Chicago Bulls, Milwaukee Bucks, Playoffs 2015

Welcome to the Future

Die Bulls-Bucks-Serie und ihre jungen Stars

Die Serie zwischen Bulls und Bucks wurde überraschend eine der spannenderen der ersten Runde. Im ‚Lokalderby‘ waren einige der vielversprechendsten Flügelspieler die Liga zu sehen – Grund genug für einen Blick zurück.

Keine Überraschungen?

Die Rollen in der Serie waren von Anfang an klar verteilt: Auf der einen Seite die Bulls, die sich hinter der stärker eingeschätzten Konkurrenz aus Atlanta und Cleveland den Contenderstatus im Osten erkämpfen wollen und dabei vor allem von ihrem ehemaligen MVP Derrick Rose abhängen. Auf der anderen Seite die Bucks, die mit dem Tausch von Brandon Knight gegen Michael Carter-Williams unterstrichen hatten, dass ihnen die langfristige Entwicklung wichtiger ist als ein möglicher Achtungserfolg in der ersten Runde.

Neben Derrick Rose und möglicherweise den Bulls-Bigs standen dabei vor allem drei jüngere Spieler im Fokus: Die drei Wings Khris Middleton, Giannis Antetokounmpo und Jimmy Butler. Einerseits gelten alle noch als Talente mit Potential für mehr, andererseits stellten sich an alle drei bereits erhebliche Ansprüche – natürlich auf unterschiedlichen Niveaus, wenn man den gerade zwanzigjährigen Antetokounmpo mit dem All-Star Butler vergleicht. Für den Bulls-Spieler und Middleton ist die Serie noch aus einem weiteren Grund bedeutend: Beide werden im Sommer einen neuen Vertrag unterschreiben und kämpfen wohl noch um das Maximal-Gehalt von anfangs etwa 16 Millionen Dollar und die weiteren Vertragskonditionen.

Stand: Jetzt

Auch spielerisch sind Butler und Middleton vergleichbar, während Antetokounmpos Stärken in anderen Feldern liegen. Der Spitzname ‚Greek Freak‘ sagt schon viel über die körperlichen Voraussetzungen und das Highlightclip-Potential aus: Mit knapp 7 Feet und einer noch beeindruckenderen Spannweite ist er durchaus auch als Center vorstellbar, gleichzeitig plante Coach Jason Kidd auch Einsätze als Point Forward – die Positionsbeschreibungen sind wohl bei keinem Spieler so unzureichend wie bei Antetokounmpo. Diese Flexibilität macht den Buck so vielversprechend: Die Aussicht auf einen Spieler, der den gegnerischen Center blockt und dann den Fastbreak läuft, ist nicht nur ein Wunschtraum, sondern Realität.

Ein selbst gefangener Block gegen Pau Gasol, dann der Fastbreak, den Butler nur mit einem Foul stoppen kann – aus solchen Aufnahmen speist sich der Hype um Antetokounmpo, und das sicher nicht völlig zu unrecht. Die Wahrscheinlichkeit ist recht groß, dass er zumindest einen Großteil seines Potentials ausfüllen kann.

Licht und Schatten

Was aber auf Highlight-Videos nicht abgebildet wird, sind die Possessions, in denen Antetokounmpo noch unerfahren und zu wenig durchsetzungsfähig wirkt. Die Quoten vor allem aus den ersten beiden Spielen der Serie bestätigen den Eindruck, den etwa ein vergebener Korbleger gegen den bereits die Verteidigung aufgebenden Derrick Rose erweckt. Auch gute Würfe fielen anfangs nicht, und zusätzlich verlegte sich Antetokounmpo zu sehr auf lange Zweipunktwürfe. Knapp jeder dritte seiner Abschlüsse entstand zwischen Zone und Dreierlinie, was prozentual eine deutliche Steigerung gegenüber der Regular Season darstellte. Dabei ging die Quote – wie allerdings die des gesamten Teams – stark zurück, von brauchbaren gut 40 auf 25%.

Diese Zahlen waren anfangs sogar noch klar schlechter, in den Spielen 3 bis 5 konnte Antetokounmpo seine stärksten Leistungen zeigen – erreichte aber nur einmal mehr als 50% TS. Die Szene, die in Erinnerung bleiben wird, produzierte er allerdings im letzten Spiel: Nach einigen nicht gepfiffenen Flagrant Fouls von Mike Dunleavy rannte Antetokounmpo den Bulls-Wing im Wurf um und wurde dafür zu Recht vom Parkett gestellt. Diese unnötige Aktion bestätigt das Bild der spielerischen Leistungen, dass Highlights und schlechte Szenen sich abwechselten – wobei in dieser Serie vergleichsweise wenige gute Spielzüge zu finden sind.

Take the money and run?

