3-on-1 Fastbreak, Boston Celtics, NBA, Philadelphia 76ers, Utah Jazz

Wer sind die Kandidaten für den Rookie of the Year?

Midseason-Award-Favoriten, Teil 1

Etwa die Hälfte der Regular Season in der NBA ist vorbei. Es zeichnet sich bereits recht deutlich ab, welche Teams schon für die Playoffs planen können, wo es vermutlich nur noch um Spielerentwicklung und Picks geht oder bei welchen Teams noch zwischen Platz 5 und 12 alles denkbar ist. Aber auch die Spieler können sich schon langsam Gedanken machen, wie es mit individuellen Auszeichnungen aussieht. Einige Veteranen suchen vielleicht schon nach Platz in ihrem gut gefüllten Trophäen-Schrank, andere können auf ihren ersten (Profi-)Award hoffen. Um letztere soll es heute gehen: Wer kann sich zum Rookie of the Year krönen? Nachdem im letzten Jahr unter anderem durch Verletzungen in Malcolm Brogdon überraschend ein Zweitrundenpick gewinnen konnte, sind dieses Jahr die Favoriten aus der frühen Lottery im Vorteil – oder?

Julian Lage: Wird Donovan Mitchell Rookie of the Year? Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Sollte er es werden? Stand heute ebenfalls eher nicht. Nach einer halben Saison ist in dieser Hinsicht natürlich noch nicht das letzte Wort gesprochen, so dass er noch brauchbare Chancen auf die Auszeichnung hat. Schließlich führt er die Rookies schon in der für viele wichtigsten Statistik an – im Scoring. Mit derzeit 18,5 PPG liegt er recht klar vor Kyle Kuzma (17,1), Ben Simmons (16,9) und Lauri Markannen (14,9). Auch bei seinen Jazz nimmt er die Rolle als Topscorer ein – in Rodney Hood trifft nur ein weiterer Spieler mit ähnlichem Volumen (16,8), der Derrick Favors, der zur Zeit verletzte Rudy Gobert und Ricky Rubio stehen gerade im zweistelligen Bereich (12,5/11,6/11,3). Zudem stand Mitchell nur ziemlich genau ein Drittel seiner Minuten mit Hood auf dem Feld, so dass er meist die klare erste Option seines Teams darstellt. Das spiegelt sich in seiner Usage Rate wider, die meisten Konkurrenten um den Rookie of the Year-Award bleiben klar unter Mitchells 28,5% abgeschlossener Angriffe.

Dieser Aspekt stellt vermutlich das stärkste Argument für den Jazz-Rookie dar. Kein anderer Spieler hat eine solche Verantwortung bei einem Team mit Playoffambitionen: Dennis Smith J.R. nimmt zwar ähnlich viele Würfe, die Mavs dürfen aber kaum noch auf die Postseason hoffen. Jayson Tatum spielt dagegen bei einem Spitzenteam, so dass er von der Qualität im Roster profitiert – entsprechend sind deutlich mehr seiner Abschlüsse assisted. Simmons hält als Spielmacher den Ball ähnlich oft in der Hand, kann sich jedoch teilweise hinter die erste Option Joel Embiid zurücknehmen.

Aus der großen Rolle erwächst jedoch auch ein Problem für Mitchell, das für Rookies nicht untypisch ist: Er erzielt nur ein klar unterdurchschnittliches Offensivrating von 102. Die mangelnde Effizienz stellt den Wert seiner knapp 20 Punkte natürlich in Frage – nimmt er sich zu viele Abschlüsse, sollte er sich mit einer kleineren Rolle begnügen? Natürlich wäre eine höhere Trefferquote wünschenswert, den Jazz fehlen aber in der Offense schlicht die Alternativen. Hood und Rubio sind noch ineffizienter (ORtg von 100 bzw. 96), bessere Quoten weisen vor allem die relativ limitierten Rollenspieler wie Epke Udoh, Jonas Jerebko und Thabo Sefolosha auf. Auch die Big Men Favors und Gobert brauchen Unterstützung von den kleinen Positionen. Daher erfüllt Mitchell seine Rolle weitgehend, auch solange er unterdurchschnittlich effizient bleibt. Das bestätigt sein On/Off-Rating von +3,5, während andere Schlüsselspieler wie Joe Ingles, Rubio und Hood in dieser Statistik bis zu zweistellig im Minus stehen.

