NBA

Two Way or no Two Way? – Das ist hier die Frage

Ein Zwischenfazit über den Effekt der Two Way Verträge auf Spieler der G-League

Die Two Way-Verträge waren sicher nicht die meist beachtete Neuerung des Collective Bargaining Agreements (CBA) aus dem Sommer 2017. Zu groß ist der Einfluss der ebenfalls eingeführten Supermax-Verträge, als dass Beobachter und Fans große Gedanken an den 16. und 17. Mann im Kader verschwenden würden. Die neue Art Arbeitspapier wirkt auf den ersten Blick wie eine typische Win-Win-Situation: Die Teams können ihren Kader mit zwei flexibel einsetzbaren Aushilfs-Profis verstärken, deren Gehälter keinen Einfluss auf das Salary Cap haben; die Spieler von bis zu 60 neuen, vergleichsweise gut bezahlten Jobs profitieren. In der Liga scheint man die Neuerung bereits kollektiv als Erfolg verbucht zu haben. Die Verträge „funktionieren sehr gut“, sagte Commissioner Adam Silver anlässlich des Allstar-Spiels im Februar 2018 – eine Einschätzung, die laut Ringer-Journalist Kevin O’Connor von vielen Liga-Verantwortlichen geteilt wird. Doch sind die neuen Verträge auch aus Spielersicht ein Erfolg? Sollte man sich als G-League Profi mit Ambitionen tatsächlich an ein Team binden – oder lieber mit regulärem Minor League Vertrag sein Glück versuchen?


Es gibt für Profi-Basketballer sicherlich schönere Arbeitsplätze als die G-League. Im Schatten der großen, weltweit bekannten und erfolgreichen Schwester fristet die Minor League seit inzwischen fast zwei Jahrzehnten ihr unscheinbares Dasein. In der G-League ist alles mehrere Nummern kleiner als in der großen NBA: Die Hallen, die Hotels, die Zuschauerzahlen – und nicht zuletzt auch die Gehälter. G-League-Akteure ohne Verbindung zu einem NBA-Team erhielten für ihre Dienste in der abgelaufenen Spielzeit 35.000 Dollar – 7.000 für jeden der fünf Saison-Monate. Zum Vergleich: Das Minimal-Salär für Rookies wird in der NBA in der kommenden Saison bei 898.310 Dollar liegen.

Doch NBA-Jobs sind ebenso begehrt wie umkämpft. Es gibt maximal 450, von denen nur eine begrenzte Anzahl überhaupt zur Verfügung steht. Gerade am hinteren Ende der Bank wird der Traumjob Basketballprofi schnell zum prekären Arbeitsverhältnis. Wer in der NBA außen vor bleibt, muss sich nach Alternativen umsehen. Europäische Klubs spielen gerade in der Euroleague auf hohem Niveau, liegen jedoch noch immer außerhalb des Blickfelds einiger NBA-Franchises. Die Unterschrift in der chinesischen CBA wird zwar meist fürstlich entlohnt, ist jedoch gleichbedeutend mit dem NBA-Karriereende. Und die G-League bezahlt ihre gewöhnlichen Angestellten noch immer vergleichsweise schlecht.

Angesichts dieser Alternativen ist der Two Way-Vertrag eine attraktive Option für Fast-NBA-Profis. Sie können in ihrem Heimatland im Blickfeld der großen Liga spielen, sind mit einer NBA-Franchise vertraglich verbunden und beziehen gleichzeitig ein vergleichsweise gutes Gehalt. Die Bezahlung der Two Way-Spieler variiert je nach Einsatzort: Für jeden Tag im Kader der Entwicklungsliga erhalten sie ab der kommenden Saison einen entsprechenden Anteil des Basis-Salärs von 79.568 Dollar, während Arbeitstage mit dem NBA-Team mit einer Portion des oben erwähnten Rookie-Minimus entlohnt werden. Das CBA erlaubt Spielern mit Two Way-Verträgen maximal 45 Tage mit der NBA-Franchise – Trainings- und Reisetage eingerechnet.

