3-on-1 Fastbreak, NBA

Breakout-Kandidaten der Saison 2017-18

3-on-1 Fastbreak #14

In der aktuellen Ausgabe unseres 3-on-1-Fastbreaks befassen wir uns mit den Spielern, denen wir in der kommenden Saison einen großen Sprung zutrauen. Als Beispiele aus der vergangenen Saison würden Spieler wie Otto Porter Jr. oder Dewayne Dedmon gelten. Der eine machte – gerade in Sachen Effizienz – einen großen Sprung nach vorne und gilt nunmehr als guter Starter; der andere war phasenweise in seiner NBA Karriere weit weg von den jeweiligen Rotationen und mauserte sich in San Antonio zu einem starken Defensivcenter und gilt nun als guter Rollenspieler.

Von welchen Spielern kann man in der kommenden Saison einen ähnlichen Sprung nach vorne erwarten? Welche Spieler haben das Zeug dazu, sich in den Vordergrund zu spielen? Wer hat das Zeug für eine größere Rolle und das Potential, in der Wahrnehmung der meisten NBA-Fans einen großen Sprung nach vorne zu machen? Mit diesen Fragen setzten sich unsere Redakteure Julian Lage, Marc Petri und Timo Kanbach auseinander.

 

Julian Lage: Es ist normalerweise kein Kompliment, wenn man einen Spieler als unauffällig bezeichnet. Passend ist die Bezeichnung trotzdem für einen Mitte der ersten Runde gedrafteten Spieler ohne offensichtliche, Highlight-geeignete Stärken, der in seinem dritten NBA-Jahr bei einem Mittelklasse-Team eine solide Starter-Rolle ausfüllt. Wenn dann noch ein jüngerer Spieler aus der eigenen Mannschaft für die spektakulärsten Plays sorgt und der Nachname in der NBA immer die Nachfrage ‚welcher‘ auslöst, hält sich der Hype erst recht in Grenzen. Die Rede ist von Gary Harris, der diesen Zustand in der kommende Saison ändern möchte.

Wie bei den meisten Firstroundern ist in Jahr Vier, dem Contract Year in Verträgen nach Rookie Scale, noch mal ein Sprung zu erwarten. Harris ist aus mehreren Gründen prädestiniert dafür. Erstens hat er schon letzte Saison gezeigt, dass er bei brauchbarem Volumen (14,9 PPG, 1,9 3PM/G) äußerst effizient (ORtg 121, 42,0% 3P) trifft. Zweitens ist nach dem Abgang von Danilo Gallinari die Rolle des besten Flügel-Scorers wieder zu vergeben. Drittens, und dabei kommt der andeutungsweise schon angesprochene Nikola Jokic ins Spiel, erscheinen Nuggets-Roster und -Spielweise optimal auf Harris‘ Stärken zugeschnitten.

Der erste Punkt, das effiziente Scoring, ist sicher das Hauptargument. Harris stand im Offensivrating letztes Jahr ligaweit in der Top 15 aller Spieler mit mindestens 10 PPG. Bei den Spielern mit mindestens einem Treffer aus der Distanz reicht es sogar für die Top 10 in 3P-Percentage. Nur eine Handvoll Scharfschützen wie Kyle Korver und J.J. Redick trafen bei gleichem oder größerem Volumen besser. Harris’ 14,9 Punkte pro Spiel reißen nicht vom Hocker, erlauben bei nur knapp 32 Minuten aber Hoffnung auf mehr – zumal einige teuer bezahlte Wurfspezialisten wie Allen Crabbe und Otto Porter in ihren ersten vier Jahren deutlich unter diesem Wert blieben, auch vergleichsweise auf Possessions hochgerechnet.

Ein kleiner Wermutstropfen an Harris‘ ansonsten beeindruckender Offense ist allerdings, dass er vergleichsweise wenig selbst kreieren kann oder vielleicht auch nur darf. Ganze 97% seiner Drei- und immerhin noch 66% seiner Zweipunktwürfe waren 2016/17 assisted. Zumindest in dieser Hinsicht fehlt ihm noch das Level eines Gallinari, der in seiner Karriere nie auf diese Werte kam. Allerdings erreichte auch der Jetzt-Clipper in der vergangenen Saison die höchsten Prozentzahlen an Treffern nach Vorlagen und gleichzeitig seine effizienteste Saison.

