Milwaukee Bucks

Welcome Buck

Der Rebuild der Milwaukee Bucks

15 Siege, Letzter und eine Saison, für die ‚enttäuschend‘ noch beschönigend wäre: Für die Milwaukee Bucks war 2013/14 ein Seuchenjahr. Doch obwohl der vermeintlich beste Spieler, Larry Sanders, der NBA den Rücken gekehrt hat, stehen die Bucks 2014/15 wieder in den Playoffs. Aber: Ob das wirklich gute Nachrichten sind?

No Man’s Land

Ein Blick auf die letzten Jahre in Milwaukee zeigt, was für ein Ausreißer die Saison 13/14 war: Die Franchise hatte sich zuvor zu Recht einen Ruf als Treadmill Team erarbeitet, indem sie maximal 10 Siege um 50% schwankten und dabei noch zwei Erstrundenniederlagen mitnehmen durften, darunter ein glattes 0-4 gegen die späteren Meister-Heat. Monta Ellis und Brandon Jennings waren die Gesichter dieses Teams und standen damit auch für die praktisch nicht vorhandene Attraktivität der Bucks zwischen etwa 2010 und 2013. Gelegentliche Lichtblicke konnte Larry Sanders bieten, von Zach Lowe sogar prinzipiell mit Ausrufezeichen und Kapitalen versehen – ansonsten war das Team der Inbegriff des Mittelmaßes mit einer Sammlung von Journeymen, die irgendwie die Playoffs erreichen sollten.

Buckswins

Besonders auffällig war dabei der Trade für J.J. Redick. Der Shooting Guard wurde zur Deadline aus Orlando geholt, um den Playoff-Push – für den 8. Platz und einen Sweep – zu verstärken. Dafür gaben die Bucks in Tobias Harris den 19. Pick aus dem 2012er-Draft ab, ohne ihm zuvor wirklich Zeit zur Entwicklung zu geben – ein Blick auf die aktuellen Magic zeigt, dass mehr Geduld wohl kein Fehler gewesen wäre. Besonders absurd wird der Trade, bezieht man die übrige Vertragslaufzeit mit ein: Redick blieb nur wenige Monate in Milwaukee und wurde schließlich im folgenden Sommer in einer wiederum eher für die anderen Teams guten Transaktion per Sign and Trade nach Los Angeles geschickt – der dritte Tradepartner Phoenix erhielt dabei Eric Bledsoe.

Odd one out

Die restliche Offseason 2013 verlief zumindest auf den ersten Blick nicht unbedingt erfolgreicher: Schon im Mai war Larry Drew als neuer Head Coach verpflichtet worden – er blieb gerade mal ein Jahr. Auch sonst konnte GM John Hammond kaum direkte Erfolge verzeichnen. Die gesignten Free Agents O.J. Mayo, Carlos Delfino, Gary Neal und Zaza Pachulia stünden an sich genau für das oben beschriebene Mittelmaß, blieben im folgenden Jahr aber recht deutlich darunter. Auch praktisch ohne Gegenwert ertradete Spieler wie Caron Butler, Luke Ridnour – für den die Bucks sogar noch einen Zweitrundenpick erhielten – und der im Saisonverlauf dazugekommene Ramon Sessions fallen in diese Kategorie, standen aber immerhin im letzten Vertragsjahr. Trotzdem galt das Team zu Saisonbeginn als, wenn auch umstrittener, Kandidat für die Playoffs – ein versteckter Tanking-Versuch war die Teamzusammenstellung sicher nicht.

Auf und neben dem Parkett lief dann allerdings schief, was schief gehen konnte. Der mit einer 44-Millionen-Extension versehene Larry Sanders spielte nur 23 Mal und konnte dabei nicht annähernd an die Form des Vorjahres anknüpfen. Ähnliches galt für Ersan Ilyasova und im Prinzip das ganze Team. Sowohl offensiv als auch defensiv standen sie unter den schlechtesten Fünf der Liga (nach Points per Possessions). Am deutlichsten wird das Desaster allerdings im Vergleich mit dem zweitschlechtesten Team: Selbst die Philadelphia 76ers, die im Lauf der Saison praktisch jeden nicht-Rookie vertradeten, kamen auf drei Siege mehr. Die 15 der Bucks bedeuten einen Platz in der Top 20 der schlechtesten NBA-Seasons. Eine echte Erklärung für die Leistungen fällt schwer, eher ein Bündel an Faktoren: Formtiefs und Verletzungen, schlicht fehlende Qualität der zusammengewürfelten Gruppe und wohl auch schlechtes Coaching. Das Ausmaß trotz der oft schwachen Gegner im Osten bleibt trotzdem schwer nachvollziehbar.

On the bright side

So negativ die Saison 2013/14 also auf den ersten Blick war – im Rückblick zeigt sich, wie viel Positives die Franchise aus der Saison ziehen konnte. Der Aufschwung kommt passend für die neuen Besitzer Marc Lasry und Wesley Edens, die im Frühjahr 2014 für den dank neuem TV-Deal mittlerweile vergleichsweise niedrig erscheinenden Preis von 550 Millionen Dollar zuschlugen. Die Veränderung im Hintergrund kann auch gleich als einer der Lichtblicke gelten: Der Vorbesitzer Herb Kohl konnte angesichts bekannter Verkaufsabsichten und immer wieder aufkeimenden Umzugsgerüchten nicht für die nötige Stabilität sorgen und stellte sich wohl auch gegen einen systematischen Rebuild. Aus diesem Grund ist die verkorkste Saison 2013/14 nur teilweise John Hammond anzukreiden. Der langjährige Bucks-GM und Executive of the Year 2010 kann sich dafür die richtigen Entscheidungen anrechnen lassen.

Kaum zu übersehen ist der Erfolg im Draft 2013: Giannis Antetokounmpo hat die Erwartungen an einen 15. Pick schon recht deutlich übererfüllt, ohne auch nur annähernd sein Potential auszufüllen. Abgesehen von den durch Highlight-Clips und diverse Artikel schon ausreichend gewürdigten Qualitäten sei aus Teambuilding-Sicht noch erwähnt, dass Antetokounmpo im Jahr des Cap-Sprungs (2016/17) keine drei Millionen Dollar verdienen wird. Auch zwei weitere wichtige Bausteine der aktuellen Saison ertradete Hammond in der Offseason 2013: In einem Sign-and-Trade mit den Pistons gaben die Bucks Brandon Jennings ab und erhielten in Brandon Knight den vermeintlichen Gegenwert – als ähnlich wichtig sollte sich jedoch der zum Zeitpunkt des Trades weitgehend übersehene ehemalige Zweitrundenpick Khris Middleton erweisen. Auch das Offer Sheet für Jeff Teague war sicher kein Fehler, die Hawks gingen allerdings mit.

 Back on track?

Auch ein weiterer Vorteil der schlechten Saison wurde lange diskutiert: Die Bucks seien damit gezwungen worden, endlich das Mittelmaß zu verlassen und ‚ordentlich‘ neu aufzubauen. Das hat nicht so ganz funktioniert: Die Bucks stehen in den Playoffs, so dass sich die unvermeidliche Frage stellt: Wie kam das zustande? Relativ wenig Wirkung lässt sich dem Draft von Jabari Parker zuschreiben – der zweite Pick des letzten Drafts ist zwar sicher ein zentraler Baustein für die weitere Entwicklung, verletzte sich aber bereits nach 25 Spielen schwer: Ein Kreuzbandriss beendete seine Rookie-Saison.

Der erste wichtige Schritt zur Playoffteilnahme in der Free Agency-Zeit war die Verpflichtung von Jason Kidd als Head Coach. Obwohl Kidd in seiner Rookie-Saison an der Seitenlinie einige eher absurde Momente erzeugt hatte und sich im Sommer noch mit dem Nets-Management anlegte, gaben die Bucks zwei Zweitrundenpicks für ihn ab. Nachdem Kidd in Brooklyn zum Ende der Saison einige interessante Lineups und Defensivsysteme hatte spielen lassen, erschien diese Entscheidung von Anfang an nachvollziehbar.

Neben einigen kleineren Verpflichtungen wie Jerryd Bayless war noch eine Transaktion wirklich entscheidend, sowohl für die aktuelle Saison als auch die weiteren Perspektiven: Die Clippers schickten in einem recht verzweifelten Versuch unterhalb des durch die Spencer Hawes-MLE ausgelösten Hard Cap zu bleiben Jarred Dudley für den langzeitverletzten Carlos Delfino und den ebenfalls schnell entlassenen Miroslav Radulica nach Milwaukee – und gleich noch einen Pick mit dazu. Trotz der enttäuschenden Vorsaison Dudleys galt der Trade von Anfang als Beleg, dass sich Doc Rivers noch nicht ganz mit der GM-Rolle angefreundet hat. Für die Bucks bleibt ein Erfolg auf ganzer Linie zu verzeichnen, Dudley fügte sich hervorragend in Kidds Rotation ein. Praktisch entstand damit ein Team mit vielversprechenden jüngeren Spielern wie Antetokounmpo, Knight und Middleton einerseits sowie Veteranen wie Zaza Pachulia, Dudley und Mayo andererseits – eine deutlich gesündere Mischung als vor einigen Jahren.

Status Quo

Ähnlich wie bei den Celtics ist der Turnaround trotzdem nicht nur positiv zu sehen. Ein weiterer hoher Pick hätte dem Team sicher gut getan, und auch ein zu starker Fokus auf den kurzfristigen Erfolg war wieder zu befürchten. Unter dem Eindruck der Kohl-Jahre prognostizierte ich ein Stillhalten, um nicht die Postseason zu gefährden. Aber die neuen Besitzer und Hammond stehen wohl wirklich hinter einem Rebuild mit längerfristiger Perspektive, so dass die Bucks den bisher besten Spieler, Brandon Knight, für Michael Carter-Williams, Miles Plumlee und Tyler Ennis nach Phoenix schickten. Auf den ersten Blick ist das zu begrüßen: Mit Knight und Middleton gleich zwei Restricted Free Agents bezahlen zu müssen, war keine zu berauschende Aussicht.

Obwohl der Trade nach klassischem Rebuildverhalten aussieht, findet sich ein kleiner Schönheitsfehler: Wie bereits zur Deadline angedeutet, war der Lakers-Pick das wohl attraktivere Asset als der bereits 23-jährige Rookie of the Year, der zudem bei Wurf und Effizienz seine Fragezeichen aufweist. Die Suns hätten sich kaum gegen einen auf zwei Teams zusammengekürzten Trade gewehrt, nachdem sie aus Philadelphia keinen Gegenwert erhielten. Die Playoffambitionen der Bucks hätte das Fehlen eines Spielmachers auf Starter-Niveau vermutlich das Ende bedeutet – was wie erwähnt nicht unbedingt nur negativ zu sehen wäre.

Letztendlich lässt sich der Trade auf zwei Fragen herunterbrechen: Welches Timing verfolgen die Bucks für die nächsten Jahre, und kann Carter-Williams die beabsichtigte Rolle ausfüllen? Der erste Punkt war vermutlich ausschlaggebend für Hammond. Wäre der Lakers-Pick wie erwartet erst 2016 nach Milwaukee gekommen, hätte die Entwicklung des gezogenen Spielers wohl eher schlecht mit der von Antetokounmpo, Middleton und auch Parker zusammengepasst. Gleichzeitig wirkt Carter-Williams wie der richtige Spieler für Jason Kidd: Vor allem Kidds erste Jahre in der Liga sind von den Anlagen vergleichbar, vor allem in Bezug auf den verbesserungswürdigen Wurf. Auch seine Saison bei den Nets spricht für diese These, der ebenfalls vergleichbare Shaun Livingston spielte hier zum Ende der Saison hin eine immer größere Rolle. Die sehr flexiblen, auf Swiches ausgerichteten Defensivschemata mit oft vier Spielern in Wing-Größe sind mit dem derzeitigen Bucks-Roster ebenfalls möglich – Carter-Williams und Antetokounmpo oder Dudley übernehmen die Rollen von Livingston und Paul Pierce. Ob diese Möglichkeit mit Jabari Parker genauso attraktiv bleibt, ist noch offen: Entwickelt er sich eher in Richtung eines klassischen Power Forward, dürfte den Bucks Spacing fehlen. Antetokounmpo und Carter-Williams treffen aktuell jeweils etwa 16% (!) ihrer Dreipunktwürfe, Parker in seinen wenigen Spielen ebenfalls nur 25%. Der Team-Fit für Carter-Williams kann hier also nicht ganz überzeugen, wobei erst die kommende Saison echte Antworten bringen wird.

Into the Future

Die kommende Playoffserie gegen Bulls oder Raptors wird vermutlich keinen allzu großen Einfluss auf die weitere Entwicklung nehmen. Ein Upset ist eher unwahrscheinlich, auch wenn die Bucks sicher nicht chancenlos sein werden. Praktisch ist die Perspektive wohl schon auf die kommende Offseason und darüber hinaus gerichtet: Vor allem Khris Middleton ist als Free Agent wichtig, aber auch die diversen auslaufenden Verträge könnten Möglichkeiten eröffnen. Auch dank des pro Jahr vergleichsweise günstigen Buyouts für Larry Sanders (Zahlen hier) könnten die Bucks vor allem 2016 extrem viel Cap Space aufweisen: Antetokounmpo, Carter-Williams und Parker sind noch in ihren Rookieverträgen, sonst stehen derzeit keine garantierten Verträgen in den Büchern. Vor allem nach dem Knight-Trade dürfte diese etwas langsamere Option die attraktivste sein. In jedem Fall haben die Bucks beste Chancen, sich nicht nur vom alten Logo, sondern auch dem Platz 8-Mittelmaß zu befreien – auch wenn zumindest dieses Jahr in noch einer 50%-Saison enden wird.

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