Danach bleiben den Teams im Wesentlichen drei Optionen: Sie können ihren Teilzeit-Angestellten mit einem vollen NBA-Vertrag ausstatten, ihn für den Rest der Spielzeit in der G-League behalten oder entlassen. In der vergangenen Saison ergab sich so ein Maximalgehalt von 380.000 Dollar allein aus dem Two Way-Vertrag. Ein Spieler, der die vollen 45 Tage mit einer NBA-Franchise ausschöpft, erhält also mehr als das Zehnfache seines gewöhnlichen G-League-Kollegen – vorausgesetzt, dass dieser die gesamte Saison in der Entwicklungsliga verbringt.

Auch Profis ohne Verbindung zu einem NBA-Team können ihr Gehalt mit einer Berufung in die große Liga deutlich aufbessern. In der Saison 17/18 erhielten 50 Akteure einen sogenannten „NBA Call-Up“, der ihnen im Schnitt 225.000 Dollar einbrachte. Sobald Spieler eine Hand an den prall gefüllten Geldbeutel der NBA bekommen, schrumpft der Vorteil eines Two Way-Vertrags also merklich zusammen. Gewöhnliche G-League Profis können zudem theoretisch von allen 30 NBA-Teams in die große Liga berufen werden, während Two Way-Akteure immer mit ihrer Franchise verbunden bleiben. Herrscht dort gerade kein Bedarf an zusätzlicher Verstärkung, kann der neue Vertrag den Weg in die NBA also unter Umständen sogar eher verlängern als verkürzen. Einem Two Way-Spieler der Lakers hilft es wenig, wenn die Knicks gerade nach jemandem mit genau seinem Skillset suchen. „Das Best-Case-Szenario für einen G-League-Spieler ist es nun, der beste ohne Two Way zu sein“, zitierte The Ringer im Sommer 2017 einen anonymen Agenten, „Er wird hochgezogen werden und höchstwahrscheinlich spielen, bevor es die Two Way-Jungs tun.“

Auf der anderen Seite des Spektrums steht derweil die Konstanz. Two Way Spieler bleiben für die Saison mit einem Team verbunden, anstatt in einen Kreislauf aus G-League-Einsätzen, 10-Tages-Verträgen und Entlassungen zu geraten. Sie erhalten die Möglichkeit, sich in der Entwicklungsliga an das System des NBA-Teams zu gewöhnen und für begrenzte Zeit auf höchstem Niveau Erfahrung zu sammeln. Gleichzeitig haben auch die Teams ein gesteigertes Interesse daran, ihren 16. und 17. Mann zu entwickeln, wenn diese nicht einfach vom nächstbesten Kontrahenten unter Vertrag genommen werden können.

Zwei Jahre nach Einführung ist es Zeit für ein erstes Fazit. Ergeben die neuen Verträge – wie von einigen Agenten befürchtet – für ihre Klienten tatsächlich wenig Sinn? Oder sind sie doch einer der vielversprechenderen Wege in die NBA?


Im ersten Jahr nach Einführung der neuen Verträge sah es so aus, als behielte der pessimistische Agent aus dem oben zitierten Ringer-Artikel Recht. Die Two Way-Verträge erwischten einen aus Spielerperspektive eher durchwachsenen Start. Keiner der ehemaligen Two Way Akteure unterschrieb nach Ablauf seines Vertrags für mehr als zwei garantierte Jahre in der NBA. Finanziell bewegten sich die meisten Arbeitspapiere im Dunstkreis des Minimums, große nicht-garantierte Teile inklusive.

