NBA, Oklahoma City Thunder

Russell Westbrooks Impact

Zur Neuinterpretation der Point Guard-Position

Dieses Video steht als Symbol dafür, was Russell Westbrook in den Tiefen des World Wide Web von Fans, Journalisten und (selbsternannten) Experten vorgeworfen wird: Der Aufbau der Oklahoma City Thunder nehme viel zu viele Würfe (und lasse zu wenige für MVP Kevin Durant übrig) und träfe die Würfe dann nicht mal, passe nie und wäre ein Egoist. Immer wieder wird die Behauptung aufgestellt, dass die Thunder schon längst einen Titel gewonnen hätten, würde ein „wahrer Point Guard“ neben Durant und Serge Ibaka spielen. Dem Team und Westbrook selber sind die Vorwürfe allerdings herzlich egal; sie antworten auf dem Platz und gehören seit Jahren zu den drei besten Teams der NBA. Doch wie ist das möglich, wenn Westbrook dem Team der allgemeinen Meinung nach ja mehr schaden als nutzen soll?

Die einfache Antwort: Diese Annahme ist falsch. Warum das so ist, soll dieser Artikel erörtern.

Der „wahre Point Guard“

Um die gegen Westbrook vorgebrachten Argumente nachvollziehen zu können, muss man zunächst das Konzept verstehen, das seine Kritiker benutzen. Hier wird vom „wahren Point Guard“ gesprochen und als Beispiel immer wieder der Neu-Maverick Rajon Rondo vorgebracht. Gemeint ist ein Point Guard, der wenige Würfe selber nimmt, dafür umso mehr Assists spielt und so seine Mitspieler in Szene setzt. Es herrscht die Meinung vor, dass ein Spieler nur dann ein guter Point Guard sein kann, wenn er seine Mitspieler besser macht – und das geht nur mit möglichst vielen Assists. Hier liegen allerdings zwei Fehlannahmen vor:

Erstens sind die alten Positionsbezeichnungen überholt. Statt vom Point Guard sollte man vom Ballhandler oder Playmaker sprechen, einem Spieler, der die Offense seines Teams inszeniert und mit dem Ball umgehen kann. Dabei ist nicht nur das klassische Passen eingeschlossen, sondern sämtliche Offensivaktionen, also auch der eigene Abschluss. Es geht für einen Spieler mit dieser Rollenbezeichnung nicht mehr ausschließlich darum, seine Mitspieler in Szene zu setzen, sondern darum, dafür zu sorgen, dass für das Team am Ende des Spiels möglichst viele Punkte herausspringen – mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Zweitens schaffen moderne Ballhandler es auch ohne das Spielen von direkten Assists, die Effizienz- und Effektivitätswerte ihrer Mitspieler zu verbessern. Beispielhaft folgende Szene: Im Spiel am ersten Weihnachtsfeiertag gegen San Antonio zog Westbrook zum Korb. Die Defense brach über ihm zusammen und Westbrook spielte den Pass raus zu Serge Ibaka in die Ecke. Der sah den noch deutlich besser postierten Anthony Morrow – und der traf seinen dritten Dreier an diesem Abend. Natürlich ist es nur eine Szene. Aber die zeigt, dass Westbrook es mit seiner Geschwindigkeit, seiner Aggressivität und der Gefahr, die von ihm bezüglich seines eigenen Scorings ausgeht schafft, Löcher für seine Mitspieler zu erzeugen, die diese ausnutzen. Und dabei ist es egal, ob Westbrook selber scort oder einen Assist spielt oder – wie oben beschrieben – nur für den Platz sorgt: Westbrooks Spiel schlägt sich sich in den Statistiken nieder.

Wie sich Westbrooks Spielstil in den Ergebnissen niederschlägt

Westbrook, oder allgemein ein Ballhandler, hat logischerweise zwei Möglichkeiten, um das Teamergebnis – sprich die Punkteausbeute – zu verbessern: entweder macht er selber Punkte oder er sorgt dafür, dass seine Mitspieler mehr Punkte machen. Die persönliche Punkterzeugung muss hierbei neben einer möglichst hohen Effektivität auch noch eine ebenfalls möglichst hohe Effizienz besitzen.

Betrachten wir also zunächst Westbrooks persönliche Ausbeute. Er erzielt in dieser Saison in 16 Spielen im Schnitt 28,6 PPG bei einem ORtg von 114 und einer USG% von 40,9%. Die Punkteausbeute ist zurzeit die höchste der NBA. Effektivität ist also gegeben. Doch wie steht es mit der Effizienz? Diese ist ja – glaubt man den Kritikern – eine seiner größten Schwächen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Bezieht man alle Spieler ein, die in einer Saison mindestens 500 Minuten spielten und eine USG% von mindestens 30 % hatten, spielt Westbrook die 61. effizienteste Saison aller Zeiten. Das ist schon gut, aber noch besser wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Westbrooks Saison 14/15 dabei die höchste aller Nutzungsraten aufweist. Je höher diese Rate ist, desto schwieriger wird es, hohe Effizienzwerte aufzulegen. Westbrooks Werte sind also besser als z. B. eine Saison mit einem ORtg von 118 und einer USG% von 30,4%. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Westbrook eine enorm effektive und effiziente Saison spielt und mit dem Scoring-Part seines Spiels den Thunder extrem hilft.

