NBA

Die zweite Liga

Eine Analyse der Diskrepanz zwischen Ost und West
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Eine Analyse der Diskrepanz zwischen Ost und West

Im Sommer 2013 waren die Ziele der Ostteams hoch gesteckt. Nach Jahren der Vorherrschaft der Westteams gegenüber den Ostteams (trotz der beiden Titel der Miami Heat) sollte endlich die Wende eingeleitet werden. Die Indiana Pacers spielten in der letzten Saison vielversprechende Playoffs und rüsteten ihren Kader in der Breite auf. Die Nets investierten unzählige Millionen Dollar, um die Altstars Kevin Garnett, Paul Pierce & Co von den Celtics loszueisen. Die Knicks haben jedes Jahr Meisterschaft-Ambitionen. Des Weiteren wollten nach einigen Transaktionen mehrere junge Teams wie die Cavs, Pistons oder Wizards den Sprung in die Playoffs schaffen. Das alles klang ganz nett und vielversprechend; umso niederschmetternder sieht momentan die Tabelle der Eastern Conference aus. Die selbsterklärten Meisterschaftsanwärter Nets und Knicks sind im Tabellenkeller. Überhaupt existieren im Osten nur drei Teams mit einer positiven Bilanz (im Westen zehn). Die Pacers müssten aktuell in der zweiten Runde entweder auf die 9:12-Celtics oder 10:10-Pistons treffen, während sich diese Teams im Westen kaum Chancen auf einen Playoffeinzug ausrechnen könnten. Für die NBA-Playoffs, wo eigentlich die besten Teams der Welt aufeinander treffen sollen, ist das ein Armutszeugnis und sehr bitter für einige Franchises aus dem Westen, die sich im Osten wohl mit Leichtigkeit für die Postseason qualifizieren würden.

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Foto & Rechte: prismatico (CC BY SA 2.0)

Dass im Westen der bessere Basketball gespielt wird, lässt sich nicht nur anhand der Tabellen nachvollziehen, sondern auch mit Hilfe der Bilanz der Ost/West-Duelle, die aktuell mehr als nur deutlich für die Western Conference spricht. So hat der Westen von den bisherigen 97 Duellen 67 für sich entschieden (69%) und der Osten demensprechend nur 30 gewonnen (31%). Dass der Westen in den direkten Duellen besser abschneidet, ist schon seit einigen Jahren der Fall (der Sieganteil pendelte meist um die 60%), doch eine Verbesserung ist wieder nicht in Sicht. Nun stellt sich die Frage, inwiefern diese stetige Entwicklung für die beste Liga der Welt bedenklich ist und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind.

Gefahren

 1. Unausgewogenheit der Spielpläne

Die NBA hatte schon immer das Problem, ausgewogene Spielpläne zu erstellen.

Die Zahlenwerte in der Tabelle auf der rechten Seite bilden das sogenannte “Strength of Schedule”-Rating (SOS) von der Statistikseite www.basketball-reference.com ab. Das SOS beschreibt, um wie viele Punkte die Gegner der Teams in der Saison 2013/2014 durchschnittlich besser oder schlechter als der NBA-Durchschnitt sind. Ein negativer Wert steht für schlechtere Gegner, ein positiver für bessere Gegner. Um das anhand eines Beispiels besser zu erklären: Für die Miami Heat bedeutet der Wert von Minus 2.28, dass die Gegner der Heat um 2.28 Punkte pro 100 Ballbesitze schlechter als ein durchschnittliches NBA-Team sind. Zum Vergleich: die Utah Jazz haben bisher den schwierigsten Spielplan, denn sie trafen im Durchschnitt auf Teams, die bei Plus 2.34 stehen. Das bedeutet, dass momentan der Abstand der Spielpläne beider Teams bei über vier Punkten liegt, was dem Qualitätsunterschied zwischen Thunder und Suns entspricht.

