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Best CBB-Defense … ever?

Schreibt Kentucky Geschichte?

Die Fans der Big Blue Nation können sich freuen. Ihr Kentucky-Team, das als Preseason-#1 in die Saison gestartet war, thront im Gegensatz zum vergangenen Jahr auch noch nach 12 Spielen (ohne Niederlage) ganz oben in den Collegebasketball-Rankings. Besonders ihre überragende Defense verbreitet dabei in der gesamten Nation Angst und Schrecken. Sie war der Schlüssel für beeindruckende Demontagen von traditionsreichen Programmen wie UCLA, Texas, Kansas und UNC, mit denen die Mannschaft von John Calipari schon früh Ansprüche auf den Titel des besten Colleges der Nation anmeldete. Spätestens nach dem überzeugenden Auswärtssieg beim Erzrivalen Louisville muss diesen Ansprüchen wohl stattgegeben werden. Die Wildcats und ihre Defense sind aktuell die uneingeschränkt Besten des Landes. Es kann mittlerweile ernsthaft darüber diskutiert werden, ob sie als Mannschaft ungeschlagen durch die Spielzeit kommen können. Zur Bewertung der bisherigen Gesamtleistung des Teams muss aber ein größerer Rahmen her, denn die Anhänger Kentuckys sehen derzeit eine historische Performance ihrer Basketballer.

Calipari can coach

Nach Niederlagen gegen gute Teams finden die Coaches des Verliererteams oft positive Worte für den Gegner. Selten haben sich aber so viele namhafte Übungsleiter so sehr mit ihren Lobeshymnen überschlagen. Wenn solche Aussagen zur Kentucky-Defense von unzähligen Jahrzehnten kombinierter Basketballerfahrung kommen, könnte an diesen etwas dran sein:

“Our team, I told them they were just guarded by the best defensive team in the modern era of college basketball,” Neubauer [EKU coach] said. “And I’m not exaggerating a little bit when I say that.”

“I don’t think I’ve ever coached in a game where the size, strength and physicality was what it was,” Texas coach Rick Barnes said.

“They were far more superior on the defensive end than our offense was,” North Carolina coach Roy Williams said. “I thought they dictated what we did on the offensive end with their athleticism, quickness, strength and size.”

“If they continue to play at that level defensively, I’m a firm believer they got a chance to run this thing out,” UCLA coach Alford said.

Pitino [Louisville coach] called Kentucky “one of the greatest defensive teams I’ve seen in my 40 years [of coaching].”

Dass John Calipari in diesem Jahr eine gute Verteidigungsmannschaft stellen würde, war ziemlich klar. Eine Starting Five mit keinem Spieler unter 6‘6‘‘ und eine durch die Bank weg athletische, hochtalentierte zweite Fünf, die eine potentiell funktionierende 10-Mann-Rotation nahezu ohne Leistungsabfall möglich machen würde, sind gefährliche Werkzeuge für einen Trainer wie Calipari, der entgegen der landläufig oft gängigen Meinung durchaus auch sehr gut coachen kann. Natürlich verbinden die meisten Gelegenheitsfans ihn als Erfolgsfigur nur mit seinen Jahren bei Kentucky, in denen er durch starkes Recruiting immer mit Elite-Talent gesegnet war und nie zeigen musste, was er aus mittelmäßigem Spielermaterial machen kann. Allerdings vergessen einige, dass er den Kentucky-Job nur bekommen hat, weil er gezeigt hat, was er mit guten, aber nicht Weltklasse-Talent erreichen kann. In seiner Zeit in Memphis reichte ihm nach dem Verlust von Derrick Rose, Chris Douglas-Roberts und Joey Dorsey einzig und allein Tyreke Evans als NBA-Level-Spieler-Ersatz aus, um nach einem ersten Platz im Defensivranking 2008 einen zweiten Platz 2009 zu erringen. Er braucht keine Ausnahmeathleten, wie Anthony Davis ’12, um eine Top-Defense aufzustellen. Umso gefährlicher wird es, wenn er herausragendes Spielermaterial wie 14/15 bekommt.

Wie gut ist die Kentucky-Defense?

