Boston Celtics

Die stotternde Offense der Boston Celtics

Warum das Team von Brad Stevens bisher enttäuscht

Trotz eines recht soliden 9-7 Start in diese NBA Saison kann man die Boston Celtics zu den frühen Enttäuschungen des bisherigen Geschehens zählen. Die Saison ist natürlich noch sehr jung, doch die Erwartung einer hochkalibrigen Offense hat sich zumindest noch nicht erfüllt. Wer darauf hoffte, muss sich mit einer starken Defense zufrieden geben. Offensiv konnten die Celtics sich kurz auf den 23. Platz katapultieren, befanden sich für den Großteil der Saison jedoch unter den 3 schlechtesten Teams und sind auch jetzt wieder auf den 27. Platz zurückgefallen. Mit dem Talent, dass sie aufs Parkett bringen können, sollte das einfach nicht möglich sein.

Was läuft Offensiv schief?

Hierfür gibt es gleich mehrere Gründe. So sind beide ihrer jungen Staranwärter in ihre schlechte Collegemanieren zurückgefallen, die beide schon in der Draft zu umstrittenen Prospects machte. Gordon Hayward hat sich eindeutig noch nicht von seiner Verletzung erholt und spielt oft noch sehr zurückhaltend. Außerdem erzielt Al Horford bisher mit .536 nicht nur die niedrigste TS% seiner Karriere, sondern sein Offensive Rating von 109 ist mit Aunahme seiner Rookiesaison ebenfalls ein Karrieretief.

Nun gibt es zwar auch Facetten der Celtics-Offense, die sehr gut laufen. So kreieren sie zum Beispiel die meisten offenen Würfe der ganzen NBA. Leider ist ihr eFG% bei offenen Würfen so schlecht, dass sie statistisch die schlechteste Quote der Liga aufweisen. Bei einem Team mit so viel Talent wird sich das auf Dauer natürlich korrigieren. Das ändert aber nichts daran, dass ihre Offense derzeit so aufgebaut ist, dass sie sich auf diese Würfe verlassen müssen. Zum Korb ziehen sie äußerst selten, konnten diese Statistik über die letzte Woche hinweg aber immerhin anheben und sind jetzt 22. 

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Die Golden State Warriors haben zwar gezeigt, dass man mit einer elitären Defense und Spielern, die fast ausschließlich als Schützen agieren, durchaus eine Meisterschaft gewinnen kann, nur waren ihre Spieler viel besser ausgestattet um einen solchen Stil zu spielen. So wie Jayson Tatum und Kyrie Irving phasenweise lange Zweier jagen, tun Steph Curry und Klay Thompson dies außerhalb der Dreierlinie. Ohne diese Disziplin wird Charles Barkley mit seiner größtenteils veralteten Auffassung ‘Jump Shooting Teams don’t win Championships’, wohl recht behalten – zumindest im Bezug auf diese Celtics.

Nun wäre nach einer solchen Umstellung der Erfolg leider nicht gegeben, denn keiner aus diesem Celtics Team kann sich als einen der besten Schützen der Basketballgeschichte feiern lassen. Auffällig ist aber, wie bei vielen Teams unter Danny Ainge, dass es wenige Spieler gibt, die instinktiv die Neigung haben, zum Korb zu ziehen. Tatsächlich verließen sich die Big 3 Celtics auf Rajon Rondo, der zwar kein williger Finisher war, aber dennoch dafür sorgte, dass der Ball in der Regel in die Zone kam und so eine Rotation forciert wurde, bevor ein Mitspieler abdrücken konnte. Isaiah Thomas legte in seiner 2. Allstar-Saison noch einen drauf, und war sogar in der Top 5 aller Spieler in Freiwürfen pro Spiel. Statistisch läßt sich dieser Mangel in der aktuellen Saison gut erkennen, denn mit den Orlando Magic zieht nur ein Team weniger Freiwürfe als Boston.

Weshalb werden die Spieler ihrem Talent nicht gerecht?

In der heutigen Iteration des Teams gibt es leider nur einen Spieler, der konstant zum Korb zieht; nämlich Jaylen Brown. Dieses Verhalten sollte man eigentlich fördern, doch spielt er von allen Rotationsspielern bisher die schlechteste Saison. 30 Prozent seiner Wurfversuche kommen derzeit am Ring, davon trifft er jedoch nur 51%. Für einen Flügel mit Browns Athletik ist das natürlich mehr als enttäuschend. Auch wenn er diese Quote wieder auf seinen Karriereschnitt heben kann, bringt er jedoch das Problem mit sich, dass seine Drives oft mit einem Tunnelblick verbunden sind. Das macht sie für seine Mitspieler wenig hilfreich. Brown zeigt zwar immer wieder Plays, in denen er das Feld korrekt liest, bringt diese Fähigkeit aber nicht konstant genug zum Vorschein. Defensiv bleibt er nach wie vor einer der vielseitigsten Celtics, was sich statistisch bisher aber auch noch nicht erweisen konnte.

