Utah Jazz

Zurück ins mormonische Niemandsland?

Die Utah Jazz im Umbruch
Screenshot: NBA League Pass

Nach vier Jahren ohne eine Teilnahme an den NBA-Playoffs konnten sich die Utah Jazz in der vergangenen Saison  wieder für die Postseason qualifizieren. Werden die Jazz nach den Abgängen von George Hill (Sacramento) und Gordon Hayward (Boston) wieder aus den Playoffs fallen?


Mit Hill und Hayward verlassen zwei der drei wichtigsten Spieler die Jazz. Der Core um Hayward (27), Rudy Gobert (25) und Hill (30) hätte vermutlich nie gereicht, um wirklich eine realistische Chance auf eine Meisterschaft zu haben, wäre aber eine Playoff-Garantie für die nächsten Jahre gewesen. Wie bereits im Dezember ausgeführt, zeichnete die Jazz neben ihrer Ausgeglichenheit und defensiven Identität ein exzellentes Ballmovement aus. Mit den sinnvollen Veteranen-Verstärkungen Joe Johnson und Boris Diaw sowie Joe Ingles und Rodney Hood konnten die Jazz viele Lineups spielen, in denen bis zu vier Spieler gute Ballhandling- und Playmaker-Qualitäten haben. Dadurch ergaben sich immer wieder auch einfache Abschlüsse, wie die folgende Spielszene exemplarisch zeigen soll.

Der Verlust von Hill und Hayward wird die Offensive der Jazz in ihren Möglichkeiten deutlich beschneiden. Die beiden Spieler waren die Initiatoren fast aller offensiven Aktionen, konnten Würfe für sich selbst und für Mitspieler kreieren und als gute Dreierschützen aber auch exzellent abseits des Balles agieren. Zudem hatten sie auch einen Anteil daran, dass die Jazz die drittbeste Defensive der Liga stellte.

Der Wechsel von Gordon Hayward wird die Jazz besonders schmerzen. In der Retrospektive können sich die Jazz darüber ärgern, dass sie Hayward im Sommer 2014 nicht direkt den Max-Deal unterbreitet haben. Nur dadurch, dass Hayward bei den Hornets ein Offer-Sheet über vier Jahre mit Spieleroption unterzeichnete, konnte er schon in diesem Sommer aus seinem Vertrag aussteigen und bei den Celtics eine bessere Chance auf eine Meisterschaft wahrnehmen. Allerdings sollte berücksichtigt werden, dass im Sommer 2014 der starke Capsprung auch noch nicht so vorhersehbar war.

Kann Rubio Hill ersetzen?

Für Gordon Hayward fanden die Jazz in der Offseason keinen Ersatz, wohl aber für George Hill. Noch bevor dieser die Jazz in der Free Agency verließ, holten sie am Draftabend mit einem Erstrundenpick der Thunder Ricky Rubio aus Minnesota. Zwar vereint sowohl Hill als auch Rubio die veraltete Positionsbezeichnung Point Guard, vom Spielstil sind sie aber grundverschieden. Die größte Stärke von Hill ist seine Flexibilität. Er kann mehrere Positionen verteidigen, kann als Ballhandler die Offensive leiten und als Spotup-Schütze auch abseits des Balles sehr gut agieren. Rubio braucht deutlich mehr den Ball in den eigenen Händen, um Einfluss auf das Spielen nehmen zu können, und zeichnet sich vor allem durch eine exzellente Spielübersicht aus. Mit seiner schwachen Catch-and-Shoot-Dreierquote von 32,7 Prozent muss er als Spotup-Schütze abseits des Balles allerdings bei Weitem nicht so stark respektiert werden wie Hill.