Für kaum einen Spieler der NBA hätte die erste Playoffrunde finanziell so interessant sein können wie für Khris Middleton. Lange völlig unter dem Radar, hat er vermutlich am meisten von der guten Bucks-Saison profitiert und wird jetzt als potenzieller Maximum-Spieler gehandelt, zumindest angesichts des steigenden Salary Caps nicht unbegründet. Aber besonders durch diese Sonderbedingungen der kommenden Jahre dürften Verträge mit gleichem Einstiegsgehalt, aber ansonsten völlig unterschiedlichen Bedingungen diskutiert werden: Zwischen Ein- und Fünfjahresverträgen, Team- und Spieleroptionen sowie weiteren Finessen – etwa ein Trade Kicker wie bei Chandler Parsons – ist Vieles denkbar. Unklar ist auch, was davon die für die Spieler interessanteste Lösung wäre: Einerseits lädt der steigende Cap zu einer kürzeren Laufzeit ein, da dann in einigen Jahren ein höher dotierter Vertrag möglich wäre: andererseits ist finanzielle Sicherheit gerade für Spieler mit potentiellem Career Year äußerst attraktiv.

Tendenziell fällt Middleton eher unter die zweite Kategorie; ihm fehlen derzeit besonders offensiv die Argumente, um auf eine schnelle Gehaltserhöhung zu hoffen. Auch sind die Teams wohl bei Spielern wie Kawhi Leonard eher zu Zugeständnissen bereit, da Middleton mit einem 16-Millionen-Vertrag zumindest im kommenden Jahr klar überbezahlt wäre. Mit einem 5-Jahres-Vertrag mit Teamoption beziehungsweise einem nicht voll garantierten letzten Jahr könnten sich dagegen vermutlich die Bucks anfreunden. Die Jahre gegen Vertragsende und der Druck durch die Option versprechen einen tendenziell preiswerten Spieler zum für die Franchise richtigen Zeitpunkt. Die Optimallösung für Middleton dürfte dagegen das umgekehrte Modell sein, eine Spieleroption in Jahr 4 oder 5. Ersteres wäre vermutlich auch das Angebot, mit dem andere Teams die Bucks unter Druck setzen könnten – obwohl der Trade von Brandon Knight als eine Entscheidung für Middleton angesehen werden könnte, so dass die Bucks nur schwer auf ein Gleichziehen verzichten können.

Das Problem für Middleton: Seine Playoffs waren im Prinzip nichtssagend. In einem statistisch allgemein wenig überzeugenden Team konnte er zwar nicht herausragen, sein Volumen aber ohne einen völligen Quoteneinbruch steigern. Ob Middleton diese Summen verdienen sollte, muss daher ein Blick auf die Regular Season verraten. Nicht nur auf den ersten Blick sehen seine Statistiken nicht überragend aus, auch die Advanced Stats zeigen Middletons Stärken nur teilweise. Anders als viele klassische Volume Scorer war er sowohl aus der Distanz (40,7 % bei 4,1 Versuchen pro 36 Minuten) als auch am Korb (62,1%) effizient, ohne dabei zwingend im Mittelpunkt zu stehen. Allerdings war Middleton spätestens nach der Trade Deadline der beste Spieler der Bucks, sodass er durchaus die entsprechende Verantwortung trug – und das klar auf beiden Seiten des Courts: Trotz Antetokounmpos defensivem Potential übernahm Middleton als solider Allrounder in vielen Fällen die wichtigsten Aufgaben.

Das Label ‚solider Allrounder‘ fasst also Middletons Fähigkeiten hervorragend zusammen. Wie der – zwar auch aus der Situation zustande gekommene – Vertrag von Chandler Parsons zeigt, ist das gerade für Flügelspieler mittlerweile ein Kompliment. Parsons bietet sich auch spielerisch als Vergleich an: Per Possession gleichen sich die Statistiken der beiden in ihrer jeweils dritten Saison größtenteils. Klare Vorteile weist Parsons als Passgeber auf, und auch das bereits ausgefüllte Scoringvolumen, also ohne Anpassung auf Possessions, spricht für den damaligen Rocket. Der etwas kleinere Middleton hat dagegen defensiv den besseren Ruf und kann flexibler eingesetzt werden. In den eher wenig aussagekräftigen defensiven Statistiken weist Middleton klare Vorteile auf, etwa bei den Steals, DRPM (4,11 zu jeweils unter 1 in den vergangenen beiden Jahren bei Parsons) und defensivem Net Rating (+8,8 statt negativ). Aus diesen Überlegungen scheint ein Vertrag nah am Maximum als realistisch – unabhängig von der farblosen Playoffleistung.

