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Kann Derrick Rose den Bulls helfen?

Die Chicago Bulls in den Playoffs - besser mit oder ohne Rose?

Die Chicago Bulls wurden vor der Saison als Favorit im Osten angesehen, wenn das Team halbwegs zusammenfinden würde. Nicht einberechnet waren die Entwicklung von Jimmy Butler zu einer klaren Scoringoption, die späte Entdeckung von Nikola Mirotic als verlässlicher Rollenspieler und die All Star-Performance von Pau Gasol. Trotzdem haben die Bulls Probleme und werden – Stand jetzt – nicht zum klaren Contenderkreis gezählt. Dies liegt vor allem an Derrick Rose, der momentan  abermals verletzt ist und auch davor nicht ansatzweise an die Leistung ergangener Spielzeiten anknüpfen konnte. Kann Rose den Bulls überhaupt helfen?

Die Saison für Derrick Rose verlief bisher ernüchternd. Obwohl er die WM als Anlaufphase nutzte, um sich wieder an die Belastung der NBA zu gewöhnen, kam der Guard der Chicago Bulls nie so richtig in Tritt. Dies liegt sicherlich auch darin begründet, dass der Ballhandler in nur 5 der ersten 13 Partien für die Bulls auflief, weil er aufgrund eines verstauchten Knöchels immer wieder pausieren musste. Dies war gerade zu einem so frühen Zeitpunkt der Saison besonders ungünstig. Das Team war in der Findungsphase und die bisher dahin angedachte erste Option fehlte zu größeren Teilen dem Team. Jimmy Butler sprang grandios für Rose ein und lieferte seine bis dato beste Saison am offensiven Ende des Feldes ab.
Von den nächsten 44 Partien verpasste Rose nur drei und man konnte zumindest ansatzweise sehen, wie die Bulls mit ihm agieren würden. Sie gewannen 25 der 41 Spiele (also 60%); ohne ihn holte man 55% Siege (16 von 29). Ein leicht positiver Einfluss machte sich also bemerkbar.
Am 24. Februar unterzog sich Derrick Rose dann einer weiteren Knieoperation, die ihn bis zum heutigen Tage außer Gefecht gesetzt hat. Die Bulls performen – wie bereits erwähnt – leicht schlechter, was aber auch an den Ausfällen von Butler, Gibson und Noah liegen kann, die zusätzlich zu Rose einen Teil der Partien nicht absolvieren konnten. Dass Roses Ausfall gar nicht so sehr ins Gewicht fällt, kann man anhand verschiedener Aspekte erkennen.

Was die Bulls ohne Rose nicht vermissen

Die Offense sollte – wie in den vergangenen Jahren auch – um Derrick Rose aufgebaut werden, der als primärer Ballhandler die Offense orchestriert und dem sonst chronisch offensivschwachen Team aus Chicago wieder Leben einhauchen sollte. Die Offensive der Bullen ist seit Jahren unterdurchschnittlich, weil man keinen Ballhandler hatte, der die Schützen oder Bigs einsetzen konnte. Rose selbst dominierte in seiner Zeit auf dem Feld auch wie in früheren Zeiten den Ball und schloss rund jede dritte Possession ab, wenn er auf dem Parkett stand. Problematisch ist dies zunächst nicht, sondern so gewollt – Rose hat die besten Ballhandling-Skills im Kader und sollte diese Rolle auch ausfüllen. Die Interpretation der Rolle ist das Problem. Während Rose noch in den Jahren vor seiner Verletzung immer halbwegs effizienten Output liefern konnte, sind die nackten Zahlen in dieser Saison nicht gerade erbaulich. Er zeigt sich nur 0,98 Punkte pro Possession verantwortlich, was ein Problem für die angeschlagene Offense der Bulls bedeutet. Zudem sorgt er zwar noch immer für die meisten potentiellen Assists im Team (9,8 pro Spiel), aber dies ist eben der Balldominanz von Rose geschuldet. Rose war in den zehn Spielen im letzten Jahr schon selbstloser (11 potentielle Vorlagen), reicht aber bei weitem noch nicht an die besten Playmaker, die auf bis zu doppelt so viele Assistmöglichkeiten (Chris Paul erreicht 19,3) kommen. Dazu kommt Roses Wurfauswahl, die Sorgen bereitet.

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Rose nimmt prozentual so wenig Würfe wie noch nie in seiner Karriere am Ring und hat dafür ein Career High bei prozentualen Dreiern zu verbuchen. Er schließt so viele Possessions wie noch nie per Dreier ab (auch total sind es 5,5 pro Spiel) und trifft sie nur mit schlechten 28%; dazu finisht er klar unterdurchschnittlich am Ring. Dies kann natürlich unter Umständen an der Akquisition von Pau Gasol liegen, der jeden zweiten Wurf in Korbnähe nimmt. Der Schluss, der jedoch ebenfalls nahe liegt, ist, dass die Verletzungen Derrick Rose so sehr behindern, dass er athletisch schon abgebaut hat und nicht mehr zum Korb gelangt. Symptomatisch dafür ist, dass Rose in dieser Saison genau vier Angriffe per Dunk abgeschlossen hat. Während sich die Beobachter bisher einig darüber waren, dass die Athletik Roses große Stärke ist, wiegt der Verlust dieser für einen Spieler wie Rose umso schwerer. Die fehlende Explosivität macht sich auch in anderen Situationen des Spiels bemerkbar.

