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Keith Langford – Wer ihn stoppen will, muss gut sein

Warum Keith Langford der beste Scorer Europas ist
© Euroleague

Ich muss gestehen, dass es in Mode und leicht ist, Basketballspieler anhand ihrer statistischen Werte zu beurteilen. Leicht, weil zumindest die herkömmlichen Statistiken eines Spielers meistens nur einen Klick entfernt sind und quasi nur darauf warten, von uns betrachtet und bis ins Feinste analysiert zu werden. Auch Advanced Stats hat man mit einer gewissen Spürnase schnell zur Hand, auch wenn dafür zumindest in Europa meist mehr als nur ein Klick erforderlich ist. Spieler vergleichen, Schwächen herauslesen, all das ist vermeintlich zügig gemacht. Wo wir schon bei Keith Langford wären. Nicht, weil man bei seinen Zahlen sofort die eine oder andere Schwachstelle erblickt, sondern weil der seit 2014 in Kazan beheimatete und mittlerweile 33-jährige Amerikaner einem zumindest eines immer wieder aufs Neue vor Augen führt: Statistikbögen, in denen der Name des 1,93m großen Guards irgendwo auftaucht, sind niemals leer.


Wer Langford spielen sieht, der würde selbst bei einem Aussetzen des Euroleague-Stars am Ende irgendwo ein oder zwei Pünktchen vermuten. Was auf den ersten Blick unlogisch klingt, soll am Ende aber vor allem eines verdeutlichen: Keith Langford liefert ab, immer und überall. Egal, wer der Gegner ist, wie sehr sich die Defensive auf ihn konzentriert, am Ende landet der Ball dann doch recht regelmäßig aus seinen Händen im Korb des Gegners. Damit sind wir dann auch wieder beim Eingangsthema: 24.1 Punkte pro Spiel stehen für Langford in der Statistik zu Buche. Dazu 3.9 Rebounds und 3.9 Assists, unglaubliche Werte. Was in NBA-Sphären niemanden vom Hocker haut, sorgt in Euroleague-Kreisen regelmäßig für offene Kinnladen.

Um zu sehen, wie sehr Langford herausragt, dafür reicht in dem Fall tatsächlich ein Blick in die Punkte-pro-Spiel-Liste der Euroleague. Wer daraus schließen will, dass der offensivstarke Guard einer der herausragenden Spieler der diesjährigen Competition ist, der macht damit nichts falsch – und kommt dennoch nicht wirklich an den Kern des Ganzen. Denn wer Keith Langford nicht nur statistisch, sondern auch mit eigenen Augen auf dem Parkett, betrachtet, dem fallen viele weitere Dinge auf: Wie wenig er etwa durch forcierte Aktionen das Teamspiel unterbindet, wie oft er den freien Mitspieler bedient oder wie gut seine Crunchtime-Performances sind. Erst vor einigen Tagen, im Heimspiel gegen Panathinaikos Athen, durfte man sich wieder ein Bild von der Klasse des Amerikaners machen. Was so besonders war, soll die nun folgende Analyse anhand einiger konkreten Szene zeigen.


Der erste Bildausschnitt zeigt die sehr aggressive Defense der Gäste beim Pick and Roll. Während viele Teams das Blocken und Abrollen sehr konservativ und mit dem absinkenden Big verteidigen, wählen die Mannen um Trainer Xavi Pascual einen anderen Weg. Die Marschroute, extrem zu hedgen und Langford als Ballhandler den Weg zum Korb zu versperren, wird bereits zu Beginn sehr hartnäckig verfolgt.

Guard James Feldeine und der für Panathinaikos extrem wichtige Chris Singleton als Center nehmen Langford den Passweg zu Artsiom Parakhouski, welcher hart abrollt. Während die Gäste mit drei Spielern den eigenen Korb schützen, pressen Feldeine und Singleton immer weiter an und forcieren so den Pass, der jedoch aufgrund eines Reach-In-Fouls nicht ankommt. Das Ziel, den Ball aus Langfords Händen zu bekommen, klappt auch daher hervorragend, da Kazan fast ausschließlich das ‘2-5er’ Pick ‘n’ Roll läuft und so jedes Mal die besten Verteidiger Athens involviert sind.

In der folgenden Szene haben wir das bekannte Bild: Langford sucht das Pick and Roll mit seinem Center, verpasst jedoch, sich etwa durch einen Pocket Pass schnell vom Ball zu trennen oder selber das PnR zu splitten. Aufgrund der Spannweite und der Mobilität von Singleton ist daraufhin auch der hoch angesetzte Pass, über einen der Defender hinüber, versperrt. Langford versucht trotzdem das riskante Anspiel, was in einem Turnover endet.

