NBA, Orlando Magic

Maximale Ungewissheit

Restricted Free Agent: Tobias Harris

Good stats on a bad team“ heißt es immer dann, wenn man einem NBA-Spieler vorwirft, dass seine guten Boxscore-Zahlen vorrangig mit den schwachen Mitspielern und nur in einer untergeordneten Größenordnung mit der eigenen Qualität zusammenhängen. Einer der Spieler, die immer wieder zu dieser Kategorie gezählt werden, ist Tobias Harris von den Orlando Magic. Der Combo-Forward, der 2011 von den Charlotte Hornets gedraftet wurde, um direkt danach zu den Milwaukee Bucks transferiert zu werden, liefert vermeintlich seit seinem Trade zu den Magic im Februar 2013 eben genau solche Zahlen. In der abgelaufenen Saison waren es 17.1 Punkte und 6.3 Rebounds im Schnitt, die Magic allerdings konnten nur knapp 30 Prozent ihrer Spiele gewinnen und beendeten die Saison mit nur 25 Siegen mit der fünftschlechtesten Bilanz der Liga.

Da Tobias Harris und General Manager Rob Hennigan sich im letzten Herbst nicht auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung einigen konnten (übereinstimmende Quellen berichten von einem Angebot der Magic, welches Tobias Harris 36 Millionen US-Dollar über 4 Jahre hätte verdienen lassen, dieser strebte aber ein Einstiegsgehalt von 10 – 11 Millionen US-Dollar an), wird er in diesem Sommer Restricted Free-Agent. Was im ersten Moment nach einer komfortablen Ausgangslage für die Magic aussieht, gestaltet sich im Fall vom Cousin von Channing Frye jedoch schwieriger, als nach den gescheiterten Verhandlungen im letzten Jahr angenommen wurde. Denn auch nach seiner vierten Spielzeit in der NBA bleiben in Bezug auf den Forward viele Fragen unbeantwortet, sodass weiterhin Unklarheiten bezüglich seiner zukünftigen Leistungsfähigkeiten, aber auch über den aktuellen sportlichen Wert für die Magic bestehen.

Verbesserter Distanzschuss und angedeutete Führungsqualitäten

Nach dem Abgang von Topscorer Arron Afflalo schien vor der abgelaufenen Saison klar, dass Tobias Harris eine größere Rolle übernehmen müssen wird. Schlussendlich war dies aber nur in den ersten Wochen der Saison zu beobachten, in denen Victor Oladipo wegen einer komplizierten Gesichtsverletzung pausieren musste. Im weiteren Verlauf spielte Harris zwar im Schnitt 4.5 Minuten mehr als im Vorjahr, seine offensive Rolle wurde jedoch nur marginal erweitert (FGA per 36 Minuten: 13.9 -> 14,4; USG%: 22.2 -> 22.5).

Die positive Überraschung im Spiel von Tobias Harris war die enorme Verbesserung seines Dreipunktwurfes, an dem er laut eigener Aussage im Sommer 2014 (unter anderem gemeinsam mit Carmelo Anthony) hart gearbeitet hat. Bei einem deutlich höheren Volumen (in der Saison 2013/14 nahm er 2.1 Versuche pro Spiel, in der abgelaufenen Saison waren es 3.4, womit mittlerweile jeder vierte seiner Korbversuche von hinter der Dreipunktlinie kam) konnte er seine Trefferquote von 25.4 auf 36.4 Prozent steigern. Hier stechen besonders die 44.2 Prozent bei seinen 104 Versuchen aus beiden Ecken positiv hervor, auch mit den 38.0 Prozent im Catch & Shoot lieferte er vergangene Saison einen Wert, der nun eine für den Gegner ernstzunehmende Gefahr darstellt. Da er sowohl bei allen Wurfversuchen aus dem Feld, die keine Dreier waren, als auch von der Freiwurflinie ein wenig schlechter als gewohnt traf, schloss er die Saison mit einem True Shooting von 55.1 Prozent  mit  einem nur leicht veränderten Wert zur Vorsaison, an deren Ende er einen Wert von 54.2 Prozent erreichte, ab. Dass Tobias Harris seine durchschnittliche Punktausbeute um 2.5 Zähler erhöhen konnte, lag daher weniger an einer gestiegenen Effizienz, sondern zum größten Teil an der gestiegenen Spielzeit.

