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Anthony Bennett Superstar?

Ein Kommentar zu David Thorpe

Quelle Titelbild: Erik Daniel Drost

Am 7. Februar 2014 veröffentlichte der Coach und Scout David Thorpe einen Artikel auf ESPN.com (Insider), in dem er Anthony Bennetts Zukunft einzuschätzen versucht. Thorpes Punkte zusammengefasst:

  • Die Historie zeigt, dass Kritik bei Rookies oft verfrüht ist:
    • Wörter wie „Bust“ und „unfertig“ werden Bennett wahrscheinlich nur kurz anhaften, da es bereits viele Spieler gab, die sich als Rookies nicht ihrem Hype entsprechend präsentierten. Viele haben ihre anfänglichen Schwierigkeiten überwunden und sind All-Stars geworden. Zum Beispiel galt Dirk Nowitzki einst als zu soft und Steph Curry als eindimensionaler Shooter. Bei Joakim Noah fragte man sich, ob sein Skillset in die NBA übertragbar wäre. Selbst LeBron James und Kevin Durant taten sich Anfangs schwer.
    • Die meisten dieser Spieler waren zwar keine Nummer Eins-Picks und sahen im ersten Jahr nicht so schlecht aus wie Bennett. Doch diese „Breakthroughs“ zeigen, dass Kritik an zunächst eher sinkenden als schwimmenden Talenten oft verfrüht ist und und außer Acht lässt, dass Spieler im Laufe ihrer Karriere fast immer an Reife und Qualität gewinnen.
  • Anthony Bennett muss
    • …deutlich an Gewicht verlieren (Beispiel Kevin Love).
    • …mit dem entschlackten Körper athletischer und energischer spielen. Dies ist auch eine mentale Frage – Stichwort „running faster, jumping higher, playing harder“ und “es” einfach mehr wollen als alle Anderen.
    • …bei seiner Größe kein eindimensionaler Shooter werden. Er muss zunächst innerhalb des Perimeters eine Option werden und sein offensives Repertoire dann stetig erweitern.
    • …in den letzten Monaten der Saison ein produktiver Rotationsspieler werden. Danach kann er darauf hinarbeiten, ein Topspieler der Cavs zu werden.

Thorpes Sympathie gegenüber Bennett ist verständlich. Seit Saisonbeginn lieferte der „Kavalier“ fast wöchentlich Munition für Social Media-Lachsalven nach verpatzten Dunks, weniger enthusiastischen Screens und belächelten Career-Highs.

Der Hauptgrund dafür liegt in der Draftposition. Ein Hamady N’Diaye, inzwischen von den Kings entlassen, oder Alexey Shved haben vielleicht genauso viele peinliche Fails fabriziert, bei denen man sich die Hand vor den Kopf schlagen will. Sie waren jedoch keine #1-Picks wie Bennett, der zu den besten Spielern seiner Draftklasse gehören sollte… und nicht etwa Absolvent einer der unglücklichsten Rookiejahre aller Zeiten. So wie Fans, Medien und Analysten die Schadenfreude gegenüber Bennett aufgrund seiner Draftposition intensivieren, macht Thorpe einen ähnlichen Fehler – er relativiert dessen Potential anhand der Position, selektiert sehr vage Stärken Bennetts heraus und vergleicht sie mit früheren Lottery Picks, die angeblich ähnliche Widrigkeiten überstanden haben. Ist der Vergleich gerechtfertigt? Und wie wahrscheinlich ist es, dass Anthony Bennett zum Starspieler reift?

Ein Vergleich mit den von Thorpe genannten Spielern

Verglichen werden 2P%, TS%, eFG%, REB% (bei Curry AST%-TOV%), USG%, ORTG% sowie WinShares per 48 aus dem Rookie- sowie dem dritten Profijahr der Spieler. Eine begrenzte Auswahl kann natürlich nicht perfekt sein, jedoch können diese Statistiken Aufschluss über einige Entwicklungen geben, die Thorpe anspricht. Taten sich die Spieler zunächst schwer, innerhalb des Perimeters zu scoren? Wie entwickelte sich ihre Effizienz generell? Lernten die (Stretch)-Bigs Nowitzki, Noah und Love körperbetonter und intelligenter zu spielen, dadurch besser zu rebounden? Entwickelte sich Curry zum klassischen Spielmacher? Wie effizient waren sie im ersten Jahr und wie entwickelte sich diese Effizienz mit der Usage?

Als Ein-Nummern-Stat ist ‚Win Shares‘ kontextlos kein hervorragender Gradmesser, da es z.B. einen defensiver Spieler wie Noah unterschätzt. Im Vergleich mit dem gesamten Pool an Rookies seit 2003 und deren Entwicklung kann sie aber hauptsächlich eine Idee geben, inwieweit Spieler in ihrer offensiven Rolle aufgingen und sich diese Einschätzung über die Jahre mit USG% und ORTG% entwickelte. Win Shares siedelt einen durchschnittlichen Spieler bei ca. 0,100 an.

