Golden State Warriors, Oklahoma City Thunder

Der maximierte Impact der Warriors

Wie verteilt man die Minuten in einer Rotation richtig?

Vor einigen Wochen hatte Sebastian Hansen sich mit den Oklahoma City Thunder und ihrem Starduo beschäftigt, das dafür sorgt, dass die Thunder sehr abhängig von beiden sind. Generell ist diese Beobachtung bei vielen Teams anzutreffen. Dies folgt der Logik, dass der beste Spieler Dreh- und Angelpunkt des Teams ist und man ein Team so zusammengestellt hat, dass es neben bspw. LeBron James am besten funktionieren soll. Sitzt dann der Franchise Player, hat das Team Probleme, den besten Spieler zu ersetzen. Bei den Thunder wird das deutlich, wenn man sich anschaut, wie sie agieren, wenn Kevin Durant (NetRating von -0,5), Russell Westbrook (-1,0) oder beide Stars (-9.0) auf der Bank Platz nehmen.

Als Gegenentwurf werden landläufig die  San Antonio Spurs gehandelt, wo man zunächst überlegen müsste, wer der eigentliche Franchise Player ist, ehe man sich auf Kawhi Leonard einigen würde. Sitzt Leonard, scoren die Spurs trotzdem um sieben Punkte besser als der Gegner. Spielt er, sind es 16 Punkte mehr. Kein einziger Rotationsspieler hinterlässt so eine große Lücke, wenn er auf der Bank sitzt, dass die Spurs ein negatives NetRating hätten. Niemand in San Antonio ist unersetzbar, weil Popovich gut mischt und rotiert.

Die Last auf mehrere Schultern zu verteilen, scheint also sinnvoll zu sein, schließlich sind die Spurs in dieser Saison den eher inkonstanten Thunder überlegen. Doch wie abhängig ist der Meister aus Golden State eigentlich von seinen Starspielern?

Currys Einfluss auf die Warriors

Offensichtlich ist, dass ein sehr guter Spieler mehr Einfluss auf ein Team hat als ein guter oder durchschnittlicher Spieler. Das ist evident und bedarf auch keiner Erklärung. Dass die Warriors mit Stephen Curry besser als ohne ihn performen, ist keine Erkenntnis, die irgendjemanden verwundern sollte. Tatsächlich erzielt Golden State mit Curry auf dem Feld 1,2 Punkte pro Angriff. Das wäre mit Abstand der beste Wert in der Liga. Zugleich lässt man nur 100,9 Punkte auf 100 Possessions zu, was insgesamt dazu führt, dass die Warriors mit Curry – wie erwartet – eines der dominantesten Teams der letzten Jahre stellen (+18,1).
Verwunderlich ist aber, was passiert, wenn Curry auf der Bank Platz nimmt: die Warriors – das Team, was bisher erst sieben Spiele in dieser Saison verloren hat – werden zu einem Team, das insgesamt auf Platz 26 einlaufen würden. Sie verlieren auf 100 Possessions ein Spiel durchschnittlich mit 105:110. Die Abhängigkeit von Curry scheint demnach stärker ausgeprägt zu sein, als das Abhängigkeitsverhältnis von den Thunder zu einem ihrer Superstars. Bei OKC kann das Team ohne einen Star auf dem Feld das Spiel zumindest ausgeglichen halten – von der Performance läge OKC zwischen den Pistons und den Rockets -, die Warriors brechen allerdings total ein. Woran kann dies liegen?

Zunächst sollte man sich vergegenwärtigen, dass die Zeit, die Curry auf der Bank sitzt (oder verletzungsbedingt aussetzte) tatsächlich ein Drittel der gesamten Warriors-Saison ausmacht – 1100 Minuten Curry-lose Minuten haben sich bisher angesammelt. Natürlich sind darunter auch Garbage Time-Minuten zu finden, wenn nach drei Vierteln das Spiel schon entschieden war. Dementsprechend sind die Zahlen nicht als so verheerend zu verstehen und gehören etwas abgeschwächt. Dass der amtierende Meister, das Team, das vielleicht die beste Bilanz der regulären Saison aller Zeiten aufstellen wird, jedoch so abhängig von einem einzigen Spieler scheint, ist erstaunlich. Verwunderlicher wird es nur noch dadurch, dass wir uns einig darüber sind, dass der Supporting Cast in Golden State harmonischer und komplementärer zusammengestellt ist als in OKC. Warum bricht Golden State ohne Curry denn dann so ein?