Westbrooks individuelle Scoring-Stärke erklärt auch schon einen Teil der These, dass er seine Mitspieler besser macht, denn die Defense muss sich auf einen solch starken Spieler wie Westbrook sehr stark konzentrieren. Da bleibt dann natürlich weniger Aufmerksamkeit für die anderen Spieler übrig. Das schlägt sich dann in den TS% seiner Mitspieler nieder. Mit Ausnahme von Perkins, Lamb, Jones und Morrow wird jeder Thunder-Spieler besser, wenn Westbrook auf dem Court steht.

Spieler

Durant

Ibaka

Roberson

Adams

Jackson

Collison

Thomas

TS% Westbrook on Court

 69,3

 56,0

 58,3

 54,0

 52,0

 54,5

 73,3

TS% Westbrook off Court

61,1

 51,7

 41,3

 51,8

 51,2

 42,7

37,8

Zwar ist die Statistik leicht dadurch verfälscht, dass Westbrook natürlich deutlich besser ist als seine Backups. Trotzdem ist ein Trend erkennbar und auch der Eye-Test zeigt, dass besonders Serge Ibaka und Steven Adams von seiner Präsenz profitieren. Um das noch etwas zu verdeutlichen, befassen wir uns einmal mit einer der wichtigsten Facetten von Westbrooks Spiel: Im schon verwendeten Beispiel aus dem Christmas-Game gegen San Antonio resultiert das erfolgreiche Play aus einem Drive Westbrooks. Diese Drives sind ein sehr wichtiger Bestandteil seines Spiels und schaffen immer wieder Platz für seine Mitspieler, da er seine Gegner oft durch seine Schnelligkeit und Explosivität abschütteln kann und somit Hilfe von anderen Verteidigern gebraucht wird. Beim ligaweiten Vergleich zeigt sich, dass Westbrook die NBA in “PPG on Drives” und Punkten durch Drives auf 48 Minuten hochgerechnet anführt. Bei den Drives per Game belegt er mit 10,5 Drives pro Spiel Platz sechs. Das zeigt, wie gut Westbrook auf diesem Gebiet ist; seine Drives sind einer der wichtigsten Gründe für seinen großen positiven Einfluss auf das Spiel.

„Die wichtigste Statistik ist für mich das Endergebnis“. Diesen Satz hat Spurs-Coach Gregg Popovich geprägt. Will man schlussendlich wissen, ob Westbrook dem Team mehr schadet oder nutzt, muss man die Frage nach der Punktausbeute mit und ohne ihn stellen. Auch hier überzeugt der athletische Playmaker: Mit ihm erzielen die Thunder 1,217 PPP, ohne ihn lediglich 1,001 PPP.

Assists sind nicht alles

Russell Westbrook hilft den Oklahoma City Thunder in dieser Saison enorm. Steht er auf dem Feld, erzielen die Thunder mehr Punkte und seine Mitspieler treffen besser. Seine individuellen Scoring-Leistungen sind zudem bisher allererste Sahne. Trotzdem wird er oft auf den Begriff Egoist reduziert, weil er weniger Assists spielt als bspw. Rajon Rondo. Assists bieten sich zwar als im Boxscore leicht ersichtliche Größe an, sind aber bei der Bewertung des Nutzens eines Ballhandlers nicht der letzte Schluss, da Assists nicht unumstößlich für Teamerfolg stehen. Ein Ballhandler hat viel mehr Möglichkeiten, das Spiel positiv zu beeinflussen. Russell Westbrook nutzt sie. Auch bei seiner vermeintlich großen Zahl an Bricks, besonders zu Ende des Spiels, sitzt der gemeine Fan einer Täuschung auf. Fehlwürfe am Ende eines Spiels brennen sich oft sehr stark in das Gedächtnis ein. Dass das Team vielleicht nur durch Westbrook so lange im Spiel war, wird ausgeblendet. Der Kollege Philipp Rück hat ähnliches für Schiedsrichterentscheidungen beschrieben. Außerdem passieren solche Fehlwürfe auch anderen Stars – weil diese aber „unbelastet“ sind, wird nicht so sehr davon gesprochen.
Vor der Saison adelte Scott Brooks Westbrook als besten Aufbau der NBA. Dieser beweist nun jedes Spiel aufs Neue, dass er in diese Konversation gehört. Mindestens.

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