Einige Minuten später findet sich Kazans Nummer Fünf abermals in einer solchen Situation wieder. In bester Stan Van Gundy-Manier formiert sich das Feldeine-Singleton-Duo zu einer menschlichen Mauer und verhindert so jegliche Scoringmöglichkeit Langfords. Um nicht (wieder) den Ball zu verlieren, ist er generell eher dazu gewillt, trotz Doppelns den Ball recht lange in den Händen zu halten und den richtigen Pass zu spielen. Das führt dank guter Ballhandlingfähigkeiten fast zwangsläufig zu weniger Turnovern, spielt den Verteidigern jedoch auch in die Karten.

Klassische vier gegen drei Möglichkeiten, wie sie etwa die Golden State Warriors in der NBA im letzten Jahr besaßen, fallen so oft weg. Draymond Green-artige Lob-Pässe oder Anspiele zu den freien Schützen in der Ecke wird man beim russischen Team eher selten sehen. Auch wenn Langford selbst daran nicht unschuldig ist, fehlen den abrollenden Centern oftmals auch die nötigen Passqualitäten, um diese Überzahlmöglichkeiten erfolgreich auszuspielen. Darüber hinaus ist es wichtig zu betonen, dass es keine eingespielten Folge-Aktionen gibt, weil man einer solch aggressiven Defense sehr selten begegnet. Selbst hochdekorierte Guards wie Nando De Colo oder Milos Teodosic sehen sich fast nie einer solch heraustretenden Verteidigung gegenüber, was wiederum für die Offensivklasse des Unics-Guards spricht. In den folgenden Beispielen erkennt man, welchen Platz er seinen Nebenleuten verschafft, welche allerdings nicht erfolgreich zum Abschluss kommen.

Dass Panathinaikos mit dieser ungewöhnlich aggressiven Hedge-Verteidigung gegen ein Euroleague-Team jedoch nicht gänzlich ungeschoren davon kommen kann, zeigen folgende Spielausschnitte. Das Problem hierbei: Obwohl Langford den richtigen Pass spielt und Kazan zwei offene Corner-Threes bekommt, landet der Ball nicht im Athener Korb. Für Gegner-Coach Pascual ein kalkuliertes Risiko, welches in dem Fall aufgeht.

In dieser Szene zieht Langford nach eigenem Post-Up den Help-Defender (Singleton) und findet Pavel Antipov, der, wie erwähnt, vergibt.

Keith Langford wäre allerdings nicht Keith Langford, wenn er keine anderen Wege finden würde, um selber zu scoren. Zwar bieten sich aus dem Pick and Roll keine Möglichkeiten, doch im Eins gegen Eins ist es schwerer, rechtzeitig Hilfe zu schicken. So wählt er alleine im ersten Viertel vier Mal die Isolation, zwei Mal vollstreckt er erfolgreich. Gegen Nick Calathes sitzt der Fadeaway nach Post-Up noch nicht, dafür kann Feldeine den gefürchteten Drive über links nicht stoppen und auch  Demetris Nichols hat am Perimeter das Nachsehen gegen den Step-Back-Dreier. Langford ist sich bewusst, dass seine Isolationsoptionen effizienter sind als die Möglichkeiten aus dem Pick and Roll gegen die Hedge-Verteidigung und schickt so selbst den eigenen Center, der für ihn den Block stellen will, aus dem Weg. Der 33-jährige weiß, dass jeder Ballscreen für ihn eine weitere Hürde ist und wählt so direkt den Weg der Isolation ‘on top’. Versucht er sein Glück an den Elbows, kommt mit Singleton direkt ein Help-Defender und vereitelt einen schnellen, hochprozentigen Abschluss.

Im zweiten Viertel ändert sich dann schließlich das Bild, da Panathinaikos zwangsläufig auch Singleton irgendwann auswechseln muss und dem Guard so neue Verteidigungsvarianten präsentiert. Gäste-Coach Pascual weiß um die defensiven Schwächen seines nun auf dem Feld stehenden Centers Ioannis Bourousis, kann ihn jedoch gerade in diesem Matchup nicht verstecken. Langford attackiert so nun wieder verstärkt aus dem Blocken und Abrollen und findet ein ums andere Mal seinen sprunggewaltigen Center Latavious Williams.
Im ersten Bild begeht KC Rivers den Fehler und lässt dem gegnerischen Ballhandler den Weg zur Mitte offen (noch keine taktische Umstellung, reiner individueller Fehler). Per Drive zum Korb über links und anschließendem Alley-Oop kann Kazan hier einfache Zähler aufs Scoreboard zaubern.

