3-on-1 Fastbreak, Charlotte Hornets, Los Angeles Clippers, Miami Heat, NBA

Welches Team hatte die beste Offseason?

3-on-1 Fastbreak #1

Es ist Anfang Oktober und die Offseason findet langsam ihr Ende. Spieler, Coaches und Funktionsteams treffen sich zu den ersten offiziellen Trainingseinheiten, es beginnt der Kampf um die letzten Roster-Plätze. Der große Gewinner des Sommers sind für die annähernd alle Experten die San Antonio Spurs. Man konnte mit den Leistungsträgern Tim Duncan, Danny Green und Manu Ginobili verlängern, All-Star LaMarcus Aldridge verpflichten und zusätzlich David West dazu bewegen, für verhältnismäßig kleines Geld seine Sneaker in Zukunft in Texas zu schnüren.

Wir fragen uns daher gemeinsam, welches Team neben den Spurs in diesem Sommer durch besonders gute Arbeit hervorstach. Welche Franchise konnte den richtigen Weg zur Erfüllung der sportlichen Ziele einschlagen? Wer hat aus finanziellen Gesichtspunkten besonders sinnvoll agiert? Welches Team hat die Weichen auf eine erfolgreiche Zukunft gestellt. Kurz: Welches Team hatte die beste Offseason 2015?

Marc Petri: Dwyane Wade dürfte dieser Tage einer der glücklicheren Spieler der NBA sein. Nicht nur, dass er das erste Mal seit Jahren einen neuen Vertrag unterzeichnete, der keinen signifikanten Paycut enthält, seine Miami Heat um General Manager Pat Riley haben es zudem geschafft, ein Roster zusammenzustellen, welches ein ernstes Wort um die vorderen Plätze im Osten mitreden kann.

Der Beginn einer gelungenen Offseason stellte die diesjährige Draft dar, in der man sich überraschenderweise die Rechte an dem zuvor hoch gehandelten Justise Winslow sichern konnte. Der junge Wing, der in seiner ersten Saison bei Duke im Durchschnitt 12.6 Punkte erzielen konnte und für seine Position starke 6.5 Rebounds und 2.1 Assists im Durchschnitt sammelte, gilt als einer der Spieler, den man relativ schnell den Sprung in der NBA zutraut. Vor allem seine Defense und sein Drive zum Korb zeichnen ihn in seinem Freshman-Jahr aus, aber auch den Dreier traf er überraschend gut (41.8 Prozent bei 2.8 Versuchen pro Spiel).

Wenige Tage nach der Draft ereilte Pat Riley eine unerwartete, gute Nachricht. Luol Deng, der aus seinen Vertrag hätte aussteigen können und als Free Agent bei den liga-weit steigenden Gehältern ziemlich sicher ein höheres Salär erhalten hätte, ließ diese Option verstreichen und bleibt den Heat somit mindestens eine weitere Saison (Gehalt: 10.151.612 USD) treu.

Die Free Agency begann mit der großen Ungewissheit bezüglich Dwyane Wades Zukunft, denn dieser deutete frühzeitig an, dass er nicht gewillt ist einen weiteren Paycut zu akzeptieren. Auf der anderen Seite spielte das Gesicht der Miami Heat in der Saison 2014/15 das schlechteste Jahr seiner Karriere (beispielsweise hatte er nur in seiner Rookie-Saison schlechtere Werte als ein True Shooting von 53.4 Prozent und auch einem NetRating von -1.4 Punkten). Gemeinsam mit den vielen körperlichen Fragezeichen, die sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher bemerkbar machten (Wade spielte in den letzten drei Spielzeiten nur insgesamt 75 Prozent aller möglichen Spiele) hatte man daher keine gute Voraussetzungen für eine, für beide Seiten akzeptablen Lösung. Mit dem neuen Vertrag, der Wade 20 Millionen USD für bei einer Laufzeit von einer Saison garantiert, hat man diese Situation jedoch für alle Parteien zufriedenstellend lösen können.