Der Spanier spielte in Minnesota eine starke Saison und agierte so effizient wie noch nie zuvor in seiner Karriere (ORTG 115). Vor allem nach dem Allstar-Break überzeugte er und legte in 24 Spielen durchschnittlich  16.o Punkte und 10.5 Assists auf. Auch wenn sein Dreier weiterhin noch etwas wacklig ist, so hat sich zumindest sein Midrange-Jumper deutlich verbessert. Traf er in der Saison 2015/16 nur 35 Prozent aus der Mitteldistanz, so waren es in der vergangenen Saison starke 44 Prozent. Dadurch können gegnerische Big Men nicht mehr ganz so weit in die Zone absinken und auch Rubios direkter Gegenspieler muss sich öfter über den Screen kämpfen, anstatt einfach unter dem Block durchzugehen.

Der verbesserte Wurf öffnet sein Spiel etwas und sorgt dafür, dass Rubio selbst mehr als Scorer wahrgenommen werden muss, was wiederum Räume für seine Mitspieler öffnet. Rubio ist im Vergleich zu Hill ein deutlich balldominanterer Point Guard. Im letzten Jahr hatte er den Ball pro Possession im Schnitt 7,5 Sekunden in der Hand. George Hill kommt dagegen nur auf 6.3 Sekunden pro Possession, obwohl die Jazz mit ihrer langsamen Pace im Schnitt sehr lange den Ball in den eigenen Reihen hatten (93.6 Possessions pro Spiel/30. in der Pace).

Als europäisch geprägter Point Guard kann Rubio sich durchaus aber auch abseits des Balles gut bewegen. Dies zeigt sich auch bei zahlreichen Einsätzen für die spanische Nationalmannschaft, wo er deutlich weniger balldominant als in der NBA auftritt. Auch in Minnesota zeigte er immer wieder gute Ansätze beim Attackieren von Closeouts. Zwar sind seine Drives aufgrund seiner limitierten Athletik häufig nicht die größte Gefahr für die Defensive, aber er hat ein exzellentes Auge dafür, den freien Spieler zu finden und kann so die Offense am Leben halten.

Es wird interessant zu sehen sein, ob Coach Quin Snyder versucht, Rubio in das auf Ball-und Spielerbewegung ausgelegte Spielsystem der Jazz zu integrieren oder er ihm mehr Freiheiten als dominanter Ballhandler gibt. Dafür, das aktuelle Spielsystem beizubehalten, spricht, dass die Jazz mit Rodney Hood, Joe Johnson, Joe Ingles und Alec Burks weiterhin Spieler auf dem Flügel haben, die keine reinen Spotup-Shooter sind, sondern ebenfalls sehr gut aus dem Dribbling kreieren können. Natürlich hat keiner dieser Spieler die Qualitäten eines Gordon Haywards, dennoch kommt ihnen das aktuelle System sehr entgegen. Zudem bräuchten sie keine Zeit, um sich an ein neues System zu gewöhnen.

Wer scort?

Auch wenn Rubio durch seine gute Spielübersicht einige Scoringdefizite gut macht, bleibt die Frage, wer überhaupt bei den Jazz in der nächsten Saison für das Scoring verantwortlich sein soll. Vermutlich wird die Offensive der Jazz nur funktionieren, wenn gleich mehrere Spieler mehr Verantwortung übernehmen. Ein möglicher Kandidat dafür ist Rodney Hood. In der Saison 2015/16 durfte Hood schon einmal eine größere Rolle in der Offensive übernehmen und hatte mit 54.6 Touches pro Spiel den Ball sehr viel in den eigenen Händen. Hood deutete in dieser Rolle auch sein Potential als Playmaker an (4.4 Assists pro 100 Possessions) und agierte mit einem Offensivrating von 109 auch effizient. Nach dem Trade für George Hill rutschte Hood in der letzten Saison in eine deutlich kleinere Rolle. Die Anzahl seiner Touches reduzierte sich auf 38.8 pro Spiel und er wurde deutlich weniger als Initiator von offensiven Aktionen eingesetzt. In der neuen Rolle konnte Hood nicht überzeugen und agierte trotz kleinerem Volumens ineffizienter (ORtg 104). Auch seine Qualitäten im Playmaking kamen nicht mehr so zur Geltung (3.2 Assists pro 100 Possessions).