Hier ein Anblick, der UCLA-Fans sicherlich noch auf Jahre sauer aufstoßen wird  (die Bruins kamen bis zur Halbzeit nur auf sieben Punkte), aber gut als Einstimmung gelten kann:

ucla

Eine Diskussion zu Kentucky als eine der besten Verteidigungen der Collegegeschichte könnte sehr schnell beendet werden. Die Wildcats sind derzeit, was das Defensivrating angeht, auf einer historischen Pace. Noch kein Team hat in dieser Metric, die seit 2001 erfasst wird, einen besseren Wert aufgelegt. Aktuell erlauben sie ihren Gegnern 73,3 Punkte per 100 Possessions und haben damit in dieser Saison ganz 4 Punkte Abstand auf die ärgsten Verfolger Louisville und Virginia, die ihrerseits wiederum auch herausragende Defensivleistungen abliefern. Selbst wenn man die Performance Kentuckys an die Stärke der bisher gespielten Mannschaften anpasst, steht für das Adjusted Defensive Rating noch immer mit 82,2 eine noch nie dagewesene Zahl da. Doch es wäre unfair, alle Teamverteidigungen von vor 2001 unter den Tisch fallen zu lassen und zusätzlich auch langweilig, nicht noch länger auszuführen, was die Wildcats-D in diesem Jahr auf ein solch hohes Niveau hebt. Starten wir also unseren kleinen Streifzug durch die Rekordbücher der NCAA.

Caliparis Vision für das diesjährige Team sieht vor, jeden Gegner in Halbfeldangriffe zu zwingen, die irgendwann mit herunterlaufender Uhr in einer ungünstigen Situation gegen seine auf allen Positionen sehr langen Spielern abgeschlossen werden müssen. Jeder Wurf kann und wird contestet, da der Größenvorteil in nahezu jedem Matchup gegeben ist und zur Not gute, weil schnelle und athletische Helpdefender da sind. Genau dies setzt sein Team par excellence um. Nach 13 Spielen zwingt Kentucky seine Gegner zu einer Feldwurfquote von 29,7 Prozent. Seit 1978 die Neuzeit des Sports eingeläutet wurde, schaffte es kein Team, seine Gegner auch nur bei unter 35 FG% zu halten. Den bisherigen Bestwert stellt Stanford ’00, die mit Jason und Jarron Collins, Mark Madsen und Casey Jacobsen zumindest auf vier Positionen den Wildcats ähnliche Size aufbieten konnten. Erstaunlich sind besonders die 31 2P%, die Kentucky erzwingt. In den letzten 10 Jahren waren in dieser Hinsicht die 38 2P% von Kansas ’06 die Bestmarke. Noch nie sahen sich Angreifer in der Zone so vielen langen potentiellen Shotblockern gegenüber und wurden entweder abgeräumt oder trauten sich gar nicht erst in die Zone. 20 BLK% sprechen Bände und werden im letzten Jahrzehnt nur von den Hasheem Thabeet-Huskies-2007 geschlagen (21 BLK%). Selbst mit seinen absoluten Blockzahlen muss sich das diesjährige Wildcats-Team nicht verstecken, auch wenn diese durch die langsame Pace der Mannschaft etwas verzerrt werden. Calipari reiht sich mit seinen Jungs mit 8,1 BpG direkt hinter den Mutombo/Mourning-Hoyas-1989 (9,1 BpG), den verschiedenen Thabeet-Teams (4x 8,5+ BpG) und seiner eigenen Meistermannschaft ’12  um Anthony Davis (8,6 BpG) ein.