Donovan Mitchell ist somit kein Rookie of the Year-Kandidat wie Michael Carter-Williams, der bei einem schlechten Team ohne Rücksicht auf das Ergebnis Würfe erhielt. Er musste sich – gerade als relativ später (13.) Pick – seine Minuten und Spielanteile erst erkämpfen und konnte sich über die ersten Monate der Saison hinweg klar steigern. In einer Saison mit schwächerer Konkurrenz unter den Rookies hätte das für den Award reichen können – unter den derzeitigen Bedingungen müsste Mitchell vermutlich in den restlichen Saisonspielen zumindest eine durchschnittliche Effizienz erreichen, um verdienter Rookie of the Year zu werden.

Embed from Getty Images

David Krout: Jayson Tatum hat mit seiner Produktivität und vor allem mit seiner Effizienz überrascht, welche wohl das wichtigste Argument für seine Rookie of the Year Kandidatur ist. Es geschieht nicht oft, dass ein Rookie einer der wichtigsten Spieler eines Teams ist, das derzeit einen 60 Siege Kurs ansteuert. Nun hat er natürlich auch das Glück, einem Team mit 3 Allstars beizutreten, was Top 5 Picks normalerweise nicht geboten wird.

Dennoch ist seine Entwicklung seit seiner College Saison bei den Duke Blue Devils beeindruckend und sollte man nicht ignorieren, dass die Rolle in der er gedeiht eine ist die man ihm als Prospect nicht zugemutet hätte. Im College zeigte er sich als Isolationscorer mit einer Tendenz zu ineffizienten Würfen und wenig Interesse zu verteidigen. Bei den Boston Celtics hat er sich aber als erfolgreicher Off-Ball Spieler gezeigt, der hauptsächlich davon profitiert, dass Kyrie Irving und Al Horford die Defense zwingen, auf sie zu reagieren.

Diese Dynamik hat dazu geführt, dass Jayson Tatum nur knapp 20% seiner Würfe aus der Mitteldistanz nimmt, aber hauptsächlich als Slasher oder Spot-up Shooter an der Dreierlinie agiert. Diese Änderung in seinem Spielstil erlaubt es ihm mit 62 TS% einer der effizienteren Spieler in der ganzen Liga zu sein.

Seine Defense ist eine weitere große Überraschung, er hat bereits einige gute Momente gegen elitäre Scorer wie Kemba Walker oder sogar James Harden gehabt. Die Celtics-Defense switched enorm viele Screens, wo Tatum seine Länge enorm gut nutzt. Er schafft es dadurch sowohl Distanzwürfe zu beeinflussen, als auch Guards, die an ihm vorbeikommen, wieder einzuholen und am Korb zu stoppen.

Die Kritik an seiner Kandidatur beruht darauf, dass er lediglich ein Rollenspieler für die Celtics ist, während andere Kandidaten ihr Team tragen müssen. Das ist zwar nicht unbedingt falsch, seine Usage von 17.8% und niedrige Zahl an Würfen (10.9 pro Spiel), schließen sogar daraufhin. Das ignoriert jedoch die Flexibilität die er Boston bietet.

Zudem ist seine Leistung in der Clutch eine der wichtigsten Zutaten für den Erfolg den sein Team bisher genießen konnte. In diesen Situationen hat Tatum 63.6% seiner Würfe getroffen, und hat mehr Versuche als jeder Mitspieler außer Kyrie Irving. Es sollte also klar sein, dass er in der ersten Saisonhälfte einer der wichtigsten Elemente dieses Boston Teams ist.

