Gedanken, Miami Heat

CB three

Braucht Chris Bosh eine größere Rolle?

Braucht Chris Bosh eine größere Rolle?

Die Partie befindet sich in der Schlussminute. Es spielen die Miami Heat gegen die San Antonio Spurs. Die Texaner liegen vorne. Chris Bosh wird an der Dreierlinie angespielt und hatte eine freie Sicht auf den Korb. Er setzt zum Wurf an … und trifft.

Der aufmerksame Spielbeobachter wird sich beim Lesen der Zeilen wundern. Bosh hat den Dreier in Spiel 1 der NBA Finals kurz vor Ende der Partie doch auf und nicht in den Ring gesetzt. Korrekt. Die anfangs beschriebene Szene stammt allerdings auch aus der regulären Saison:

Ancient Regular Season

Die Miami Heat der Saison 2012/13: Die Mannschaft um LeBron James gewinnt 66 Spiele, davon 27 in Folge, und das Ganze mit einer hohen Punktedifferenz. Offensiv steht man zusammen mit den Oklahoma City Thunder ganz vorne, defensiv liegt man trotz lang anhaltender Meisterschaftslethargie in der Top-10. Eine Ausbeute, die sich sehen lassen kann. Das System, das Coach Spoelstra spielen lässt: Eine Armada an Schützen zieht das Feld auseinander und schafft Räume für Penetrations von James und Dwyane Wade. Für den gegnerischen Coach heißt es: Pick your Poison. Gerade in der regulären Saison ist man dem Ganzen noch viel stärker ausgeliefert. Jede zweite Nacht spielt man einen anderen Gegner und eine wirkliche Vorbereitung und individuelle Einstellung auf ein Team erfolgt nur im begrenzten Maße. Zudem ist die grundsätzliche Ausrichtung der meisten Mannschaften nicht darauf ausgerichtet, das talentierteste Team der NBA zu schlagen, sondern gegen die anderen 28 Mannschaft möglichst oft zu gewinnen. Zu den angesprochenen Schützen gehört auch Bosh. In Toronto galt er noch als designierter Nachfolger von Dirk Nowitzki und Kevin Garnett, als bester kommender Power Forward. Dass er mit seinem Wechsel zu den Heat Spielanteile und auch Ruhm abgeben bzw. teilen muss, war ihm sicherlich auch im Sommer 2010 bereits klar. Aber ob er sich bloß in der aktuellen Rolle gesehen hat?

In der regulären Saison lief es hervorragend. Bosh ließ sich die Würfe aus der Mitteldistanz ohne eigene Mühen von James auf dem Silbertablett servieren und er traf diese Würfe mit einer traumhaften Effizienz. Fünf Würfe aus Distanz ’16-23 feet’, 86% durch Assists für eine Quote von 53%. Zehn Prozentpunkte besser als in seinem letzten Jahr bei den Raptors. Die simple, aber effiziente Offense lief dank Boshs Fähigkeit, als Großer lange Würfe zu versenken. Es regnete Siege und es gab demzufolge keinen Grund, etwas anzuzweifeln. ‘Never change a running system’ heißt es bekanntlich. Coach Spoelstra wusste auch, wen er loben musste:

“He [Chris Bosh] is our most important player for a reason. We’ve said that for three seasons.”

Welcome to the Future

Die Playoffs sind allerdings ein anderes Kapitel. Die Mannschaften und Trainer wissen, dass sie vier bis sieben Male gegen dasselbe Team spielen werden, somit haben und nutzen sie die Gelegenheit, sich akribisch auf den Gegner aufzubereiten und Analysen jeglicher Art durchzuführen. In Cleveland konnte LeBron James beweisen, dass er für eine sehr gute Bilanz in der regulären Saison (bspw. 66 Siege mit Maurice Williams als zweite Geige) bei seinen Mitspielern nur bestimmte Fähigkeiten (bspw. Wurfstärke, Defense), aber kein besonders hohes Talent benötigt. In den Playoffs sah es anders aus. Jetzt ist das Talent da, aber die Performance gleicht die eines Rollenspielers. Gemeint ist Chris Bosh.

