Milwaukee Bucks, Minnesota Timberwolves, Philadelphia 76ers

Fragile Jugend

Aufgeschobene Rookiejahre: Anthony Bennett & Michael Carter-Williams

Die Draftklasse 2013 gilt als Enttäuschung, doch nur zwei in der Lottery gewählte Spieler haben in dem kurzen Zeitraum seit dem Draftabend bereits für mehrere Team auflaufen müssen: Anthony Bennett und Michael Carter-Williams. Was führte dazu, dass ihre bisherigen Investoren diese Talente als Enttäuschung verbuchten und wie viel Schuld tragen ihre letzten Teams?

Ein schrecklich schöner Tag

Anthony Bennett wird sich mit gemischten Gefühlen an diesen schicksalshaften Abend erinnern, an dem NBA-Boss Adam Silver seinen Namen laut ausrief. Dieser Tag repräsentiert den Kanadier auch heute als Erfolgsgeschichte. Seine Selektion als erster Pick war umstritten und doch ist es ein Verdienst, selbst in der Diskussion um die frühe Lottery zu stehen. Anthony Bennett war ein außergewöhnlicher Spieler in der NCAA und es gab Gründe, warum ihn Scouts und Beobachter als einen potentiell sehr guten NBA-Spieler sahen. Obwohl angehende NBA-Profis in der NCAA in erster Linie als Studenten gelten, kommen die Wenigsten während der Collegezeit in den Genuss eines ‘Graduation Day’, da sie frühzeitig das Studium abbrechen bzw. auf Eis legen müssen. Die Draft ist eine Art Ersatz, in der das Aufsetzen einer NBA-Kappe als zeremonieller Akt den Übergang von der Ausbildung in die Professionalität repräsentiert – ähnlich dem in die Luft werfen der schwarzen Vierecke von Akademikern. Darauf kann Anthony Bennett weiterhin stolz sein. Bis hierhin hatte er seinen Job gemacht und war von einem Umfeld umgeben, dass sein Talent offensichtlich förderte.

Für Bennett wird dieser Tag auch mit der Schmach verbunden sein, nach zwei grottigen Profjiahren in der Diskussion um den schlechtesten #1-Pick aller Zeiten zu stehen. Dabei ist das alles vielleicht gar nicht der Rede wert. Das Schicksal fügte es, dass dieser Pick die Cleveland Cavaliers als kollosaler Fehler nicht um Jahre zurückwerfen sollte. Dank der Rückkehr von LeBron James konnte sich das Unternehmen aus Ohio günstig und profitabel von Bennett lösen. Nachbeben, die man historisch aufarbeiten werden muss wie bei “Bowie über Jordan” oder “Oden über Durant” wird es bei dieser schwachen Draftklasse, in der zwei Europäer mit die größten Hoffnungsträger sind, wahrscheinlich nicht geben. Bennett ist somit schlichtweg ein schlechter Pick einer schwachen Draftklasse. Und doch wird der Kanadier vermutlich lange nach seiner NBA-Karriere dank “Biggest NBA Busts”-Listen auch zukünftigen NBA-Fans ein Begriff sein.

Etwa 50 Minuten nach Bennetts Pick hörte Michael Carter-Williams seinen Namen. Dessen heutige Situation ist nicht annähernd so prekär wie die des Kanadiers. Seine Selektion an der 11. Stelle wird zukünftig bei jeglicher Entwicklung kaum Wellen schlagen und er sich nicht mit der Enttäuschung eines Anthony Bennett an diesen Tag zurückerinnern müssen. Mit Demütigung wird er sich eher an die Draft des Jahres darauf erinnern. Um sich als Leader zu zeigen, flog der Point Guard zur Draft, um als Repräsentant der 76ers einen ersten Kontakt mit den neuen Mitspielern zu pflegen. Schon vor diesem Abend gab es Tradegerüchte um ihn. Als die Sixers Elfrid Payton drafteten, wurde Carter-Williams von einem TV-Reporter live und unverblümt gefragt, was die Selektion eines weiteren Ballhandlers ohne Wurf für seine Zukunft bedeutet. Vor einem Millionenpublikum in Verlegenheit gebracht, antwortete der junge Guard unsicher mit “I’m not really sure if I’m moved or not”.

