Los Angeles Clippers, New York Knicks

Blake Griffin vs. Amar’e Stoudemire

Er ist ein 2,08 Meter großes Kraftpaket, scheinbar mit Sprungfedern in den Beinen, das weiß, wie man den Ball spektakulär im Korb unterbringt. Egal, ob da noch ein oder zwei Gegner im Wege stehen, zur Not wird mit Kontakt abgeschlossen. Diese Kombination macht ihn bereits jetzt, in seiner ersten Saison, zur Konstante in Highlight-Videos. Der Mann mit der Nummer 32 will nach einer miesen Bilanz im Vorjahr sein Team aus der Pacific Division schon in seiner Debütsaison auf die Siegerstraße bringen und gibt daher alles auf dem Feld, am Ende stehen oft beeindruckende Zahlen in den Kategorien Punkte und Rebounds. Das macht ihn automatisch zum heißen Kandidaten für den Rookie des Jahres, womit er dem ersten Pick der letzten Draft stark Konkurrenz macht.

Nein, es ist nicht von Blake Griffin die Rede – und wir befinden uns auch nicht im Jahr 2010. Die obigen Zeilen beziehen sich auf Amar’e Stoudemire in der Saison 2002/2003. Wer beim Lesen jedoch an Griffin gedacht hat, liegt trotzdem nicht falsch, denn alles trifft ganz genau so auch auf den Frischling der Los Angeles Clippers zu. Wer letzterem in diesen Tagen beim Spielen zuschaut, fühlt sich fast zwangsweise an den jungen Stoudemire erinnert. Auch die Ähnlichkeiten mit dem 2010er Amar’e sind erstaunlich, denn obgleich dieser bereits schwerere Operationen an den Knien hinter sich hat, ist ihm ein Großteil seiner Athletik erhalten geblieben. Vom Spielertyp könnten sie sich also ähnlicher fast nicht sein – eine Tatsache, die nach einem Vergleich schreit. Hat der neue Heilsbringer der Knicks noch die Nase vorn, oder ist der Rookie gar schon jetzt besser als der All Star?

Photo: Kimberly* (Lizenz)

Am offensiven Ende des Feldes sind beide, neben ihrer überbordernden Athletik, mit einem guten Touch am Korb ausgestattet, sodass sie aus der Bewegung und gegen einen oder mehrere Verteidiger abschließen können. Dennoch sind beide keine Big Men im klassischen Sinne, die mit dem Rücken zum Korb agieren, sondern operieren am liebsten mit dem Gesicht zum Korb gewandt, um von ihrer überdurchschnittlichen Geschwindigkeit zu profitieren. Im Prinzip sind beide Vierer, die trotz ihrer um die 113 Kilogramm wiegender, muskelbepackten Körper so flink wie die meisten Small Forwards sind. Jene Muskelkraft hilft ihnen dann auch, trotz Körperkontakt mit dem Gegner noch abschließen zu können.

So können beide sowohl direkt im One-on-One gegen kleinere, schwächere Forwards oder gegen langsamere Center punkten sowie, aus der Bewegung kommend, nach einem Pass abschließen, was bei beiden ungefähr zu gleichen Teilen der Fall ist (Stoudemire 50%, Griffin 56%). Hier helfen ihnen ihre gute Bewegung abseits des Balls sowie die Fähigkeit, jeden Ball fangen zu können, der irgendwie in ihre Richtung geschleudert wird.

Photo: Keith Allison (Lizenz )

Allerdings hat die Nummer Eins der Knicks momentan noch eine entscheidende Waffe mehr gegenüber Griffin: einen sauberen Wurf. Er trifft mittlerweile 46% seiner Sprungwürfe, Griffin unter 40%. Folgerichtig machen Jumpshots nur ungefähr die Hälfte von Griffins Wurfversuchen aus, während es bei Stoudemire mittlerweile zwei Drittel sind. Ähnlich sieht es bei den Freiwürfen aus, wo Griffin gut 20 Prozentpunkte schlechter als Stoudemire trifft (78% zu 57%). Fouls ziehen beide gleichermaßen effektiv, wobei letzterer auf Grund der besseren Quote noch mehr Profit daraus schlägt, was sich letztendlich auch in der TS% (True Shooting Percentage; Feldwurfquote wird mit Freiwurfquote verrechnet) widerspiegelt, wo Stoudemires 59.0% noch einmal eine andere Hausnummer als Griffins 54.5% sind.

Photo: Keith Allison (Lizenz )

Großartige Passgeber sind beide Spieler nicht. Abgesehen von wenigen Ausreißern nach oben im bisherigen Saisonverlauf (Stoudemire sieben Assists gegen die Pistons, Griffin sieben Assists gegen die Knicks und Jazz) stechen beide in diesem Bereich in der Zunft der Power Forwards nicht hervor. Das ist allerdings nicht weiter schlimm, denn ihre primäre Aufgabe auf dem Feld ist und bleibt der eigene, hochprozentige Abschluss, nicht das Vorbereiten für Andere.