Nun ließe sich möglicherweise einwenden, dass die Statistik nur ein aktueller Zwischenstand ist und sich die Spielpläne im Laufe der Saison sicherlich ausgleichen werden. Wirft man einen Blick in die Vergangenheit, findet man jedoch weitere Hinweise auf die Unausgewogenheit der Spielpläne. So hatten die Rekord-Heat des letzten Jahres den leichtesten Spielplan der NBA und mit durchschnittlichen Gegnern von MINUS 0.84 sogar den einfachsten Schedule seit den Boston Celtics von 2007/2008 (die im Übrigen auch den Titel gewannen). Eine faire Sportart zeichnet sich aber dadurch aus, dass die Wettwerber unter ähnlichen Bedinungen den Kampf um die Meisterschaft austragen. Durch die Unmöglichkeit, ausgewogene Spielpläne zu erstellen, wird dieser Gedanke unterminiert.

2. Ungerechte Draftlotterie

Schaut man sich obige Tabelle weiter an, fällt auf, dass 13 der 15 Teams mit den leichtesten Spielplänen aus den Osten kommen, was nicht überrascht, denn sie spielen ja häufiger gegen sich selbst als gegen Teams aus einer fremden Conference. Dadurch wird die Tabelle gewissermaßen verfälscht, denn ein besseres Team steht unter Umständen hinter einem schlechteren und umgekehrt, nur weil das schlechtere Team die bessere Bilanz aufgrund eines deutlich leichteren Spielplans hat oder weil Playoffteams vor Nichtplayoffteams gesetzt werden. Problematisch ist das deswegen, weil sich beispielsweise die Draftreihenfolge nach der Gesamttabelle richtet. Eigentlich ist dabei der Gedanke, dass die schlechteren Teams die höchsten Picks (also die besten Talente) erhalten.
Nun sind aber die Teams auf den hinteren Playoffrängen in der Eastern Conference nicht für die Draftlotterie qualifiziert, obwohl sie schlechter sind als so manches Team aus der Western Conference, die trotz höherer Klasse nicht die Playoffs schaffen. Dadurch wird es den Ostteams zusätzlich erschwert, sich durch die Draft wieder zu verstärken. Mittelmaß im Westen bedeutet also höhere Picks und Chancen sich zu verbessern. Mittelmaß im Osten bedeutet niedrigere Picks und eine saftige Ersrundenniederlage gegen die guten Teams aus dem Osten.

3. Leichterer Weg in den Playoffs

Der Gedankengang ist einfach: Spitzenteams wie die Miami Heat oder Indiana Pacers, die sich berechtigte Hoffnungen auf einen Titelgewinn machen dürfen, haben im Osten einen leichteren Weg, weil die möglichen Gegner in den ersten beiden Playoffrunden für sie deutlich einfacher zu spielen sind als die Gegner der Spitzenteams aus dem Westen. Oben wurde schon angedeutet, dass die Pacers und Heat in der ersten Runde womöglich auf Teams mit negativen Bilanzen treffen. Welches Duell kann im Osten überhaupt als spannend beschrieben werden, wenn es in der Postseason ums Ganze gehen soll? Außer Pacers vs. Heat fällt nichts ins Auge und diese treffen wohl erst im Conference Finale aufeinander. Im Westen sieht es mit den zahlreichen Spitzenteams Spurs, Thunder, Rockets, Warriors anders aus. Dazu gesellen sich Teams, mit denen ebenso zu rechnen ist, wie die Mavericks (mit einem Dirk Nowitzki in Topform), die Grizzlies (mit einem fitten Marc Gasol) oder dem Überraschungsteam aus Portland.

Doch nicht nur der Weg ist für die Spitzenteams der Eastern Conference leichter, sondern auch die Chancen in den Finals werden dadurch erhöht, dass sie sich leichter den Heimvorteil sichern können, denn am Ende zählt ausschließlich die Gesamtbilanz trotz sehr unterschiedlicher Spielpläne.