Trotz dieser Errungenschaften, die für einen Jugendlichen in der NBA fast unerhört sind, kommt seine Verantwortung der von Ben Simmons oder Donovan Mitchell in keiner Weise nahe. Wenn Tatum ein schlechtes Spiel spielt, haben die Celtics meist genug andere Waffen um das Spiel zu gewinnen. Diesen Luxus haben die Philadelphia 76ers und Utah Jazz einfach nicht. Im direkten Vergleich mit den beiden fällt es trotzdem auf, dass er bisher keine gravierenden Schwächen wie zum Beispiel Simmons‘ Mangel eines Jump Shots oder Mitchell’s teilweise fragwürdige Defense zu sein scheinen. Natürlich ist die höhere Teamqualität ein Faktor, der mögliche Schwächen besser deckt und womöglich vertuscht. Genauso wie sie vermutlich dafür verantwortlich ist, dass Tatum nicht nur ein bedeutend höheres ORtg sondern auch ein niedrigeres DRtg als die anderen beiden Rookies hat.

Es wird interessant zu sehen ob Tatum noch Grund gewinnen kann, denn Headcoach Brad Stevens hat in den letzten Wochen betont, dass er ihm eine größere Rolle zuweisen will und ihn auch öfter mit Bankeinheiten auf das Parkett gestellt. Dies könnte seine Statistiken zwar im Volumen stärken, würde aber vorrausichtlich negative Auswirkungen auf seine Effizienz haben.

Aufgrund dieser Faktoren ist es äußerst unwahrscheinlich, dass er in diesem Rennen eine Chance gegen die Rookies aus Utah und Philly hat, aber seine beeindruckende Evolution und steile Wachstumskurve als Spieler schließen es auch nicht komplett aus. Historisch gesehen wird bei diesem Award die Schwierigkeit ein essentieller Spieler auf einem erfolgreichen Team zu sein unterschätzt, und Tatums Konkurrenz ist einfach zu stark dafür, dass man mit einer Abweichung dieser Mentalität rechnen sollte.

Embed from Getty Images

Philipp Rück: Diese Rookie-Klasse ist eine der stärksten in den vergangenen Jahren. Dies zeigt sich sowohl in der Breite der Klasse, wo man sogar bis tief in der ersten Runde starke Rollenspieler draften konnte (Josh Hart, Kyle Kuzma), sondern auch in der überraschend guten Spitze des Jahrgangs. Meine beiden Kollegen haben schon für Mitchell und Tatum argumentiert, die in den letzten Jahren mit dieser Leistung den Award wahrscheinlich immer gewonnen hätten. In diesem Jahr gibt es neben diesen beiden zukünftigen Stars aber einen noch besseren Rookie: Ben Simmons.

Wie man meinem Twitter-Account über den letzten Wochen entnehmen konnte, bin ich selbst Simmons´ größter Kritiker. Die Passivität im Dezember zog das ganze Team mit hinunter. Aber man sollte nicht vergessen, dass wir hier über einen Rookie reden. Er hat die Messlatte nach seinem fantastischen Saisonstart selbst so hoch gelegt, wodurch man manchmal den falschen Bewertungsmaßstab anlegt.

