Los Angeles Lakers

Vom Verständnis des Spiels

Berechtigte Kritik an Kobe Bryant?

Es ist eine symbolische Szene für die Karriere des Kobe Bryant: Nach einem Sieg seiner Los Angeles Lakers am 04. Januar gegen die Indiana Pacers reißt er die Arme in die Höhe und hat einen weiteren seiner unzähligen Siege verbucht.

Kobe Bryant ist ein Ausnahmetalent in der NBA, was nicht zuletzt seine fünf gewonnenen Meisterschaften bezeugen können. Bryant gilt als einer der besten Spieler seiner Generation, als Spieler, der am nähsten an Michael Jordan heranreicht. Warum gibt es dann soviel Kritik an seinem Spiel?

Die unzähligen Memes, die durch das Internet geistern, befassen sich zumeist mit der Eigensinnigkeit des Spielers, der eher für sich als für das Team zu spielen scheint. Erfolge und Championships gehen ihm über alles, allerdings mit der Einsicht, dass er selbst für diese zu sorgen hat. Auch in dieser Saison, in der augenscheinlich keine besonders erfolgreiche Spielzeit ansteht, sieht Bryant sein eigenes Scoring als einziges Mittel, um Spiele für die Lakers zu entscheiden:

“I’d rather not have to do that, but you can’t just sit back and watch crime happen in front of you.”

– Kobe Bryant on his shooting

Dabei belegen einige Zahlen, dass Bryant als Distributor im System der Lakers auch 14/15 halbwegs erfolgreich zu sein scheint. In sieben Spielen in dieser Saison nahm Bryant weniger als 15 Würfe und spielte 6 oder mehr Assists. Immerhin drei dieser Spiele wurde gewonnen eine aus Lakerssicht hohe Siegquote in dieser Saison. Nimmt Bryant 20+ Würfe, gewinnen die Lakers nur 4 von 16 Spielen.

Dieses Phänomen ist kein Neues. Seit Jahren – auch in sehr erfolgreichen Saisons – gab es Vorwürfe der Presse, dass Bryant zu sehr auf sein eigenes Scoring bedacht wäre, anstatt die besser postierten Mitspieler einzusetzen. Dabei scheinen diese Vorwürfe absurd, wenn man sich die Zahlen Bryants anschaut: Er scort über die Karriere 1,11 Punkte pro Possession. Das ist ein unglaublicher Wert, wenn man bedenkt, mit welcher absurder Usage Bryant agiert; er schloss fast jeden dritten Angriff seiner Lakers ab, wenn er auf dem Feld stand.

Kobe Bryant ist deswegen so anerkannt und geliebt, weil er ein sehr guter Basketballer ist; das ist kein unverdienter Hype. Bryant war schon immer ein exzellenter Ballhandler – dies ist übrigens auch der Grund, warum er kein Shooting Guard ist, sondern zumeist das Ballhandling in seinen Teams übernam. Klassischere Point Guards, die den Ball in den Händen brauchen, haben Probleme neben Bryant zu koexistieren, was man beispielsweise an Ramon Sessions, Steve Nash oder Jeremy Lin in der jüngeren Vergangenheit sah. Lin hatte dieselben Probleme schon In Houston neben James Harden, der ähnlich wie Bryant agiert. Dies ist aber kein Problem Bryants oder seiner Nebenmänner, sondern des Managements, das den Idealtypen des dreierwerfenden Off-Guards in Derek Fisher oder Steve Blake kannte und demnach auch solche Spielertypen verpflichten sollte.

Kritik an Bryant beginnt, wo Kritik bei anderen endet

Wenn Kobe Bryant kritisiert wird, dann muss Fans und Hatern klar sein, dass dies immer Aussagen sind, obwohl der Konsens vorherrscht, dass Bryant ein sehr guter Basketballer seiner Zeit ist und war. Trotzdem ist Bryant nicht unangreifbar, denn sein unnachgiebiger Drang, sportliche Erfolge zu erringen, ist zugleich sein Antrieb und ein Bremsklotz für seine Mitspieler. Bryant ist ein klassischer Alpha Dog, der führt und keine Widerreden duldet. Man ordnet sich unter – oder geht unter.