Der Großteil der ehemaligen Teilzeit-Angestellten spielte in der folgenden Saison eine kleine bis mittelgroße Rolle in maximal mittelmäßigen Teams. Georges Niang und Tyrone Wallace erreichten als Ausnahmen von dieser Regel zwar die Postseason, sahen in den 82 Spielen davor jedoch nur selten das Parkett. Derrick Jones jr., der seine etwas ins Stocken geratene Karriere wiederbeleben konnte, verpasste mit den Miami Heat die Playoffs gleich komplett. Lediglich den Denver Nuggets – obwohl damals wie heute ohne eigene G-League-Franchise – gelang es als einziges gutes Team, ihre ehemaligen Two Way-Akteure zu Rollenspielern weiterzuentwickeln. Monte Morris und Torrey Craig trugen mit jeweils mehr als 20 Spielminuten pro Abend einen Teil zum Erfolg ihres Teams bei. Letzterer war zuvor mit vier Millionen garantierten Dollar zum Topverdiener unter den ehemaligen Two Way-Spielern avanciert.


Im Sommer 2019 fand schließlich ein Trend seine Fortsetzung, der sich bereits während der abgelaufenen Spielzeit abgezeichnet hatte: NBA-Teams scheinen in Jahr zwei insgesamt bereit, sich sowohl früher als auch länger an ehemalige Two Way-Spieler zu binden. Bereits Anfang September hatte ein Fünftel von ihnen einen mindestens teilweise garantierten NBA-Vertrag sicher. Weitere 17 Prozent werden voraussichtlich erneut mit Two Way-Vertrag in die Saison gehen. Diese Zahlen könnten sich noch einmal zu Gunsten der Spieler verschieben, wenn die Teams im Anschluss an das Training Camp im Oktober ihre letzten Kaderplätze füllen.

Wo sind die Two Way Spieler gelandet?

Auch finanziell scheinen sich Two Way-Verträge für die Spieler zu lohnen. Mit Shake Milton, Edmond Sumner, Alex Caruso, Allonzo Trier und Danuel House unterschrieben im vergangenen Sommer gleich fünf Spieler Verträge, die ihnen über die nächsten Jahre mindestens vier Millionen Dollar einbringen werden. Im Schnitt banden sich die ehemaligen Two Way-Spieler, die 19/20 in der NBA spielen werden, für rund 1,82 Vertragsjahre und 3,7 Millionen Dollar an ihren Arbeitgeber. Dies stellt nicht nur die Bilanz des ersten Two Way-Jahres in den Schatten (2,17 Millionen Dollar für 1,46 Vertragsjahre), sondern liegt auch weit über dem, was aufgestiegene NBA Call-Ups in der Zeit vor den Two Way-Verträgen verdienten.

 

Obwohl Spieler wie David Nwaba, Yogi Ferrell oder Spencer Dinwiddie im Anschluss an die Saison 16/17 den Sprung in die NBA schafften, lag der Durchschnittswert der ausgegebenen Verträge für ehemalige Callups bei gerade einmal 1,7 Millionen Dollar. Neben Dinwiddie unterschrieben nur Wayne Selden und Troy Williams für mehr als ein garantiertes Vertragsjahr.

Nach Einführung der Two Way Verträge nahm die Anzahl der NBA Call-Ups, die für die nachfolgende Saison einen garantierten Deal unterschrieben, merklich ab. Von den G-League Spielern, die während der Saison 17/18 NBA-Minuten erhielten, spielten in der folgenden Saison nur Shaquille Harrison und Trey Burke in der großen Liga eine nennenswerte Rolle.  


Die Two Way-Verträge könnten sich langfristig zur einzigen Möglichkeit entwickeln, es aus der G-League in die NBA zu schaffen. Schon vor Einführung der neuen Kontrakte waren NBA-Kader verhältnismäßig groß. Auf einen Starter kommen zwei Backups – keine der anderen großen US-Sportarten kann ein ähnliches Verhältnis aufweisen. Im Regelfall sehen deshalb bereits der 14. und 15. Mann eines Kaders kaum Minuten. G-League Call-Ups schafften es in der Vergangenheit vor allem dann in die NBA, wenn ein Teil des Stammpersonals verletzt ausfiel oder Mitte April niemand mehr ernsthaften Basketball spielte. Diese Spielzeit scheint nun vor allem den Two Way-Spielern zu gehören.