Ein echter Vorteil zeichnet sich bei Griffin jedoch bereits jetzt ab: Er ist der bessere Rebounder. Griffin schnappt sich im Schnitt 13% aller für ihn möglichen Offensivrebounds (insgesamt 3.9 pro Spiel), während Stoudemire nur auf 7% (2.3) kommt. Beim Defensivrebound ist es ein ähnliches Bild, denn der Rookie sichert sich 27% aller möglichen Defensivrebounds (8.0 pro Spiel), Stoudemire nur 21% (6.8). Bestätigt Griffin im weiteren Verlauf seiner Karriere diesen Trend, wird er sich nicht den Vorwurf gefallen lassen müssen, welcher Stoudemire mittlerweile seit Jahren anlastet: beim Rebounding im Schnitt unter seinen Möglichkeiten zu bleiben.

Doch das ist nicht der einzige Kritikpunkt an Griffins Vorbild. Über die Jahre hat sich Amar’e den Ruf eines unterdurchschnittlichen, da meist unmotivierten, Verteidigers eingehandelt. Dabei hat er körperlich, wie oben erläutert, eigentlich alle Anlagen eines Topverteidigers. Stoudemire schob fehlende Verteidigungskünste erst kürzlich auf fehlende Einweisungen in Sachen Defense, sowohl bereits in der Highschool, als auch später in der NBA. Diese Aussage schlägt in dieselbe Kerbe, in die er auch schon seine wenig positiven Aussagen über Mike D’Antoni in Sachen Defense im Training im Jahr 2008 schlug, nachdem  D’Antoni nach New York abgewandert war. Doch das ist zu einfach, denn nach nunmehr acht Jahren in der Liga, wäre es an ihm selbst gewesen, sich individuell, völlig unabhängig vom Coach, in der Verteidigung verbessert zu haben.

Ein ähnliches Schicksal könnte unter Umständen Blake Griffin drohen. Statistisch gesehen macht er es seinem Gegenspieler bislang nicht ganz so einfach, gegen ihn zu glänzen, wie es Stoudemire tut: Seine Gegenspieler erzielen im Schnitt einen PER-Wert von 18, während Stoudemires Gegner auf einen Wert von 21 kommen. Griffin ist, wie eigentlich auch Stoudemire, sehr schnell auf den Beinen und nutzt diesen Vorteil effektiv dazu, seine Gegenspieler, auch kleinere, vor sich zu halten. Doch auch er wirkt in der Verteidigung nicht immer vollkommen motiviert und konzentriert, was aber natürlich nicht für immer so bleiben muss. Big Men haben es zu Beginn in der NBA generell schwerer, sich auf das schnellere und intensivere Spiel einzustellen. Die Folge sind oft Foulprobleme und somit eine Beschneidung der eigenen Spielminuten. Das erklärt jedoch nicht die lächerlich niedrige Anzahl an geblockten Würfen, die Griffin verbucht. Bereits am College war er trotz Monsterathletik kein gefürchteter Helpdefender, und bislang bleibt er sich in dieser Sache mit 0.6 Blocks pro Spiel treu.

Photo: Keith Allison (Lizenz)

Selbst Stoudemire, seines Zeichens über weite Teile seiner Karriere kein herausragender Shotblocker, schickte über seine bisherige Karriere gesehen 1.4 Würfe pro Spiel zurück an den Absender. Bei den Phoenix Suns der letzten Saison, unter Headcoach Alvin Gentry, der unablässlich versuchte, aus Amar’e doch noch einen soliden Verteidiger zu formen, blieb dieser grundsätzlich bodenständiger in der Verteidigung, was zwar der direkten Mann-Mann-Verteidigung zu Gute kam, die Blockwerte aber auf einen Karrieretiefswert von 1.0 sinken ließ. In der laufenden Saison für die Knicks, wieder vereint mit Mike D’Antoni, der seine Spieler defensiv eher einfach mal machen lässt, konnte Stoudemire diesen Wert auf knapp zwei Blocks pro Spiel verdoppeln (und kratzt somit am Karrierehöchstwert von 2.1). Ein Wert, von dem Griffin im Moment nur träumen kann.

