle und Augenmerk auf die langfristige sportliche Wettbewerbsfähigkeit des Teams. Erstmals wurde das beim angesprochenen Harden-Trade deutlich: Harden wollte keine vorzeitige Vertragsverlängerung. Damit war sein Vertrag für Presti trotz Restricted Free Agency nur noch schwer zu kontrollieren und gefährdete angesichts der für damalige Verhältnisse sehr hohen Gehaltsforderungen zudem die langfristige finanzielle Flexibilität des Teams. Gerade bei werdenden Restricted Free Agents ging Presti bisher fast immer nach dem Muster „vorzeitige Verlängerung oder Trade“ vor. Beispiele für beide Seiten finden sich genug: Russell Westbrook, Kevin Durant, Serge Ibaka, Steven Adams oder Victor Oladipo wurden verlängert, während Spieler wie Jeff Green und Reggie Jackson gehen mussten.

Ebenso tradedete Presti bisher eher selten für Spieler mit auslaufendem Vertrag, ohne vorher (wie zum Beispiel bei Kendrick Perkins), die Garantie einer Verlängerung zu haben. Ausnahmen stellen Taj Gibson und Enes Kanter da. Für ersteren wurde kaum ein nennenswerter Gegenwert abgegeben, der zweite im Sommer darauf via Restricted Free Agency verlängert.

Wichtigster Tag des Jahres: Draftday

Genauso verdient die Fixierung Prestis auf die Draft hohe Aufmerksamkeit. Zwar werden Draftpicks heutzutage von allen Teams mehr wertgeschätzt als noch vor Jahren, doch bei Presti geht diese Wertschätzung fast schon ins Absurde. Über Jahre wurden fast alle wichtigen Spieler von Presti selbst gedraftet oder am Drafttag ertraded: Durant, Green, Westbrook, Harden, Ibaka, Jackson, Adams. Das ist insofern logisch, als dass bis zu diesem Sommer die beste Free-Agent-Verpflichtung, die die Thunder in ihrer Franchise-Geschichte aufweisen konnten, Anthony Morrow war. Verhandlungen mit Spielern wir Pau Gasol scheiterten immer wieder. Daraus ergibt sich auch das oft kritisierte Zögern Prestis, Draftpicks oder auch allgemein junge Talente für fertige Spieler zu vertraden: denn damit nähme er sich die Flexibilität, diese Spieler langfristig zu halten. Ein gedrafteter Spieler bleibt dagegen aufgrund der Restricted Free Agency meistens mindestens 7 Jahre beim Team, sofern dieses das möchte. Insgesamt gab Presti dreimal einen eigenen, zukünftigen Draftpick ab und bekam dafür Dion Waiters, Enes Kanter und Jerami Grant. Alle drei Spieler fallen bzw. fielen damals eher unter die Kategorie „Projekt“ als „fertige Spieler“. Besonders die ersten beiden Entscheidungen haben jedoch dazu beigetragen, dass Prestis Ruf in letzter Zeit gelitten hat. Waiters konnte bei den Thunder nie eine effiziente Scoring-Option sein und verließ das Team nach eineinhalb Jahren, Enes Kanter ist in der Verteidigung weiter ein schwarzes Loch und wurde darüber hinaus auch noch mit einem monströsen Vertrag ausgestattet. Presti hält viel von jungen Spielern: ihre Verträge sind meistens im Vergleich spottbillig, sie können sich sportlich noch entwickeln und er ging in den Fällen Waiters und Kanter das Risiko ein und hoffte, dass sie ihre Schwächen beheben und sich zu guten NBA-(Rollen)spielern entwickeln würden. Der Lohn dafür blieb aus; insofern ist die geäußerte Kritik an dem Vorgehen berechtigt.

Nicht alles ist Gold, was glänzt

An einer ähnlichen Stelle setzt auch ein weiterer berechtigter Kritikpunkt an Prestis Strategie an. Durch die ständige Verjüngung des Teams und die Fixierung auf Potential hatten die Stars vor allem in den Jahren nach 2013 kaum Unterstützung durch erfahrene Spieler, da wichtige Rollenspieler wie Thabo Sefolosha, Kevin Martin, Derek Fisher oder Kendrick Perkins abgegeben wurden. Ersetzt wurden sie anschließend durch Spieler, die ihre Rolle in der NBA erst noch finden mussten. Andre Roberson ist beispielsweise heute ein besserer Verteidiger als Sefolosha es jemals war, musste diese Entwicklung aber als integraler Teil eines Spitzenteams durchlaufen. Darüber hinaus wird oft die Kritik geäußert, dass Presti die Zeichen der Zeit nicht erkannt habe und immer noch zu wenig auf Shooting zu setzen. In der Tat ist eines der hauptsächlichen Merkmale, nach denen der GM seine Spieler auswählt, Athletik und weniger ein guter Wurf. Zwar wurden in der Vergangenheit immer mal wieder auch kleinere Lineups ausprobiert, aber Presti stellte eben nicht wirklich die dafür benötigten Spieler zur Verfügung. Beide Kritikpunkte sind also valide; während der erstere jedoch in der Small-Market-Strategie des GMs eingepreist ist und sich diese Nebenwirkungen unter den gegebenen Bedingungen kaum sinnvoll verhindern lassen, muss sich Presti für seinen Hang zu Spielern ohne Wurf als (große) Schwäche ankreiden lassen.