Im zweiten Beispiel sieht man dann, wie unschlüssig sich Borousis beim Verteidigen vom Langford-Williams Pick and Roll ist. Einerseits versucht er zu hedgen und Langford zu stoppen, andererseits will er den Alley-Oop Pass verhindern und rotiert so schnell zurück in die Zone. Beides gelingt ihm jedoch nicht und so gelangt Langford in die Mitteldistanz und vollendet dort anschließend per Stepback mustergültig.

Bereits zu diesem Zeitpunkt wird offensichtlich, was man als griechischer Fan befürchten musste: Um Kazans ‘2-5er’ Pick and Roll zu verteidigen, benötigt man potenzielle Defensivspieler des Jahres wie Singleton. Fußlahme Center wie der Grieche Bourousis werden gerade von Langford stets bestraft. Dass der letztjährige ”People’s MVP” Ioannis Borousis sporadisch zwar das defensive Schema umsetzen kann, beweist er viel zu selten.

Wie sehr Keith Langford, gerade von Singleton und Feldeine, unter Druck gesetzt wird, ist umso bemerkenswerter, wenn man sich im Gegensatz dazu die Athener Verteidigung gegen Playmaker Quino Colom anguckt. Man achte darauf, wie tief Singleton in der Zone steht. Kein Vergleich zu den bereits gezeigten Aufnahmen.

Neun Punkte stehen für Kazans Topscorer am Ende der ersten Hälfte auf dem Statistikbogen. Was für andere Spieler einen guten Spielabschnitt widerspiegelt, ist für den Topscorer der Euroleague zu wenig.


Was sich in der Pause ändert, ist seine Aggressivität. Langford wird im dritten Viertel alleine elf Punkte scoren, alle elf kommen jedoch aus Isolationen. Panathinaikos kann keine Hilfe schicken, die nicht zu riesigen Löchern in der Defense führen würde. Und das ist die Stärke Langfords: Er nimmt das, was er angeboten bekommt. Während sich viele Trainer freuen, wenn der Gegner sich in Eins gegen Eins Situationen verzettelt, ist das für Kazan nur Mittel zum Zweck. Läuft die Nummer Fünf im grünen Dress heiß, ist es zu spät. Er geht über links und nutzt das Backboard für artistische Korbleger oder geht über links, stoppt kurz ab und nimmt seinen Floater zu Hilfe. Er geht über rechts und trifft Jumpshots jeglicher Art. Kurz gesagt: Er ist schwer zu verteidigen. An manchen Abenden weiß man früh, wann es den Gegner trifft. So wie hier:

Der direkte Weg zum Korb ist versperrt, also muss es ein Stepback-Dreier richten. Die Defense ist zu weit weg. Nichts als Nylon.

Zwei weitere Beispiele, wieder ist Bourousis das Opfer. Langford kommt mit vollem Tempo über seine starke linke Seite. Nur wenige Verteidiger besitzen die laterale Geschwindigkeit, um diese Penetration zu verhindern.

Erst in den Schlussminuten, als Panathinaikos hinten liegt und dringend Stops benötigt, gelingt es wieder, den Ball aus Langfords Händen zu forcieren. Wie sehr die Verteidigung dafür heraustreten muss, ist bemerkenswert.

Am Ende gewinnt Kazan 83:81 gegen die favorisierten Mannen aus Athen. Langford, in Halbzeit zwei weitaus weniger als Pick and Roll Ballhandler und mehr im Eins gegen Eins agierend, ist einer der Hauptgründe. Könnte sich Bambergs Andrea Trinchieri einen Spieler für die Crunchtime wünschen, der 33-jährige wäre wohl ganz oben auf der Liste des Italieners. 27 Punkte, 4 Rebounds und 5 Assists stehen am Ende auf dem Statistikbogen. Ohne das Spiel gesehen zu haben, könnte man meinen, dass der US-Amerikaner mal wieder ein gutes Spiel abgeliefert habe. Beschäftigt man sich mit dem ”Wie”, ist es umso bemerkenswerter. Doch da wären wir wieder beim Anfang des Artikels. Genießt die Klasse von Keith Langford, solange er noch da ist!

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