Anspruch und Wirklichkeit

Es dauerte noch etwa eine halbe Saison, bis die 76ers ein lukratives Angebot für Michael Carter-Williams nicht ausschlagen konnten. Die Szene am Draftabend 2014 deutete darauf hin, dass bereits seit einiger Zeit die Diskrepanz zwischen den Sixers-Erwartungen in die Position des primären Ballhandlers und Carter-Williams’ Ausfüllung dieser Erwartungen für Spannungen sorgte. Wie bei Bennett nach nur einem Jahr als Profispieler und auch für den Spieler spürbar.

Vielleicht sollte man sich bei enttäuschenden Projekten immer vergegenwärtigen, dass nicht so sehr Spieler in der NBA „versagen“ als vielmehr Spieler in Rollen in der NBA. Die harte Realität für Spieler mit diesem Schicksal ist meist, dass sie in der besten Liga der Welt potentiell nur wenige Rollen – oder überhaupt eine  – ausfüllen können. Das Trainerpersonal ist natürlich geschult genug, um Spieler für gewöhnlich von Anfang an in den für sie besten und erfolgsversprechenden Rollen einzusetzen: die alte Floskel des „putting a player into a position he could succeed in“. Der Werdegang von Carter-Williams und Bennett ist bislang enttäuschend, doch sind sie unter diesen Aspekten Spezialfälle.

Julian Barsch aus dem Go-to-Guys NCAA-Expertenteam beschrieb Anthony Bennett im Draft-Powerranking so:

„Bennett hat vor allem offensiv eine enorme Vielseitigkeit für einen Freshman vorzuweisen. […] Bennett hatte enorme Freiheiten im System der Runnin Rebels, wo er teilweise nach einem Rebound auch mal Coast-to-Coast ging und sein überdurchschnittliches Ballhandling unter Beweis stellte. Dass er dabei nur 1.9 Turnover pro Spiel verursachte, ist beeindruckend. […] Grundsätzlich erwartet man von einem Kämpfertyp wie Bennett nicht unbedingt einen soliden Sprungwurf, doch auch dieser gehört zu seinem Arsenal dazu. Für einen Big Man sind die 38 Prozent sehr solide und es besteht Hoffnung, dass sich dies in der NBA verbessert.”

Offensive Vielseitigkeit, Ballhandling und potentielle NBA-Range: Diese Stärken fanden sich in vielen Scouting Reports, die über Bennett geschrieben wurden. Gleichzeitig sind dies Merkmale, die wir in Bennetts Zeit in der NBA überhaupt nicht bestaunen konnten.

Bennetts erstes Jahr war ein kompletter Reinfall mit wenig Hoffnung, dass der heute 22-jährige jemals zu einem Spieler heranreift, der einer Selektion in der hohen Lottery gerechtfertigt. Szenen, die das Potential seiner Tage am College andeuteten waren rar gesät. Bennett würde kein Star werden, doch ein Reiz blieb, auch weil er mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte: offensichtliches Übergewicht und eine Verletzung, die ihn früh in der Saison in der NBA völlig fehl am Platze aussehen ließ und ihm das Selbstvertrauen nahm; dazu das Medieninteresse als erster Pick und eine schwierige Situation bei ruderlosen Cavaliers, die mit Playoffambitionen stark enttäuschten und ohne autoritäres Coaching erschienen. Der erste Pick spielte in seinem Rookiejahr nur 663 Minuten.

So sollte der Kanadier eine weitere Chance und einen dringend benötigten Tapetenwechsel bekommen. Die Schicht bei den Minnesota Timberwolves könnte für Bennett jedoch noch schädlicher gewesen sein.

Das fünfte Rad am Wagen

Auf den ersten Blick war die Situation bei den Timberwolves förderlich: ein junges, unerfahrenes Team, das wenige bewährte Rollenspieler aufwies. Chancen auf eine Rolle und Minuten waren groß. Doch obwohl Bennett als junger, #1-Pick nach Minnesota kam, war er lediglich eine Beigabe. Im Vordergrund standen die Teenage Mutant Ninja Rookies: Andrew Wiggins und Zach LaVine, die mit großem athletischen Hype und irrwitzigen Highlights die Korbanlagen im Target Center zum Vibrieren brachten.