Folgerichtig erschwert die Wildcats-Verteidigung ihren Gegner das Punkten ungemein. Durchschnittlich nur 47,2 Zähler erzielen Teams gegen Kentucky in diesen Jahr nur. Ein solcher Wert unter 48 wurde erst einmal erzielt (Fresno State ’82 – 47,1 OPpG). Legt man aber die durchaus sinnvollen Kriterien „High Major-Conference“ und „3-Punkte-Ära“ für ein solches Ranking an, so findet man schon kein vergleichbares Team mehr. Den bisherigen Bestwert hat Wisconsin ’12 mit 53,2 inne, die allerdings damals eine noch langsamere Pace als die Mannschaft aus Lexington pflegten. All dies mündet in einer in der Form nur einmal dagewesenen Dominanz,was den durchschnittlichen Punkteabstand zwischen einem Team und seinen Gegnern angeht (27,5 Scoring Margin). Nur die von Coachinglegende John Wooden geführten Bill Walton-Henry Bibby-Bruins von 1972 konnten in der Shotclock-Ära ihre Spiele mit größerem Unterschied gewinnen (30,3 Scoring Margin). Zudem stellt die Kentucky-Verteidigung 14/15 ein Top15-Team in forcierten Turnovers, obwohl das Defensiv-Schema nicht einmal primär auf solche Ballgewinne ausgelegt ist.  „Manhandling teams“ ist für das, was die Calipari-Jungs mit ihren Gegnern veranstalten also wohl sogar noch ein Understatement. Die Wildcats pflügen mit einer historischen, defensiven Wucht durch das NCAA-Feld.

Ist das Level zu halten?

An dieser Stelle sollten jedem Bedenken wegen Sample Size und dem daraus zu erwartenden Abfall der aktuellen Defensiv-Leistung nach 13 Spielen in den Kopf schießen. Diese kann man nicht als unangebracht abtun. Allerdings lassen sich auch recht einfache Argumente dagegensetzen, die im Falle Kentucky auf dem Weg zu einer All-Time-Defense sogar noch für eine potentielle Verbesserung der aktuellen Performance sprechen könnten. Wie immer, bietet Calipari eine sehr junge Mannschaft auf, die sich zu großen Teilen noch immer in der NCAA akklimatisiert. Auch wenn ein 0-auf-90-Start nach einem sehr lehrreichen Preseaon-Trip auf die Bahamas und einige Zweit- und Drittjahresspieler als Führungspersönlichkeiten darüber hinwegtäuschen – Freshmen brauchen immer ihre Zeit, um sich vollständig zurechtzufinden und junge Teams viele gemeinsame Spiele, um ihr volles Potential zu entfalten. Das Parade-/Extrembeispiel dafür bietet die eigene Truppe aus dem vergangenen Jahr, die erst im März anfingen Basketball zu spielen.

Ein Punkt, der dabei als potentieller Ansatzpunkt für eine solche Verbesserung sofort ins Auge springt, ist das Defensivrebounding. Während Kentucky durch die eigene Dominanz am offensiven Brett (46 OReb%)  insgesamt ein Top-10 Rebounding-Team stellt, ist es erstaunlich, wie viel defensives Potential durch nachlässiges Ausboxen und Missverständnisse in der Zonenverteidigung noch unangetastet sind. Die Wildcats erlauben es ihren Gegnern derzeit satte 41 Prozent ihrer möglichen Offensivrebounds zu holen – Platz 349 in der NCAA!
Für weitere Verbesserungen spricht auch der Kentucky-Schedule. Mit Texas, UNC, Kansas und Louisville traf man schon auf vier Teams, die in der Top 10 gerankt waren. UCLA und Providence müssen noch als Mannschaften mit Tournament-Chancen gelten. Die Wildcats haben sich im Non-Conference-Play mit dem achtbesten SOS also nicht ausgeruht. Es folgt nur noch das League-Play gegen die eigenen Conference-Kollegen. Dies wird zwar dafür sorgen, dass man nicht mehr auf Midmajor-Gurkentruppen trifft. Allerdings ist die SEC in diesem Jahr sehr schwach. Aktuell wird keiner der noch verbleibenden Kentucky-Gegner in der Top 25 geführt. All dies lässt ein Halten des aktuellen Levels als nicht unwahrscheinlich erscheinen.

40-0?