Die hohe Zahl an Körben nach Assists ist bei den Nuggets schlicht Teil des Systems; und dieses System funktioniert: Als viertbeste Offense der Liga spielten die Nuggets die zweitmeisten Assists nach den Golden State Warriors (absolut, Rang drei nach Possessions). Den Hauptverdienst für die exzellente Offensivsaison trägt sicherlich Nikola Jokic als einer der besten Big Man-Playmaker der Liga. In der kommenden Saison steht Coach Mike Malone in Paul Millsap ein weiterer exzellenter Passer zur Verfügung. Als Scorer wird sich Millsap allerdings vermutlich noch weiter zurückhalten – stattdessen muss ein anderer die Vorlagen des Big-Duos verarbeiten. Harris ist dafür der realistischste Kandidat, sein Scoring dürfte sich der 20-Punkte-Marke zumindest annähern.

Auf der anderen Seite des Feldes sieht es für Harris und die Nuggets nicht ganz so gut aus, wobei er sicher das Potential zum überdurchschnittlichen Verteidiger aufweist. Für Breakout-Kandidaten spielt das allerdings eine eher untergeordnete Rolle, weil für die positive Wahrnehmung in der Liga vergleichsweise selten die Defense eines Spielers herangezogen wird. Es ist also nicht nur wegen Paul Millsap ziemlich wahrscheinlich, dass die Nuggets sich nächste Saison darüber freuen, Harris nicht in einem Kevin Love-Trade abgegeben zu haben – und sich vermutlich ärgern, falls sie ihn nicht bis Ende Oktober von einer Vertragsverlängerung überzeugen…

 

Marc Petri: Der verletzungsbedingte Ausfall von Kawhi Leonard im ersten Spiel der Western Conference Finals beendete alle Hoffnungen der Spurs auf eine mögliche Überraschung gegen die Golden State Warriors. Ein Spieler, der im weiteren Verlauf der Serie mehr Einsatzzeit bekam, war Flügelspieler Kyle Anderson. Spielte er bis zu diesem Zeitpunkt lediglich knapp 14 Minuten pro Spiel, waren es nunmehr knapp 10 Minuten mehr. Er übernahm Verantwortung und war wesentlich häufiger ein Fixpunkt der Offensive der Spurs und übernahm in der gegnerischen Hälfte die Ballkontrolle (bis zu diesem Zeitpunkt hatte kaum ein Spieler der Spurs weniger Spielanteile – durchschnittlich 21.8 Touches, USG% 12.1). In zwei der drei folgenden Spielen hatte der Flügelspieler , der 2014 an 30. Stelle gepickt wurde, eine USG% über 20 und er war in dieser Phase der Spieler mit den viertmeisten Touches der Spurs.

Insgesamt spielte Kyle Anderson in einer, bis zum verletzungsbedingten Ausfall von Kawhi Leonard, sehr kleinen Rolle. Überzeugende Playoffs und seine Entwicklung dürfte einer der Hauptgründe dafür gewesen sein, dass man Flügelspieler Jonathon Simmons im Sommer nicht weiterverpflichtete. Ein wenig überraschend verließ dieser in der abgelaufenen Free Agency die San Antonio Spurs und unterschrieb für vergleichbar geringe 20 Millionen USD für 3 Jahre bei den Orlando Magic.

Da Manu Ginobili zwar für weitere zwei Jahre verlängert hat, aber davon auszugehen ist, dass er in der kommenden Spielzeit noch weniger Minuten sehen wird als in der vergangenen Saison (18.7 MPG) und auch häufiger Spiele aussetzen wird, dürfte es Kyle Anderson sein, der einen Großteil der Minuten hinter Danny Green und Kawhi Leonard sieht. Im weiteren Verlauf der Saison rechne ich mit einer Reduzierung der Minuten von Danny Green und einem zeitgleichen Anstieg der Spielzeit von Kyle Anderson. Defensiv haben beide Spieler Stärken in der individuellen Defense gegen balldominante Flügelspieler und in der Team-Defense. Beide Protagonisten haben hier ein feines Gespür dafür auszuhelfen, ohne Ihre eigentliche defensive Hauptaufgabe zu vernachlässigen. Im Gegensatz zu Danny Green ist Kyle Anderson aber der vielseitigere Spieler in der Offensive, da er besser für andere Spieler initiieren kann und – wie man gegen die Golden State Warriors gesehen hat – auch für sich selbst kreieren kann. Schafft es Anderson den Dreier in höherer Frequenz ähnlich gut zu treffen wie in der vergangen Saison (37.5 Prozent bei lediglich 0.6 versuchen pro Spiel) spricht meiner Meinung nach nichts gegen diese Verlagerung der Spielzeit, sodass in der kommenden Spielzeit etwa 22 – 24 Minuten pro Spiel möglich sind.