Wie passt der George-Trade da hinein?

Der Trade für Paul George mag in diesem Zusammenhang für viele überraschend gekommen sein. Denn er passt auf den ersten Blick so überhaupt nicht zum bisherigen Handeln der Franchise. George ist im nächsten Sommer wohl unrestriced Free Agent, Presti hat also keinerlei Kontrolle über seinen Verbleib. Gleichzeitig wurden mit Victor Oladipo und Domantas Sabonis junge Spieler mit durchaus noch vorhandenem Potential und langen Verträgen abgegeben. Dennoch ist George ein Star und sein Trade ist die logische Konsequenz aus der bisherigen Strategie. Statt dem bestmöglichen Team für Durant wird dieses jetzt Russell Westbrook zur Verfügung gestellt. Prestis Flexibilitäts-Doktrin macht es möglich, denn Presti hatte sich auf die Situation, für einen Star traden zu können, akribisch vorbereitet. Schon am Drafttag 2016 transferierte er Serge Ibaka für Victor Oladipo und Domantas Sabonis nach Orlando. Oladipo wurde dann im folgenden Oktober mit einem im Rückblick wohl zu hohen Vertrag ausgestattet. Das sorgte im Vorfeld der Free Agency für Kritik, aber nur deswegen konnte der Trade von eben jenen Oladipo und Sabonis gegen George unter den Regeln des CBA überhaupt zustande kommen. Hätte Presti den Shooting Guard Restricted Free Agent werden lassen, hätte er ihn in diesem Sommer nicht traden können. Somit bleibt auch der Preis überschaubar: mit Oladipo ein tendenziell überbezahlter Shooting-Guard, der bisher nicht wirklich ins Team passte und mit Sabonis ein junger Spieler mit Potential, aber auch einer enttäuschenden Rookie-Saison. Keine Draftpicks. Keine wirklich begehrten jungen Spieler. Oder wie Tim MacMahon es auf Twitter für den Fall eines Abgangs Georges im nächsten Sommer beschrieb:

Auch mit den weiteren Moves folgte Presti genau seinen Leitlinien. Er hatte Glück, dass der Markt im Gegensatz zum vergangenen Jahr ziemlich schnell ziemlich trocken war und konnte Andre Roberson im Vergleich zum Schnäppchenpreis halten (30 Millionen über drei Jahre), vermied mit der Verpflichtung des extrem gut passenden Patrick Pattersons für die Mini-MLE den Hardcap und konnte sich auch noch Raymond Felton zum Minimum sichern.

Das Risiko ist kalkulierbar, aber vorhanden 

Das einzige, was bisher nicht klappte, war die abermalige Verlängerung des Vertrages von Russell Westbrook. Für Presti wäre es ideal, wenn sein Superstar sich frühzeitig wirklich langfristig an die Franchise binden würde. Dann könnte er das Team um Westbrook ebenso langfristig nach den bekannten Mustern planen. So droht dank der Spieler-Optionen von Westbrook und George im nächsten Sommer die Wiederholung von 2016, diesmal jedoch in doppelter Ausführung. Im Anschluss daran müsste Presti dann wohl tatsächlich komplett neu aufbauen. Oder seinen Hut nehmen.

Der Trade für Paul George ist sowohl für die Thunder als auch für Sam Presti selbst also nicht ohne Risiko. Wenn George und Westbrook bleiben, hat sich jedoch exemplarisch gezeigt, dass auch eine vorsichtige, auf Entwicklung, Flexibilität und Potential setzende Strategie trotz Fehlern und Rückschlägen erfolgreich sein kann, gerade in einem kleinen Markt. Die sich aus seinem Handeln ergebenden Spielräume hat Presti in diesem Sommer genutzt, um alles auf eine Karte zu setzen, die Russell Westbrooks Team wieder zu einem Contender machen soll. Ob der Einsatz sich auszahlen wird, wird das folgende Jahr zeigen.  

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