Die gezeigte Dominanz führt zu einer unausweichlichen Frage, die die Medien bis zum Ende dieser Saison ständig wiederholen werden. Ist dieses Kentucky-Team überhaupt noch zu schlagen oder können sie die 40-0-Träume aus dem Vorjahr in 14/15 Wirklichkeit werden lassen? Nach den vielen Zahlen im den Vorkapitel sollte man es wohl mit einer mathematisch basierten Antwort bei dieser Grafik belassen:

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Jeder kennt das Prinzip von einem Wettschein. Einen Favoriten in einem Spiel zu tippen ist einfach. Viele Favoriten zu tippen, lässt einen Wett-Gewinn schon unwahrscheinlicher werden, da in mehr Spielen auch mehr schiefgehen kann. Auch wenn dieses Jahr nur wenige Monate nach dem Regular Season-Durchmarsch von Wichita State aus 13/14 ein schlechter Zeitpunkt ist, sich genau das ins Gedächtnis zu rufen: Bisher haben es erst fünf Colleges in mehr als 90 Jahren NCAA-Geschichte geschafft, alle Spiele inklusive der Partie um die Meisterschaft zu gewinnen. Es brauchte dafür wahre Legenden unseres Sports (4x John Wooden, 1x Bobby Knight, 1x Bill Russell) und anscheinend auch das richtige Collegebasketball-Zeitalter. Die Namen verraten es, seit 1976 gab es keinen NCAA-Champ ohne Niederlage auf dem Konto.

Nur die Regular Season ungeschlagen abzuschließen, scheint aber auch noch in unserer Ära möglich zu sein, auch wenn dies extrem selten ist. Wichita State ’14 um Cleanthony Early, Saint Josephs ’04 um Jameer Nelson und UNLV ’91 um Larry Johnson/Greg Anthony/Stacey Augmon waren die letzten drei Beispiele, bevor man bis zu Indiana State ’79 um Larry Bird zurückgehen muss. Dabei fällt auf, dass diese Colleges alle Midmajors sind. High Majors mit stärkeren Conference-Gegnern war es in der 3-Punkte-Ära noch nie vergönnt, auch nur in der Regular Season ungeschlagen zu bleiben. Es kam durch die neue Waffe Dreipunktwurf selbst für die stärksten High Major-Teams immer zu mindestens einem Upset vor dem Tournament.

Auch wenn Kentucky durch das eigene extrem hohe Level und die fast schon historische Schwäche der eigenen Conference SEC wohl die besten Voraussetzungen seit Ewigkeiten mitbringt, endlich einmal wieder ein Highmajor mit komplett weißer Weste am Ende der Saison zu sein, darf man sich nicht zu sehr blenden lassen. Noch sind zwei Drittel der Saison zu spielen und es kann in diesen mindestens 20 Spielen noch zuviel passieren, als dass man einfach von einer nicht endenden Siegesserie ausgehen kann. Offensiv ist Kentucky mit Rang 230 in 3P% und Platzierung 180 in TOV% nicht unfehlbar und kann selbst einen Tag erwischen, in dem im Angriff nicht genug fällt. Jeder Fehler wird bestraft, da die Wildcats besonders nach diesem Saisonstart jedermanns „Spiel 7 der Finals“ sein werden. Dies wird diesem jungen Team ein extrem hohes Maß an Konstanz abfordern. Jedes Spiel muss ernstgenommen werden. Dass dies gerade gegen vermeintlich Schwächere sehr schwer sein kann, zeigt die diesjährige erste Halbzeit gegen Mid Major Buffalo, nach der das Kentucky-Team Daheim in Lexington mit 33-38 hintenlag. Es wird  also von 18-, 19-, 20 Jährigen nicht weniger als Perfektion gefordert. Ob sie dies an jedem Abend bringen können, bleibt abzuwarten.

History in the making

Jeder Basketball-Interessierte sollte sich diese Kentucky-Defense ansehen. Es gibt nichts Schöneres als Sportgeschichte zu verfolgen, während sie passiert. Dieses Wildcats-Team bietet mit seiner All-Time-Performance in der Verteidigung die Chance dafür. Die dazu aufkommende „40-0-Storyline“ bietet dazu noch ein ganz besonderes Schmankerl. Caliparis Team 14/15 hat seinen Platz in den CBB-Geschichtsbüchern mit oder ohne „Perfect Season“ aber jetzt schon sicher, selbst wenn es im Worst Case als Verlierer in einem der größten Upsets aller Zeiten ist. Sich anzuschauen, wie die Geschichte ausgeht, wird sich in jedem Fall lohnen.

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