chrisboshsadDer Nutzen, wenn Bosh sich vom Korb entfernt, um Räume für James bei seinen Penetrations oder seinem Spiel im Low-Post zu schaffen, dürften keinem entgehen, aber heißt es denn, dass er nicht anderes machen sollte, als Räume zu schaffen? Den Pacers und Spurs ist es gelungen bzw. gelingt es derzeit, Bosh über seine Comfort-Zone hinaus an die Dreierlinie zu drängen. In der regulären Saison nahm Bosh einen Dreier pro Partie und traf diese mit einer Quote von 28,4% (ähnlicher Karriere-Durchschnitt). Auch wenn er in der Serie gegen Indiana seine 16 Dreier mit einer sehr guten Quote traf, sind dies natürlich Würfe, die man ihm durchaus geben kann und will. Zu beobachten war es auch im ersten Spiel der Finals. Auf Anweisung von Coach Popovich reagierten die Spurs-Verteidiger sehr zurückhaltend, wenn Bosh oberhalb der Birne an der Drei-Punkt-Linie stand. Von seinen vier freien Dreiern könnte er keinen versenken.

Es stellt sich die Frage: Hätte man in der regulären Saison gelegentlich vom erfolgreichen System abweichen sollen, um Wege zu suchen, wie man einen Bosh seinem Talent entsprechend auch anderweitig einsetzen kann, um letzlich eine Offense auf die Beine zu stellen, die variabler ist und auf diese Weise den Gegner vor weitaus größere Probleme stellen kann? Auch mit dem Risiko vielleicht das eine oder andere Spiele weniger zu gewinnen bzw. am Ende schlechtere Zahlen in der regulären Saison zu haben, aber für die Playoffs besser aufgestellt zu sein?

Ohne populistisch klingen zu wollen, könnte man durchaus argumentieren, dass ein Ryan Anderson in derselben Rolle offensiv wohl mehr leisten würde als Bosh, da dieser über einen noch besseren Wurf bei längerer Range verfügt. Beim Talent Boshs darf es natürlich nicht sein, dass man überhaupt auf die Idee kommt, solch eine Aussage zu tätigen. Nach Spiel 6 der Eastern Conference Finals hatte Dwyane Wade eine ähnliche Ansicht:

“We’ve got to do a good job of making sure me and Chris have our opportunities to succeed throughout the game. That’s something we’re going to have to look at as a team.”

An der Grundausrichtung der Heat (Priorität #1: Spacing, auch dank Bosh) gibt es nichts zu bemängeln, aber Coach Spoelstra muss sich vorwerfen lassen, dass es ihm nicht gelingt, für Bosh in bestimmten Momenten und Spielsituationen Plays zu laufen, die seinem Talent und seinen Fähigkeiten entsprechen, und dem Team die Möglichkeit geben würden, James zu entlasten. Es darf doch nicht sein, dass die Massenmedien und einige Fans den “LeBron James hat keinen Supporting Cast”-Chor aus Cleveland anstimmen können. Ein talentierter Big Man, der allerdings zu oft an der Drei-Punkt-Linie steht, ist allerdings wie Öl auf den Stimmbändern. Sich einem Team unterzuordnen sollte nicht in Verschwendung münden.

heatteam

Finals Again

Man könnte – zurecht – anmerken, dass die Heat zum dritten Mal im Folge im Finale stehen und auch die Offense oftmals läuft und – bspw. gegen Indiana – die Defense am Brett und das Rebounding die wirklichen Problemfelder und Gründe waren, weshalb die Serie über sieben Spiele ging. Es ist auch der Beweis, über welches Talentlevel diese Mannschaft verfügt und als NBA-Beobachter muss man auch froh darüber sein, dass es dem Trainerstab noch nicht gelungen ist, das spielerische Optimum aus dieser Mannschaft zu holen. Ansonsten hätte der Spannungsbogen der NBA eine Ähnlichkeit mit einer Gerade. Demzufolge ist natürlich auch der Maßstab entsprechend hoch anzusetzen und auf dieser Basis offenbart sich noch Verbesserungspotential der Mannschaft aus South Beach … auch wenn außerhalb der Partymetropole die Hoffnung bestehen sollte, dass dieses Potential nicht weiter realisiert wird.

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