Draft, NBA

Winning by losing?

Wie sinnvoll ist Tanking wirklich?

Ende März 2014. Die Philadelphia 76ers schicken sich an, den Rekord für Niederlagen in Folge zu brechen. Trotzdem liegen sie nicht auf dem letzten Platz der Eastern Conference, denn die Milwaukee Bucks haben bisher ein Spiel mehr verloren. Etwas weiter oben in der Tabelle prügeln sich Orlando, Boston, Utah und die Lakers um eine bessere Ausgangsposition in der Draftlotterie.

Warum der ganze Aufwand? Ende Juni werden einige – laut Expertenmeinung – hochtalentierte Spieler über die Drafttheke gehen. Und da dank der Lottery die Chancen auf einen der Top3-Picks mit jeder Niederlage steigen, ist es aus Sicht der Teams nur logisch, am Ende der Saison nicht mehr zu gewinnen, was durch den Einsatz von jungen, unerfahrenen Spielern auch relativ zuverlässig erreicht wird.

Neben denjenigen, die angesichts dieses alljährlich wiederkehrenden Prozesses eine Abschaffung des Glücksspiels mit den Ping-Pong-Bällen fordern, werden auch immer wieder Stimmen laut, die behaupten, auch mit dem derzeitigen System würde „tanking“ überhaupt nichts bringen. Viel sinnvoller sei es, sich gute Free Agents zu verpflichten, möglichst viel zu gewinnen, dem Team so eine Siegermentalität zu verpassen und dann schlimmstenfalls eben an Position 12 oder 13 einen Rookie ins Team zu holen. Tankende Teams seien notorisch erfolglos. Stimmt das oder kann man durch Tanking erfolgreich sein?

Was ist „tanking“ eigentlich?

Landläufig versteht man unter dem Begriff das absichtliche Verlieren von Spielen. In der Realität ist der Vorgang allerdings viel komplexer. Man tankt, indem man sein Team vorsätzlich so schlecht macht, dass es nur auf einem der unteren Plätze in der Tabelle landen kann. Dadurch erhöhen sich die Chancen auf einen Top-Pick infolge des Lottery-Systems natürlich signifikant. Meistens gestaltet sich der Vorgang so, dass der jeweilige GM einige oder gar alle Veteranen des Teams gegen Draftpicks oder junge Spieler abgibt. Ein solch dezimiertes Team gewinnt dann naturgemäß ziemlich wenige Spiele. Das heißt, Tanking passiert nicht auf dem Court, sondern im Büro des General Managers.

Zum Beispiel erkannte der damals neue GM der 76ers, Sam Hinkie, im Juni 2013, dass mit dem derzeitigen Kader nur ein Platz im Mittelfeld der Eastern Conference erreichbar ist. Da dies aber die undankbarste Platzierung der ganzen NBA ist, musste eine Veränderung her. Hinkie entschied sich dafür, das Team zu verschlechtern. Er tradete seinen besten Spieler, Jrue Holiday, für den 6. Pick der 2013er Draft, Nerlens Noel, und einen geschützten Pick in der 2014er Draft. Damit war der Grundstein für einen kompletten Neuaufbau des Teams gelegt. In den darauffolgenden Wochen verschwendete der Jung-GM keinen Gedanken an namhafte oder teure Free Agents. Stattdessen verpflichtete er lieber schon gescheiterte Projekte wie Royce White oder ehemalige D-League-Profis wie James Anderson oder Tim Ohlbrecht.
Sein Kalkül: Da er an Siegen eh nicht interessiert war, sollten diese Spieler beweisen, ob sie NBA-tauglich wären. Wenn dies nicht der Fall war, konnte er sie einfach wieder entlassen. Den Salary Cap nutzte er bei Weitem nicht aus. Im Juni 2014 wird der Kaderumbau weitergehen – ein oder besser zwei Top-Rookies sollen dazustoßen.

Doch ist dieses Modell überhaupt erfolgreich? Sein Team um einen oder mehrere der besten Absolventen eines Jahrgangs aufzubauen? Oder ist es nicht sinnvoller, ein Team wachsen zu lassen, notfalls auch ohne gehypte Superrookies? Gerade in einem Land wie den USA zählt nur eins: der Erfolg. Und das ist mindestens der Einzug ins Conference Final, besser gleich der Titel. Die Frage muss nun sein: mit welcher Art von Teamaufbau hat man mehr Erfolg?