Die Weiterverpflichtung von Goran Dragic war im Gegensatz zur Hängepartie mit Wade dagegen nur Formsache. Der slowenische Point-Guard, der zur Trading Deadline aus Phoenix kam, deutete bereits bei seiner Vorstellung in Miami an, langfristig bei den Heat bleiben zu wollen. Verstärkt wurde dieses Vorhaben dadurch, dass er in Süd-Florida wieder gemäß seiner Stärken eingesetzt wurde und er darum, nach der schlechten Anfangsphase der Saison 14/15, als primärerer Ballhandler wieder stark verbessert wirkte. 85 Mio USD bei einer Vertragslaufzeit von 5 Jahren (das letzte Vertragsjahr ist hier eine Player-Option) ist ein angemessener Betrag für einen der besten offensiven Point Guards der Liga. Vor allem wenn Chris Bosh zurück zu alter Stärke findet, dürfte dieses Tandem eines der stärksten Pick-and-Roll- / Pick-and-Pop-Duos der Liga bilden.

Im weiteren Verlauf der Free Agency konnte man mit Gerald Green und Amar‘e Stoudemire zwei Veteranen zum Mimimum (1.356.146 USD und 1.499.187 USD) für eine Saison verpflichten, welche zwar seit Jahren (gerade defensiv) keine großen Leistungen auf das Parkett brachten, aber – gerade zu dem Preis – als sinnvolle Verpflichtungen für entsprechend kleine Rollen angesehen werden dürfen. Green agierte schon in Phoenix besonders dann effektiv, wenn er neben dem Duo Dragic-Frye agierte und für diese im Pick-and-Roll den Court breit machte, um stets eine Gefahr vom Perimeter darzustellen. Eine ähnliche Rolle soll er – für Dywane Wade von der Bank kommend – auch bei den Heat übernehmen. Amar’e Stoudemire dagegen ist als offensiv-potente Alternative zu Chris Andersen für die Back-up-Rolle hinter Hassan Whiteside eingeplant.

Mit diesen Verpflichtungen haben die Miami Heat ein Roster beisammen, welches gut abgestimmt wirkt und im Osten potentiell nach den Cavs das meiste Talent aufweist; wie erfolgreich man aber tatsächlich sein kann ist von vielen Fragen abhängig, die nicht im Zuständigkeitsbereich von General Manager Pat Riley fallen. Wie fit werden Dwyane Wade, Chris Bosh und Josh McRoberts sein? Kann Hassan Whiteside, der überraschenderweise in der letzten Saison einer der besten Defensiv-Center der Liga war, die gezeigten Leistungen bestätigen? Funktioniert das auf dem Papier beste Pick-and-Roll Duo der Liga wie erhofft? Das Front-Office hat jedenfalls im Rahmen ihrer begrenzten, finanziellen Möglichkeiten ein Team zusammengestellt, welches nach einem Jahr Abstinenz wieder in die Play-Offs einziehen sollte.

In Kombination mit der Tatsache, dass durch die Abgänge von Zoran Dragic und Shabazz Napier (beide wurden unter Zugabe eines 2nd Round Picks nach Boston bzw. Orlando getradet) in der kommenden Saison keine Luxury Tax bezahlt werden muss und man im nächsten Sommer die Flexibilität hat, um Hassan Whiteside (da er Early Bird Free Agent ist, kann dieser nur zu 175 Prozent seines aktuellen Vertrags oder aber mit Capspace gehalten werden) zu verlängern und im Rennen um Kevin Durant ein Wort mitzureden, hatten die Miami Heat aus sportlichen und finanziellen Gesichtspunkten die beste Offseason nach den San Antonio Spurs.

 

Sebastian Seidel: Manchmal sind es die kleinen Moves, welche die Struktur eines Kaders verändern.  So auch bei den Charlotte Hornets in dieser Offseason. In den letzten zwei Jahren war der Hauptfokus des Teams von Steve Clifford eindeutig die Defensive. In beiden Jahren unter Clifford stellten die Hornets eine Top-10-Defensive (6. 2013/14 – 9. 2014/15).
Die drei Hauptprinzipien in der Defensive der Hornets sind:

  • keine Offensivrebounds (Rang 29 OREB%), dafür aber eine gute Transition-Defense
  • Keine einfachen Punkte direkt am Korb (Opp FG% unter 5ft – 2. / OPP FGA unter 5ft – 1.)
  • kein Doppeln von Spielern im Post oder am Perimeter

Selbst mit einem Frontcourt aus Al Jefferson und Marvin Williams, welcher auf dem Papier sicherlich zu den defensiv Schwächsten der Liga gehört, schafften die Hornets es dank dieser Prinzipien eine exzellente Defensive zu stellen.

