NBA

Was ist Value?

Wie bewerten wir die Leistung eines Basketballers?

Neulich im Air Canada Centre: Terrence Ross, Shooting Guard der heimischen Toronto Raptors, arbeitet gerade an einem Scoring-Rekord: Wurf für Wurf, Korb für Korb schraubt er sein Punktekonto nach oben. Den Verteidigern der Los Angeles Clippers gelingt es nicht, ihn am Punkten zu hindern. Dreier, Dunks, selbst schwierige Jumper – alles geht, (fast) alles fällt. „Ross is the boss“, jubeln die Kommentatoren des kanadischen Senders TSN.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Am Ende hatte Ross 51 Punkte erzielt und damit den Franchise-Rekord der Raptors eingestellt. Für dieses eine Spiel, diesen Augenblick der Sport-Geschichte war er eine unaufhaltsame Scoring-Maschine und einer der besten Basketballer der Welt – und doch war es nur ein Spiel, eine Momentaufnahme.

In der nächsten Partie erzielte Ross wieder seine gewohnten zehn Punkte, genau wie im vorangegangenen Spiel. Eine weitere Glanzleistung wie die vom 25. Januar lässt bis heute auf sich warten. Ross’ Sahnetag hat bei allem Respekt nicht dazu geführt, dass wir ihn auf eine Stufe mit den Besten seines Fachs stellen. Ein einzelnes herausragendes Spiel reicht dafür offensichtlich nicht aus.

Was ist eigentlich erforderlich, damit gute Leistungen nicht als Ausreißer nach oben, sondern als Standard wahrgenommen werden? Die gängige Antwort lautet wohl, dass man sein Niveau über einen längeren Zeitraum bestätigen müsse, also mindestens über eine Serie von Spielen.

Durchbruch ins Karrierende

Chris Crawford ist vermutlich nur absoluten NBA-Kennern ein Begriff, und doch hilft uns dieser verletzungsgeplagte Forward, eine Antwort auf unsere Frage zu finden.

Crawford war bis vor zehn Jahren Reservist bei den Atlanta Hawks und steuerte Abend für Abend typischerweise vier bis acht Punkte zum Erfolg seines Teams bei. Im Februar 2004 begann jedoch eine Phase von 26 Spielen, in denen er als Starter stets zweistellig punktete. Während seines erstaunlichen Laufs, der erst durch das Saisonende unterbrochen wurde, steigerte Crawford sich auf einen beachtlichen Schnitt von knapp 19 Punkten pro Spiel. In der Vorbereitung der neuen Saison riss er sich dann jedoch das Kreuzband im rechten Knie, und seine NBA-Karriere war vorbei.

Wer weiß, ob Crawford seine Serie fortgesetzt haben würde? Fakt ist allerdings, dass selbst seine 26 guten Spiele – immerhin knapp ein Drittel einer Regular Season – nicht bewirkten, dass er dank seinem verbesserten Punkteschnitt als potentieller Star angesehen wurde. Er war und blieb ein Rollenspieler, der einfach nur eine Weile über seinem eigentlichen Level agiert hatte.

Der aussagekräftige Zeitraum, über den man sein Leistungsvermögen beweisen sollte, muss also länger sein als nur zwei Dutzend Spiele – also mindestens eine Saison lang.

Hughes stiehlt die Show

2004/2005 war die Saison in der Karriere des Larry Hughes: In fast jeder statistischen Kategorie erzielte er persönliche Spitzenwerte. Bei den Steals pro Spiel führte er sogar die gesamte NBA an. In einer Liga, die gern gute Statistiken belohnt, wurde er dafür ins All-Defensive First Team gewählt, also als einer der fünf besten Verteidiger der Saison ausgezeichnet.

Dennoch galt Hughes in Expertenkreisen nicht als herausragender Defensivspieler. Jenseits der reinen Statistiken war nämlich offensichtlich, dass er mit Vorliebe auf Steals spekulierte, statt diszipliniert zu verteidigen. Auch fällt auf, dass Hughes nie zuvor und nie danach in den All-Defensive-Teams auftauchte. Seine eine ausgezeichnete Saison reichte folglich nicht, um ihm den Ruf eines guten Verteidigers einzubringen.

Blickt man aus heutiger Sicht auf seine Karriere zurück, gilt Hughes stattdessen als ineffizienter Spieler, der fragwürdige Würfe nahm und zu wenige davon traf – eine Reputation, die er über 13 NBA-Spielzeiten festigte.

Es sind also wohl mehrere Saisons notwendig, damit ein Spielniveau – egal ob gut oder schlecht – allgemeine Anerkennung findet.