4. Schonung von Spielern

Aus der Tatsache, dass die Spielpläne von Ostteams teilweise deutlich leichter zu bestreiten sind als für Teams aus dem Westen, folgt, dass ein Meisterschaftsanwärter wie die Miami Heat eher mal in die Lage versetzt wird, (wichtige) Spieler für entscheidende Duelle zu schonen. Als prominentestes Beispiel wäre Dwyane Wade zu nennen, der regelmäßig unter Blessuren leidet, so dass sich Coach Spoelstra sicherlich darüber freut, dass er ihn häufiger draußen lassen kann, um ihn nicht zu überanstrengen und ihn so für die Playoffs fit zu halten. Würden die Heat im Westen spielen, könnten sich die Heat dies in dieser Form eher nicht leisten und müssten häufiger mit ihrer besten Mannschaft auflaufen, um nicht andere Teams vorbei ziehen zu lassen.

Schlussfolgerungen

Dass die aktuellen Zustände langfristig schädlich für die Liga sind, sollte außer Frage stehen. Fraglich ist, wie man die Probleme lösen kann.

1. Möglichkeit: Selbstregulierung

“Der Markt hat das Problem geschaffen, der Markt wird es auch lösen.” So oder so ähnlich heißt es manchmal in wirtschaftlichen Fragestellungen (auch wenn es nicht immer erfolgsträchtig ist). Für die NBA könnte Selbiges gelten, denn die momentanen Missstände in der Eastern Conference sind sicherlich nicht nur von Gott gegeben, sondern auch Folge schlechten Managements. Die New York Knicks und Brooklyn Nets mit ihren negativen Bilanzen trotz wirtschaftlicher Ausnahmestellung sind die besten Beispiele. Hierbei ist besonders problematisch, dass die Entscheidungsträger im Management seltener oder deutlich später ausgetauscht werden als die Protagonisten auf dem Spielfeld. Somit kann ein schlechter General Manager ein Team für mehrere Jahre in Schwierigkeiten bringen.

Ein weiteres Problem ist die Talentverteilung trotz eines Lebron James bei den Miami Heat. Der Westen profitiert davon, dass er in den Jahren nach Michael Jordan bei den Bulls mehr Ausnahmespieler gedraftet oder aufgebaut hat als der Osten (Kobe Bryant, Kevin Garnett, Tim Duncan, Dirk Nowitzki, Chris Paul, Kevin Durant, Blake Griffin, Russell Westbrook, nur um einige zu nennen). Dies liegt zum einen an guten Scoutingabteilungen (was man wieder dem Management gut schreiben kann), zum anderen ist es aber auch einfach nur Glück, denn manchmal wird aus dem größten Talent kein Superstar, aus welchen Gründen auch immer. Das CBA verstärkt diese Manifestierung von Talent zusätzlich, denn für die Franchises, die den Spieler gedraftet haben, soll es aus nachvollziehbaren Gründen leichter sein, die Spieler zu halten.

Wenn im Osten nach einer gewissen Zeit schlechtes Management durch besseres ersetzt wird und die Franchises wieder ein besseres Händchen bei den Drafts haben, könnte die Eastern Conference wieder den Anschluss finden. Wann das sein wird, steht jedoch in den Sternen. Damit ist diese Lösung zwar die einfachste, aber sicherlich auch die diejenige, welche am wenigsten erfolgsversprechend ist.

2. Möglichkeit: Die Auflösung der Conferences

Die fairste und gerechteste Lösung wäre es sicherlich, wenn die Franchises untereinander die gleiche Anzahl an Begegnungen austragen. Denkbar wäre ein Hin- und Rückspiel für jedes Team. Dazu müssten die Divisionen bzw. Conferences abgeschafft werden, wodurch in den Playoffs dann der Tabellenführer gegen das Team an Position 16 spielt, Nummer 2 gegen Nummer 15 und so weiter. Diese sehr radikale Reform würde bedeuten, dass die reguläre Saison nicht mehr aus 82 Spielen pro Franchise besteht, sondern “nur” noch aus 58. Das wäre auch Wasser auf die Mühlen derjenigen, die seit geraumer Zeit beklagen, dass die Belastung der NBA-Spieler ein kritisches Niveau bereits überschritten habe. Außerdem würde durch die Verringerung der Spiele jede einzelne Partie eine größere Bedeutung erfahren, wodurch die Partien spannender und attraktiver sein würden.

