Draft, Gedanken, Off-Court

Marcus Smarts Wutausbruch war unangebracht.

Er ist jedoch nicht der Einzige, der an den Pranger gestellt werden sollte.

Er ist jedoch nicht der Einzige, der an den Pranger gestellt werden sollte.

Beim NCAA-Spiel zwischen Oklahoma State und Texas Tech brannten Point Guard Marcus Smart die Sicherungen durch: 6,2 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit landete der Aufbauspieler nach einem gescheiterten Blockversuch im Spielfeldaus. Statt das Feld wieder zu betreten, näherte sich Smart einem älteren Texas Tech-Fan in der ersten Zuschauerreihe, tauschte mit ihm Worte aus und schubste ihn daraufhin mit voller Wucht.

Die Schiedsrichter bestraften Smart mit einem technischen Foul, verwiesen ihn aber nicht des Spielfeldes. Zeitgleich mit der Entscheidung hielten Smarts Mitspieler ihren Starguard zurück, während er selbst in Rage wiederholte Male mit seinem Zeigefinger auf den Mann aus der ersten Reihe verwies. Texas Tech gewann das Spiel. Am heutigen Montag gab Oklahoma State bekannt, dass Smart für drei Spiele suspendiert wurde. Er selbst entschuldigte sich bereits, sowohl vor der Presse als auch auf seinem Twitteraccount.

Kurz nach dem Vorfall machte sich ein Aufschrei in sozialen Medien breit: Smart dürfe so etwas nicht passieren, gab beispielsweise Ex NBA-Spieler Jalen Rose zum Besten. Smarts Name begann auf dem sozialen Netzwerk twitter zu trenden. Unzählige selbsternannter Draftexperten begannen die Auswirkungen des Vorfalls auf seinen Draftstock zu diskutieren.

Um kontextualisieren zu können, was passiert ist, muss man dabei Marcus Smarts Geschichte kennen: Der Aufbauspieler gilt als große Drafthoffnung; scheint in einer vermeintlich starken Draftclass 2014 als sicherer Top10-Pick. Bereits letztes Jahr stand Smart vor der Möglichkeit, sich zur Draft anzumelden, entschied sich aber seinen Aufenthalt in Oklahoma State um ein Jahr zu verlängern. Sein Team hat die letzten vier Spiele in Folge verloren, darunter eine Niederlage nach Triple Overtime gegen Iowa State. Smart trägt dabei sein Team und ist mit mehr als 17 Punkte pro Partie der beste Scorer, erzielt seine Punkte aber auf ineffiziente Art und Weise: Aus dem Feld schießt er schwache 42% und unter 93 Spielern in der NCAA, die mehr als 100 Dreipunktewürfe nahmen, schießt Marcus Smart mit desaströsen 28% den schlechtesten Wert. Die Niederlage gegen Texas Tech war der Höhepunkt der Frustration eines jungen Spielers, der derzeit schlichtweg überfordert ist.

Zudem wurde nach dem Spiel bekannt, dass Jeff Orr, der ältere Herr, mit dem Smart aneinandergeriet, kein Unbekannter ist: Sowohl Bryan Davis, der bei Texas A&M spielt, als auch NBA Point Guard John Lucas III erkannten den Mann und bestätigten, dass er kein unbeschriebenes Blatt sei.

Smart selbst behauptete seinen Coaches gegenüber, dass Orr ihn rassistisch beleidigt habe. Auf twitter kursierten Gerüchte, dass das Wort “monkey” gefallen sein soll. Orr selbst gab hingegen zu Protokoll, er habe Smart “piece of crap” genannt, es seien jedoch keine rassistischen Bemerkungen gefallen.

Die Wahrheit ist, dass Smarts Ausraster unprofessionell und unnötig sein mag, die mediale Empörung darüber jedoch lächerlich erscheint. Versteht mich nicht falsch: Smarts Fauxpas sollte geahndet werden, er hat sich falsch verhalten und jede seiner Entschuldigungen ist nicht nur richtig, sondern auch angebracht. Doch einen 19-jährigen Jungsporn, der sich inmitten eines shooting slumps und losing streaks befindet, nach solchem Überreagieren zum Sündenbock zu erklären, erscheint falsch. Sein Draftstock wird durch den Vorfall ebenso wenig zu Schaden kommen: Die Draft ist vier Monate entfernt, Smart gilt als high character guy und Vorbildsathlet. In Workouts und Interviews wird er alle Möglichkeiten haben, jeden zweifelnden General Manager zu überzeugen. Im Zweifelsfall ist es meines Erachtens sogar positiv auszulegen, dass Smart offenkundig Emotionen zeigen kann und sowas wie Frustration verspürt. Zumindest bin ich mir sicher, dass Gleichgültigkeit und das Hinnehmen von Niederlagen in solchen Momenten langfristig schlimmer wären als eine Kurzschlussreaktion.

Und sollte sich letzten Endes doch herausstellen, dass Orrs Provokationen rassistischer Natur waren, bin ich absolut bereit Smarts Reaktion in entsprechenden Spielumständen zu verteidigen. Der Vorfall sollte viel mehr Anlass geben, Verhaltensregeln für Interaktionen zwischen Spielern und Fans zu reflektieren. Derzeit ist jener Umgang nicht geregelt, gesetzeslos und frei willkürlich. Natürlich kann man das als Teil der Fankultur abtun, als provokanten Trashtalk, der zum Ziel hat, “in die Köpfe” der Spieler zu kommmen, und in diesem Fall sichtlich Erfolg hat. Man kann darauf verweisen, dass der Umgang mit Spielern bei Partizan Belgrad-Heimspielen sicherlich nicht glimpflicher ist. Und man kann richtigerweise behaupten, dass der Inhalt von in game Wortwechseln unkontrollierbar ist. Dass aber ein weißer, älterer Mann – der wohlgemerkt Geld bezahlt hat, um junge Spitzensportler am Spielfeldrand zu sehen – mit beleidigenden Bemerkungen auf das Spiel Einfluss nimmt, ist hier weitaus mehr zu hinterfragen als Smarts Fehlverhalten. Es hat zudem ganz andere Implikationen, die für weiße Europäer nur schwer nachzuvollziehen sind. Ich jedenfalls wage nicht mir einbilden zu können, wie ein 19-jähriger Afroamerikaner sich gefühlt haben muss, nachdem ein weißer Rentner ihn sicher als Haufen Scheiße (und wohlmöglich als Affe) beschimpfen hat beziehungsweise haben könnte. Er mag dieser Tage zum Sündenbock stilisiert werden, Marcus Smart ist aber nicht der einzige, der an den Pranger gestellt werden sollte.

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