Dabei ist zu beachten, dass bis auf Shaquille O’Neal niemand so gut in Bryants Teams produzierte, als dass man Bryant nicht zweifelsohne als besten Spieler des jeweiligen Teams benennen konnte – auch wenn kurzzeitige Betrachtungszeiträume wie die Finals 2009 auch mal Gasol in die Impactnähe Bryants bringen könnte.

Kritik an Bryant ist immer unfair, weil die Vergleichsmaßstäbe so hoch angesetzt werden wie bei kaum einem anderen Spieler. Aber Bryant selbst will dies, forciert Vergleiche mit Jordan und strebt danach, der Beste aller Zeiten zu werden. Deshalb gibt es haufenweise Quervergleiche mit Jordan oder LeBron James, weil man immer die jeweils besten Spieler eines Zeitraums als Vergleich heranzieht. Kritik beginnt also erst da, wo es für andere Spieler endet. Für Bryant gelten also andere Kriterien. Es geht nicht darum, herauszustellen, ob er nominell der beste “Zweier” seiner Zeit war: Bei Bryant steht im Mittelpunkt, wer denn überhaupt besser als er war. Wenn man also eine Diskussion darum führt, ob Bryant der beste, fünftbeste oder zehntbeste Spieler aller Zeiten ist, legt man andere Maßstäbe an.

Möchte man Bryant also kritisieren, beginnt dies mit einem Vergleich der besten Spieler aller Zeiten. Mit Jordan. Mit Bird. Mit Magic. Mit LeBron James, so man einen noch aktiven Spieler hinzuziehen möchte. Ein Vergleich zu Bigs eignet sich aufgrund der unterschiedlichen Spielweise nicht unbedingt und wäre auch nicht zielführend. Wenn die Vergleichsspieler die besten Spieler aller Zeiten sind, ändert sich auch die Wahrnehmung Bryants.

“I’m a Shooting Guard”

Zunächst muss attestiert werden, dass von den genannten Spielern nur Larry Bird mit etwa einem Punkt weniger pro Spiel  weniger gescort hat als Bryant. Auch wenn immer von absurden Usage Rates die Rede bei Bryant ist, haben sowohl Jordan als auch bisher James mehr Punkte pro Spiel erzielt.

Wie auch bei Allen Iverson wird bei Bryants Scoring häufig auf zwei Dinge hingewiesen: Zum einen können bei dem großen Volumen die Quoten etwas leiden; zum anderen waren beide in Situationen, wo sie die klar beste Scoring Option waren und durch die offensiv schwachen Nebenleute das Scoring übernehmen mussten, was bei Iverson zutreffen mag (aber hier wären die Hintergründe zu hinterfragen, warum es größtenteils neben Iverson keine potenten Scorer gab). Bryant hingegen hat genau drei Jahre in einem Team gespielt, das nicht konkurrenzfähig war. Trotzdem kommt Bryant nur auf ein ORtg von 111; trotz potenter Mitspieler wie Shaquille O’Neal oder Pau Gasol.

Jordan und James hatten sehr durchwachsene Teams zu Beginn ihrer Karriere. Jordan erzielte erst in seiner vierten Saison einen positiven Record mit seinen Bulls; das schlechte Management von Cleveland mit Larry Hughes und Mo Williams als beste zweite Option ist hinlänglich bekannt. Durchschnittlich hatte Bryant sicherlich keine schlechteren Teams als Jordan oder James, auch nicht als die legendären Celtics-Teams um Bird, wenn man dies in den historischen Kontext setzt.

Warum sind die anderen All Time Greats dann effizienter als Bryant?