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Sehr gut sichtbar wird hier, dass Rose am häufigsten auf das Pick and Roll zurückgreift, um Plays für sich oder seine Mitspieler zu kreieren. Die Erfolgsquote ist überschaubar. Rose kann aus dem Pick and Roll nur 0,75 Punkte pro Angriff kreieren, was selbst für dieses per se ineffiziente Play nur Durchschnitt bedeutet. Zu erkennen ist dies bei der Percentile-Angabe, die darauf hinweist, wo sich der Spieler in der Liga einordnet. 50 ist Durchschnitt.
Roses Probleme im P’n’R liegen auch daran, dass jedes sechste Pick and Roll mit Rose in einem Turnover endet. In der Liga bedeutet dies mit vergleichbaren Spieler einen Platz in den Top 20 – auch wenn Spieler wie Harden oder LeBron James noch turnoveranfälliger sind. Allerdings nutzen diese beiden Spieler zum einen das Pick and Roll nicht so häufig wie Rose und schließen zum anderen die erfolgreichen Pick and Rolls effizienter ab. Rose gehört zu den Top 30 im Pick and Roll in der Saison in Sachen Nutzung; ineffizienter sind dort nur Deron Williams und Evan Turner – beide aber auch nur minimal.

Es ist problematisch, wenn das bread ‘n‘ butter play nicht funktioniert, aber Rose ist in den drei am häufigsten genutzten Sets (Pick and Roll, Transition und Spot-Up) gnadenlos ineffizient. Da überrascht es auch nicht, dass jemand wie Aaron Brooks Rose offensiv halbwegs ersetzen kann. Brooks kommt insgesamt auf ein leicht besseres Net-Rating als Rose.

Defensiv wird Rose – wenn er überhaupt mal aktiv verteidigt; nur jede sechste Possession, die er auf dem Feld ist, verteidigt er den Angreifer, der abschließt – vor allem ins Pick and Roll des Gegners gezwungen. In über der Hälfte der involvierten Plays muss sich Rose dem gegnerischen Ballhandler und einem Screen stellen – und hat sehr große Probleme damit. Er lässt 0,85 Punkte pro Pick and Roll zu, durchschnittlich also weit mehr als er vorne erzielt. In der Totalen erzielte Rose durch das P’n’R bisher 247 Punkte; der Gegner kam bei weit weniger Possessions auf231. Das ist fast ein Nullsummenspiel.

Bei einer ineffizienten Offense und einer problematischen Defense stellt sich die Frage, ob Rose nicht vielleicht zum Wohle des Teams die Playoffs aussetzen sollte. Was könnte er den Bulls geben?

Was den Bulls ohne Rose fehlt

Trotz der vielen Defizite hat Rose immer noch einen leicht positiven Einfluss auf das Spiel der Bulls. Mit ihm auf dem Feld stellt man eine durchschnittliche Offense (105,7 PPP), was einen Punkt besser ist als die Bulls als Team. Das ist durchaus erstaunlich, weil von den Rotationsspielern nur Brooks und Butler auf ein besseres ORtg kommen, wenn sie auf dem Parkett stehen. Defensiv bleibt Rose zumindest ein Nullfaktor, so wie das gesamte Bulls-Team ausgeglichen verteidigt und kein Spieler unersetzbar ist. Den Bulls fehlt in dieser Saison die defensive Identität, aber sie verteidigen noch immer leicht überdurchschnittlich.

Insgesamt ist man mit Rose auf dem Feld ein +4.0-Team, also einen Punkt besser als im Schnitt. Auch wenn der Unterschied marginal erscheint, hat er Einfluss. Auf die Saison betrachtet sind die Bulls insgesamt auf dem Niveau der Toronto Raptors (ebenfalls +3,1); wenn Rose auf dem Court ist, sind sie nah dran an den Cleveland Cavaliers (+4,3; auch wenn diese nach dem All Star Break bei unglaublichen +9,9 stehen). Nach dem All Star Break sind die Cavaliers das einzige Ostteam, das auf über +4 kommt. Die Bulls wären mit Rose zumindest ein klarer Kandidat für das Ostfinale – so sie den Cavaliers aus dem Weg gehen können.

