Debatte, Draft, Draft

Wer wird der dritte Pick in der Draft?

Anthony Davis wird der erste Pick der kommenden Draft. Darüber ist man sich einig. Das Paket aus Athletik, Blockantizipation, Defense und Rebounding ist in dieser Draft nicht zu schlagen, dazu kommt noch die unglaubliche Spannweite, die Davis vorweisen kann.

Ab dem zweiten Pick wird jedoch schon diskutiert und debattiert, wen die Franchise, die dort zieht, auswählen soll. Wir sind uns jedoch redaktionsintern darüber einig, dass an der zweiten Stelle Andre Drummond ausgewählt werden sollte. Seine schlechte College-Saison, insbesondere seine unterirdische Freiwurfquote und die Unkonstanz in seinem Spiel, sind berechtigte Fragezeichen hinter dem Center der Connecticut Huskies. Für ihn spricht aber einfach die Kombination aus Länge und Talent, so hat Drummond durchaus Post-Moves im Repertoire, die er jedoch nicht konstant abgerufen bekommt. Ein talentiertes Center-Projekt ist zwar ein gewisses Risiko in der Draft, aber bietet auch den größtmöglichen Gewinn.

Bei der Frage um den dritten Pick findet unsere NCAA-Redaktion aber keinen Konsens. Gehandelt werden Bradley Beal aus Florida, Michael Kidd-Gilchrist von Kentucky und Thomas Robinson von den Kansas Jayhawks. Wer sollte der dritte Pick in der Draft 2012 sein?

Julian Barsch: Es war keine überragende Saison, die Bradley Beal für die Florida Gators absolvierte. Keine Frage, der Freshman zeigte gute Ansätze, doch im Vergleich zu Davis, Kidd-Gilchrist & Co. war seine Leistung dann doch eher mittelmäßig. Aber warum befindet er sich dann in dieser Diskussion? Mit seinen 1.95 Meter besitzt er Gardemaß für einen Shooting Guard. Seit seiner High School-Karriere gilt der Wurf als Prunkstück in seinem Spiel. Auch wenn der Vergleich leicht übertrieben ist, fühlen sich viele Experten an Ray Allen erinnert. Am College traf er dann aber nur knappe 34 Prozent von Downtown. Beal ist jedoch nicht abhängig von seinem Wurf, denn auch sein Zug zum Korb sollte beachtet werden. Mit der soliden Athletik ist es ihm möglich, in Korbnähe effektiv abzuschließen. Des Weiteren bewies er immer wieder, dass er als Ballhandler agieren kann, gute Entscheidungen trifft und auch beim Rebound in Erscheinung tritt.

Tobias Berger: Für mich muss Michael Kidd-Gilchrist an dritter Stelle gezogen werden. Der 18-jährige Small Forward war in der letzten Collegesaison hinter dem überragenden Anthony Davis klar der zweitbeste Spieler in dem Team, welches nach 40 Spielen letztlich die Netze abschneiden durfte. Coach John Calipari rekrutierte den 6’7” großen Flügelspieler im letzten Sommer, der damals als drittbester Highschooler seines Jahrgangs gesehen wurde. Kidd-Gilchrist passte mit seiner Spielweise, die an Gerald Wallace oder aber Shawn Marion erinnert, perfekt in das System der Wildcats. Ohne Unterlass attackierte das athletische Energiebündel offensiv wie defensiv die Bretter, verteidigte mit großer Freude und schloss mit Vorliebe im Fastbreak ab.

Dennis Spillmann: An dritter Stelle sollte man aus meiner Sicht lieber Thomas Robinson picken. Er kommt aus seinem besten Collegejahr, nachdem er im Vorjahr hinter den Morristwins Marcus (jetzt Houston Rockets) und Markieff (Phoenix Suns) brav nur als Energizer von der Bank kam. Der Abgang der Twins hieß einerseits, dass Robinsons große Stunde im Frontcourt der Jayhawks nun geschlagen hatte, andererseits aber auch, dass das Team wichtige Stützen verlor. Bis auf Point Guard Tyshawn Taylor hatte Kansas einiges an Klasse eingebüßt. Robinson nutzte jedoch die Chance und zeigte mit seiner defensiven und offensiven Arbeit am Brett und über 17 Punkten pro Spiel, dass mit Kansas zu rechnen war. Im Turnier erreichte man gar das Finale gegen Kentucky, was zu großen Teilen auch Robinson zugeschrieben werden darf.