Photo: Keith Allison (Lizenz)

Nicht unbeachtet dürfen auch die aktuellen Coaches bleiben. Während Stoudemire in einem offensivlastigen, schnellen System unter einem der renommiertesten Übungsleiter in Sachen Offensive seine Stärken ausspielen kann, irrt Griffin mit seinen Kollegen bei den Clippers durch das, was Coach Vinny Del Negro sein System nennt. „Das andere Team aus L.A.“ gehört sowohl in Sachen offensiver (24.), als auch defensiver (29.) Effizienz dem Bodensatz der Liga an. So ist es so manches Mal lediglich Griffins Klasse geschuldet, dass er erfolgreich abschließt, nicht etwa einem gut instruierten und ausgeführten Spielzug oder Mitspielern, die genau wissen, was sie zu tun haben, um ihn in Szene zu setzen. Dazu kommt die Tatsache, dass neben Griffin bisher in den meisten Spielen Rookie Eric Bledsoe als Aufbau startete, während Stoudemire in New York mit Raymond Felton einen Veteranen neben sich weiß, mit dem er immer besser harmoniert. Auf der Zwei läuft in L.A. Eric Gordon auf, der es weit besser versteht, auf den Korb zu werfen, als Pässe auf Griffin zu spielen. Auch fällt es in einem solchen Chaos in der Verteidigung schwerer, sich positiv hervor zu tun. Wobei das, wie oben angesprochen, keine dauerhafte Entschuldigung bleiben darf. Was Stoudemire betrifft, ist dieser Zug höchstwahrscheinlich bereits abgefahren. Da bei den Knicks allerdings ein paar individuell ganz brauchbare Verteidiger neben ihm auf Feld stehen, schneiden die Knicks in der Defense gar nicht mal so schlecht ab (Defensive Efficiency: Platz 18).

Vor allem Griffin verdankt seinen furiosen Start also hauptsächlich niemand geringerem als sich selbst. Vor Beginn der Saison hatten die wenigsten in ihm jemanden gesehen, der von Tag Eins an eine 20/10-Maschine wird. Man hatte Bedenken, der Kniescheibenbruch vom Vorjahr und die damit einhergehende verpasste Saison 2009/2010 würden zumindest zu Beginn der Spielzeit noch Spuren hinterlassen haben. Doch von mangelnder Spielpraxis oder Vertrauen in den eigenen Körper war nie etwas zu sehen, im Gegenteil. Griffin trägt sein Team, dessen Starting Five ohne die weitgehend verletzt ausgefallenen Veteranen Baron Davis und Chris Kaman genauso blutjung ist wie er selbst, nämlich im Schnitt 21 Jahre alt.

In etwas geringerem Maße überrascht auch Stoudemire. Nicht wenige sahen in New York, ohne seinen kongenialen Partner Steve Nash, einen rapiden Einbruch in Sachen Effizienz, wenn nicht gar der Leistung im Allgemeinen, kommen. Stoudemire sei kein echter Star, ihm fehle es an Führungsqualitäten und dem Vermögen, ein Team alleine tragen zu können. Diese Zweifel widerlegt er nach anfänglichen Schwierigkeiten immer mehr, die Folge sind Siege für die über Jahre gebeutelten Knicks und ein sich wandelndes Image für Stoudemire.

Fazit

Photo: Kimberly* (Lizenz )

Zugegeben, Griffin sieht sich in der Western Conference in der Summe stärkeren Teams gegenüber und hat das unerfahrenere Team, doch auch abseits vom Teamerfolg ist Stoudemire momentan noch über Griffin einzuordnen. Er ist noch das komplettere Gesamtpaket in der Offense und bringt Eigenschaften mit, die man sich erst im Laufe der Zeit aneignet. Doch ohne Zweifel ist bei Griffin bereits jetzt das Potential zu erkennen, den Veteranen in naher Zulunft zu überholen. Das Rebounding ist bereits jetzt schon besser, in der Defense ist noch nichts verloren und der Jumpshot kann sich durchaus in einem ähnlichen Maße wie bei Stoudemire entwickeln. Wenn Griffin auch seine an Shaquille O’Neal erinnernde Freiwurfquote auf ein akzeptables Niveau bringen kann, wird er offensiv endgültig zum Albtraum für seine Gegenspieler. Dann werden die Superlative, die auch Stoudemire früh und lang umgaben und teilweise auch immernoch umgeben, nicht mehr auf sich warten lassen: Superstar, Franchiseplayer, Prototyp des modernen Power Forwards.

Die persönliche Anerkennung Stoudemires hat der Jungstar spätestens seit ihrem ersten Aufeinandertreffen, in welcher Griffin auf spektakulärste Art und Weise 44 Punkte, 15 Rebounds und 7 Assists auflegte.

Damit legte Griffin als erster Rookie seit Oscar Robertson vor über 50 Jahren ein 44/15/7-Spiel hin. Überhaupt schafften es in den letzten 35 Jahren nur drei andere Spieler, als Rookies in einem Spiel mindestens 40 Punkte und 15 Rebounds aufzulegen: David Robinson, Shaquille O’Neal und Michael Jordan.

Stoudemire? Der legte in besagtem Spiel zwar “nur” 39 Punkte, 11 Rebounds und 2 Assists auf, doch nahm den Sieg mit nach Hause.

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