Nun könnte man einwenden, dass die Conference- und Divisionseinteilung die Reisestrapazen für die Teams begrenzt und sie deswegen nowendig sind. Gegen dieses Argument spricht, dass zwar die Reisedauer pro Spiel zunehmen würde, die Spielanzahl aber insgesamt deutlich geringer wäre, so dass sich diese Reisestrapazen sicherlich nicht vergrößern würden; ganz im Gegenteil: ein Rückgang wäre wahrscheinlich, was sich sicherlich auch leistungsfördernd auswirken würde.

So groß die Vorteile dieser Reform sind, so groß ist der damit verbundene Nachteil. Zugegebenermaßen klingt das Folgende aus Sicht eines Fans dieser Sportart traurig – doch spielen die wirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Veränderung natürlich eine Rolle. Eine Verkleinerung des Spielplanes führt zu weniger Heimspielen, also weniger Einnahmen durch Heimspiele für die Teams. Auch werden weniger Sendeplätze fürs Fernsehen, Internet und Werbung benötigt, so dass die Anstalten weniger für das Produkt bezahlen würden. Schließlich lassen sich Divisions- bzw. Conferencesieger oder Begegnungen aus regionalen Gesichtspunkten besser vermarkten. Die NBA ist ein globales Unternehmen mit Gewinnmaximierung, so dass eine solche Reform im höchsten Maße unrealistisch ist, unabhängig davon, wie sinnvoll sie aus sportlichen Gründen erscheinen mag.

3. Möglichkeit: Nur leichte Anpassungen

Aufgrund der bisherigen Abwägungen erscheint es am sinnvollsten, eine Lösung zu suchen, die die wirtschaftlichen und sportlichen Interessen der NBA am besten zusammenbringt. Denkbar wären folgende Veränderungen:

a) Abschaffung der Divisionen
b) Modifizierung der Setzliste in den Playoffs
c) Heimvorteil in den Finals
d) Modifizierte Draftreihenfolge

Es kann nicht sein, dass ein Divisionssieger automatisch den vierten Playoffplatz zugesichert bekommt, egal wie schlecht die Bilanz aussieht.

Die Modifizierung der Playoffsetzliste könnte so aussehen, dass die Teams keinen Conferencesieger mehr ausspielen, sondern dass alle 16 qualifizierten Teams aus beiden Conferences direkt nach Bilanz zugewiesen werden (#1 vs. #16, #2 vs. #15, usw.), wobei die Tabellenführer der Eastern und Western Conference direkt an #1 bzw. #2 gesetzt sind, so dass diese beiden Teams erst in den Finals aufeinander treffen können.

Der Heimvorteil in den Finals könnte nicht durch die bessere Bilanz, sondern den besseren direkten Vergleich zugewiesen werden, wodurch große Unterschiede bei den Spielplänen keine Rolle mehr spielen.

Schließlich konnte die Reihenfolge im Draft rein nach Bilanz festgelegt werden, Playoffteams werden dann also nicht höher gesetzt.

Diese Neuerungen würden Teile der oben beschriebenen Probleme lösen oder ihnen zumindest entgegenwirken. Weitere oder andere Modifizierungen wären denkbar. Dabei wäre eine Durchsetzung aller Punkte nicht zwingend nötig; bereits einzelne Punkte könnten eine gerechtere Wettbewerbsfähigkeit und Ausgeglichenheit innerhalb der NBA fördern. Zugleich verringert sich die Anzahl der Spiele nicht, so dass die wirtschaftlichen Interessen ebenfalls geschützt werden. Und seien wir mal ehrlich: wer hätte etwas gegen Playoffduelle zwischen Mavericks und Heat oder Lakers und Celtics schon vor den Finals?

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