Charlotte Hornets

Wie rettet man die frustrierendste Franchise der NBA?

Die Charlotte Hornets im Jahr 1 nach Kemba Walker

Die Charlotte Hornets im Jahr 1 nach Kemba Walker

Vermutlich hätten viele bei der frustriendsten Franchise der NBA eher an ein Big-Market-Team mit völlig utopischen Ambitionen, inneren Querelen und jeder Menge fragwürdiger Verträge gedacht. Zugegeben, die New York Knicks geben derzeit nach außen das klar schlechteste Bild ab. Insbesondere, da Kings, Suns und Wolves ihre Leistungen und ihre Außendarstellung erheblich verbessert haben. Aber: Die Knicks haben in den nächsten Jahren viel Cap Space, diverse zusätzliche Picks und zumindest etwas junges Talent im Kader. Die Hornets sind schon deshalb deutlich weniger in den Medien, weil sie seit dem Weggang von Kemba Walker im Sommer kaum noch Interesse auslösen. Immerhin können Michael Jordan, Mitch Kupchak und Co. so vergleichsweise ungestört arbeiten. Seit dem Management- und Coaching-Wechsel von Rich Cho zu Mitch Kupchak beziehungsweise von Steve Clifford zu James Borrego in der Offseason 2018 scheint hinter den Kulissen vergleichsweise wenig zu passieren. Das kann ein Vorteil sein, muss es aber nicht. Kupchaks wenig innovative Herangehensweise zeigt sich etwa daran, dass er im vergangenen Sommer als der einzige GM galt, der sich nicht am allgemeinen Tampering beteiligt. So lobenswert diese Regeltreue wirken mag, so aussagekräftig wäre es doch, wenn er tatsächlich der einzige Entscheider der Liga wäre. Aussagekräftig deswegen, weil diese Anekdote sinnbildlich für das ziemlich veraltete Managementkonzept der Franchise steht, das Kupchak genauso wie Jordon personifiziert: Beide scheinen nicht viel von Rebuild, Tanking und einer echten Verjüngung des Teams zu halten. Schon die letzten Jahre von Kupchaks Amtszeit bei den Lakers deuteten in diese Richtung, in Charlotte gibt es weitere deutliche Anzeichen.

Die Walker-Ära…

Ein Blick zurück: Den Hornets gelang mit der 48-Siege-Saison 2015/16 in den letzten Jahren ziemlich genau ein Ausrufezeichen. Seither waren die Teams mit Walker zwar immer im Playoffrennen, landeten aber auch in einem vor allem in der Tiefe schwachen Osten bevorzugt knapp außerhalb der Playoffränge. Trotzdem hielt das Team am Kurs fest: Seit dem Trade für Nicholas Batum 2015 verzichteten sie mit einer Ausnahme weitgehend auf sportlich relevante Transfers. Der Kern des Teams bestand über Jahre aus Walker, Batum, Michael Kidd-Gilchrist, Marvin Williams und Cody Zeller. Die meisten dieser Spieler erhielten nach der Überraschungssaison und der knappen Serie gegen die Heat teure Verträge, die aber keiner von ihnen in den darauffolgenden Jahren wirklich rechtfertigte. Auch wenn Cho mit dem Trade für Dwight Howard noch einmal einen tieferen Eingriff in den Kader vornahm, änderte sich an den Ergebnissen wenig. Die wenig erfolgreichen eigenen Picks Frank Kaminsky (#9 2015) und Malik Monk (#11 2017) verschärften die Problematik.

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So zeichnete sich in der vergangenen Saison langsam ab, dass Kemba Walker wohl keinen weiteren Vertrag bei den Hornets unterschreiben würde. Angesichts des extrem teuren Supermax-Deals schien auch von der Franchise-Seite kein größeres Interesse mehr an einer fortgesetzten Zusammenarbeit zu bestehen. Umso erstaunlicher ist, dass keine ernsthaften Versuche bekannt wurden, Walker für Assets abzugeben. Hier zeigt sich wohl die Herangehensweise von Jordan und Kupchak am deutlichsten: Das Team sollte unbedingt im Playoffrennen gehalten werden, auch wenn sich die mittelfristigen Aussichten so nicht unbedingt verbessern ließen. Das Ergebnis war wenig überzeugend, es reichte mit 39 Siegen mal wieder nur für Platz 9. In der Offseason wurde dann auch relativ schnell klar, dass Walker sich den Celtics anschließen würde und die Hornets ihren besten Spieler so ersatzlos verlieren.