Die Wolves setzten Bennett nicht in einer Rolle ein, die seinen am College beobachteten Stärken entsprachen. Für ihn wurden spielerisch wie mental andere Standards gesetzt wie für LaVine und Wiggins. Mit bereits angeschlagenem Selbstvertrauen wurde Bennett bei Fehlern oft auf die Bank gesetzt und hatte ab Mitte der Saison einen schweren Stand in der Rotation. Gerade LaVine machte in der etwas chaotischen Offense, der eine leitende Hand fehlte, öfters Fehler. Während Bennett auch in seiner zweiten Saison weniger als 1000 Minuten spielte und nur drei mal startete, kam Lavine mit seinen 19 Jahren auf 1902 Minuten und 40 Starts.

Ohne feste Rolle in einem jungen, experimentierenden Team entwickelten sich bei Bennett wie auch LaVine und Wiggins problematische Gewohnheiten. Bei allen Drei zeigte sich das vor allem in der ungeduldigen, schwierigen  und eigennützigen Wurfauswahl. LaVine und Wiggins waren in ihren Rollen oft zu balldominant und allen jungen Wölfen fehlte defensives Verantwortungsgefühl.

Im Unterschied zu Bennett gingen bei LaVine und Wiggins diese Angewohnheiten jedoch mit einer spielerischen Herausforderung einher, an der sie wachsen sollten. Sie übten jung anspruchsvolle Rollen am Ball aus. Die folgende Grafik zeigt laut Synergy Sports die Verteilung der Abschlüsse dieser drei Spieler an. Die blauen Felder beinhalten Abschlüsse, die eher am Ball selbst kreiert werden:

Amm Ball Abseits Wolves

Zum Vergrößern klicken.

Dass Wiggins und LaVine als Flügelspieler öfter den Ball in der Hand haben als Bennett, ist nicht überraschend. Beide mussten viele extremst schwere Abschlüsse generieren wie etwa Aktionen als Ballhandler im Pick und Roll, im Post-Up oder im Eins gegen Eins. Bennett hingegen agierte meist als Rollman – der einzige Aspekt, indem er bisher NBA-Niveau zeigte – und im Spot-Up. Da Bennett bereits am College als potentiell guter Shooter galt, scheint der Fokus auf Spot-Up Situationen nicht verkehrt. Wie seine Teamkameraden nahm Bennett hier aber hauptsächlich lange Zweipunktewürfe – ineffiziente Wurfversuche, über die es schwer ist, Spiele zu beeinflussen. Knapp 330 Akteure spielten mehr NBA-Minuten als Anthony Bennett in der Saison 2014/15. Nur 43 Spieler nahmen mehr Spot-Up-Zweier als er. So entwickelte der Kanadier in Minnesota fragwürdige offensive Angewohnheiten, ohne dass es eine Facette in seiner Rolle gab, die ihm als Spieler Feinschliff verlieh. Der potentielle All-Rounder von einst verkam zum One Trick Pony: Innerhalb des Perimeters den Ball fangen und abschließen.

Als etwas älterer, prominenter Point Guard am College schien Michael Carter-Williams ein eher beschriebenes Blatt zu sein, als er den Schritt in die NBA wagte. Julian Barsch beschrieb ihn so:

MCW ist in der Lage, aus den verschiedensten Situationen den richtigen Mann zu finden und die Chance auf einen hochprozentigen Abschluss zu verbessern. Dabei nutzt er vor allem seine Fähigkeit, zum Korb zu ziehen und daraus entweder den freien Schützen oder den Big Man unter dem Korb zu finden. […] Des Weiteren ist er in der Lage, mehrere Positionen zu verteidigen. Somit können auch ohne Probleme kleinere Shooting Guards neben ihm aufgestellt werden, da er ihren Job defensiv übernehmen kann. […] Auffälliger hingegen ist die unkonstante Spielweise und der schwache Abschluss. Nach einer starken ersten Saisonhälfte, konnte Carter-Williams nur noch in vereinzelten Spielen das Niveau halten. Vor allem seine viel zu hohe Turnover-Quote (26 Prozent) fällt dabei negativ ins Gewicht. […] Seine Quoten sowohl in der Zone (49 Prozent), als auch von Außen (29 Prozent) sind alles andere als überragend. Viel zu oft nimmt er unnötige Würfe auch oft aus der Distanz mit direkter Deckung eines Gegenspielers.

„Play creation“ ist ein besonderer und teurer Skill. Die 76ers suchen diese Kaliber über die Draft, um sie jung, langfristig und so günstig wie möglich an sich zu binden. Der restliche Kader wird währenddessen zum größten Teil auf Standby gelegt, um das Team nicht mit offensiven Optionen zu überteuern. Hier tummeln sich einige interessante Spieler, die jedoch in der Summe nicht reichen, um in einer „Equal Opportunities-Offensive“ Lasten auf NBA-Niveau zu tragen. So waren die Ansprüche Philadelphias an die Position des primären Ballhandlers anfangs extremst hoch. Carter-Williams blieb vom ersten bis zum letzten Tag als 76er die erste Option bei einer Usage, die 25% nicht unterschritt. Dazu musste der große Guard fast alles für sich selbst kreieren. 2013-14 waren nur 30,7% seiner Körbe assistiert. Im letzten Jahr waren es nur 27,5%.

Zu welcher offensiven Last Carter-Williams gepusht wurde, zeigt die Aufteilung seiner Abschlüsse laut Synergy Sports. In der folgenden Grafik sind alle 28 Spieler gelistet, welche sich in den Top 50 der meisten Abschlüsse aus ISO sowie aus Pick & Roll Ballhandler-Aktionen wiederfinden:

WilliamsTop50Top50

Zum Vergrößern klicken.

Darunter befinden sich ausschließlich Spieler, die für gefährliche Offensive stehen. Carter-Williams findet sich am Ende dieser imposanten Liste mit unüberraschend miesen Werten.

Carter-Williams wurde wie LaVine und Wiggins in seinem ersten Jahr in der Rolle des Ballhandlers intensiv gedrillt, wobei sich auch bei ihm einige schlechte spielerische Angewohnheiten entwickelten. Der Vergleich zu diesen Spielern zeigt jedoch, warum Spielerentwicklung kein Unifit ist, der allen Projekten gleich gut passt. Aufgrund seines Alters und des Profils an Leistungsvermögen und Versatilität, die er am College zeigte, hätten sich die Sixers vielleicht bereits vor der Draft fragen sollen, ob sich das Profil Carter-Williams mit ihren Anforderungen in diese deckt. Der ein Jahr jüngere Dennis Schröder, der sechs Picks später gezogen wurde, hätte dem Kader und dem Anforderungsprofil der Sixers bei gründlicherem Scouting vielleicht eher entsprochen, selbst wenn die Sixers Carter-Williams als leicht besseren Spieler erachtet hätten.

Altes neu erlernen

Hinterher ist man natürlich immer klüger. Die NBA ist nun mal die stärkste Liga der Welt und es ist nicht falsch, wie im Falle von Carter-Williams, hohe Erwartungen an ein Projekt zu haben oder einem Spieler wie Bennett zuzutrauen, eine teamdienlichere Rolle anzunehmen. Doch man sollte die Informationen, die man über einen Spieler bis dahin gesammelt hat, nutzen, um realistische Prognose zu deren Erfolgschancen in bestimmten Rollen zu erarbeiten. Das sollte im Normalfall auch aus Sicht der Teams klug sein, um den Wert eines Spielers in seiner wahren NBA-Gestalt spielerisch oder auf dem Trademarkt zu maximieren. Die Cavaliers kamen dank LeBron James unversehrt aus dieser Fehlinvestition. Auch die 76ers verloren nicht an Wert, da die Milwaukee Bucks für Michael Carter-Williams einen potentiellen Gegenwert tauschten, der für den Point Guard nur Sinn gemacht hätte, wenn er in genau der Rolle bei den Sixers aufgeblüht wäre.

Ohne Frage hätten die Spieler umso mehr profitiert. Carter-Williams verbrachte anderthalb Jahre in einer Rolle, die zwar hohen spielerischen Druck ausübte und ein netter Nährboden für individuelle Entwicklung hätte sein müsste; doch dessen Ceiling für diesen Spielertyp, den die Sixers suchten, war bei Carter-Williams zu klein, sodass es letztlich eher schädlich war. Und das hätte vielleicht schon vor seinem Debüt in der NBA klar sein müssen. Als großer Guard mit überdurchschnittlichen Skills am Ball, der aufgrund unkonstanter und turnoveranfälliger Spielweise als Lead-Guard in etwas höherem Alter für ein Projekt weitere Ablassventile in einer Offensive brauchte, konnte Carter-Williams sich in Philadelphia nicht in einer kompatiblen On/Off-Ball-Rolle schulen. Das Fehlen jeglichen Shooting Touches und minimales Spacing im Allgemeinen machten es eher unrealistisch, sich in für ihn adäquaten Scoringsituationen zu schulen. So muss Carter-Williams im Alter von 23 Jahren – und zwei Jahre nach seinem Debüt  – eine passendere Rolle neu erlernen, die er vielleicht bereits mit Eintritt in die Liga hätte ausfüllen sollen.

Bei Carter-Williams’ Transition zu den Bucks hat sich innerhalb der Situationen, die er offensiv bekommt, noch wenig getan, wobei einige vielversprechende, (zu) frühe Trends zu erkennen sind:

CarterPHIMIL

Diese Trends sind mit Vorsicht zu genießen, da das Sample noch so klein ist. ISO- und Spot-Up Situationen sind geschrumpft, was auch in Zukunft so eher bleiben sollte. Abschlüsse im Pick und Roll als Ballhandler sind sogar angestiegen, was zunächst suboptimal erscheint. Doch Carter-Williams ist ein Guard, der für seine Größe überdurchschnittliche Fähigkeiten am Ball hat und bei besserem Spacing (welches die Bucks leider auch nicht wirklich haben) in diesen Situationen in gesunden Dosen gefährlich sein sollte. Mit Greives Vasquez, Khris Middleton, Giannis Antetokounmpo, der Addition von Greg Monroe und der Rückkehr von Jabari Parker ist zu erwarten, dass Carter-Williams’ Nutzung als scorender Ballhandler im Pick & Roll schrumpft. Post-Ups sind deutlich angestiegen, was bei seiner Größe und den Passfähigkeiten als logische Angriffsoption erscheint. In Philadelphia kam Carter-Williams in 41 Spielen auf 17 Post-Ups. In Milwaukee postete er bereits 39 mal auf. Carter-Williams wird mit großer Wahrscheinlichkeit niemals als Spot-Up-Gefahr Gegenspieler an sich binden können. Seine Größe und das Ballhandling ermöglichen es jedoch, auf engem Raum in der Zone mit wenigen Dribblings unter Kontrolle zu bleiben, was ihn potentiell zu einem sehr guten Cutter machen.

Auch die Bucks bieten aufgrund fehlender Schützen nicht die perfekte Situation für ein verspätetes Aufblühen seines Talents an und es ist fraglich, ob er mit seinen Defiziten je die optimalen Lineups bekommt, um sich den Status eines Starters zu erarbeiten. Doch die Situation in Milwaukee gibt ihm im Gegensatz zu Philadelphia eine realistische Chancen auf Erfolg als NBA-Spieler.

Anthony Bennett wird mit seiner bisherigen Spielweise ebenfalls wenig Erfolg haben. Im Gegensatz zu Carter-Williams, von dem Druck abfällt, wäre es bei ihm ratsam, den Druck zu erhöhen, ihn in Situationen mit dem Ball zu zwingen und ihm Dreier-Range zuzutrauen – Aspekte, die ihn am College zu einem Ausnahmespieler machten. Die Frage ist, wie schädigend die Mentalitätsumstellung der ersten beiden Jahre bei beiden Spieler ist, und ob sich dadurch die „Umschulung“ erschwert.