In der neuen Saison sollte Rodney Hood wieder mehr Touches bekommen und kann sein Talent als Scorer und Playmaker zeigen. Verbesserungspotential besteht vor allem noch beim Zug zum Korb. Bei Kontakt hat er immer wieder Probleme, die Kontrolle zu behalten und sicher am Ring abzuschließen.

Deshalb stoppt Hood sehr gerne am Zonenrand ab und geht dort zum Wurf hoch. Nur etwa zwölf Prozent seiner Abschlüsse finden wirklich im Bereich von null bis drei Feet am Ring statt. Schafft er es häufiger zum Korb zu kommen und dort auch noch etwas besser abzuschließen, wird sein Spiel noch effizienter werden. Auch seine niedrige Freiwurfrate von 17.3 würde sich vermutlich noch verbessern.

Ein guter Kandidat für ein Comeback-Year könnte Derrick Favors sein. Aufgrund von anhaltenden Verletzungsproblemen wirkte er in der letzten Saison nur noch wie ein Schatten seiner selbst. Der Big Man legte lediglich noch 9.5 Punkte pro Spiel auf und das bei dem schlechtesten Offensivrating seiner Karriere (104). Häufig wirkte er nicht wirklich fit und bewegte sich nur langsam und energielos über das Feld.

Aufgrunddessen verlagerte er sein Spiel deutlich mehr in die Mitteldistanz. Über 20 Prozent seiner Abschlüsse nahm er zwischen 16 Fuß und der Dreierlinie, obwohl er diese Würfe nur mit 34 Prozent traf. Über seine Karriere gesehen nahm er nur etwa 12 Prozent seiner Abschlüsse aus diesem Bereich. Um wieder zu einem wichtigen Puzzlestück in der Offensive der Jazz zu werden, muss Favors vor allem gesund bleiben. Nur dann kann er seine Physis wieder richtig ausspielen und als Big in der Zone dominieren. Als Roll-Man im Pick&Roll könnte ihm auch zu gute kommen, dass die Jazz mit Rubio jetzt einen Ballhandler haben, der ein besseres Timing und auch  bessere Passfähigkeiten als Hill hat, um den abrollenden Spieler zum Korb zu finden.

Ein Kandidat für einen großen Sprung ist Dante Exum. In den vergangenen Jahren wurde er vor allem eingesetzt, um mit seiner starken und druckvollen On-Ball-Defense den gegnerischen Ballhandler Probleme zu bereiten. In dieser Saison hat Exum die Chance, auch offensiv noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Sein starker Auftritt in der Summer League (20.0 PPG, 6.3 APG, 118 ORTG) macht Hoffnung darauf, dass er eventuell eine größere Rolle ausfüllen kann. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass die Sample Size auch nur drei Spiele betrug und Exum dort als einer der wenigen Drittjahresprofis gegen deutlich schwächere Spieler agierte.

Obwohl es einige Spieler bei den Jazz gibt, die eventuell noch mehr Verantwortung in der nächsten Saison übernehmen könnten, ist festzuhalten, dass die Abgänge von Hill und Hayward nicht aufgefangen werden können. Die im letzten Jahr solide Offense (12. im ORTG 107.4/nba.com) wird im nächsten Jahr vermutlich deutlich weiter hinten platziert sein. Im Gegensatz zu vielen anderen Teams werden die Jazz ihre Defizite in der Halfcourt-Offense auch nicht dadurch kaschieren können, dass sie versuchen eine schnelle Pace zu spielen. Zum einen fehlt ihnen dafür das spielerische Personal, denn weiterhin gibt es nur wenig athletische Spieler im Kader, und zum anderen fußt ihre defensive Mentalität auf einer sehr langsamen Pace. Zumindest das Spacing des Teams sollte allerdings durch die Shooter auf dem Flügel und die Verpflichtung von Jonas Jerebko als Small Ball-Vier noch sehr solide sein.

Bleibt die Defense der Jazz so stark?