Julian Barsch: Die Gators erreichten zwar immerhin das Elite Eight, doch im Gegensatz zu Robinson nahm Beal eine weniger zentrale Rolle in seinem Team ein. Trotzdem halte ich ihn für den besseren Spieler, um ihn an Nummer drei zu draften. Beal zeigte immer wieder sein enormes Talent, welches jeder NBA-GM gerne in seinem Team sieht. Seine Wurfform ist absolut perfekt und es gibt kaum Kritiker, die sich dagegen aussprechen, dass Beal auch auf dem nächsten Level ein sicherer Schütze sein wird. Doch nicht nur der Wurf überzeugt mich: Der 18-Jährige ist enorm vielseitig, kann mit Ball kreieren, aber auch abseits vom Spielgerät für Spacing sorgen.

Tobias Berger: Beals Wurf hier als Hauptqualität zu nennen, halte ich für mutig. Seine Technik sieht wirklich super aus, aber was bringt ihm diese, wenn er den Korb nicht trifft? Er traf nur mittelmäßige 34% seiner Versuche von jenseits der Collegedreierlinie und drückte trotzdem recht gewissenlos fünfmal pro Spiel aus dieser Entfernung ab. Michael Kidd-Gilchrist agiert da wesentlich intelligenter. Er hat seine körperlichen Vorteile und Stärken auf dem Parkett genau erkannt und spielt entsprechend. Seine klasse Armspannweite von fast 7’0” ermöglicht es ihm Rebounds abzugreifen, die andere Small Forwards nicht erreichen würden, und defensiv sowohl im direkten Duell durch veränderte Würfe als auch abseits des Balles in den Passwegen des Gegners zu einer wahren Pest zu werden. Offensiv nutzt er seine Athletik entweder dazu, im Fastbreak allen davonzulaufen und so einfach zu punkten oder aber im Setplay durch Drives hochprozentig abzuschließen und Freiwürfe zu ziehen.

Dennis Spillmann: Kidd-Gilchrist mag erkannt haben, was seine Schwächen sind und dies ist für einen so jungen Athleten durchaus respektabel, aber dadurch bleiben seine Schwächen nicht unentdeckt und diese sind ganz klar am Perimeter zu finden. Kidd-Gilchrist fügt einfach über keinen guten Distanzwurf und dies wird ihn in der NBA vor Probleme stellen. Dort sind die Gegenspieler im Schnitt größer, schneller und agiler, sodass Kidd-Gilchrist sich nicht nur auf seinen Drive verlassen kann. Zudem ist er auch kein tödlicher Freiwurfschütze. 75% ist eine passable Quote, mehr aber auch nicht.
Robinson hat den beiden anderen Kontrahenten einfach einen Schritt voraus und das ist, dass er bewiesen hat, dass er sich verbessern kann. Man hatte sich von vielen Prospects erhofft, dass sich diese im zweiten Jahr verbessern können. Barnes, Sullinger, Lamb. Keiner hat einen weiteren Schritt nach vorne getan. Für wie realistisch siehst du es, dass Kidd-Gilchrist, würde er ein weiteres Jahr bei Kentucky spielen, in der neuen Saison einen Sprungwurf präsentieren könnte, der NBA-Niveau hat?