Die Probleme von Charlotte lagen also eindeutig in der Offensive. Nur die Knicks und die Sixers wiesen in der vergangenen Saison ein noch schlechteres Offensivrating als die Hornets auf. Der Hauptgrund dafür war das schwache Spacing.  Weder Walker, noch Stephenson, noch Henderson trafen den Dreipunktewurf auf einem anständigen Niveau. Hinzu kommt Michael Kidd-Gilchrist welcher über keinen Dreipunktewurf verfügt.  Kein Wunder also, dass die Hornets mit 31.8 Prozent die schwächste Dreierquote der Liga aufwiesen.
Fast alle Offseason-Transaktionen stoßen in diese Schwachstelle hinein. Schon im Draft wurde mit Frank Kaminsky ein Senior gezogen, der den Charlottes sofort weiterhelfen soll. Seine offensive Vielseitigkeit dürfte die Offense der Hornets bereichern und defensive Schwächen sollten im Defensivkonzept der Hornets aufgefangen werden können.
Mit Lance Stephenson wurde dann das wohl größte Problem der vergangenen Saison abgegeben. Nie in Charlotte wirklich angekommen, warf er miserable Quoten, vorallem von der Dreierlinie (17%!!!). Im Gegenzug konnte mit Spencer Hawes ein Stretch-Big  verpflichtet werden, der in Los Angeles zwar enttäuschte, aber durchaus schon bewiesen hat, dass er ein brauchbarer Rollenspieler sein kann. Findet er zu ähnlich starker Form wie 2013/14 zurück, dann kann er als Strech Big viel Platz für die Drives von Walker und die Post-ups von Jefferson schaffen.
Auch der Trade von Nicolas Batum gegen Noah Vonleh und Gerald Henderson sollte die Offensive der Hornets bereichern Der Franzose absolvierte statistisch gesehen die schwächste Saison seit seinem Rookie-Jahr, sollte mit 26 Jahren seinen leistungsmäßigen Zenit aber eigentlich noch nicht überschritten haben. Auch er kann das Spacing der Hornets deutlich verbessern. Über seine Karriere nahm er auf 36 Minuten gerechnet stolze 5 Dreier und traf davon solide 36 Prozent. In der letzen Saison hatte er allerdings oft Probleme mit dem Distanzwurf. Doch auch seine anderen Fähigkeiten wie sein Spielübersicht und Playmaker-Qualitäten auf dem Flügel, seine Drives zum Korb, sein gutes Rebounding und seine zumindest solide Verteidigung werden den Hornets enorm weiterhelfen.
Mit Jeremy Lamb verpflichteten die Hornets für einen Zweitrundenpick einen weiteren Spieler, der noch etwas zu beweisen hat. Der 22-jährige deutete sein Potential als Scorer und Shooter in Oklahoma immer wieder an, doch so richtig durchsetzen konnte er sich nie. In Charlotte hat er nun die Chance auf einen Neuanfang.
In der Free Agency musste Charlotte dann Bismack Biyombo ziehen lassen, der als Backup-Center zumindest defensiv einen durchaus anständigen Job gemacht hatte. Als Ersatz wurde Tyler Hansbrough verpflichtet. Hansbrough ist in seiner Karriere prädestiniert für die Rolle des Backup-Big. Er ist sehr aktiv an den Brettern, spielt in der Defensive mit einer gewissen Härte, welche häufig auch zu vielen Fouls führt, und ist offensiv auf Abschlüsse in der Zone beschränkt. Den Abgang von Mo Williams konnte Charlotte mit der Verpflichtung von Jeremy Lin ebenfalls gut auffangen. Lin zeichnet sich hauptsächlich durch seinen Zug zum Korb aus dem Pick&Roll und im Fastbreak aus, kann aber als durchschnittlicher Spot-up-Shooter auch abseits des Balles agieren. Auch die vorzeitige Vertragsverlängerung von Michael Kidd-Gilchrist kann als voller Erfolg betrachtet werden. In den nächsten vier Jahren wird der Flügelspieler 13 Millionen Dollar jährlich verdienen. Für einen der besten Verteidiger der Liga ist das mit Blick auf sein Alter (22) und den steigenden Salary Cap ein exzellenter Vertrag.

Keine Transaktion der Hornets sieht unglaublich spektakulär aus, doch durch die Verpflichtung von guten Schützen und vielseitigeren Offensivspielern sollten sich Charlotte im kommenden Jahr vor allem offensiv stark verbessern. Mit Nicolas Batum, Spencer Hawes und Jeremy Lamb wurden drei Spieler geholt, welche nach einer schwächeren Saison sicherlich auch noch etwas zu beweisen haben. Gerade Lamb und Batum werden durch ihren auslaufenden Vertrag sicherlich noch etwas mehr Motivation mitbringen. Auch Al Jefferson geht in sein letztes Vertragsjahr bevor er im Sommer 2016 mit 31 Jahren dann seinen vermutlich letzten größeren Vertrag unterschreibt.