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Nach einem miserablen Beginn für Jayson Tatum, zumindest was seine Wurfauswahl anging, bewegt sich diese langsam aber sicher auch wieder in die richtige Richtung. Die Effizienz des letzten Jahres kann er zwar noch nicht aufweisen, aber in vielen anderen Aspekten seines Spiels sind kleinere Verbesserungen zu erkennen. So fällt zum Beispiel auf, dass er defensiv mehr kommuniziert als im Vorjahr und dass seine Assistrate langsam aber sicher steigt. Für Boston sind diese kleinen Sprünge sicherlich interessant, aber über eine größere Mentalitätsänderung würde sie sich sicherlich mehr freuen. Obwohl Tatum so selten zum Korb zieht ist seine Freiwurfrate von 29% die beste im Starting Lineup, und trotzdem wagt er sich am Seltensten in die Zone. Unter Flügeln befindet er sich im hundertsten Perzentil versuchter Langstreckenzweier, trifft diese aber nur zu knapp 28%. Er ist natürlich ein besserer Schütze – auch mit einer Hand im Gesicht- als diese Zahlen vermuten lassen, aber um sein Talent und den Erfolg des Teams maximieren zu können, muss er einfach selektiver werden.

Jayson Tatum nimmt mit 15 Sekunden auf der Shotclock einen langen Zweier, obwohl er gut verteidigt wird.

Von Irving und Horford eine große Spielumstellung zu erwarten ist vermutlich zu diesem Zeitpunkt eher unrealistisch. Beide sind gestandene Allstars, die sich ihr Geld in vielerlei Hinsicht mit ihrem Talent als Schützen verdient haben. Auch wissen beide, wie lang eine NBA-Saison ist und haben sie schon mit diversen kleineren bis größeren Verletzungen gekämpft, weshalb man ihren eher konservativen Stil durchaus nachvollziehen kann. Hayward befindet sich in einer ähnlichen Situation, auch wenn es ihm natürlich ein wenig an Status fehlt. Dennoch kann man einem Spieler, der ein ganzes Jahr aufgrund einer Kollision am Korb verpasst hat, eine gewisse Zögerlichkeit nicht übel nehmen. Trotzdem, solche Kompromisse wirken sich nicht nur kurzzeitig auf einen Kader aus, sondern beeinflussen auch dessen Mentalität und Gewohnheiten.

Bei Gordon Hayward stellt sich, wie bei den Philadelphia 76ers mit Markelle Fultz auch, die Frage, ob er in dieser Form überhaupt für die Celtics starten sollte. Die Argumentation ist, dass die beste Version des jeweiligen Teams Hayward oder Fultz im Starting Lineup haben muss und somit die Integration und Kommunikation der Spieler auf Dauer besser funktionieren soll. Fakt ist aber, dass beide Spieler derzeit nicht repräsentativ sind für das, was sie in Topform leisten können. Philly hat aich aufgrund des Jimmy Butler Trades bereits dazu entschieden den Starting Lineup zu ändern und Boston sollte diese Alternative zumindest in Erwägung ziehen. Man sollte jedoch nicht übersehen, dass obwohl manche Celtics sich in dieser Konstellation noch nicht wohlzufühlen scheinen, Hayward ein NET-RTG von 2.3 hat und das Team also auch mit ihm auf dem Feld immerhin akzeptablen Basketball spielt.

Diese Problematik der Starting Lineup zieht sich auch durch den Rest des Kaders. Terry Rozier und Marcus Morris sind stolze Chucker, während Marcus Smart am Korb jedes Mal so aussieht, als würde ein All-Defense Verteidiger seines eigenen Kalibers versuchen ihn aufzuhalten. Marcus Morris ist überraschenderweise derjenige, der sich am Meisten bemüht, modernen Basketball zu spielen.  In diesem Jahr kommen fast die Hälfte seiner Wurfversuche von hinter der Dreierlinie, welche er auch zu einem Karrierebestwert verwandeln konnte. Marcus Smart spielt dieses Jahr mit ein wenig mehr Zurückhaltung, was der Offense auf Dauer zwar zu Gute kommen sollte, es bisher aber noch nicht getan hat, da seine üblicherweise miesen Wurfzahlen dieses Jahr noch schlechter aussehen. Rozier ist ein beliebtes Opfer für Kritik, die er soweit sicherlich verdient hat. Sein Wert stammt nämlich daher, dass er ein sehr solider ‘3&D’-Spieler sein kann, der sich ohne Ball auch so zu bewegen weiß, dass er seinen Mitspielern Raum gibt und sich für Spot-up Dreier anbietet. Den Dreier trifft er wie man es von ihm erwartet, leider nimmt er diese Saison mehr Zweier aus förmlich jedem Bereich des Feldes – mit Ausnahme der Restricted Area. Gerade für einen Rollenspieler ist eine solche Wurfverteilung problematisch. Dazu muss aber erwähnt werden, dass er ansonsten wirklich nicht viel schlechter spielt als im letzten Jahr. Seine Zeit als Starter, besonders in der Milwaukee-Serie, scheint einige verblendet zu haben, was seinen Wert angeht. Seine Vertragssituation wird ihn sicherlich auch motivieren, sich erneut zu beweisen und zu zeigen, dass er ein Starter eines guten Teams sein kann. In dieser Hinsicht hat er sich bisher jedoch noch keinen Gefallen getan.