Tobias Berger: Ein eiskalter Distanzschütze wird Kidd-Gilchrist in seiner gesamten Karriere nicht werden. Dafür fehlen ihm die Anlagen. Allerdings würde ich ihm als jüngsten der drei Kandidaten auch auf diesem Gebiet nicht jegliches Entwicklungspotenzial absprechen. Er war in dieser Saison nur Scoringoption #4 bei den Wildcats und war deswegen kaum gezwungen, sich mit seinem Offensivspiel auseinanderzusetzen. Eine größere Rolle in dieser Hinsicht würde im Trainingscamp sicher zu Verbesserungen und so eventuell zu einem funktionierenden Mitteldistanzspiel führen. Denn eines zeichnet Kidd-Gilchrist wirklich aus: er ist ein extrem fleißiger Arbeiter. Ein Indiz hierfür ist der durch ihn gegründete “Breakfastclub”, der dazu führte dass sich viele Wildcatsspieler teilweise schon vor Morgengrauen zu einer ersten Trainingseinheit trafen. Diese Einstellung ist eine Qualität, die ein gesamtes Team beinflusst und deswegen von GMs nicht hoch genug bewertet werden kann. Einen solchen Mann in seinem Lockerroom zu wissen ist Gold wert.

Julian Barsch: Sicherlich hat Robinson eine enorme Entwicklung durchgemacht, doch sowohl er als auch Kidd-Gilchrist können einem Team nicht in so vielen Aspekten weiterhelfen wie Bradley Beal. Auf beiden Flügelpositionen einsetzbar ist er ein sehr cleverer Spieler, der seine Fähigkeiten noch nicht so konstant abrufen konnte. Während aber Kidd-Gilchrist (fast) nur Dinge auf das Feld bringt, die mit purem Einsatz zu erreichen sind, wird Beal mit Praxis im Profibereich seine Qualitäten, welche in der Form selten sind, auch öfter zeigen. Wir sehen es an Drummond, wie wichtig Talent in der Draft ist und dementsprechend halte ich Beal für das bessere Prospekt. Dies begründet sich auch damit, dass er viele seiner Fähigkeiten wohl auf das nächste Level übertragen kann und im besten Fall ein zweiter Eric Gordon wird.

Dennis Spillmann: Dass Beal beide Flügelpositionen defensiv verteidigt bekommt, sehe ich noch nicht kommen. Offensiv unterscheiden sich Shooting Guard und Small Forward nicht, defensiv sehe ich bei Beal einfach Probleme, die Small Forwards des Gegners zu verteidigen. Sicherlich ist Talent eine ganz wichtige Facette des Basketballspiels, hier kommt für mich die Wichtigste: Impact. Und da ist Thomas Robinson als Big Man, der engagiert verteidigt, exzellent reboundet und Würfe verändert letztlich für den Mannschaftserfolg wichtiger als die beiden Flügelspieler Kidd-Gilchrist und Beal. Auch Robinson verfügt über einen unbändigen Motor und Einsatzwillen. Ich sehe hier keine signifikanten Vorteile für Kidd-Gilchrist.

Tobias Berger: Das sehe ich anders. Robinson verliert viele seiner Stärken, die ihn am College noch auszeichneten. Er punktete oft durch Powermoves und nicht durch ausgefeilte Bewegungen im Post. Dies wird in der NBA nicht mehr in der Form möglich sein, da er mit seinen 6’9” dort als recht kleiner Power Forward gelten muss. Kidd-Gilchrist hingegen ist auch auf den Profilevel gut vorbereitet. Er verteidigte am College vier Positionen und lernte so sowohl im Post seinen Mann zu stehen als auch am Perimeter kleinere, wendige Spieler aus dem Spiel zu nehmen. Somit ist er auch in der NBA in der Lage verschiedene Typen Flügelspieler zu decken. Er wird sowohl gegen Carmelo Anthony als auch Rip Hamilton gut aussehen. Kidd-Gilchrist wird von Anfang an einen ähnlichen Impact wie Robinson haben. Die Chancen, dass sich das in der Zukunft zu Gunsten vom Jayhawksforward ändert, sind gering, schließlich absolvierte dieser im Gegensatz zum Kentuckyfreshman seine Juniorsaison.