Wie baut man erfolgreich ein Team auf?

Zur Beantwortung dieser Frage sollte man sich verdeutlichen, wie die erfolgreichen Teams der letzten Jahrzehnte aufgebaut waren. Im Klartext: Woher hatte das Team seinen Franchise-Player, den Spieler, von dem die Siegchancen des Teams maßgeblich abhängen?

Betrachten wir doch einmal die Finals-MVPs seit 1980:

FinalsMVPseit1980

Was fällt auf? 77% aller Finals-MVPs wurden von dem Team gedraftet, mit dem sie schließlich auch den Titel gewannen. Die große Mehrzahl dieser Spieler, 53% insgesamt, wurde sogar innerhalb der Top-3 ausgewählt – dem Bereich, für den die Draftrechte ausgelost werden und die Chancen sich mit verschlechternder Bilanz verbessern. Der Bereich also, der das Ziel aller Tanking-Anstrengungen ist. Außerdem muss man beachten, dass Tony Parker und Joe Dumars, beide sehr weit hinten gewählt, ihren Award nur bekamen, weil sie in der Final-Serie sehr gute Leistungen zeigten. Die besten Spieler im Team waren jedoch Tim Duncan und Isiah Thomas. Hätten sie den MVP bekommen, würde sich das Verhältnis noch mehr verschieben. Dazu kommt, dass genau null Spieler, die außerhalb der Top3 von einem anderen Team gedraftet wurden, später zu Finals-MVPs gekürt wurden. Hier sieht man schon einmal deutlich, dass Spieler aus den hinteren Regionen der Draft eher nicht zu Difference-Makern oder gar Finals-MVPs werden.

Manch einer wird nun einwenden, die NBA habe sich seit 1980 grundlegend verändert. Das ist natürlich richtig und deswegen wurde die Recherche etwas ausgedehnt. Um ein noch differenzierteres Bild auf einer breiteren Basis zu haben, werden im Folgenden alle Teilnahmen an den Conference-Finals seit 1999 in die Untersuchung einbezogen.
In diesen letzten 15 Jahren erreichten 21 verschiedene Teams die Runde der letzten Vier. Die prominentesten Teilnehmer waren die San Antonio Spurs mit acht und die Los Angeles Lakers mit sieben Teilnahmen. Aber auch „One-Hit-Wonder“ wie die Milwaukee Bucks 2002 konnten sich qualifizieren. Insgesamt gab es 60 Teilnahmen.

Das Diagramm zeigt, wie der entscheidende Spieler der Teams, der Franchise-Player, zur jeweiligen Organisation kam:

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Die zweite Grafik geht darauf ein, an welcher Stelle die Franchise-Player gedraftet wurden, unabhängig von ihren Teams:

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Was man auf den ersten Blick sieht: Über die Hälfte der Teilnahmen fand mit einem Franchise-Guy statt, der innerhalb der ersten fünf Draftpicks seinen Weg in die Liga fand. Bei 24 dieser Teilnahmen spielte dieser Spieler auch noch bei dem Team, dessen Kappe er am Draftabend aufsetzte. Das zeigt, dass das Scouting so gut ist, dass die besten und später dann erfolgreichsten Spieler auch wirklich ganz oben gepickt werden. Man braucht also meistens einen sehr guten Pick, um an die besten Prospects heranzukommen. Die Statistik weist zudem Spieler, die beim Draft Day oder kurz danach (die berühmtesten dürften Nowitzki und Bryant sein) direkt getradet wurden, ohne bei der ursprünglichen Draftfranchise jemals ein Trainingscamp absolviert zu haben, als eigene Draftpicks aus, da die Franchises sich einen Spieler ins Team holten, der sich noch nicht bewiesen hatte.
Natürlich wurden einige der Franchiseplayer auch außerhalb der Top-10 gedraftet. Das waren oder sind aber zumeist einzigartige Spieler wie Kobe Bryant oder Steve Nash, deren Potential vor der Draft aufgrund z.B. ihres jungen Alters (wie bei Bryant) unterschätzt worden war. Die Regel sind solche Fälle jedenfalls nicht.
Die logische Schlussfolgerung aus beiden Betrachtungsweisen: Ein wirklich sehr guter Spieler ist unerlässlich und diese Spieler werden meistens sehr hoch gedraftet. Zwar wechselten in den letzten 20 Jahren auch einige sehr gute Spieler das Team (Shaquille O’Neal und LeBron James als prominenteste Beispiele), gerade jedoch für Small-Market-Teams ist es aber ziemlich utopisch auf einen solchen Wechsel zu hoffen, da Superstars wenn überhaupt, eher in die großen und attraktiven Städte gehen. Das schlägt sich auch in der Erkenntnis nieder, dass die meisten Teams die Erfolge mit ihrem „eigenen“ Franchise-Player erreichten. Die Statistik macht deutlich, dass es für Teams am erfolgversprechendsten ist, einen sehr guten Spieler zu draften und nicht zu versuchen, anderweitig den ganz großen Wurf zu versuchen. Den Top-Spieler zu bekommen, so zeigt die Untersuchung, gelingt am besten in den Top-5. Und der Zugang zu einem solchen Pick ist in einem Großteil der Fälle mit vielen Niederlagen verbunden (es sei denn man hat Glück und bekommt von Prokhorov oder Dolan einen ungeschützen Draftpick geschenkt und die New Yorker Teams übernehmen das Verlieren für einen).

Kritiker werden nun anmerken, dass auch acht Mal Teams ohne einen echten Franchise-Player in die Conference-Finals einzogen. Teams also, die so ausgeglichen waren, dass sie ihre Gegner dadurch schlugen. Ein solches Teamkonzept sei dem Verlieren für einen hohen Pick doch allemal vorzuziehen.
Doch hier muss man vorsichtig sein. Diese acht Einzüge beschränken sich auf gerade einmal zwei verschiedene Franchises. Zunächst die legendären Bad-Boys-II der Detroit Pistons, das andere Team sind die mit mehreren sündhaft teuren Altstars aufgemotzten „Jailblazers“ der 00er-Jahre. Beide Teams sind Einzelerscheinungen, die sich in dieser Form schwer wiederholen lassen werden. Im Falle Portland durch das seit damals viel restriktiver gewordene CBA, bei den Pistons dadurch, dass diese nur wegen einiger sehr besonderer Spieler funktionierten, Chauncey Billups, Ben und Rasheed Wallace zum Beispiel. Ähnlich wie die Jailblazers war das Team damals eine Ansammlung von gescheiterten, talentierten Spielern, die über eine besondere Identität ein Meisterschaftsteam stellen konnten. Ein solches Team erneut aufzubauen, wird gerade in der heutigen NBA extrem schwierig, auch hier u.a. wegen des neuen CBA. Der Weg über hohe Draftpicks, wenigstens für die beiden besten Spieler der Mannschaft, scheint insgesamt betrachtet der beste zu sein.

Fazit

Unabhängig davon, wie man zum derzeitigen System der Lottery steht: Innerhalb dieses Systems ist es am erfolgversprechendsten viel zu verlieren und dann hoch zu draften, wenn man wirklich großen Erfolg haben möchte. Alle anderen Modelle haben sich in den letzten Jahren eher weniger bis kaum bewährt.
Ein gutes Management ist trotzdem eine Voraussetzung dafür, einen guten Spieler zu bekommen. Die hohe Draftposition allein reicht nicht. Viel zu oft haben die Cavaliers, Bobcats, Wolves und Grizzlies dieser Liga in den letzten Jahren viel zu schlechte Spieler viel zu früh gedraftet, zum Beispiel Hasheem Thabeet oder Johnny Flynn. Deswegen darf man den Misserfolg dieser Franchises nicht dem „Tanking“ zuschreiben oder behaupten, dass das ewige Verlieren nichts bringe. Schuld an der Misere sind die Fehlentscheidungen des jeweiligen Managements. Nicht nur Beispiele wie Oklahoma City oder die San Antonio Spurs zeigen, wie man erfolgreich rebuilden kann, sondern der Großteil der erfolgreichen Teams in den letzten 15 Jahren. 

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0 comments

  1. Toto_Braunschweig

    Informativer Artikel, der leider unterstreicht, dass “Tanking” für viele Franchises einfach Sinn macht! 😉


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