Nein, Kyle Anderson wird am Ende der bald beginnenden Saison ziemlich sicher kein Anwärter auf den Most Improved Player Award sein, wenn es aber darum geht, welcher Spieler in der NBA im Vergleich zur Vorsaison einen großen Sprung in Sachen positiven Einfluss auf das Spiel seines Teams macht, dann ist er einer meiner Favoriten. Ich gehe davon aus, dass viele Fans und Experten Kyle Anderson dann als einer der besseren Rollenspieler in der NBA sehen werden. Aus finanzieller Sicht wäre es für Anderson ein Karrieresprung zum richtigen Zeitpunkt, denn auch er wird – wie Gary Harris – 2018 zum ersten Mal in seiner Karriere Free Agent.

 

Timo Kanbach: 44% von Downtown bei fast 4 Versuchen pro Spiel in den Playoffs sowie mehr als die Hälfte aller Playoff Partien in der letzten Saison gestartet – das sollte berechtigte Hoffnung machen auf mehr! Besonders wenn dieser Spieler erst in sein drittes Jahr kommt und die Toronto Raptors unter anderem deswegen DeMarre Carroll in der Sommerpause zu den Nets tradeten. Denn der designierte Nachfolger Norman Powell steht schon in den Startlöchern.

Norman Powell wird nicht annähernd so viel Punkte erzielen wie etwa Gary Harris oder so gut kreieren wie Kyle Anderson bei den Spurs. Denn Powell fällt eine komplett andere Rolle zu als den Protagonisten von Julian Lage und Marc Petri.  

Neben Kyle Lowry und DeMar DeRozan wird Powell, der erst an Stelle 46 im Draft 2015 von den Milwaukee Bucks gedraftet wurde, aller Voraussicht nach den zweite Starter auf dem Flügel geben. Er soll die Rolle ähnlich ausfüllen wie Otto Porter in Washington, indem er die beiden Stars in der Verteidigung entlastet und den besten Flügel in die Mangel nimmt. In den Playoffs konnte er durch gute Leistungen seine Minutenanzahl von 18 Minuten auf über 25 Minuten steigern. Genauso stieg seine Punktausbeute von 8.4 auf 11.7 Punkte pro Spiel. Diese Minutenzahl sollte ihm nächste Saison auf jeden Fall auch zustehen. Zu einem fehlen die erfahren Alternativen auf dem Flügel, da ansonsten vor allem noch jüngere Spieler im Kader stehen. Der einzige erfahrene Neuzugang auf dem Flügel ist CJ Miles, der wohl verschiedene Positionen spielen wird. Sollte Powell ähnlich stark von der 3er-Linie werfen wie in den Playoffs, bleibt Coach Dwane Casey ohnehin nicht viel anderes übrig, als Powell spielen zu lassen.

Seine offensive Hauptaufgabe wird es sein, mit seinem Dreipunktwurf das Feld für DeRozan und Lowry breit zu machen. Zu beachten ist, dass 94% seiner 3-Punkte-Treffer in der Regular Season von seinen Mitspielern vorbereitet wurden. Diese erarbeitet er sich durch intelligente Cuts abseits des Balls, wobei Powell nicht wie Kyle Korver zu seinen besten Zeiten um die Blöcke läuft. Aber man sollte Powell nicht nur auf seinen Distanzwurf reduzieren, das wäre falsch. Wenn er die Chance zum Fastbreak hat, dann spielt er seine Athletik voll aus und schließt mit krachenden Dunks ab, zur Freude aller Zuschauer.

Powell ist schnell genug um Spieler zu bestrafen, die den Closeout gegen ihn falsch verteidigen. Diesen attackiert er auf Grund seiner Athletik gerne, hat er den Platz schließt er am Korb direkt ab. Diese Würfe trifft er mit soliden 58,7%. Sollte Powell seine Bewegungen abseits des Balls noch weiter verbessern und die intelligente Wurfauswahl beibehalten, dann wird er definitiv zu den Breakout-Spielern der nächsten Saison zählen. Doch darf man dies nicht verwechseln mit dem MIP-Award, hier werden unter anderem prominentere Spieler mitsprechen dürfen die sich vor allem über ihr Scoringoutput definieren.

Genau wie Gary Harris und Kyle Anderson spielt auch Norman Powell um einen neuen Vertrag in der NBA. Auch ihn wird es zusätzlich motivieren, dass er im letzten Jahr seines Vertrags steht.

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1 comment

  1. Squalldiamond

    Bei Anderson habe ich die Hoffnung aufgegeben, auch letztes Jahr sah ich Anderson vor Simmons. Und dann spielte Anderson in der regular Saison kaum eine Rolle. Auch dieses Jahr kann ich mir vorstellen dass er nicht viel spielen wird. Da werden meiner Meinung nach Gay und Forbes mehr Minuten sehen als er. Forbes und Bertans wären übrigens Kandidaten für ein breakout Year. Und ich könnte mir Jamal Murray von den Nuggets vorstellen dass er einen weiteren Schritt macht.


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