Die Mischung aus motivierten Spielern, einer verbesserten Kaderstruktur und mehr offensiven Möglichkeiten wird die Hornets im schwachen Osten zurück in die Playoffs bringen.

 

Dennis Spillmann: Während mit Miami und Charlotte Teams gute Offseasons hatten, die in der abgelaufenen Spielzeit (zumindest auf dem Papier) Lotteryteams waren, sieht dies bei den Los Angeles Clippers anders aus.

Das Team schien in der letzten Spielzeit prädestiniert für einen tiefen Playoffrun zu sein, nachdem man den Meister aus San Antonio in der ersten Runde schlagen konnte. Einen epischen Zusammenbruch später gegen die Rockets stand man wieder mit leeren Händen da. Der bisher eher gescholtene GM Doc Rivers stand vor der wichtigsten Offseason seit Jahren, weil Center DeAndre Jordan Free Agent wurde.

Am 5. Juli schien GM Rivers kurz davor zu stehen, eine der schlechtesten Offseasons der Liga abzuliefern: Jordan hatte sich verbal mit den Dallas Mavericks geeinigt. Die Clippers schienen handlungsunfähig zu sein, weil Rivers fast das gesamte Talent getradet hatte und man sich oberhalb des Caps befand. So turbulent, wie die Clippers gemeinsam verhinderten, dass Jordan zu den Mavs ging, so radikal veränderte sich auch die Wahrnehmung der Offseason-Leistung von Doc Rivers.

Plötzlich hatte man den Starting Center gehalten, für Matt Barnes und den miesen Vertrag von Spencer Hawes mit Lance Stephenson einen Spieler erhalten, der einen zumindest niedrigeren Vertrag als Hawes innehat – und Barnes mit Paul Pierce ersetzt. Wäre die Offseason der Clippers hier schon beendet gewesen, wäre man auf demselben Niveau wie im letzten Jahr gewesen. Dies wäre eine ordentliche Offseason gewesen.

Doch damit noch nicht genug: Man verschaffte sich das erste Mal seit Jahren wieder Tiefe im Kader. In der Folge konnte man Josh Smith für das Minimum an sich binden. Die Signings von Pierce und Smith alleine machen die Clippers sehr viel variabler als noch in der letzten Saison, wo Spencer Hawes eigentlich für mehr Spacing sorgen sollte, aber nie in Form kam. Nun hat Coach Rivers die Möglichkeit, sowohl mit Pierce als auch mit Smith auf der Vier small zu gehen und dem Team ein ganz anderes Aussehn zu verleihen.

Doch Smith bleib nicht das letzte Signing der Clippers. Man rundete den Kader weiter ab und verpflichtete mit Pablo Prigioni und Austin Rivers weitere Ballhandler, mit Wes Johnson eine Alternative auf dem Flügel sowie mit Cole Aldrich und Chuck Hayes Bigs. 

Die Clippers haben jede Position mindestens doppelt besetzt. Fragezeichen stehen eigentlich nur noch ein wenig hinter der besten Lösung, wenn Chris Paul als primärer Ballhandler auf der Bank sitzt. Im letzten Jahr hatte man dies schon mit einer Mischung aus Jamal Crawford und Austin Rivers versucht zu lösen; Prigioni ist in diesem Jahr eine weitere Option. Dennoch ist hier der momentan einzige Ansatzpunkt, wenn man den Kader kritisieren möchte. Ein klarer Backup mit nachgewiesenen, mehrdimensionalen Spielgestalter-Qualitäten wäre das absolute Optimum gewesen.

Los Angeles verfügt aber über exzellentes Shooting bis hin zu einem Small-Ball-Vierer in Paul Pierce, war im letzten Jahr schon ungemein athletisch auf den großen Positionen und bekam hier noch Josh Smith dazu – und man hat das erste Mal wirkliche Alternativen auf der Bank. Die Clippers gingen im letzten Jahr schon als Western Conference-Dritter in die Playoffs. Mit der – nach den Spurs – besten Offseason des Jahres dürfte es für Los Angeles in dieser Saison nur ein Ziel geben, da man zum absoluten Contender aufgestiegen ist.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Schreibe einen Kommentar