Zum einen fehlt es bei den Warriors an einem zweiten, wirklichen Spielmacher, der den Ball über die Mittellinie schleppt, Plays initiiert und eine Gefahr für den Gegner ausstrahlt, um Currys Rolle zumindest in Teilen zu reproduzieren. Den Großteil dieser Bürde muss Shaun Livingston übernehmen.

Klay Thompson ist im Vergleich zur Vorsaison wieder weiter in die Spot-Up-Rolle zurückgefallen. Über 60% seiner Würfe kommen aus dem Catch-and-Shoot, wo er kein einziges Dribbling vorher vollführt. Im letzten Jahr waren dies nur 46%. Entlastung kommt für Livingston von Thompson jedenfalls nicht – der sich mit seinem recht eindimensionalen Verhalten auch gleichzeitig aus der Diskussion des besten Two-Way-players auf dem Flügel verabschiedet haben dürfte. Für einen Two-Way-Player wäre es nötig, dass er sich seine Offense auch selbst kreieren könnte, was nicht der Fall ist.

Andre Iguodala hält den Ball noch weniger in der Hand als Livingston, auch wenn die Touch-Anzahl größer bei ihm ist – er übernimmt also auch weniger Playmaking-Aufgaben. Livingston ist zudem der Anti-Curry in diesem Team, weil er in dieser Saison bisher genau zwei Dreier erfolgreich verwandelt hat; Iguodala kommt immerhin auf etwas mehr als 50 – auch kein Wert, den man unbedingt fürchten müsste. Das bringt die Warriors-Offense ohne Curry in solche Situationen:

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Sacramento kann sich einen Switch von Rudy Gay leisten, als Belinelli Livingston übergibt. Dieses Mismatch wollen die Warriors dann nutzen, nachdem man erfolglos und ineffektiv am Perimeter von Iguodala, zu Barbosa, zu Livingston und wieder zurück herumgepasst hat:

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Harrison Barnes soll hier als Post-Up-Option genutzt werden, was er durchschnittlich ein Mal pro Spiel macht – und damit die zweite Post-Up-Option nach Livingston für die Warriors darstellt. Insgesamt generiert Barnes nur zu 13% seine Offense aus einem Post-Up. Der Warriors-Offense bleibt aber auch nichts anderes übrig. Exemplarisch sieht man hier, wie Sacramento komplett zum Post-Up kollabiert, weil Barnes aus dieser Situation nur den Abschluss suchen kann. Draußen werden Barbosa (33% Dreier ohne Volumen) und Iguodala völlig frei stehen gelassen – auch weil der Pass von Barnes in dieser Situation nicht mehr kommen wird, da das Post-Up zu vorhersehbar ist.

In einem zweiten Beispiel teilen sich Barbosa und Iguodala den Spielaufbau:

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Livingston bewegt sich hier schon in die Dreierecke, um sie zu besetzen, während Iguodala den Hand-off von Barbosa annimmt und dann Richtung Mitte penetriert.

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Denver verteidigt hier recht clever: Während Harrison Barnes als Volumenschütze respektiert wird, steht Livingston vollkommen frei und erhält von Iguodala den Pass. Den nachfolgenden Dreier wird er nicht versenken können. Sehr gut ist in dem zweiten Standbild zu sehen, dass Denver die Zone vollstellt, obwohl die Warriors hier Spacing erzeugen wollen: Barnes und Livingston in den Ecken, Barbosa auf dem Flügel, nur Ezeli, der gedoppelt wird, ist direkt unter dem Korb positioniert.

Der Second-Unit der Warriors fehlen einfach weitere Schützen. Einzig Brandon Rush strahlt noch genügend Gefahr aus, ansonsten kommen von der Bank mit Iguodala, Barbosa, Ezeli, Varejao, Speights und Livingston Spieler, die nicht von außen respektiert werden.

Der eigentliche Grund für das schlechte Abschneiden des Teams ohne Curry liegt allerdings nicht an den Spielern, sondern an der Coachingentscheidung von Walton und Kerr: Dem aufmerksamen Leser sollte nicht entgangen sein, dass bisher ein Spieler ausgeklammert wurde, der zumindest Teile des Passings und des Spacings bedienen könnte, das ohne Curry verlustig gegangen ist: Draymond Green.

