3-on-1 Fastbreak, Chicago Bulls, Los Angeles Clippers, New York Knicks

Die Verlierer der NBA Offseason 2017

3-on-1 Fastbreak #16

Wie jedes Jahr gibt es einige Teams mit sehr fragwürdigen Entscheidungen in der Offseason. Ob es ein schlechter Draft, verlorene Trades oder zu teure Verträge sind: Es kann viel schief laufen, und oft kommen auch mehrere Fehlschläge zusammen. Ein Blick auf unsere Kandidaten:

New York Knicks

Julian Lage: Die New York Knicks haben diese Offseason wohl den schlechtesten Eindruck aller Franchises hinterlassen – was angesichts der ‚Konkurrenz‘ in dieser Disziplin in den letzten Jahren durchaus beeindruckend ist. Wer planloser wirkt als die ebenfalls GM-losen Cavs und sich in Sachen Kompetenz von Nets und Kings abhängen lässt, muss sich einige Fragen gefallen lassen.

Aber erst ein Blick zurück: Wie kam es dazu, dass bei den Knicks zwischenzeitlich niemand mehr wirklich das Ruder in der Hand zu haben schien? Noch vor wenigen Wochen sah es so aus, als könnte Phil Jackson trotz der durch die Joakim Noah-Verpflichtung äußerst fragwürdigen letzten Offseason weiter die Geschicke der Franchise bestimmen. Wie in schon in der abgelaufenen Saison versuchte er auch in den letzten Monaten, Carmelo Anthony zum Waiven seiner No-Trade-Clause zu bewegen, um den vermeintlichen Franchise Player abzugeben. Auch sein Beharren auf der Triangle Offense spiegelte sich möglicherweise noch in der Draft-Entscheidung für Frank Ntilikina wieder. Auch wenn es vor dem ersten Saisonspiel klar zu früh ist, die Wahl zu beurteilen, wird hier das erste Problem deutlich: Der offensichtlich nicht mehr mit dem vollen Vertrauen von Besitzer James Dolan ausgestatte President of Basketball Operations durfte sechs Tage vor seinem Abschied Ende Juni noch eine wichtige Entscheidung fällen, die das Team auf Jahre beeinflussen wird. Wäre schon unmittelbar nach Saisonende eine Trennung von Jackson erfolgt, hätten die Knicks in aller Ruhe nach einem Nachfolger suchen können. Trotzdem hätte der neue GM möglicherweise noch die Zeit gehabt, einen für seine Pläne besser passenden Spieler zu ziehen.

So gingen die Knicks ohne klare Managementstrukturen in die Free Agency, wonach das Ergebnis gewissermaßen auch aussieht. Die ersten Tage verbrachte die Franchise mit der Suche nach einem Jackson-Nachfolger; David Griffin verzichtete aber beispielsweise von sich aus, wohl aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen über seine Entscheidungsfreiheit. Somit blieb die Free Agency-Gerüchteküche vorerst weitgehend ruhig, was an sich kein Fehler hätte sein müssen. Teure Veteranen-Verpflichtungen – etwa ein neuer Vertrag für Derrick Rose – oder ein Trade für Win-Now-Spieler hätten sicher nicht weitergeholfen. Stattdessen vorzuziehen wären jüngere Spieler, die in ihrer weiteren Entwicklung zu Kristaps Porzings. Das passierte mehr oder weniger, die Knicks gaben einem 24- und einem 25-jährigen praktisch ihren gesamten Cap Space. Das Problem: Keiner der beiden war für diese Summen gehandelt worden. Die letztjährige Rookie-Überraschung Ron Baker musste etwa seine Einigung mit den Knicks selbst verkünden, erhielt aber entgegen aller Erwartungen die volle Room-MLE (knapp 9 Millionen Dollar) mit einer Player Option im zweiten Jahr. Noch gravierender war das Offer Sheet für Tim Hardaway Jr., den die Knicks erst zwei Jahre zuvor nach Atlanta abgegeben hatten. Jetzt bot das Team THJ knapp 71 Millionen Dollar über vier Jahre, was die Hawks wie allgemein erwartet nicht mitgingen. Besonders gravierend ist, dass die Knicks somit einen Großteil ihres Gehalts und ihres Talents in relativ ähnliche Spielertypen investiert haben: Ntililkina könnte wie Hardaway und Courney Lee seine Stärken eher als Off-Ball-Guard ausspielen. Zudem stehen in Noah, Porzingis und dem letzte Saison positiv überraschenden Willy Hernangomez weiterhin drei Spieler im Kader, die vermutlich am besten als Center eingesetzt werden sollten.