Akteure mit diesem Vertrag rissen in der vergangenen Saison im Schnitt rund 181 Minuten ab. Ihre Call-Up-Kollegen kamen auf gerade einmal 97 Minuten Spielzeit. Unter den 15 G-League-Spielern, die in der vergangenen Saison die meisten NBA-Minuten sammelten, finden sich gerade einmal zwei Namen ohne Two Way-Vertrag: Bruno Caboclo erfüllte Fran Franchillas oft zitierte Prophezeiung aus der Draftnacht 2014 und stand für die Grizzlies 800 Minuten auf dem Parkett – mehr als dreieinhalb Mal so viel wie in seinen fünf (!) vorherigen Saisons zusammengenommen. Point Guard Chasson Randle durfte nach John Walls schwerwiegender Verletzung im vergangenen Dezember für insgesamt 743 Minuten den Spielmacher geben, wofür ihn die Wizards mit fast einer Million Dollar entlohnten. Gut möglich, dass sich die Hauptstädter lieber für einen der Two Way Point Guards entschieden hätten, wären diese verfügbar gewesen. Zumindest kurzfristig profitierte Randle ebenso wie Caboclo mehr als seine an ein NBA-Team gebundenen Kollegen.

Two Way-Verträge lassen eine längerfristige Bezahlung wahrscheinlicher werden, resultieren vorher jedoch nicht unbedingt in mehr Spielzeit. In zwei der letzten drei Saisons vor Beschluss des neuen CBA spielten G-League Call-Ups im Schnitt mehr Minuten als die Two Way-Jungs im vergangenen Jahr.

Vor allem für diejenigen, die im Anschluss an ihre Teilzeit-Tätigkeit keinen regulären NBA-Vertrag angeboten bekommen, kann der Two Way-Vertrag schnell zur Falle werden. Die Qualifying Offer, die nach Ablauf des Arbeitspapieres auf diese Spieler wartet, ist lediglich ein weiterer Two Way-Vertrag. Ein neues Team müsste mindestens einen Zweijahresvertrag anbieten, um diese von ihren bisherigen Arbeitgebern loszueisen. Das Resultat sind unwürdige Hängepartien: Im vergangenen Jahr musste Guard Ty Wallace bis in den September warten, ehe ihm die Pelicans einen Vertrag anboten. Sein bisheriges Team, die L.A. Clippers, hatten für ihren ehemaligen Two Way-Spieler keine wirkliche Verwendung, wollten den damals 24-Jährigen aber auch nicht ohne Gegenwert ziehen lassen. Wallace verbrachte einen Teil seines wichtigen zweiten Profijahres in Straßenklamotten am hinteren Ende der Bank, nachdem die Clippers mit dem Angebot gleichgezogen waren.

Two Way-Verträge sind der vielversprechendste Weg in die NBA. Er scheint Voraussetzung zu sein, um sich als Spieler überhaupt Hoffnungen auf nennenswerte NBA-Minuten und einen längerfristigen Vertrag machen zu dürfen. Mit dem neuen CBA kehrte die G-League den Niedriglöhnen der früheren Jahre endgültig den Rücken. 79.568 Dollar Jahreseinkommen reichen nicht nur zum Leben – es platziert die Two Way-Jungs unter den bestbezahlten 20 Prozent der US-amerikanischen Gesellschaft. Auch wenn es den Spielern kurzfristig Möglichkeiten nimmt, in die NBA hochgezogen zu werden, kann sich die Unterschrift eines solchen Kontrakts doch langfristig auszahlen.

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