Draymond Green und Stephen Curry haben in dieser Saison bisher 2100 Minuten zusammen auf dem Feld verbracht. Das sind 31 Minuten pro Spiel – zusammen! Curry kommt auf ungefähr 250 Minuten ohne Green, dieser spielt ohne Curry knapp 350 Minuten. Das ist verschwindend gering. Curry und Green sind dazu gerade für Statistikexperten, die durch das erzielte Plus-Minus herausfinden wollen, wie gut ein einzelner Spieler ist, ein Schrecken, weil beide so viel zusammen auf dem Feld stehen und man nicht zuordnen kann, wer nun zu größeren Teilen für das hervorragende Ergebnis der Warriors verantwortlich ist. Den Spielern selbst soll es egal sein. Stehen Curry und Green zusammen auf dem Feld, erspielen sie sich pro Spiel einen Vorsprung von 13,4 Punkten gegenüber den Gegnern. Dass dies dann in der Mehrheit der Spiele zum Sieg reicht, sollte einleuchtend sein.

Doch ist das wirklich so klug? Die Warriors verlieren in über 1000 Minuten ihrer Spiele weiterhin deutlich. Wäre es nicht besser, wenn man die Minuten von Curry und Green splitten würde, um nicht ein Drittel pro Spiel zu verlieren?

Maximiertes Potenzial

Die Kaderzusammenstellung zwischen den Warriors und Thunder unterscheiden sich in einem Punkt wesentlich – und dieser ist nicht zuvorderst, dass OKC schlicht zu viele Bigs in ihrem Kader hat. Wichtiger ist hier die Kompatibilität der wichtigsten Spieler.

Russell Westbrook und Kevin Durant haben ähnlichere Spielanlagen als Green und Curry. Natürlich funktioniert Durant auch off-ball gut, das ist keine Frage. Trotzdem wollen beide eigentlich den Ball in der Hand halten. Kevin Durant hat nur jeden zehnten Wurf per Spot-Up genommen(10%), geht öfter in die Isolation (15%) oder agiert als Pick’n’Roll-Ballhandler (20%). Bei Westbrook ist das Verhältnis von Ballhandling zu Spot-Up noch viel eklatanter (7% der Würfe kommen per Spot-Up, 35% der Abschlüsse kommen als Ballhandler nach einem Pick’n’Roll). Trotz der Parallelen, die Durant und Westbrook aufweisen, hat Coach Donovan sie oft zusammen auf das Feld geschickt – und das ist natürlich auch absolut legitim und hilft dem Team: Scheitert der erste Angriff des einen Stars, kann ein Pass zum Perimeter den anderen Star ins Spiel bringen. Die Thunder outperformen den Gegner mit Durant und Westbrook auf dem Feld (NetRating von +11).

In den 400 Minuten, wo nur Durant auf dem Feld steht, kommen die Thunder jedoch auf ein noch klein wenig besseres NetRating; steht nur Westbrook auf dem Parkett (566 Minuten), sind es immerhin noch +7. Das liegt auch daran, dass OKC dann nur einen klaren Handler auf dem Feld hat und es so eine klare Hackordnung gibt, sodass gewährleistet wird, dass entweder Durant oder Westbrook den Ball in den Händen halten kann.

Deswegen ist es für Oklahoma City so wichtig, dass man die Spielzeit von Westbrook und Durant splittet, um beiden den größtmöglichen Entfaltungsspielraum einräumt und gleichzeitig das Team vor Einbrüchen schützt. Normalerweise sollte OKC zu keinem Zeitpunkt der 48 Minuten beide Stars benchen, sondern ihre Minuten so aufteilen, dass beide Stars ihr Potenzial maximieren können.

Gänzlich anders sieht dies bei den Golden State Warriors aus. Sie funktionieren deshalb so gut, weil sie komplementäre Spieler sind und ihre Fähigkeiten ineinander greifen. Stephen Curry ist mit Abstand der beste Ballhandler des Teams und soll auch klar den Ball in der Hand halten. Er ist der einzige Spieler der Warriors, der das Pick’n’Roll in aller Regelmäßigkeit initiiert und daraus abschließt; nur er schließt öfter als ein Mal pro Spiel eine Isolation ab.