Immerhin ist einer derjenigen, die das Team in den kommenden Jahren managen sollen, auch schon für den Aufbau verantwortlich gewesen: Der bisherige Stellvertreter Steve Mills wurde zum neuen President of Basketball Operations befördert. Dazu gaben die Knicks noch einen Zweitrundenpick an die Kings (!) ab, um deren gerade von den Magic (!) kommenden Scott Perry als GM einzusetzen. Beide Adressen waren in den letzten Jahren nicht gerade Modell-Franchises, trotzdem soll Perry jetzt Stabilität und Erfolg zurück in den Big Apple bringen. Auch wenn wie für Ntilikina auch für das neue Management noch kein Urteil gefällt werden sollte, wirkt diese Entscheidung wie die zweifelhafte Krönung einer planlosen Offseason.

Chicago Bulls

Dennis Spillmann: Man sollte eigentlich nicht auf Franchises eintreten, die schon am Boden liegen, aber die Chicago Bulls machen es einem wirklich schwer, die Füße still zu halten. Nicht nur dass diese Offseason katastrophal mit dem Trade von Jimmy Butler für einen underperformenden Rookie, einen langzeitverletzten Flügel und einem Nikola-Mirotic-Klon begann und sich mit dem zu hohen Cristiano Felicio-Signing fortsetzte; wenn man den Blick zurück wagt und schaut, wo die Bulls vor genau 12 Monaten standen, ist es noch viel haarsträubender, in welcher Situation die Franchise sich jetzt befindet.
Als die Bulls 2016 in die Offseason gingen, hatten sie einen der besseren Trades direkt vor der Draft durchgeführt und Derrick Rose für Robin Lopez, Jerian Grant und Jose Calderon eingetauscht. Der Trade war deswegen so gut, weil er den Kader der Bulls neu strukturierte und man Jimmy Butler endlich vollkommen vertraute. Robin Lopez als solider Big war ein guter Gegenwert für Derrick Rose. Taj Gibson und Nikola Mirotic waren gute Komplementärspieler auf der anderen Big-Position, Felicio könnte die restlichen Minuten abgreifen. Die Bulls hatten mit Valentine und Zipser solide gedraftet. Es fehlten Shooter und Flügel im Team, um das Ball Handling von Jimmy Butler zu maximieren. Die Bulls hatten – wie fast jedes Team – Cap Space zur Verfügung, ungefähr 40 Millionen. Und ab diesem Zeitpunkt beginnt das große Scheitern in Chicago. Statt Shooter, Verteidiger und Flügel zu verpflichten, entscheiden sich die Bulls mit Rajon Rondo und Dwyane Wade für mittelmäßiges Ball Handling und Non-Shooting. Im Laufe der Saison verschenkte man Gibson und McDermott für essentiell nichts. Cameron Payne sieht immer noch nicht wie ein NBA-Spieler aus, Morrow und Lauvergne wurden in dieser Offseason Free Agents.

Die Bulls erreichten trotzdem die Playoffs! Wie stände diese Franchise da, wenn sie ein smartes Management besäße? Man hatte einen Top-10-NBA-Spieler in seiner Prime, eine solide Big-Rotation und lediglich Rollenspieler-Lücken mit einer Unmenge an Cap Space – und blickt 2017/18 in den totalen Rebuild, weil man sich selbst zu Boden beförderte. Das alleine reicht eigentlich schon, um ein Verlierer der Offseason zu sein, OHNE auch nur einen weiteren Move vollzogen zu haben.

Aber die Fehler von 16/17 wirken auch jetzt noch nach. Dwyane Wade zog seine Spieleroption, verdient knapp ein Viertel der Payroll und hat in diesem Team eigentlich nichts mehr verloren. Rajon Rondo waivte man und zahlt ihm nun 3 Millionen dafür, damit er bei den Pelicans spielen kann. Die 32 Millionen für 4 Jahre für Felicio sind – angesichts des momentanen Marktes – absolut unverständlich. Ansonsten haben die Bulls nichts von Wert getan. Stand jetzt bestehen sie aus Wade (überbezahlt), Lopez, Felicio (überbezahlt) und Spielern in ihren Rookieverträgen, von denen keiner auch nur angedeutet hat, dass er eine größere Rolle in der NBA spielen könnte. Das Team ist jung, aber trotzdem nicht mit viel NBA-Talent gespickt. Eine traurige Kombination. Nach dieser Saison darf man dann übrigens Zach LaVine verlängern.