Der nächste Schritt

Erweitert man den Vergleich um Jimmy Butler, wird klar, wie viel Luft nach oben für die anderen Wings noch bleibt. Schon letzte Saison stand Butler im Second All-Defensive Team, diese Saison hat er den Schritt zum klaren Two Way-Player gemacht. Die Bedeutung der Freiwürfe auf diesem Weg hat Kirk Goldsberry bereits dargestellt, dabei aber auf einige bemerkenswerte Aspekte verzichtet: Nimmt man nicht die Zahl der Freiwürfe, sondern ihr Verhältnis zu den genommenen Würfen, ergibt sich für die Regular Season eine FTr-Ratio von 50,8%. Einen höheren Wert haben hier nur einige Center der Kategorie DeAndre Jordan bis Tyson Chandler und, wenig überraschend, James Harden – kein anderer Flügelspieler oder Guard kommt in die gleiche Größenordnung. Dieser Fokus auf gezogene Fouls sollte aber nicht davon ablenken, dass Butlers Spiel auch ansonsten immer neue Facetten dazugewonnen hat. Für Gegner des Midrange-Games ist sein Shot Chart nicht unbedingt ein Vergnügen, die noch akzeptable Effizienz bedeutet aber immerhin eine zusätzliche Option in Butlers sehr ausgeglichenem Repertoire.

 Shotchart Butler

In den Playoffs konnte Butler sich offensiv noch einmal deutlich verbessern. 24,8 Punkte bei über 60% True Shooting gegen eines der vermeintlich besten Defensivteams der Liga (Platz 2 in defensiver Effizienz) sprechen eine deutliche Sprache. Insbesondere das reduzierte Wurfvolumen aus der Mitteldistanz bei verbesserten Quoten trug zu dieser Steigerung – mit allerdings sichtbar kleinerer Sample Size – bei.

Butler Playoffs

Trotz dieser Fortschritte und einigen Highlight-Blocks äußerte sich Butler selbstkritisch über seine Leistungen in der Defensive – nach den zwei Niederlagen wohl nicht die schlechteste Reaktion, wie der letzte Blowout-Sieg zeigt. Damit sind automatisch noch weitere Spiele dazugekommen, in denen Butler für sich Werbung machen kann.

Get it done!

Wenn der Maximum-Vertrag für Middleton schon keine Überraschung darstellen würde, wäre bei Butler alles andere ein Wunder. Die Vorbedingungen ähneln sich dafür noch mehr: Als 30. Pick steht Butler zwar bereits in seinem vierten Vertragsjahr, fällt aber trotzdem in die Kategorie der eher überraschenden Erfolgsstories. Wie Middleton kann er zwischen den verschiedenen Vertragslängen wählen. Da Butler – wie beschrieben – spielerisch bereits einen Schritt weiter ist, sind Experimente deutlich wahrscheinlicherer: Für ihn könnte es sich wirklich lohnen, einen Vertrag mit kurzer Laufzeit zu unterschreiben und anschließend den Cap-Sprung mitzunehmen. Die Performances dieser Playoffs bedeuten auf den ersten Blick, dass sich für fast alle Konstrukte ein Team findet.

Da die Drohung Qualifying Offer anders als bei früheren Picks wie Monroe wohl ziemlich inhaltsleer sein dürfte – allein in diesem Jahr würden die späten Picks auf bis zu 15 Millionen Dollar verzichten – wäre das ein wichtiger Faktor. Tatsächlich sind die Chancen auf möglichst franchiseunfreundliche Angebote wie bei Parsons überraschend gering, da sie für das anbietende Team in der kommenden Offsaison ein erhebliches Risiko darstellen. Die drei Tage Frist, die dem bisherigen Team gewährt wird, bleibt zwar, aber: Kaum eine Franchise wird darauf verzichten, ihren Cap Space auszugeben und somit die Chance auf günstige Verträge in den Folgejahren zu verspielen. Entsprechend ist diese Drei-Tages-Frist im Zweifel der Zeitraum, in dem die übrigen Teams die interessantesten Spieler bereits unter Vertrag genommen haben – zumal zuerst das zehntägige Moratorium ansteht, in dem zwar keine Verträge wie das QO abgeschlossen werden dürfen, Unrestricted Free Agents sich aber bereits mit neuen Teams einigen können. Daher könnte die Flexibilität der RFAs sehr begrenzt sein, falls der Spieler nicht als so gut wahrgenommen wird, dass er das Risiko wert wäre.

Fazit

Praktisch sind vermutlich beide Franchises unabhängig vom Angebot für den Spieler gezwungen, ihn zu halten. Die Bulls würden sich ihre Playoffchancen größtenteils ruinieren, wenn sich keinen sofortigen Ersatz fänden, die Bucks einen ihrer wenigen Spieler mit Wurf abgeben. Mit Antetokounmpo als Sahnehäubchen und der Rückkehr von Jabari Parker sollten sich die Bucks in den kommenden Jahren als Playoffteam etablieren, sodass weitere Serien gegen den Nachbarn am Südende des Michigansees keine Überraschung wären – und wie die aktuelle Runde zeigt, auch mehr Spannung bieten als oft angenommen.

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