(K)ein Neuanfang

Trotzdem entschieden sich Jordan und Kupchak gegen einen größeren Umbruch. Stattdessen holten sie Terry Rozier für den stolzen Preis von 57 Millionen Dollar über 3 Jahre nach Charlotte, wofür zusätzlich noch die Celtics mit einem Zweitrundenpick für den Sign-and-Trade bezahlt werden mussten. Ansonsten mussten sie auch noch Jeremy Lamb ziehen lassen, sonst blieb fast alles beim Alten: Von allen Spielern mit mehr als 100 Minuten 2018/19 – insgesamt 14 – sind 11 immer noch im Kader, Retiree Tony Parker ist der dritte wegfallende neben Walker und Lamb. Der einzig signifikante Zugang ist Rookie P.J. Washington, den die Hornets mit ihrem 12. Pick im Draft zogen.

Anfang Dezember 2019 stehen die Hornets bei einer Bilanz von 9-14, was verglichen mit der Konkurrenz etwa in New York eigentlich als positive Überraschung gelten muss. Zwei Spieler sind besonders hervorzuheben: Der mit 21 zwar relativ alte und deswegen als Low-Upside-Pick kritisierte Washington demonstriert den Vorteil der zusätzlichen Jahre mit einer soliden Rookie-Saison (11,7 PPG, ORtg 112, 42,9 3P%). Die Show stiehlt ihm aber aktuell Devonte‘ Graham, der 34. Pick 2018. Letztes Jahr noch Bankdrücker, hat er sich diese Saison nicht nur einen Starter-Spot neben Rozier erspielt, sondern macht dem Neuzugang auch gleich noch die Rolle als erste Option streitig. Seine 18,7 Punkten und 7,7 Assists pro Spiel erzielt er bei absolut brauchbarer Effizient (ORtg 113, nur 3,1 TOs). Vor allem aus der Distanz kann er mit über 40% und einem immensen Volumen punkten: Nach James Harden hat er aktuell die meisten erfolgreichen Dreipunktwürfe der Liga zu verzeichnen.

Aussicht aufs Niemandsland

Wo ist also der Haken, dass den Hornets trotzdem eine eher düstere Zukunftsprognose gegeben werden muss? Ganz einfach: Graham müsste praktisch mindestens auf dem Niveau Kemba Walkers spielen, um den Hornets eine sinnvolle Fortsetzung des aktuell eingeschlagenen Weges zu erlauben. Das mag etwas übertrieben klingen, aber andernfalls dürften die Hornets weiterhin über Jahre im Niemandsland der Eastern Conference dümpeln. Es fehlen schlicht die Möglichkeiten, sich sinnvoll zu verstärken. Durch die zahlreichen überteuerten Verträge konnte das Team diese Saison schon kaum in der Free Agency aktiv werden. Im nächsten Sommer laufen immerhin die Verträge von Bismack Biyombo, Marvin Williams und Michael Kidd-Gilchrist aus, aber an Nicolas Batum, Cody Zeller und Terry Rozier sind die Hornets noch ein beziehungsweise zwei Jahre länger gebunden – wobei zumindest Zeller und in der aktuellen Form Rozier einen sportlichen Wert haben. Zudem hat das Team außer dem Gehalt kaum Argumente für Free Agents, so dass die Gefahr von weiteren überteuerten Verträgen groß ist.