Dafür, dass die Bulls innerhalb von 12 Monaten die gesamte Franchise an die Wand gefahren haben, gebührt ihnen auch der Titel der schlechtesten Offseason 17/18. Hier reicht eigentlich schon der Jimmy Butler-Trade für aus, aber die Bulls sind mit dem Felicio-Signing auf Nummer sicher gegangen.

Los Angeles Clippers

Julian Wolf: Die Los Angeles Clippers haben Chris Paul verloren. Ein Team, das seinen Franchise- und Top-10-Spieler verliert, hat per se keine gute Offseason erlebt. Aber was macht die der Clippers in meinen Augen schlechter als die der Pacers oder Bulls? Der Weg ins Mittelmaß!

Verliert man einen seiner besten Spieler bleiben grob gesagt zwei Wege: Ein sauberer Rebuild oder der Versuch, mit anderen Spielern weiter anzugreifen. Mit dem Paket um Patrick Beverley, Lou Williams, Montrezl Harrell und Sam Decker, spätestens aber nach den Verpflichtungen von Milos Teodosic und Danilo Gallinari, entschieden sich die Clippers für Letzteres. Damit hätte ich kein Problem, wenn die neuen Clippers ein Team wären, das eventuell am Heimvorteil im Westen kratzen könnte; es können nicht alle Team gleichzeitig rebuilden und sportlichen Erfolg sollte man nicht verschenken. Die spannende Frage ist daher: Wie gut ist dieses Clippers-Team?

Für mich bleiben einige riesige Fragezeichen, gerade die Neuzugänge betreffend. Gallinari ist verletzungsanfällig und mit steigendem Alter besser auf der Vier aufgehoben, die jedoch vom frisch verlängerten Griffin blockiert wird. Letzterer muss sowieso noch zeigen, ob ein Tandem mit ihm und DeAndre Jordan als Frontcourt-Partner wirklich die Ideal-Besetzung ist. Und gerade die Teodosic-Verpflichtung verstehe ich nur bedingt: Er hilft den Clippers sportlich weder kurz- noch langfristig weiter. Berechnet man eine gewisse Umstellungszeit am Anfang und die Rookie-Wall am Ende mit ein, muss man in meinen Augen zu dem Schluss kommen, dass er in der kommenden Saison zu den schlechtesten Starting-Point-Guards der Liga gehören wird. Letztes Jahr hat Teodosic insgesamt nur 50 Spiele bei 25 Minuten/Spiel für CSKA gemacht und das gegen Gegenspieler, die mindestens ein bis zwei Klassen schlechter sind als der durchschnittliche NBA-Point-Guard. Seine Defense ist katastrophal und auch effizientes Scoring darf man von ihm nicht erwarten – gut, dafür lebt Lob City weiter…

Die Defense der Clippers dürfte kommende Saison zu den schlechtesten der Liga gehören, da mit Teodosic, Williams, Gallinari und Griffin vier Rotationsspieler klare Minusverteidiger sind. Dazu fehlt es mir an verlässlichen Playmakern im Backcourt: Teodosic, Williams, Beverley und Rivers sind in meinen Augen keine geeigneten 2. Ballhandling-Optionen eines guten Playoff-Teams. Und ob Griffin und Gallinari das alles auffangen können? Was passiert, wenn sich die beiden verletzen, bzw. wenn Griffin den Saisonstart verpasst? Die Clippers sind für mich Top-Kandidat für einen Fehlstart.

Nicht falsch verstehen: In einer perfekten Welt bleibt das Team verletzungsfrei, Teodosic und Gallinari schlagen ein und das Team stürmt dank einer der besten Offensiven der Liga furios in die Playoffs. Das Team hat soweit jetzt bereits erkennbar ein recht hohes Ceiling – aber eben auch einen sehr niedrigen Floor. Stand jetzt sind die Clippers ein Borderline-Playoff-Team ohne junge Talente, das wieder einmal einen Erstrundenpick für alternde Starter abgegeben hat. Und wohin das führt, wissen wir alle: Ins Mittelmaß. So paradox es klingen mag: Die Bulls und Pacers haben das Glück, jung und schlecht zu sein und somit einen einigermaßen vernünftigen Rebuild auf die Beine stellen zu können.

  • 29
  •  
  •  
  •  
  •  

Schreibe einen Kommentar