Abennett1(Zum Vergrößern klicken)

  • Dirk Nowitzki hat die deutlichste Wandlung von einem eher unterdurchschnittlichen Rookie zu einem sehr effizientem Spieler bei hoher Usage gemacht – sprich hin zu einer echten ersten Option im Angriff.
  • Kevin Love verbesserte seine TS% und eFG% deutlich, indem er per 36 Minuten bei gleicher Anzahl an 2FGA seine Dreierausbeute um 2,5 Versuche und Freiwürfe um einen Versuch steigerte. Er war im ersten Jahr bereits der starke Rebounder, der er heute ist.
  • Steph Curry ist der einzige Spieler, dessen USG% deutlich anstieg. Die Wurfeffizienz blieb dabei konstant. Laut AST%-TOV% hat er sich zumindest vom Volumen her als Passgeber/Playmaker gemacht, wobei ein Teil wahrscheinlich der höheren Usage geschuldet ist.

Es sollte auffallen, dass diese Fälle nicht wirklich mit Bennett vergleichbar sind. Nowitzkis Entwicklung nach schwerer Rookieseason hin zum klaren Hall of Famer ist beachtlich – bei ihm liegt auch speziell die Euro-Transition in jungen Jahren vor, die seine schwache Rookiesaison erklären könnte. Die restlichen Spieler waren mehr oder weniger bereits die, welche wir heute beobachten. Als Neulinge sahen sie zumindest wie Rotationsspieler aus. Bennetts Zahlen hingegen sind durchweg grottig. Thorpe erwähnt dies zwar, verschweigt jedoch, dass Bennetts Zahlen für einen Spieler mit angeblichem Starpotential historisch schlecht sind.

Die Rookiejahre der All-Stars, die nach 2003 in der NBA debutierten

Wie sahen die Zahlen der All-Stars aus, die seit 2003 in die Liga gekommen sind? Hatte jemand ähnliche Startschwierigkeiten?

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Der Großteil der Spieler hat sein Potential zumindest angedeutet. Die zwei Schlusslichter, Williams und Holiday, taten sich in der ORTG-Wertung sowie den Win Shares besonders schwer. Mo Williams entwickelte sich  jedoch viel stärker zum Rollenspieler als All-Star und auch ob Holiday in Zukunft konstant All-Star-würdige Leistungen erbringen kann, darf bezweifelt werden. Das schlechte Abschneiden Westbrooks und Durants ist auf den ersten Blick überraschend. Beide mussten aber in sehr jungem Alter eine sehr hohe Offensivlast tragen, ähnlich wie James.

Ein Vergleich mit Rookies, die nach 2003 in der NBA debutierten

Bennett müsste eine kollosale Wandlung erbringen, um laut ORTG und Win Shares auf All-Star Niveau zu agieren. Welche Rookies, die im dritten Jahr noch in der Liga waren und 500+ Minuten logten, haben die größten Wandlungen vollzogen? Und wie sahen ihre Werte im Rookiejahr aus? Die Top 20 (die “diff”-Spalte zeigt die Differenz des dritten Jahres zum Rookiejahr, welches in der “ROOKIE”-Spalte abgebildet ist):

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All-Stars sind gelb hinterlegt. Es finden sich Spieler, die…

  • …sehr jung mit sehr hoher Usage Probleme hatten und auf dem Weg in die Hall-of-Fame sind (Durant, James, Westbrook)
  • …in der Rookie Season bereits recht effizient waren und noch besser wurden, vom potentiellen Hall-of-Famer zum Rollenspieler (Harden, Paul, Roy, Rose, Anderson)
  • …aus Europa kamen und sich als Rotationsspieler mehr oder weniger etablierten (Calderon, Pekovic, Diaw, Biyombo)
  • …schwach starteten und sich als Rotationsspieler etablierten (Smith, Kaman, Jeff Green, Eric Bledsoe?)
  • …sehr schlecht debutierten und nur kurz Rotationsspieler waren (Snyder, Humphries und Donte Green, der seinen Ertrag von ähnlich grottig wie Bennett auf grottig brachte).

Unter den 36 Spielern, die als Rookies ein ORTG von <95 erzielten, finden sich einige Erfolgsgeschichten, die Mut machen: Ein tatsächlicher All-Star-Kandidat in DeMarcus Cousins. Dazu Spieler, die sich als Bankspieler/Starter etabliert haben: J.R. Smith, Steve Blake, Al-Farouq Aminu, Eric Bledsoe, Boris Diaw, Jordan Crawford, Shaun Livingston, Mo Williams, Bismack Biyombo, Corey Brewer, Larry Sanders, Chris Kaman, Reggie Jackson, Thabo Sefolosha, Kris Humphries und Norris Cole. Aber keiner dieser Spieler hatte einen so schlechten Einstand wie Bennett oder gelten als All-Star Kandidaten. Während viele Rookies ein ORTG unter 95 erzielten, finden sich nur neun, die auch negative Win Shares aufwiesen. Davon hielten sich Jordan Crawford (USG% von 27 im Rookiejahr), Kris Humpries und Corey Brewer in der Liga – keine All-Star Kandidaten.

Bennetts Zukunft?

Interessant für die Einschätzung von Bennetts Zukunft ist auch eine kürzliche Studie des Statistikexperten Layne Vashro, der für die SBNation-Seite „Canis Hoopus“ untersuchte, wie sich die Win Shares-Wertung von Rookies auf deren Zukunftsaussichten auswirkten. Anhand von 362 Lottery Picks seit 1980 schaute er zunächst auf Alter und erzielte Win Shares (total, nicht per 48) im Rookiejahr, um dann herzuleiten, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Spieler vor seinem 26. Lebensjahr 10+ Win Shares erreicht. Diese Marke erreichen konventionelle „Stars“ normalerweise. Dabei kam er für die Wahrscheinlichkeit eines “Stars”, “Rotationsspielers” und “Busts” zu folgenden Ergebnissen:

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(Zum Vergrößern klicken)

Die X-Achse (horizontal) zeigt, wie viele Win Shares ein Spieler in seinem Rookiejahr sammelt. Die Y-Achse (vertikal) deutet dann die Wahrscheinlichkeit einer 10+/7,5+/2,5+ WinShares-Saison vor dem 26. Lebensjahr. Erzielt ein 19-jähriger Rookie drei Win Shares, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass er ein Star (bzw. 10+ Win Shares in einer Saison vor dem 26. Lebensjahr erreicht) wird, bei knapp 40%. Für einen 22-jährigen Rookie mit drei Win Shares liegt diese Wahrscheinlichkeit bei unter 15%. Bennett liegt als 21-jähriger Spieler derzeit bei negativen Win Shares.  Die Studie ist hier in voller Länge zu finden und beinhaltet auch Spieler-Beispiele.

Es wäre Anthony Bennett natürlich zu wünschen, dass er die Kurve kriegt und ein produktiver Spieler wird. Es wäre eine inspirierende und großartige Leistung, wenn er die Erwartungen an einen hohen Lottery Pick sogar erfüllt und Spiele wie gegen die Kings kürzlich zur Regel macht. Als unmöglich sollte im Sport nichts angesehen werden und der Umstand, dass er bei einer anscheinend sehr dysfunktionalen, jungen Truppe mit fragwürdigem Coaching spielt, erschwert seine Situation wahrscheinlich.

Der Anspruch des potentiellen All-Stars sollte von Anthony Bennett dennoch fern gehalten werden. Es finden sich kaum Beispiele, die annähernd Ähnliches bewirkt haben. Floskeln wie „play harder, jump higher, run faster“ werden es nicht richten, zumal Gewicht- und Konditionsprobleme mit Erkrankungen zusammenhängen könnten, die ihn vielleicht seine gesamte Karriere über begleiten. Einem Spieler All-Star Potential nachzusagen, der einen der schlechtesten Einstände aller Zeiten in der NBA hat, ist demnach nicht realistisch und nicht weniger unfair wie sich über sein Mühen lustig zu machen.

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5 comments

  1. Avatar

    bartek

    Ja ganz nett.

    Aber wie kurz vor Ende erwähnt wird, kann man auch dank der Umstände noch kein bisschen über Bennett urteilen.
    Persönlich traue ich ihm viel mehr zu. Man muss sich nur mal seine Körpersprache anschauen :| Ab zu den Bulls (zu einem wie Thibs) mit dem Jungen und der wird ein ganz solider PF mit range.

  2. Jonathan Walker

    Sehr interessanter Artikel, aber…

    J.R. Smith, Steve Blake, Al-Farouq Aminu, Eric Bledsoe, Boris Diaw, Jordan Crawford, Shaun Livingston, Mo Williams, Bismack Biyombo, Corey Brewer, Larry Sanders, Chris Kaman, Reggie Jackson, Thabo Sefolosha, Kris Humphries und Norris Cole. Aber keiner dieser Spieler hatte einen so schlechten Einstand wie Bennett oder gelten als All-Star Kandidaten.

    Ähem, Bledsoe? ;)

  3. Artur Kowis

    |Author

    @Jonathan: Ich habe bei “…schwach starteten und sich als Rotationsspieler etablierten” hinter Bledsoe extra ein Fragezeichen dazugesetzt um sein Potential, mehr zu werden, zu verdeutlichen. Hey, du weisst, dass ich Bledsoe schon seit seiner Zeit bei den Clippers mag. Die Wette, dass er in den nächsten Jahren konstant All-Starr-Leistungen erbringen kann, würde ich jedoch noch nicht kaufen, auch wenn sein Turnaround bis zur jetzigen Saison beeindruckend ist. ;)

    @Bartek: Nach seiner Karriere wird Mo Williams mit dem Ruf eines Rollenspieler und Fringe-Starters in die Historie eingehen, nicht als einstiger All-Star – was auch vollkommen richtig ist. Außerdem wurde im Artikel erwähnt sowie in der Grafik kenntlich gemacht, dass Williams eine All-Star-Nominierung hat.


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