Tobias_Harris

James Borrego, der nach der Entlassung von Jacque Vaughn im Februar dieses Jahres als Interimstrainer der Magic fungiere, lobte Tobias Harris kurz vor Ende der Saison dafür, dass dieser in der abgelaufenen Saison mehr Verantwortung übernommen habe. In der Tat war es deutlich zu vernehmen, dass Tobias Harris immer mehr in die Rolle des „Vocal-Leader“ der jungen Magic-Truppe hineinwuchs. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Tobias Harris in engen Spielen auch innerhalb des Spielgeschehens Verantwortung übernahm; so konnte er sowohl beim 91-89 Sieg in Philadelphia als auch beim 99-100 Überraschungssieg gegen die Atlanta Hawks Spiele per Buzzer-Beater für die Magic entscheiden.

Insgesamt konnte Tobias Harris in der vergangenen Saison in Clutch-Situationen (4. Viertel oder Verlängerung, weniger als 5 Minuten zu spielen bei einer Punktedifferenz von weniger als 6 Punkten) 19 seiner 39 Wurfversuche verwandeln und lag mit 48.7 Prozent knapp über seiner Quote in der kompletten Saison.

Defensivsschwacher Scorer ohne Plan B?

Mit einem Defensiv-Rating von 108.34 schlossen die Orlando Magic die vergangene Saison in dieser Kategorie auf Platz 24 ab. Hierbei ist auffällig, dass die Orlando Magic mit Tobias Harris auf dem Court auf 100 Possession hochgerechnet 110.7 Punkte kassierten, spielte er nicht, waren es bedeutend geringere 106.7 Punkte. Eine Problematik, welche sich schon in den Vorjahren andeutete: Der Forward aus Islip, New York ist defensiv noch auf der Suche nach seiner Position, denn ist er auf der einen Seite körperlich nicht stark genug, um dauerhaft direkt am Korb zu verteidigen, fehlt es ihm gegen schnelle Flügelspieler oft an Geschwindigkeit.

Eine erhebliche Schwachstelle im Spiel von Tobias Harris ist das fehlende Improvisationsvermögen in seinem Offensivspiel. Zwar schließt er sowohl im Pick and Roll, im Post-up als auch bei für ihn gelaufene Iso-Plays zumindest durchschnittlich selbst ab, ihm fehlt es aber offensichtlich an Übersicht, um den noch besser-platzierten Mitspieler zu finden. Seine 1.8 Assists pro Spiel wirken isoliert schon sehr gering für einen Spieler mit einer Usage von 22.5 Prozent und einer Spielzeit von durchschnittlich 34.8 Minuten, wie unterdurchschnittlich er daran ist seine Mitspieler in Szene zu setzten, verdeutlichen jedoch folgende Zahlen:

  • Tobias Harris benötigt 21,27 Frontcourt-Ballkontakte, um einen Assist zu verbuchen, damit befindet er sich in dieser Kategorie klar im letzten Drittel aller NBA-Spieler.
  • Mit 0.3 Secondary Assists hat er den schlechtesten Wert aller startenden Small Forwards.

Man kann also festhalten, dass Tobias Harris – sofern er nicht selbst zum Korbversuch ansetzt – zu wenig Gefahr für den Gegner ausstrahlt und seine Teamkollegen in der Regel diejenigen sind, die im weiteren Verlauf der offensiven Possession improvisieren müssen.

Das alles verdeutlicht, dass Tobias Harris sowohl offensiv als auch defensiv noch viele Lücken in seinem Spiel hat, was für einen 22-jährigen Spieler auch nicht unüblich ist. Gemeinsam mit der Tatsache, dass Tobias Harris in jeder seiner vier Spielzeiten immer wieder mit kleineren oder größeren Blessuren aussetzen musste (in der letzten Spielzeit verpasst er insgesamt 14 Spiele wegen Problemen mit dem Knie, beiden Knöcheln und einer Wadenzerrung), macht es dies jedoch besonders schwer für Rob Hennigan einzuschätzen, welchen Wert Tobias Harris aktuell hat und inwiefern er sich noch zu einem Leistungsträger im Team der Magic entwickeln kann.