Ohne dass auch nur ein weiterer Celtic den Ball berührt, nimmt Terry Rozier mit 16 Sekunden auf der Shotclock einen Turnaround Jumpshot.

Leider scheint sich in diesem Kader demnach also niemand zu befinden, der eine klare Lösung dafür mitbringt, dass die Celtics viel zu wenig zum Korb ziehen. Die beiden Jays – Brown und Tatum – sollten diese Fähigkeit zwar erlernen, aber wenn man sieht wie weit sie noch davon entfernt sind sie zu meistern, fragt man sich, inwiefern das diese Saison noch möglich ist.

Was kann Brad Stevens tun?

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Brad Stevens gilt natürlich nicht umsonst als kreativer und womöglich bester Coach der NBA, wird aber manchmal falsch präsentiert. Natürlich ist er analytisch orientiert und erwartet von seinem Team, dass ihr Fokus bei Distanzwürfen und Korblegern liegt, ist hier aber bei weitem nicht so streng wie manch anderer Coach. Tatsächlich haben seine Spieler eine recht lange Leine, vorausgesetzt sie fungieren defensiv solide im Schema. Lange Zweier sind zwar nicht das Ziel seiner Offense, aber gescheut hat er sie auch nie. Während des Rebuilds war ein Jared Sullinger/Avery Bradley Dribble Hand-off auf Höhe der Freiwurflinie eines der meistgelaufenen Plays. Dieser endete natürlich oft in einem langen, ineffizienten Wurf von einem der beiden.

Auf Dauer wurden diese Aktionen immer mehr nach hinten und schlussendlich hinter die Perimeterlinie geschoben, was Bradley besonders zugute kam. Diese Aktion, in ihrer ersten Instanz, werden dieses Jahr auch zunehmend gelaufen. Statt Sullinger und Bradley sind es nun Hayward und Horford, die viel Zeit bei der Freiwurflinie verbringen und sich gegenseitig den Ball zuspielen. Ein Grund hierfür könnte Haywards noch spürbar begrenzte Mobilität und Kraft zu sein, die es ihm nicht erlaubt, den gleichen Wurf mit mehr Abstand zu nehmen. Aus der Mitteldistanz trifft er seine Würfe mit 41% ziemlich gut – der Wert wäre nur bedeutend höher wenn er diese Würfe in Dreier umwandeln könnte; vorausgesetzt er trifft den Dreipunktewurf wieder so, wie er es in der Vergangenheit getan hat.

Ein Versuch, Rozier und Tatum zur Vernunft zu rufen, ist auch mehr als angebracht. Beide sind überdurchschnittliche Schützen, die ihr Talent in der ineffizientesten Zone des Basktballfeldes vergeuden, während ein ausgewogenerer Angriff nicht nur ihrer eigenen Effizienz helfen, sondern auch ihren Mitspielern eine freiere Bahn zum Korb verschaffen würde. Ihre Tendenz zu Isolation-Würfen, während noch mehr als die Hälfte der Shotclock zur Verfügung steht, sollte auch möglichst eingedämmt werden. Coach Stevens hat diese Probleme im letzten Jahr hervorragend jongliert, nun muss er beweisen, dass er es bei wachsenden Egos noch immer kann.

Brad Stevens kann sich in gewisser Hinsicht aber glücklich schätzen, denn 11 der nächsten 14 Gegner Bostons befinden sich derzeit unter .500, während 13 der ersten 16 über dieser Schwelle lagen. Eine gewisse Korrektur sollte man demnach also erwarten, auch wenn diese in Bezug auf ihren wahren Status womöglich eher kosmetischer Natur ist. 

Fazit

Auch wenn die Boston Celtics ihre offenen Würfe über die Saison noch anheben können und ihr methodischer Isolation Basketball gepaart mit ihrer Defense in den Playoffs vermutlich besser funktioniert, sieht die Spitze im Osten derzeit so gut aus, dass es von Belang ist, für einen möglichst guten Seed zu kämpfen. Eine Platzierung in der Top-4 ist aufgrund ihrer hervorragenden Defensive und historisch guten Clutch-Leistung sehr wahrscheinlich, aber um die Contender-Benchmarks zu knacken – Top 10 in Offense und Defense – müssen sie die Wichtigkeit des Drives und des Freiwurfes in der heutigen NBA einfach ernster nehmen. Ihre Defense kann sie zwar gegen die meisten Teams tragen, aber an Nächten wo sie es nicht tut sind sie bis auf Weiteres aufgeschmissen – außer Kyrie Irving greift wiedermal in seine Wundertüte.

 

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