Roses Einsatz hätte aber auch defensiven Einfluss – wenn auch nur indirekt. Mit einem Ballhandler Rose, der wieder den Spielaufbau und Teile des Scorings übernimmt, bekäme Jimmy Butler mehr Erholungspausen auf der offensiven Seite des Courts und könnte seine Defensive, die er selbst bemängelte, wieder auf ein elitäreres Level hieven. Dies ist nur möglich, wenn Rose ihm die Scoringlast abnehmen kann, da Butler sonst zu sehr eingespannt ist.
Generell bekämen die Bulls einen soliden Rotationsspieler zurück, der dem Team von Tom Thibodeau einige Facetten geben könnte, die diesem schmerzlich fehlen. Trotz schwindender Explosivität haben die Bulls nur noch Aaron Brooks, der die Defensive des Gegners per Drive attackiert. Rose führt das Team noch immer bei den Punkten pro Drive an, die er für sich und andere kreiert. Dieses wichtige Element für jede Offense können vor allem die anderen kleinen Spieler nicht bedienen.

Dazu konnte man schon aus der obigen Grafik erschließen, dass Rose zwar in den drei häufigsten Play Types, die er nutzt, Probleme hat, aber in der Isolation in dieser Saison ein absoluter Meister ist. Seine 1,06 Punkte pro Isolation werden einzig von Kyrie Irving getoppt! Hier sollte man – trotz all des berechtigten Lobes für Teambasketball, schnelles Passing, ball und player movement – bedenken, dass Isolationsbasketball erfolgreich sein kann, gerade wenn es in den Playoffs dazu kommt, dass ein Play nicht funktioniert. Die Möglichkeit zu haben, auf Derrick Rose in den letzten Sekunden zurückzugreifen, damit diese eine verlorengeglaubte Possession noch rettet, ist ein wichtiger Grund für die Rückkehr Roses. Allerdings sollte man beachten, dass Rose erst 119 Possession per Iso abgeschlossen hat. Das ist fast die Hälfte von Kobe Bryants Isolations in dieser Saison.

Trotzdem sind die Isolations ein wichtiges Argument für Rose, was auch noch durch den Umstand unterstützt wird, dass Rose in dieser Saison ein sehr guter Clutch Player ist – mit ihm auf dem Feld haben die Bulls 70% ihrer 23 engen Spiele gewonnen. Rose selbst kommt auf ein überragendes Net-Rating von +19.5 in diesen Situationen. Nach Joakim Noah ist das teamintern der Bestwert. Rose selbst schließt zwar erbärmlich schlecht ab (TS% von 38!), aber bereitet jedes dritte Field Goal seiner Mitspieler vor. Jedes fünfte Play mündet in einem Assist für den Teamgefährten.

Fazit

Derrick Rose hat eine sehr durchwachsene Saison hinter sich. Seine Rolle wie in früheren Zeiten konnte er nicht ausfüllen – vielleicht kann er es nie wieder. An seine MVP-Saison wird er in dieser Spielzeit in keinem Fall anknüpfen können. Er hat sein Spiel umgestellt und agiert perimeterlastiger als in den Saisons zuvor, wobei er jedoch so ineffizient wie noch nie (die 10 Spiele in der letzten Saison ausgeklammert) die Spielzüge abschließt.

Dennoch ist er für die Bulls von enormer Bedeutung, weil er zwei Facetten mitbringt, die das Team einfach nicht reproduzieren kann: Drives und Iso-Play. Gerade diese beiden Komponenten wären wegweisend für einen Playoff-Run, wenn die Defense viel mehr Zeit hat, um sich auf die Offense des Gegners einzustellen. Rose ist noch immer der beste Ballhandler der Bulls und der einzige, der broken play noch fixen kann. Die Bulls würden ihre Nummer 1 in den Playoffs vermissen.

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2 comments

  1. Sebastian Seidel

    Starker Artikel.

    Ich werde aus der Entwicklung innerhalb der Saison auch irgendwie nicht schlau.
    Im November hatte Rose wenn auch nur bei 7 Spielen ein tolles Netrating von 16.2 (Bulls Netrating von 2.7 im November) und ein TS von 55. Im Januar/Dezember sanken dann die Quoten, seine On/Off-Splits verschlechterten sich und seine Assistsratio sank enorm. Sein Netrating lag damals nur noch bei +-0 obwohl die Bulls als Team nicht schwächer agierten als vorher.
    Im Februar haben sich vor allem seine Assist- und Turnoverwerte deutlich verbessert. Das Netrating stieg dann ebenfalls wieder auf +9.1 an und war über dem des Teams von 7.2 im Februar.

    In einigen Situationen im Video sieht man wie mies das Spacing der Bulls teilweise ist und wie schwer es dann für Rose wird aus dem Pick`n Roll überhaupt zum Korb zu kommen.

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  2. Dennis Spillmann

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    Die Bulls haben auch klar Spacingprobleme, weshalb Mirotic so gut funktioniert.
    Rose + 2 aus Gasol/Noah/Gibson wird schon schwierig. Es ist gut, dass Noah so ein guter Screener ist und aus dem Highpost kreieren kann; allerdings schließt er kaum noch selbst ab. Das macht es generell schwerer, Raum für Gasol und Rose in Korbnähe zu generieren.

    Die Backups von Rose blühen bspw. deswegen auf, weil sie über einen guten Distanzwurf verfügen und man Lineups mit Brooks – Butler – Dunleavy laufen kann, die offensiv Räume schaffen.


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