Gigant aus grauer Vorzeit

Dass jedoch selbst mehrere Jahre gleichbleibend starker Leistungen nicht unbedingt genügen, um angemessen beurteilt zu werden, zeigt der Fall von George Mikan. Dieser dominierte zwischen 1946 und 1954 das Basketballgeschehen wie vielleicht niemand nach ihm. Über acht Saisons gewann Mikan in drei verschiedenen Ligen fast alles, was man gewinnen kann: sieben Meisterschaften und All-League-Ehrungen, diverse Scoring-Titel sowie Spitzenwerte in einer Vielzahl von statistischen Kategorien.

Tatsächlich zählen Mikans Leistungen zum besten, was je ein Sportler abgeliefert hat. In den Diskussionen um den besten Basketballer aller Zeiten sucht man seinen Namen dennoch meist vergebens – vielleicht weil Spieler aus der Anfangszeit der NBA generell schwerer einzuschätzen sind oder weil Mikans Karriere keine 15 Jahre dauerte wie die heutiger Stars.

Lässt man eine späte Comeback-Saison unberücksichtigt, hatte Mikan sechs starke Jahre in der BAA/NBA. Inwieweit sechs zusammenhängende Jahre ein aussagekräftiger Zeitraum sind, um einen Spieler angemessen bewerten zu können, muss grundsätzlich jeder für sich selbst entscheiden.

Interessant ist jedoch, dass wir selbst aussagekräftige Leistungen unserer Epoche unterschiedlich beurteilen: Zählen vor allem die Spitzenzeiten eines Spielers, oder ist die gesamte Karriere entscheidend?

„Peak value“ vs. „career value“

Kobe BryantTracy McGrady und Kobe Bryant gehören ohne Zweifel zu den besten Flügelspielern aller Zeiten, und doch wird Bryant vermutlich von den meisten Fans als der insgesamt bessere Basketballer angesehen. Ein – allerdings zweifelhaftes – Argument, das sich auf die höhere Zahl der gewonnenen Meisterschaften beruft, sei hier nur am Rande erwähnt. Ein anderes lautet, dass Bryant insgesamt eine bessere Karriere (sprich: eine größere Anzahl starker Jahre) gehabt habe.

Tatsächlich kann McGrady in Sachen „career value“ nicht mit Bryant mithalten. Wer den Schwerpunkt aber auf „peak value“ legt, kann mit Recht argumentieren, dass McGradys beste Saison (2002/2003) Bryants beste Saison (2005/2006) übertraf. Auch kann man durchaus behaupten, dass McGrady in seiner stärksten Phase (zwischen 2000 und 2004) besser war als Bryant in seinen besten vier Jahren.

„Weiter aufs Ziel zu…“

Ein anderes gutes Beispiel für „career value“ ist John Stockton, der Jahr für Jahr konstant seine Leistungen abrief und deshalb Statistiken besitzt, die auf Fans großen Eindruck machen. Tatsächlich darf man aber bezweifeln, dass Stockton jemals der klar beste Point Guard der NBA war – irgend jemand war meist ebenso gut oder besser, allen voran Earvin Johnson und Gary Payton.

Auch der Hall-of-Famer Reggie Miller kann sich vor allem darauf berufen, eine lange und konstante Karriere gehabt zu haben. Als einzelne Saisons betrachtet, waren seine Leistungen als scharfschießender 20-Punkte-Scorer nämlich kaum besser als das, was heute ein Kevin Martin offensiv aufs Parkett legt, ohne groß dafür gefeiert zu werden.

Verglühte Sterne

Im Gegensatz dazu hatte Gilbert Arenas zwischen 2004 und 2007 drei starke Jahre, die ihm über 100 Millionen Dollar und dreifache All-NBA-Ehren einbrachten. Seinen Karriereruf wird das jedoch nicht retten können, denn Arenas ist in seinen Leistungen derart abgefallen, dass er keinen NBA-Vertrag mehr bekommen hat und deshalb heute in China spielt. Ähnliches gilt für die einst gefeierten Stars Stephon Marbury und Steve Francis, an deren gute Zeiten sich kaum noch jemand erinnert.

So wie in diesen Beispielen lässt sich in vielen Fällen fragen, was höher zu bewerten ist: „peak value“ oder „career value“? Shaq oder Duncan? Beatles oder Stones? Im Grunde ist es jedoch eine Frage, die sich nicht objektiv beantworten lässt und damit viel Raum für Diskussionen bietet – ganz zur Freude von Fans und Journalisten.

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