“I need to score to win”

Bryants Mindset hat ihn zu diesem akribischen Arbeiter gemacht, der ihm so viele Erfolge bescherte. Dieser Killerinstinkt ist aber zugleich auch der Schwachpunkt Bryants. Sobald Bryant das Gefühl hat, dass er die beste potentielle Scoring-Option seines Teams ist, nimmt er die Würfe. Was gerade in dieser Saison wieder als verständlich wahrgenommen wird, war in der Vergangenheit aber auch kein Hindernis, wenn die Optionen O’Neal, Gasol, Howard oder Bynum waren. Grundsätzlich ist das Verständnis Bryants, dass er seinen Teams am meisten hilft, wenn er das Scoring übernimmt. Egal, ob mit verteidigten 17 Sekunden auf der Shotclock-Heatcheck-Dreiern oder Würfe gegen Triple-Teams. Er sieht sein Scoring als erfolgsversprechender als das seiner Mitspieler an und nimmt sich diese Würfe. Sein außerordentliches Talent beschert ihm zudem genügend Bestätigung bei diesen Würfen, um weiterhin diese Würfe zu nehmen, anstatt freie Mitspieler zu finden.

Zudem ist Bryants Arsenal an Offensivbewegungen berühmt. Er beherrscht alle Fundamentals und hat sich über seine lange Karriere immer weitere Facetten angeeignet, um sein Spiel noch variabler zu machen. Athletik, kombiniert mit Wurftalent, ist eine starke Waffe.

Bryant hat in seiner Karriere jedoch nie sein Spiel auf eine Facette reduziert und diese so exponiert, dass es eine nicht zu verteidigende Waffe darstellte. Das Repertoire Bryants schien endlos. Neben dem Drei-Punkte-Wurf und dem Drive besaß er eine exzellente Fußarbeit im Post und unzählige Fakes und Finten. Während man bei den anderen Kandidaten reicht einfach die absolute Stärke ausmachen konnte (bei Jordan und James war es der unnachahmliche Drive; bei Jordan später das exzellente Midrange-Game), ließ Bryant seine Gegner immer im Unsicheren, womit er sie schlagen wollte.

Durch die Weigerung, sich auf eine Facette zu beschränken, spezialisierte Bryant sich aber auch nie so sehr, als dass er in einer Disziplin die Liga dominieren würde. Viel mehr lernte er nicht zu unterscheiden, mit welchem Wurf er seinem Team am meisten helfen konnte. Für ihn waren alle Würfe zumeist so annehmbar, dass er diese guten Gewissens nehmen konnte. Nur so ist es auch zu erklären, dass Bryant über seine Karriere gesehen als unterdurchschnittlicher Dreierschütze bewertet werden muss, obwohl sowohl Talent als auch Wurfform und Ehrgeiz ihn zu einem überdurchschnittlichen Schützen hätten machen müssen. James’ Wurfauswahl in seiner ersten Zeit bei den Cavaliers ist bezüglich des Dreiers auch zu kritisieren, da er erst lernte, wie das Spiel funktioniert. Seit seinem Aufenthalt in Miami trifft er den Dreier aber mit 37%, weil er besser selektiert. Jordan verzichtete bewusst auf den Dreier, kam aber mit geringerem Volumen auf dieselbe Quote wie Bryant. Hier ist es ein Eingeständnis, dass der Dreier eben nicht sei Spiel ist, das Jordan besser machte. Er fokussierte sich auf seinen Drive, um effizienter zu sein. In den Achtzigern bei Bird kam dem Dreier noch keine gesteigerte Bedeutung zu, sodass die 1,5 Versuche pro Spiel kaum bewertbar sind.

Durch die durchaus vertretbare Annahme, dass Bryant in einem Vakuum der beste Scorer seines Teams war, schien es selbstverständlich, dass dieser auch die letzten Würfe nehmen sollte. Die Umsetzung dessen als schlichte Isolation ist jedoch hinterfragbar. Die Lakers haben in den letzten Jahren fast nur noch nach diesem Schema die Siele beendet. Das Resultat ist bekannt und unrühmlich – Bryant traft in dieser Saison das erste Mal wieder in einem engen Spiel den letzten Wurf zum Ausgleich oder zur Führung. Mittlerweile haben sich zu dem einzigen Treffer bereits 13 Fehlwürfe gesellt.

Die Entscheidung, dass Bryant nach Möglichkeit den Ball in der Hand haben sollte, ist nachvollziehbar und richtig. Dennoch sollte dieser nicht einfach auf seinen Wurf aus sein, sondern nach der besten Möglichkeit suchen, damit sein Team gewinnt. Doch dies scheint mit der Wahrnehmung Bryants zum Spiel nicht kompatibel zu sein.