Die exzellente Defensive der Jazz wurde durch die Additionen von Thabo Sefolosha (Zwei Jahre/10.5Mio $) und Ekpe Udoh (Zwei Jahre/6.5 Mio$) noch einmal verstärkt.  Schon im letzten Jahr waren die Jazz mit einem Defensivrrating von 102.7 (nba.com) das drittbeste Team der NBA. Eckpfeiler dieser Defensive ist Rudy Gobert, der zurecht als der beste Ringbeschützer der NBA angesehen wird. Kein Spieler verteidigt so viele Würfe wie Gobert in Ringnähe (10.2). Unter den Spielern, die mindestens die Hälfte der Spiele absolviert haben und mehr als fünf Würfe am Ring verteidigten, lässt Gobert dabei auch die geringste Quote (43.8) zu. Um Gobert als Turm in der Mitte und Hill und Exum als druckvolle On-Ball-Verteidiger bauten die Jazz eine gute Defensive auf. Zudem hatten sie keinen Spieler, der eine wirkliche Schwachstelle in der Defensive darstellte. Daran wird sich auch im kommenden Jahr nur wenig ändern. Der Wegfall von George Hill wird durch Rubio auch in der Defensive gut ersetzt. Rubio ist zwar nicht ganz so kräftig wie Hill, kann sich aber dennoch exzellent über Screens kämpfen und hat sehr flinke Hände. Thabo Sefolosha ist mit seinen 33 Jahren immer noch ein exzellenter Verteidiger auf dem Flügel und könnte die Jazz in diesem Bereich vermutlich sogar noch verbessern.

Die Verpflichtung von Ekpe Udoh sorgt dafür, dass die Jazz, auch wenn Gobert auf der Bank sitzt, immer noch einen defensivgeprägten Center auf dem Feld haben. Der 30-Jährige gewann mit Fenerbahce Ülker die Euroleague und wurde aufgrund seiner grandiosen defensiven Leistungen zum besten Spieler des Final Fours gewählt. Es ist Udoh also durchaus zuzutrauen, bei seinem NBA-Comeback auch gleich eine solide Rolle als Backup ausfüllen zu können. Es gibt also kaum Gründe, warum die Jazz nicht wie in der letzten eine der besten Defensiven der NBA stellen sollten.

Die Zukunft der Jazz

Der Kern des neuen Jazz-Teams steht am Beginn seiner Prime. Rubio, Gobert, Hood und Favors sind alle zwischen 25 und 27 Jahren alt und sollen das Team in der nächsten Saison führen. Verstärkt wird der Kern durch Veteranen, die alle spezielle Qualitäten mit sich bringen und matchupspezifisch sehr nützlich sein können. Joe Johnson kann vor allem durch seine Post-ups kleineren Wings Probleme machen, Thabo Sefolosha kann als guter Verteidiger gegen den besten Wing-Scorer des Gegners gestellt werden und Joe Ingles und Jonas Jerebko sorgen für exzellentes Spacing.

Die Utah Jazz stehen erneut vor einer richtungsweisenden Saison. Sollte das Team zeigen, dass es im Westen weiterhin ein solides Playoffteam sein kann, dann werden die Verantwortlichen der Jazz sicherlich noch auf diesen Kern weiteraufbauen. Dies wird vor allem davon abhängen, ob sie eine funktionierende Offensive installieren können. Schaffen die Jazz es, sich in der offensiven Effizienz im hinteren Mittelfeld zu platzieren, dann sollte in Kombination mit der starken Defense auch eine erneute Playoffqualifikation kein Problem sein.

Zeigt sich allerdings schon früh in der Saison, dass die Jazz kein Playoffteam sind, dann sollten die Verantwortlichen am besten die Reißleine ziehen und einen kompletten Rebuild durchführen. So können sie jungen Spielern  wie Dante Exum, Donovan Mitchell oder Joel Bolomboy die Chance geben sich zu zeigen und gleichzeitig einen hohen Pick im Draft 2018 anstreben. Zudem könnten sie durch Trades, vor der Trading Deadline oder spätestens im nächsten Sommer, noch weitere Assets und Picks ansammeln.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben