Boston Celtics, NBA

Zu früh zu gut?

Der Rebuild der Boston Celtics

“Die Boston Celtics befinden sich mitten im Rebuild.” – “Die Boston Celtics sind ein legitimer Anwärter auf die NBA-Playoffs 2015.” Was zunächst nach zwei antithetischen Aussagen aussieht, ist zurzeit paradoxerweise beides richtig. General Manager Danny Ainge hat es geschafft, sein Team in den letzten beiden Jahren einerseits völlig umzukrempeln, andererseits dabei mehr oder weniger wettbewerbsfähig zu bleiben. Wie jedoch geht es in Boston jetzt weiter?
Den ganz großen Star konnte Ainge bisher nicht verpflichten. Doch um besser als mittelmäßig zu sein, braucht es in der modernen NBA normalerweise wenigstens einen Top-15-Spieler. Was können die Celtics tun, um wieder Stammgast in den Conference Finals zu werden?

Was bisher geschah 

Jahrelang wurde der Basketball in Neuengland von fünf Gesichtern bestimmt: von den Spielern Kevin Garnett, Ray Allen, Rajon Rondo und Celtics-Legende Paul Pierce sowie dem Trainer der Truppe, Doc Rivers. Nachdem Allen sich bereits 2012 nach Miami verabschiedet hatte, sollte mit den verbliebenen Akteuren und einigen Verstärkungen (u. a. Jason Terry und Courtney Lee) noch einmal ein letzter Run versucht werden. Auch aufgrund von Rondos Kreuzband-Verletzung endete der Versuch 2013 bereits in der ersten Runde. Anschließend entschied sich Ainge, einen Schlussstrich zu ziehen und gab Rivers gegen einen Erstrundenpick 2015 an die LA Clippers; zudem unterbreiteten die Brooklyn Nets ihm ein Angebot, das er kaum ablehnen konnte: Pierce, Garnett und Terry gegen gleich drei Erstrundenwahlrechte und ein paar Gehaltsfüller. Damit war das Ende einer Ära besiegelt. Nach einen kleineren Transaktionen in der folgenden Saison (u. a. wurde Lee nach Memphis getradet) und dem Draft von Marcus Smart, standen 2014/15 wieder größere Umstrukturierungen an. Zunächst wurde der letzte „Überlebende“ der Meistermannschaft von 2008, Rajon Rondo, nach Dallas abgegeben. Im Gegenzug bekam Ainge einen weiteren Erstrundenpick sowie Jae Crowder und Brendan Wright, der jedoch im Austausch gegen einen stark geschützten Erstrundenpick direkt nach Phoenix weiter gereicht wurde. Anschließend trennte sich Ainge von Jeff Green, der in Memphis eine neue Heimat fand und erhielt im dafür noch einen Erstrundenpick und über Umwege aus Detroit Luigi Datome und Jonas Jerebko. Zu guter Letzt nutzte er dann noch einen seiner gesammelten Firstrounddraftpicks und Marcus Thornton, um Isaiah Thomas aus Phoenix loszueisen. 

Die Lage heute 

Danny Ainge verfügt heute über einen gut gefüllten Pool an jungen, talentierten Spielern. Nur der eine Superstar ist bisher wohl eher nicht dabei:

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Einige ältere Spieler wie Brandon Bass oder Gerald Wallace werden das Team bis spätestens 2016 verlassen, andere wie Datome, Randolph, Pressey oder Turner sitzen ebenfalls nicht wirklich fest im Sattel und spielen in den langfristigen Plänen eher keine große Rolle. Bleiben zwei Gruppen: Die eine aus Thomas, Bradley, Smart, Young und Jared Sullinger, die aufgrund ihrer Jugend und ihres Talents wahrscheinlich auch zukünftig zum Gerüst des Teams gehören werden; die andere mit Crowder, Jerebko, Olynyk und Zeller, bei der man sich noch nicht ganz sicher ist, was sie leisten können und ob sie den Celtics erhalten bleiben werden. Daneben besitzt Ainge die wahrscheinlich größte Erstrundenpick-Sammlung der NBA-Geschichte:

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Weiterhin bekommen die Celtics noch einige Zweitrundenpicks (und geben auch noch welche ab). Somit kann Ainge realistisch betrachtet bis spätestens 2021 mit fünf zusätzlichen Erstrundenpicks und einem Pickswap rechnen.

Überblickt man den Ist-Zustand, stellt man fest, dass der Kader bisher keinen wirklichen Superstar enthält und zudem auf den großen Positionen relativ dünn besetzt ist. Die Auswahl an Guards würde vielleicht schon jetzt, spätestens aber in zwei Jahren für ein ambitioniertes Team im Osten ausreichen. Im Frontcourt mangelt es dagegen an fast allem: Defense, Rimprotection, Scoring. Wie sollte Ainge also weiter verfahren?

Die Zukunft

Grundsätzlich gibt es in der NBA drei Möglichkeiten, an (sehr) gute Spieler zu kommen: via Draft (Methode Oklahoma City), via Trade (Methode Houston) und via Free Agency (Methode Miami). Daneben existieren viele völlig verschiedene Mischungen dieser drei Ansätze.

Bei Boston schien es zunächst, als wolle man sich so verschlechtern, dass man mit einem hohen Draftpick einen potentiellen Superstar abgreifen könnte. 2014 pickte man dementsprechend an Position sechs Marcus Smart, der zwar vielleicht kein Superstar wird, jedoch das Potential für einen guten Starter hat. Die gute Bilanz im schlechten Osten hat nun anscheinend zu einem gewissen Umdenken geführt. Obwohl mit dem Rondo- und dem Green-Trade zwei klassische „Lose now, win later“-Trades getätigt wurden, blieb Boston in Schlagdistanz zu den Playoff-Plätzen. Mehr noch, zur Trading-Deadline verpflichtete Ainge Isaiah Thomas aus Phoenix. Natürlich lag dies auch daran, dass der kleine, quirlige Point Guard vergleichsweise billig zu haben war, nichtsdestotrotz hilft Thomas dem Team und sorgt für eine bessere Bilanz. Es wird deswegen schwierig, wenn nicht sogar unmöglich werden, einen Superstar in der Draft 2015 zu verpflichten; denn wie wir alle wissen: Superstars lassen sich zumeist nur innerhalb der ersten Picks finden. Die Celtics werden dagegen höchstwahrscheinlich nur einen Pick auf den Plätzen 10-16 besitzen. Natürlich kann Ainge versuchen, für einen besseren Pick hochzutraden, aber das ist zu diesem Zeitpunkt sehr spekulativ. Der GM wird deswegen wohl mit dem eigenen Pick draften und dabei – wenn alles gut geht – einen soliden Starter erwischen, mit etwas Glück jemanden wie Kelly Oubre oder Willy Cauley-Stein. Dieser Pick wird das Team wahrscheinlich allerdings nicht sofort und auch nicht in Zukunft auf das nächste Level heben.

Welche Möglichkeiten bleiben also, Boston wieder zu einem Contender zu machen?

Das Team noch einmal deutlich zu verschlechtern, um einen guten Pick zu bekommen, scheidet angesichts des schon gewachsenen Kerns um Thomas, Bradley, Smart und Sullinger sowie des grottenschlechten Ostens eher aus. Eine nicht ganz unwahrscheinliche Möglichkeit ist natürlich, einfach so weiter zu machen wie bisher: mithilfe der eigenen und der dazukommenden Picks ein gutes, junges und hungriges Team aufzustellen. Ainge könnte auf Draftglück hoffen oder darauf, dass Brooklyn das Tanken für Boston übernimmt; wie bereits erwähnt haben die Celtics Zugriffsrechte auf jeden Pick der Nets in den Jahren 2016-2018. Dies ist allerdings eine recht passive Herangehensweise. Ein fehlgeschlagener Pick oder ein bis zwei kluge Verbesserungen in Brooklyn könnten den ganzen Plan zunichte machen.

Natürlich wird Ainge auch weiterhin auf sein Draftgeschick und die fremden Picks bauen. Sinnvoller erscheint es jedoch, diese eine Säule mit zwei weiteren zu ergänzen, nämlich mit einerseits Free Agent-Verpflichtungen und andererseits klugen Trades. Letzteres wurde ja mit dem Thomas-Trade bereits erfolgreich praktiziert und Ainge hat noch genug „Assets“ (vor allem natürlich seine gesammelten Draftpicks), um weitere verlockende Angebote zu machen. Man weiß nie, welcher Spieler demnächst billig zu haben ist, aber wenn z. B. ein DeMarcus Cousins oder Jonas Valanciunas auf dem Markt sind, wird Ainge der erste sein, der ein Angebot abgibt. Bei solchen Aktionen muss allerdings auch immer etwas Glück im Spiel sein. Nicht immer bekommt man Angebote ins Haus wie bspw. Daryl Morey beim Harden-Trade; nicht immer bekommt man bei einem solchen Angebot den Zuschlag.

Planbarer sind dagegen die Free-Agent-Verpflichtungen. Hier scheint der Sommer 2015 für Boston nahezu ideale Bedingungen zu bieten. Die Verantwortlichen haben schon jetzt bis zu 30 Millionen $ an Capspace zur Verfügungen und der Markt bietet einige interessante Alternativen an. Sicher, die großen Namen wie Marc Gasol, Kevin Love oder LaMarcus Aldridge werden sich wahrscheinlich nicht für Boston entscheiden, aber in ihrem Windschatten warten Spieler wie Kwahi Leonard, Jimmy Butler, DeAndre Jordan, Paul Millsap, Al Jefferson, Draymond Green, Greg Monroe, Wesley Matthews oder Omer Asik auf Angebote. Dazu kommt, dass sich ein „Überbezahlen“ von Spielern in diesem Sommer aufgrund des wahrscheinlich enorm ansteigenden Salary-Caps in Zukunft sehr viel weniger stark auswirken wird als noch vor oder in einigen Jahren. Natürlich haben die genannten Spieler nicht das Potential zum absoluten Superstar. Aber im Osten kann man auch ohne „richtigen“ Star oben mitspielen und vielleicht kommt der Star dann ja zu einem späteren Zeitpunkt. Könnte Ainge Gerald Wallace gegen Capaspace loswerden und mit dann insgesamt 40 Millionen $ ein Duo aus bspw. Jefferson und Green oder Millsap und Asik oder Butler und Jordan verpflichten, wären die Celtics der zweiten Runde schon ein ganzes Stück näher gekommen und hätten bei idealer Entwicklung der eigenen jungen Spieler vielleicht sogar Chancen aufs Conference-Final. Aber auch schon einer der genannten Spieler würde eine signifikante Verbesserung darstellen. 

Ainge wird nun natürlich versuchen, das jeweils Beste der drei Welten mitzunehmen. Bestmöglich draften, die bestmöglichen Free Agents verpflichten, bei jedem guten Trade sofort zuschlagen.

Fazit: Zu früh zu gut?

Als Garnett, Pierce und Rivers Boston verlassen mussten und endgültig bei Rajon Rondos Abgang rechnete jeder damit, dass die Celtics den klassischen Weg des Rebuilds inklusive vieler Niederlagen und hoher Draftpicks gehen würden. Das war vielleicht auch ursprünglich Teil des Plans von Danny Ainge.

Doch sämtliche Akteure hatten ihre Rechnung ohne den Osten gemacht. Dort ist es, provokant formuliert, zurzeit fast einfacher zu gewinnen als zu verlieren. Gut für Ainge, dass er Unmengen an Draftpicks gehortet hat und sein Kader zudem eine große Flexibilität besitzt. Damit ist er – anders als bspw. die Lakers oder die Knicks – nicht so sehr auf eigene Draftpicks im Top-5-Bereich angewiesen, sondern hat noch sehr viele andere Möglichkeiten, sein Team zu verbessern. Natürlich wäre es wünschenswert gewesen, wenn es sowohl letztes als auch dieses Jahr einen Top-3-Pick gegeben hätte. Wäre Boston dann weiter? Sicher. Aber nun ist es so, wie es ist und Ainge muss das Beste aus seinen Möglichkeiten machen. Teams wie die Atlanta Hawks zeigen, dass es auch mit einem oder zwei Top-20-Spielern, mehreren guten Rollenspielern und einem guten Coach möglich ist, für Furore zu sorgen.

Mit Brad Stevens haben die Celtics schon einen guten Trainer an Bord und die Rollenspieler sollten unter den gegebenen Umständen auch kein Problem sein. Einzig für den einen bzw. die zwei wirklich starken Spieler, die ein Team zum Prosperieren braucht, muss Ainge noch finden. Durch die geleistete Vorarbeit sollte das allerdings mindestens machbar sein. 

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