BBL, Scouting

Zahlendreher: 104,3

104,3. So lautet das aktuelle Defensive-Rating von Phoenix Hagen. Damit finden sie sich auf Platz Vier im ligaweiten Vergleich wieder. Nur der FC Bayern Basketball (98,9), ALBA Berlin (101,8) und die MHP Riesen Ludwigsburg (103,7) verteidigen als Team noch besser. Besonders beachtlich, da die Hagener ja häufig für eine zwar konfuse, aber vermeintlich sehr gute Offense gelobt werden. Die Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache. Mit 98,6 Punkten pro 100 Ballbesitze stellen die Westfalen sogar die schlechteste Offensive der kompletten Liga. Doch wie entsteht der falsche Eindruck?  

Ganz einfach: Die Hagener spielen schnell, sehr schnell. Mit einer Pace von 94,7 pflegen sie mit Abstand den schnellsten Basketball in der Beko BBL. Durch die vielen Ballvorträge wird uns oftmals nicht bewusst, dass die Hagener Offense so ineffizient ist. Immerhin erzielen sie im Schnitt 77.4 Punkte (Rang 13), sodass dieser Wert gerne als Gradmesser für eine gute Offensive genommen wird. Doch die weiterführenden Statistiken zeigen, dass die Hagener eigentlich viel zu wenige Punkte erzielen, wo sie doch so oft pro Spiel in Ballbesitz kommen. Für diese schwache Offense ist sicherlich das System verantwortlich. Es sieht vielleicht gerne mal spektakulär aus, was die Feuervögel machen, aber wenn man sich auf die Spielzüge konzentriert, merkt man, dass es meist nicht über ein einfaches Pick&Roll oder eine Isolation hinausgeht.

Umso bemerkenswerter, dass sie diese miese Offense noch mit ihrer Defense abfangen können. Immerhin wurde der Kader zu Beginn der Saison häufig kritisiert, da vor allem die Länge unter dem Korb fehlte. Das Small-Ball-System der Hagener ließ sie nämlich vor allem im Reboundduell immer schlecht aussehen, sodass sich der Gegner zweite Chancen erspielen konnte. Man hoffte im Dezember dieses Problem mit der Rückkehr von Dino Gregory lösen zu können, doch auch dieser bringt natürlich nicht die geeignete Länge für einen Center mit. So befinden sich die Hagener immer noch auf Rang 18, wenn es um Abpraller geht. Doch auch diese Schwäche kann aufgefangen werden: Denn hier kommt wieder die Schnelligkeit in’s Spiel. Durch die vielen kleinen Spieler sind die Westfalen auch deutlich beweglicher und erzeugen so viel Druck in der Halbfeld-Defense. Dieser Druck erzeugt vor allem eins: Ballverluste. So führen die Hagener die Liga mit Abstand in „Steals“ (7,9 pro Spiel) an.

Weiterhin sind die kleinen Lineups sehr variabel. Es ist somit überhaupt kein Problem beim Block und Abrollen des Gegners zu switchen, da beispielsweise Keith Ramsey geschwindigkeitstechnisch fast mit jedem Guard der Beko BBL mithalten kann. Des Weiteren können sich die Hagener erlauben zu doppeln oder bei Drives die Zone zu zumachen, da jeder Akteur das Tempo dazu hat noch an die Dreierlinie zu sprinten und einen Wurf von „Downtown“ zu verhindern. Ähnlich verhält es sich bei anderen Arten von Rotationen in der Verteidigung. Dies nimmt dem Gegner somit viele offene Würfe und zwingt ihn den Ball noch mehr zu bewegen.

Hier ein Beispiel aus dem Spiel gegen Bayreuth. Zuerst gelingt es Gregory und Ramsey den einfachen Korb von Javon McCrea zu verhindern, dann rotieren David Bell und Todd Brown ganz schnell raus, um die Dreipunktwürfe zu stoppen. Auch wenn der Dreier am Ende noch relativ offen aussieht, viel besser hätte die Rotation, um Gregory unter dem Korb gegen McCrea zu helfen, nicht laufen können:  

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Ein prominentes Beispiel dieser Art von Defense sind die Miami Heat aus den Saisons 2010 bis 2014. Das Team von Erik Spoelstra stellte ebenfalls auf ein Small-Ball-System um (LeBron James auf Power Foward) und war somit meist kleiner und beweglich als der Gegner. In jeder der vier Spielzeiten waren die Miami Heat eines der schwächsten Rebounding-Teams der NBA. Trotzdem stellten sie eine sehr solide Defense und gewannen bekanntlich auch zwei Meistertitel. Auch hier baute Spoelstra auf enormen Druck und hoffte das der Gegner in die gestellten Fallen tappte.

Natürlich muss man bei solchen Vergleichen vorsichtig sein, allerdings ist der Ansatz der Coaches derselbe. Ingo Freyer weiß welche Mittel er hat und wie er sie gewinnbringend einsetzen kann. Während das in der Offense weniger gut funktioniert, kann er es mit starker Defense kompensieren.

Somit ist ein Grund, warum die Hagener Schritt für Schritt aus dem Tabellenkeller entkommen sind und mittlerweile wieder das Wort „Playoffs“ in den Mund nehmen: die 104,3.    

Alle Rechte an den Bildern liegen bei der Telekom.

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