Opportunitätskosten der Spielerentwicklung – eine konstruktive „Schuldfrage“

Anthony Bennett in Minnesota und Michael Carter-Williams in Philadelphia waren Irrtümer, die mit gründlicherem und realistischeren Scouting vielleicht hätten vermieden werden können. Für die Sixers war Carter-Williams finanziell keine Hypothek, da man ihn gegen eine weitere, potentiell sehr gute Chance im Draft eintauschen konnte. Es bleibt jedoch die Frage, ob sich Carter-Williams’ Unfähigkeit, die anspruchsvolle Rolle des Ballhandlers bei den Sixers auszufüllen, sich negativ auf die Spieler drumherum auswirkte. Diese konnten in den letzten Jahren kaum in einer „wahren“ NBA-Offense geschult werden.

Die Frage nach der individuellen „Schuld“ von Spielern, welche die Erwartungen ihrer ersten Teams nicht erfüllen können, ist schwer zu beantworten. Was hinter den Kulissen passiert und was in Spielern vorgeht, sehen wir nicht. Sie werden in Situationen gesteckt und versuchen diese so gut wie möglich auszufüllen. Gerade in jungen Jahren fehlt Vielen wahrscheinlich die nötige Selbstreflexion, einige Rollen als zu groß und ihrem Talent nicht entsprechend anzuerkennen.

Wie Carter-Williams und Anthony Bennett jung sind, so sind die Timberwolves und 76ers früh in ihren jeweiligen Rebuilds und dem Prozess der Talentfindung und -ausbildung, sodass auch hier eine klare Schuldzuweisung keinen Sinn macht. Interessant ist auch, wie Nebenmotivationen mitverantwortlich sein können, dass junge, begehrte Spieler selbst bei wenig leistungsfähigen Teams sich nicht entfalten können. Bennett war eher ein Zusatz zu Andrew Wiggins, der hinter zwei Lieblingen keine Priorität hatte, und aufgrund der offensiven Ideologie nicht am Dreipunktewurf arbeiten konnte, welches eines seiner größeren Potentiale ist.
Interessant wäre, was Sam Hinkie und sein Team auf die Frage antworten würde, was aus dem Pick von Carter-Williams zumindest für die Spielerentwicklung gelernt wurde. Finanziell war der Pick eher ein Gewinn. Die Sixers waren früh auf Gewinnmaximierung ausgelegt und es würde nicht verwundern, wenn sie in Carter-Williams’ Profil als großer Point Guard die Chance sahen, einen Spieler anhand seiner Boxscore-Zahlen besser erscheinen zu lassen, als er ist. Denn schon am College brachte er neben mittelmäßigem Scoring viele Rebounds, Assists und Steals auf den Statstikbogen, was in der Rolle der Ein-Mann-Armee in einem NBA-Team nicht weniger auffallen würde.

Fazit

Carter-Williams und selbst Bennett haben aufgrund ihrer jungen, einzigartigen Erfahrungen in der NBA weiterhin die Chance, zu produktiven Spielern zu reifen. Das kann man von Spielern, die in ihren ersten Teams auf ähnliche Weise gescheitert sind, normalerweise nicht mit Zuversicht sagen. Talente, die in Carter-Williams’ Rolle gesteckt wurden, zeichnen sich meist bereits am College als hervorragende Scorer aus oder müssen diese Rolle in der NBA ausprobieren, da sie sonst über keine Vorzüge verfügen. Auf Carter-Wiliams trifft beides nicht zu. Die Entwicklung beider Spieler muss schnellstens umgekehrt und sich auf alte Stärken besonnen werden. Beim Einen bringt das weniger spielerischen Druck mit sich. Beim Anderen wird der Druck dafür wieder erhöht werden müssen, um ihn aus seiner erlernten Komfortzone herauszulotsen.

 


Bildrechte: Jeremy Rincon via flickr.com,  CC BY 2.0

Die Idee für diesen Artikel entstand nach einer Diskussion mit Patrick Ambrus von ProBasketballAnalysis.com. Er ist auf twitter unter @P_Ambrus zu erreichen.

  •  
  • 4
  •  
  •  
  •  
  •  

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben