Memphis Grizzlies

Memphis und die Punkte

Was NetRating, SRS und andere Plus-Minus-Statistiken über die Grizzlies aussagen - und umgekehrt

Was NetRating, SRS und andere Plus-Minus-Statistiken über die Grizzlies aussagen - und umgekehrt

Schon vor dem letzten Spiel der Grizzlies wies ESPN darauf hin, dass sie das erste Team der NBA-Geschichte mit einer negativen Punktebilanz trotz 30 Siegen aus 50 Spielen werden könnten. Tatsächlich steht Memphis jetzt bei der angesprochenen Bilanz und trotzdem einem Differenzial von -1,1. Was einerseits wie eine etwas künstliche Statistik wirkt, lässt andererseits bei genauerer Betrachtung Fragen aufkommen: An sich wäre bei einem negativen NetRating auch eine negative Bilanz zu erwarten statt komfortablen 10 Siegen über 50%. Auch SRS, eine Metrik, die Spielplan und Gegner miteinbezieht, verändert dieses Bild nicht: Insgesamt weist mit den Rockets (-0,97) nur ein Team der Top 8 jeder Conference einen schlechteren Wert als die -0,91 der Grizzlies auf. Die verletzungsgeplagten Jazz und Hornets liegen beispielsweise mit +1,41 beziehungsweise +0,62 klar im positiven Bereich, stehen aber bei unter 50%.

Data SRS vs Wins

Die Grafik zeigt, dass sich Win-Loss-Percentage und SRS an sich relativ gut aufeinander abbilden lassen. Die Grizzlies stellen die deutlichste Abweichung, ansonsten liegen die meisten Teams im Rahmen der Erwartungen: Warriors und Spurs drehen einsam ihre Kreise, die übrigen Spitzenteams liegen in dieser Skalierung minimal über den SRS-Erwartungswerten. Außer den genannten Jazz und Hornets weisen noch die Celtics und Pacers ausgesprochen gute Werte auf, die Heat und Mavs sind dagegen ebenfalls im negativen Bereich.

Was bedeuten diese Zahlen?

Viele Beobachter der NBA nutzen Net Rating oder SRS, um vermeintlich „richtige“ Bilanzen zu erstellen. Es erscheint verlockend, mit genauen Ergebnissen statt der klassischen Win-Loss-Darstellung eine höhere Präzision zu erreichen und dabei eventuell sogar noch über SRS den Spielplan miteinzubeziehen. Daraus wird mitunter diagnostiziert, das Team habe bisher Glück gehabt und werde im weiteren Saisonverlauf oder in den Playoffs einbrechen. Für Memphis wären das schlechte Nachrichten, die mit weiteren Stats durchaus in Einklang zu bringen sind: Praktisch alle Spieler scoren in Bezug auf die Effizienz deutlich unterhalb ihres Leistungsvermögens der letzten Jahre (Marc Gasol: 52,4 TS% statt 55,8% 14/15 ; Mike Conley: 51,9 TS% statt 55,8 14/15). Das Team ist vom im Offensivrating (ORtg) vom 13. auf 22., im für die Grit and Grind-Identität noch wichtigeren DRtg vom 4. auf den 15. Rang abgerutscht.

Genau hier werden jedoch einige Probleme sichtbar: SRS, ORtg und DRtg beruhen auf einem sehr ähnlichen Datensatz – und der ist für die Grizzlies etwas irreführend:

MEM Tabelle

Wie die Tabelle zeigt, kassierte das Team einige schwere Blowouts, insbesondere die 50-Punkte-Niederlage Anfang November gegen die Warriors sticht heraus. Auch die drei anderen Contender schenkten Memphis je eine >20-Punkte-Niederlage ein. Das ist einerseits kein gutes Zeichen für die Playoffs, andererseits lässt sich so das NetRating der Grizzlies mit einigen wenigen Spielen erklären: Die Gesamtbilanz des Teams liegt derzeit bei -57, so dass die beiden höchsten Niederlagen fast allein dafür verantwortlich sind. Wären beide Spiele ‚normale‘ Blowouts mit -15 gewesen, stünden die Grizzlies bei 0. Zudem erfolgten alle sehr hohen Niederlagen in der Schwächephase bis Anfang Dezember, seitdem kamen nur zwei moderate gegen Thunder und Rockets dazu.

Auch wenn die Blowouts psychologisch sicher nicht gerade förderlich sind: Es ist geradezu absurd, die Stärke eines langjährigen Playoff-Teams daran zu messen, ob einige Spieler über 30 sich auch in hoffnungslosen Fällen noch gegen die Niederlage zu stemmen versuchen. Letztendlich spielt die 50-Punkte-Niederlage für das Playoffrennen keine größere Rolle als jede andere auch – und gerade in dieser Hinsicht haben die Grizzlies sich in eine immer besser aussehende Position gebracht: Mit 9 Siegen aus den letzten 10 Spielen gewinnen sie Abstand auf die kriselnden Mavs und stehen nur noch 3 Niederlagen hinter den viertplatzierten Clippers. Gerade falls sich deren Probleme mit dem längeren Ausfall von Blake Griffin verschärfen, ist Heimrecht für Memphis in der ersten Playoffrunde absolut realistisch – im Osten wäre nach derzeitigen Bilanzen sogar Platz 2 vorstellbar.

Mehr als nur SRS

Die widersprüchlichen Ergebnisse von SRS und tatsächlicher Bilanz sagen also möglicherweise weniger über die Grizzlies als über die Statistik aus. Falls man Schlussfolgerungen aus der schlechten Form des Teams gerade zu Saisonbeginn (Gasol traf allerdings auch im Januar keine
45%) treffen möchte, wäre es sinnvoller, die jeweiligen Spiele einzeln zu betrachten, statt mit Blick auf Punktedifferenzen eine größere Datenbasis vorzutäuschen: Praktisch erklären einige wenige Spiele das NetRating. Es bleibt zwar umgekehrt die Frage, warum das Team kaum hohe Siege erzielt hat. Grit and Grind und die Teamstruktur bieten jedoch eine recht überzeugende Erklärung: Die defensiven Stärken der Grizzlies bei relativ alten Spielern und einer eher schwach besetzten Garbage Time-Lineup verhindern ein hohes Scoring-Volumen.

Aus diesem Grund muss man jedoch nicht nur NetRating und SRS mit Vorsicht genießen, sondern auch die anderen Plus-Minus-(Team-)Statistiken, also das an sich relativ zuverlässige Team- ORtg und DRtg. Wie oben angeführt, sind die Grizzlies in beiden Statistiken im Vergleich zum Vorjahr abgerutscht. Es ist klar, dass die heftigen Niederlagen bis Anfang Dezember dafür eine große Rolle spielen. Auch die Plus-Minus-Werte einzelner Lineups sind von diesem Phänomen betroffen: Aus den 6 meistgespielten Lineups weist nur die Starting Five des letzten Jahres ein Plus auf, die übrigen sind, unabhängig von kleiner oder großer Aufstellung, teilweise deutlich im Minus. Da jedoch allein im Warriors-Spiel Anfang November einige Spieler ein Plus-Minus von über -40 erreichten, ist auch hier eine Verzerrung anzunehmen. Ähnliches gilt vermutlich für Real Plus Minus (RPM, hier unser Podcast mit Entwickler Jeremias Engelmann) – nur Marc Gasol ist überhaupt in den Top 50, lediglich zwei weitere Spieler (Conley und Allen) stehen in den Top 100. Für das nach Bilanz derzeit siebtbeste NBA-Team ist das ein extrem niedriger Wert. Aufgrund der nicht öffentlich zugänglichen Berechnungsmethoden sind für RPM jedoch kaum zuverlässige Aussagen zu treffen.

Fazit

Dieser Artikel soll nicht die Grizzlies zum Geheimfavoriten oder jede Plus-Minus-basierte Statistik für unzuverlässig erklären. Gegen ersteres gibt es genug weitere Argumente: Die Formprobleme bei Schlüsselspielern und eine Spielweise, die etwas aus der Zeit gefallen scheint, hält die Grizzlies trotzdem aus dem Kreis der Contender. Stattdessen möchte ich zur Vorsicht gerade in Bezug auf spezielle Statistiken wie NetRating und SRS aufrufen – wie das Beispiel Grizzlies zeigt, überhöhen gerade diese beiden Werte eine Handvoll Spiele zu Saisonbeginn. Zumindest eine ‚bessere‘ Tabelle kann man sich von SRS nicht erhoffen, ohne die Hintergründe genau zu untersuchen.

 

Statistiken via espn.com und basketball-reference.com

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