Harris und die Free Agency

In der letzten Woche wählten die Orlando Magic an fünfter Stelle der Draft 2015 mit dem jungen Kroaten Mario Hezonja vom FC Barcelona einen Spieler, der in der NBA vermutlich auf Harris‘ Position sein Zuhause finden wird. Ein erstes Anzeichen dafür, dass man in Florida nicht mehr mit dem Combo-Forward plant? Mitnichten! Zumindest wenn man General Manager Rob Hennigan Glauben schenkt, denn dieser erklärte auf der anschließend stattfindenden Pressekonferenz ausdrücklich, dass diese Entscheidung keinerlei Einfluss auf die Situation um Tobias Harris haben würde und man weiterhin keinerlei Interesse daran hätte, Tobias Harris in der Free Agency zu verlieren.

Durch die stark steigende Gehaltsobergrenze für NBA-Teams (siehe Grafik) ist zu erwarten, dass Tobias Harris Angebote bekommen wird, die sogar über dem Level liegen, welches er vor einem Jahr anstrebte. So ist es auch wenig verwunderlich, dass in den Tagen nach der Draft die ersten Gerüchte aufkamen, wonach die Boston Celtics, die Detroit Pistons und die Los Angeles Lakers starkes Interesse an einer Verpflichtung von Tobias Harris bekundet haben und damit zu rechnen sei, dass die genannten Franchises dem 22-jährigen Forward früh in der Free Agency einen Offer-Sheet zu Max-Konditionen oder einem Betrag, der diesem sehr nahe kommt, vorlegen werden. Die Magic haben dann zwei Optionen: Entweder man zieht mit dem Angebot gleich, sodass Tobias Harris zu genau den angebotenen Konditionen weiterhin in Florida aufläuft, oder man lässt ihn ziehen.

Salary

Wie die Orlando Magic tatsächlich auf etwaige Angebote dieser Art reagieren, bleibt abzuwarten, denn das Front-Office ist sich darüber bewusst, dass Tobias Harris kein “Max-Spieler” ist und auch durchaus Zweifel daran bestehen, dass er sich zu einem Spieler entwickelt, der einen solchen Vertrag rechtfertigen würde.

Durch die Entscheidung Ben Gordon, dessen Vertrag für die kommende Spielzeit nicht garantiert war,  nicht weiterzubeschäftigen, hat man nunmehr selbst Cap-Space, um für einen Spieler mit weniger als sechs Jahren NBA-Erfahrung ein maximal-mögliches Angebot zu unterbreiten, um danach entweder Tobias Harris einen Vertrag nach seinem Wunsch vorzulegen oder um jeden möglichen Offer-Sheet einer anderen Franchise zu “matchen”. Entscheidet man sich seitens der Magic  gegen eine gemeinsame Zukunft, könnte man ab diesen Zeitpunkt über 23 Millionen US-Dollar investieren, um selbst auf dem Free Agent-Markt aktiv zu werden.

Fazit

Ob man in Orlando weiterhin mit Tobias Harris plant, wird somit in einem hohen Maße davon abhängig sein, inwiefern die Magic sich im Sommer extern verstärken möchten. Plant man einen größeren Coup in der Free Agency, welchen man nicht innerhalb der ersten Tage fix machen kann, und Harris unterzeichnet direkt nach Ablauf des “July Moratorium” (01. Juli 2015 – 09. Juli 2015, die Phase, in der mit vertragslosen Spielern zwar verhandelt werden darf, aber keine neuen Arbeitspapiere unterschrieben werden dürfen) einen Offer Sheet bei einer anderen Franchise, wird man – ähnlich wie es letztes Jahr bei Chandler Parsons’ Wechsel von Houston nach Dallas der Fall war – sehr wahrscheinlich nicht mit jedem Angebot mitziehen. Hat man allerdings früh Klarheit über mögliche Neuzugänge, wird Orlando mit ziemlich jedem Angebot mitgehen. Ob dies auch bei einem Offer Sheet zu Max-Konditionen der Fall sein wird? Das bleibt abzuwarten – genau wie die Antwort auf die Frage, ob Tobias Harris in Zukunft eine größere Rolle bei einem erfolgreichen Team übernehmen kann.

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