Dennis Spillmann: Ich verstehe, dass Robinson als Junior weniger Upside hat als Freshmen, die ein Jahr am College verbracht haben. Dennoch muss man einfach konstatieren, dass Kidd-Gilchrist die grundlegenden Fähigkeiten im Offensivspiel nicht beherrscht: den angesprochenen Jumper und die kaum vorhandene Fähigkeit, sich Würfe selbst zu kreieren. Richtig, das kann Thomas Robinson auch kaum, aber wir reden bei Robinson von jemandem, der wohl einer der besseren Finisher am Brett wird, weil er versucht, jeden Ball zu dunken. Seine knapp 70% von der Freiwurflinie sind ordentlich für einen Big und Thomas Robinson hat sowohl den Körper für die NBA als auch seine feste Position.  Zudem hat Robinson eben in der letzten College-Saison gezeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann und als einzige wirkliche Option, geplagt von Double Teams, eine FG von 50% bringen konnte. Beal kam bspw. als 2. Option auf 42%.

Julian Barsch: Zuallererst sollte wohl klar sein, dass ein Big Man eine höhere Feldwurfquote als ein Guard haben sollte. Jedoch heißt das natürlich nicht, dass die 42 Prozent von Beal befriedigend sind. Diesbezüglich wird er sich in seiner Entwicklung aber noch steigern. Auch wenn die unkonstante Leistung sein Spiel teilweise geprägt hat, konnte er andeuten, dass es kein Problem für ihn ist, Verantwortung in entscheidenden Momenten zu übernehmen. Gerade im NCAA Tournament hat er, bis auf die Schlussphase des Louisville-Spiels, enorm souverän und dominant agiert, obwohl ihm ein guter Point Guard an der Seite eigentlich fehlt. Somit war es selten, dass er mal gut in Szene gesetzt wurde. Trotzdem traf Beal in den vier Spielen satte 42 Prozent bei fast fünf Versuchen von jenseits der Dreierlinie. Es gibt keine offensichtliche Next-Level-Limitation wie bei Kidd-Gilchrist (Wurf) oder Robinson (Größe/Size). Abgesehen davon sollte noch erwähnt werden, dass seine Reboundstatistik hervorragend für einen Guard ist, da er mit 6.5 Brettern pro Spiel die Gators anführte.

Tobias Berger: Beals Reboundzahlen sind mit Vorsicht zu betrachten. Zum einen legte er diese in einem Team auf, welches mit Patric Young nur einen wirklich guten Bigman aufbieten konnte. Zum anderen lässt sich dieses Talent für einen NBA Shooting Guard in der Form kaum übertragen. Bei Kidd-Gilchrist ist dies anders. Auch er glänzt wie die anderen beiden beim Rebound, aber legte seine Zahlen neben Anthony Davis und Terrence Jones auf. Diese sind ihres Zeichens Big Men, die in der Lottery gedraftet werden. Beeindruckend, dass Kidd-Gilchrist bei diesen Mitspielern 7,4 Boards runterplückt und hierbei besonders am offensiven Brett mit einer ORB% von 10,6 glänzt. Ein toller Wert für einen Flügelspieler, der aufzeigt, mit welch einem Einsatz er zu jeder Sekunde spielt. Er wird zwar nie eine legitime erste Option sein, aber dürfte als Second Option wegen seines Motors und seiner für sein Alter erstaunlich erwachsenen Herangehensweise an den Profisport gerade ein Team mit Loserimage und -gedanken in den Köpfen der Mitspieler extrem helfen.

Dennis Spillmann: Inwiefern ein Rookie dann gleich den gesamten Lockerroom beeinflussen kann, muss man sehen, aber Kidd-Gilchrists Einstellung würde ich nicht anfechten wollen. Generell gilt es jedoch festzuhalten, dass keiner der drei Kandidaten ein Franchise Player wird. Genau deshalb finden wir auch Pro- und Contra-Argumente für die drei Spieler.  Alle drei haben klare Stärken und Schwächen, alle drei bieten offensiv und defensiv nicht das komplette Paket und können so zwar fast jedem NBA-Team helfen, aber grundlegend verändern werden sie es nicht. Egal, wer in der Draft an #3 wählen muss, es steht eine der schwersten Entscheidungen an.

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