Auch Hoffnungen auf hohe Picks sollten sich die Hornets nicht unbedingt machen: Die teuren, aber immer noch brauchbaren Free Agents sorgen in Kombination mit den relativ jungen Spielern wie Graham, Washington und Bridges für zu viele Siege, um eine der schlechtesten Bilanzen aufzuweisen. Auch die veränderten Lottery-Odds ändern daran wenig: Aktuell hätten die Hornets etwa nur eine knapp zehnprozentige Chance auf einen Top-4-Pick. Selbst wenn sie noch näher an ihrer nach NetRating zu erwartenden Bilanz einpendeln, haben andere Franchises schon einen ‘Vorsprung’ bei den Niederlagen aufgebaut. Es ist also deutlich wahrscheinlicher, dass die Hornets wie schon in den vergangenen Jahren irgendwo rund um den 10. Pick draften werden. Auch in diesem Bereich finden sich hervorragende Spieler, aber meistens muss das Team sich auf Kompromisse einlassen: Entweder man entscheidet sich für einen Upside-Pick, oder verlässt sich auf bereits entwickelte Skills bei älteren Rookies. Die Tendenz der Hornets ging in den letzten Jahren extrem deutlich zu letzterem, was im Fall von Bridges und Washington nicht unbedingt nach einem Fehler aussieht. Nur reduziert sich bei Spielern in ihren 20ern verglichen mit College-Freshmen die Chance, dass sie den Schritt zum Star machen. Darin liegt aktuell das Hauptproblem der Hornets: Sie setzen auf relativ unwahrscheinliche Entwicklungen und müssen hoffen, dass die Lotteriekugeln in ihrem Sinn fallen – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn.

Wie geht es weiter?

Trotzdem ist die Situation in Charlotte nicht aussichtlos, dafür bietet das NBA-System mit Draftlottery und Salary Cap zu viele Möglichkeiten. Gefragt ist jetzt, aus den Bedingungen das Bestmögliche herauszuholen und durch kleinere Transaktionen auch ohne den ganz großen Glückstreffer die Gesamtsituation zu verbessern. Besonders erfolgreich war mit diesem Verfahren in den letzten Jahren Sean Marks in Brooklyn, der quasi ohne eigene Picks das schlechteste Team der Liga in kurzer Zeit in die Playoffs brachte. Aber auch die Miami Heat sind immer wieder erfolgreich im ‚winning on the margins‘. Allerdings haben beide Franchises Standortvorteile, die unter den richtigen Bedingungen Kevin Durant, Kyrie Irving oder Jimmy Butler anziehen.

In manchen Punkten ist dieses Vorgehen allerdings auch für die Hornets möglich. Besonders die Entwicklung von Spielern, die außerhalb der Lottery – oder überhaupt nicht – gedraftet wurden, ist für jede Franchise wichtig. Das Beispiel Graham zeigt, dass die Hornets hier brauchbare Arbeit leisten. Auch die Entscheidung, dass viele der jüngeren Spieler starten dürfen, spricht für Borrego und Co. Jetzt käme es für das Management darauf an, in kleineren Trades vorteilhafte Ergebnisse zu erzielen. Besonders in dieser Hinsicht hat Kupchak allerdings seit Jahren nicht überzeugt, wie etwa der Dwight Howard-Dump kurz nach seiner Ankunft in Charlotte verdeutlicht: Marks gelang es, die Nets auf Kosten der Hornets von einem zusätzlichen Jahr Timofey Mozgov beziehungsweise letztendlich Bismack Biyombo befreien. Für solche Entscheidungen müssten Kupchak und Jordan aber möglicherweise ihre Herangehensweise hinterfragen und eingestehen, dass man wenn schon keinen Komplettrebuild, so zumindest eine Restrukturierung des Teams braucht.

Fazit

Die Hornets sind aktuell das Paradebeispiel der NBA für schlechte Mittelmäßigkeit, die weder große Chancen auf die Playoffs noch auf die Top-Picks einräumt. Dank der Überraschung der bisherigen Saison in Devonte‘ Graham und einer Reihe teurer, aber noch brauchbarer Rollenspieler finden sie sich in dieser unbeliebten Situation wieder. Jetzt müsste entweder doch die Entscheidung zum Komplettrebuild kommen, oder das Team zumindest mehr aus den Bedingungen machen. Ob Kupchak und Jordan bereit für die nötigen Schritte für einen Umbruch sind, muss aktuell mit einer gewissen Skepsis gesehen werden.

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