Das Verständnis des Spiels

Die Kritik an Bryant manifestiert sich, wenn es um die Einstellung und das Verständnis zum Spiel geht. So sagte Gregg Popovich im November 2014 vor dem Spiel seiner San Antonio Spurs gegen die Cleveland Cavaliers über LeBron James:

“I always thought that you guys always had something to say. If LeBron went right, you said he should have gone left. Or if he shot it, he should have passed it. If he passed it, he should have shot it. I always thought that was all baloney. He’s a great player. He’s not just athletic. He’s incisive. He understands the game the way Magic (Johnson), the way Larry (Bird) did, the way (Tim) Duncan does.”

– Gregg Popovich

Es mag Zufall sein, dass weder Jordan noch Bryant erwähnt wurden. Allerdings haben beide auch ein gänzlich anderes Verständnis von Basketball. Während beide vor allem die Option sahen, dass sie durch ihr eigenes Scoring ihr Team besser machen konnten, steht bei den von Popovich Genannten eine gänzlich anderes Verständnis im Vordergrund: Für sie geht es darum, das bestmögliche Play laufen zu lassen. Dabei geht es gar nicht darum, dass man selbstlos 10 Assists pro Spiel spielt, weil man damit meint, seine Mitspieler besser zu machen. Diese Ausprägung gab es in diesem Extrem in de letzten Jahren vor allem bei Rajon Rondo, der – diametral zu Jordan und Bryant – auch nicht auf das beste Play schaute, sondern nur seine Mitspieler bedienen wollte.

Das bestmögliche Play bedeutet schlicht, das Spiel zu lesen, wenn man in Ballbesitz kommt, und dann die richtige Entscheidung zu treffen. Dies kann auch durchaus 20 Mal pro Spiel die Entscheidung sein, zum Korb zu ziehen und selbst abzuschließen. Wenn die Defense dies anbietet, sollte die Gelegenheit genutzt werden. Versucht die Defense jedoch, schlechte Würfe durch Double-Teams zu erzwingen, sollte man nach Möglichkeit den freien Mitspieler finden.

Das Konzept des “best play” ist so simpel, wie schwer umzusetzen. Richtige Entscheidungen können auch bedeuten, dass man den Pass auf den freien Mitspieler spielt, doch dieser den Wurf nicht trifft. Genau so gut kann es sein, dass man beim Drive vom Center abgeräumt wird. Dennoch ist das Mindset hier entscheidend, dass man in jeder Possession nach dem Weg sucht, um dem Team bestmöglich zu helfen.

Jordan ist bislang der einzige Spieler, dessen Entscheidungen zumeist im eigenen Abschluss mündeten, doch so gut war, dass dies nicht bestraft wurde. Bei Bryant würde man oberflächlich ebenfalls zustimmen, da die drei Ringe mit O’Neal ein wenig darüber hinwegtäuschen.

Fazit

Die Kritik an Kobe Bryant beginnt nicht bei seinen gezeigten Leistungen, viel mehr geht es darum, was Bryant hätte sein können. Er war in den letzten 20 Jahren vielleicht der Spieler mit den besten Anlagen aus Talent und Athletik. Er besaß definitiv ein besseres Wurftalent als James und auch Jordan. Es ist zum Teil auch einfach die Enttäschung darüber, dass Bryant nicht der nächste Jordan wurde, der alles dominierte, weil er der talentierteste Spieler seiner Zeit gewesen sein könnte. Stattdessen würde man sich schwer tun, ihn in einem größeren Zeitraum als den Spieler mit dem individuell größten Impact zu betiteln. Die Zeit von O’Neal und James gibt eigentlich nur ein Intervall von vielleicht 2005-2008 frei. Zu wenig für den höchsten Standard, den man bei Bryant immer anlegt. Dies hat auch mit seiner Einstellung zum Spiel zu tun, die eine vielleicht noch viel erfolgreichere Karriere verhinderte. So bleibt Bryant letztlich nur einer der talentiertesten Spieler überhaupt, der seinen absoluten Peak aber nicht erreichte. Und trotzdem soviel Erfolg hatte.

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