Deshalb haben Kerr und Walton sich dazu entschlossen, dass man die Zeit mit Curry maximieren sollte, wenn das andere Personal nicht unbedingt den Ball benötigt. Neben Draymond Green kommt ebenfalls so gut wie immer Klay Thompson aufs Feld, wenn Curry schon dort zu finden ist. Das Trio hat über 1700 Minuten zusammen bestritten. Die bewusste Entscheidung, die drei zusammen zu benchen, liegt auch daran, dass Green und Thompson ihr Potenzial ohne Curry nicht voll entfalten können. Sie sind klare Transition/Spot-Up-Schützen, die darauf angewiesen sind, dass ein Spieler die Offense initiiert. Das klingt gerade bei Green zuerst ungewöhnlich, weil Green die meisten Assists der Warriors spielt. Green verharrt zumeist an der Stelle, sondiert die Lage und findet die offenen Schützen. Daher ist Green kein Ballhandler im herkömmlichen Sinne, sondern ein sehr guter Passing-Big, der das Spiel lesen kann und die oft nominelle Überzahl durch ein Curry-Double-Team konsequent bestrafen kann. Trotzdem geht er bspw. kaum ins Pick’n’Roll, um eine Offense aufzuziehen. Dafür ist Curry unerlässlich:GSWAstDray1

Hier bindet Curry alleine durch seine Präsenz zwei Gegenspieler, auch weil Green scheinbar zu weit vom Korb entfernt steht. Speights bietet das Pick’n’Roll an, aber Curry entscheidet sich dazu, zur anderen Seite zu dribblen, um den Gegenspieler Greens zu binden:

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Sobald Curry Favors auf die andere Seite gelockt hat und Raul Neto als Pick nutzt, sodass Favors nicht mehr zu Green rotieren kann, erfolgt der Pass zu Draymond Green, der nun die Offense übernehmen kann:

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Green penetriert einfach durch die Mitte zum Korb. Dadurch, dass Favors out-of-position ist und erst recovern muss, wird Speights frei, da Green die Hilfe zieht. Greens Passing-Skills und gutes Decision-making sorgen dafür, dass er Speights offen bedienen und drei Punkte erzielen kann.

Ausgangspunkt ist aber in dem überwiegenden Teil der Possessions Curry, ohne den Green auch zu einem gewissen Grad Probleme hat, sein Passspiel so zu nutzen, wie er es mit Curry kann. Klay Thompson als perfekter Spacing-Guard profitiert von der Kombination mit zwei exzellenten Passern zum einen davon, dass er einfache, offene Würfe serviert bekommt, zum anderen aber auch davon, dass er selbst keine Offense initiieren muss.

Würde man das Trio sprengen und die Minuten so verteilen, dass man möglichst ausgeglichene Lineups erhalten würde, wären die Warriors nicht so stark wie sie momentan performen. Die ausgebildeten Automatismen von Curry, Thompson und Green sind wertvoller als das Trio zu trennen. Dafür ergänzen sich ihre Skills zu gut. Kerr und Walton verzichten deswegen darauf, ausgeglichene Lineups über das ganze Spiel aufs Feld zu bekommen, sondern setzen darauf, dass Curry-Thompson-Green den Gegner überrollen und das Spiel vorzeitig entscheiden.

Fazit

Es gibt – wie so oft im Basketball – keine eindeutige Lösung für die Minutenverteilung eines Teams, sondern dies bedarf einer individuellen Entscheidung. Entscheidend sind die Komplementarität  der Skills der Spieler. Während Oklahoma City zwingend darauf angewiesen ist, Durant und Westbrook zu trennen, um das Ergebnis zu maximieren, ist es für Golden State viel wichtiger, die sich ergänzenden Skillsets von Curry, Thompson und Green zu nutzen, um den Gegner frühzeitig zu besiegen.

Beide Lösungen sind richtig und zeigen eindrucksvoll, wie komplex das Minutenmanagement sein kann, um erfolgreich zu sein. Es gibt keine Blaupause, um die Minuten richtig zu verteilen, sondern es bedarf einer Abwägung, ob das Potenzial seines Teams dadurch maximiert wird, dass man gute Spieler so oft wie möglich trennt oder ihre Stärken kombiniert aufs Feld schickt.

 

Statistiken via basketball-reference.com, nbasavant.com, nbawowy.com & nba.com/stats – Stand 26.03.2016
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