Simmons ist nicht der beste Spieler der Sixers und kann das Team (noch) nicht selbst tragen. Aber das muss ein Anwärter auf den ROY-Award auch nicht. Nichtsdestotrotz ist er der zweitbeste Spieler des nach Simple Rating Systems 4. besten Teams im Osten (10. ligaweit). Sein ORtg ist mit 103 zwar nur unterdurchschnittlich, aber dies ist für Rookies in großer offensiven Rolle auch zu erwarten (siehe Mitchell). Seine Usage Rate von 24 % wird aber nicht annähernd der Rolle gerecht, die er bei den Sixers wirklich inne hat, da er vergleichsweise wenig selbst abschließt. Wie wichtig er in der Offensive Philadelphias ist, kann man an drei anderen Kenngrößen abschätzen. Zum einen führt er die Liga in Touches pro Spiel an, d.h. kein Spieler berührt den Ball pro Spiel häufiger als der Australier. Selbst wenn man viele “leere” Ballberührungen, wie sie bei den Sixers offensiv schematisch oft vorkommen, abzieht, ist immer noch deutlich, dass Simmons den Ball so viel in den Händen hält wie etablierte Franchiseplayer der Liga (Westbrook, Harden und James folgen auf der Liste der meisten Touches). Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Time of Possession und den Drives pro Spiel. Er ist überall in der Spitzengruppe zu finden, was das Volumen angeht. All jenes deutet darauf hin, dass Simmons nicht nur deutlich mehr und öfter den Ball in der Hand hält als andere Rookiekonkurrenten, sondern auch auf ähnlichem Niveau wie Stars der NBA kreiert. Eine NBA-Offensive zu führen, d.h. für sich und andere effiziente Würfe zu kreieren, ist der schwierigste und gleichzeitig wertvollste Skill im Basketball. Diese primären Ballhandler, zu denen wie gezeigt auch Simmons zählt, treffen im Angriff ihres Teams fast jede Entscheidung, sind in nahezu jeden Angriff involviert. Diesen “Druck” haben Mitchell und Tatum nicht. Sie haben den “Luxus”, in manchen Possessions gar nichts am Ball machen zu müssen und keine Entscheidungen zu treffen.

Auch wenn man fairerweise sagen muss, dass Simmons´ Skillset für einen off-ball-Einsatz eher weniger zu gebrauchen wäre, so ist es doch generell im Basketball deutlich einfacher, effizient zu sein, wenn man in kleinerer Rolle auftritt.

Ja, Ben Simmons tritt offensiv nicht sonderlich effizient auf. Dennoch muss konstatiert werden, dass die Sixers-Offense unter seiner Führung deutlich verbessert ist. Philadelphia schloss die letzten vier Jahre jedes Mal mit Abstand mit der schlechtesten Offensive der NBA ab, dieses Jahr befindet man sich auf Platz 17. Seine große Rolle wurde schon erörtert; wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der Mangel an weiterem Playmaking im Roster. Joel Embiid ist die einzig verlässliche Halbfeld-Option, die sich selbst einen Wurf kreieren kann. Ansonsten gibt es keinen Spieler, der Playmaking und Creation aufbietet. Umso bemerkenswerter ist die Leistung, die Simmons erbracht hat, um die Sixers offensiv zurück in den NBA-Durchschnitt zu führen.

Er hat nicht die Effizienz Jayson Tatums und nicht das Scoring-Output Donovan Mitchells. Er hat noch so viele Lücken im Spiel. Er wirft seine Freiwürfe mit der falschen Hand und trifft nur ein wenig mehr als die Hälfte. Er hat keinen Jumpshot, probiert und trifft keine Dreier. Und trotzdem ist er bereits jetzt ein überdurchschnittlicher Playmaker, Passer und Transition-Spieler. Als Rookie wohlgemerkt.

Seine Defensive soll nicht gänzlich unerwähnt bleiben. Simmons ist bereits heute ein guter Verteidiger, der besonders dann glänzen kann, wenn er seinen überragenden Basketballverstand nutzt, um das Spiel zu lesen. Er antizipiert früh, welche Rotation er machen muss, wo der Ball hinkommen wird und kennt (meistens) die Stärken des Gegners. Seine körperlichen Fähigkeiten (Schnellligkeit, Sprungkraft, Athletik) nutzt er sehr geschickt aus und bildet zusammen mit Covington ein starkes Flügelduo, das beliebig untereinander switchen kann (Sixers-Defense Platz 5). Stand jetzt ist er auch vielleicht der beste Defender des Jahrgangs, weswegen der Rookie des Jahres momentan nur an Ben Simmons gehen kann.

  • 9
  •  
  •  
  •  
  •  

Schreibe einen Kommentar