Draft, Gedanken

Diagnose: Kreuzbandriss!

Wie verändert sich der Draftstock Nerlens Noels durch seine Verletzung?

Die Kentucky Wildcats gelten aktuell als eines der Collegeteams, welches in diesem Jahr am meisten enttäuscht hat. Der NCAA-Champ aus der vergangenen Spielzeit schlägt sich nach einem der überzeugensten Titel-Runs der vergangenen Jahrzehnte derzeit eher mit Mittelmaß herum. Einziger Lichtblick in der Truppe von Erfolgscoach John Calipari war der Bigman mit der #3. Freshman Nerlens Noel verzückte trotz ausbleibenden Teamerfolgs die Wildcatsfans mit vielen spektakulären Aktionen. Im Sommer sollte sein Name als einer der ersten bei der NBA Draft verlesen werden. Was dann folgte, war eine schlimme In-game-Verletzung und danach eine Diagnose: Kreuzbandriss.

Wo wäre Noel vor der Verletzung gelandet?

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Nerlens Noel kam als Fünfsterne-Rekrut in dieser Saison nach Lexington. Die bekannten Rankingwebsites führten ihn hierbei zumeist entweder als #1 oder #2 (hinter UCLA-Freshman Shabazz Muhammad) seiner Highschool-Class und prognostizierten ihm damit selbstredend eine rosige Zukunft (Blickt man zurück, findet man die zukünftigen #1 Picks Kyrie Irving, John Wall oder auch Derrick Rose in der Top 5 ihres Schuljahrgangs wieder). Eine besondere Stellung nimmt hierbei Anthony Davis ein, da Noel exakt in dessen Fußstapfen treten sollte. Bester Highschoolspieler, National Player of the Year, Titelgewinn mit Kentucky, First Pick der NBA Draft im Sommer darauf. Diese Route hatte Davis vorgegeben. Noel sollte folgen.

Ähnlich wie die „Monobraue“ ist auch Noel ein athletischer Bigman, der den Defensivanker eines Collegeteams geben kann. Offensiv nicht so beschlagen wie sein Wildcatskollege (10,5 PpG, 52 FT%) konnte Noel immerhin in der Verteidigung seine Vorlage Davis kopieren. Mit 9,5 RpG, 4,4 BpG und 2,1 SpG kam er auf ähnlich astronomische Werte wie Davis, hatte damit den Titel Defensiv Player of the Year in der eigenen Conference SEC schon in der Tasche und war damit heißester Anwärter auf den Titel auf nationaler Ebene. Zudem deutete er offensiv sein Potential abseits von Tip-Dunks und dem Verwerten von Durchsteckern an. In einem Jahr ohne klaren Favoriten konnte sich Noel durchaus berechtigte Hoffnungen machen, der #1 Pick zu werden. Es folgte dieses Spiel gegen Florida:

Wie beeinflusst dies seine NBA-Aussichten?

Zunächst einmal sollte man sagen, dass Noel und seine Berater klugerweise vorgesorgt haben. Der junge Big Man hat sich vor seiner Collegekarriere gegen Verletzungen, die eine Profikarriere verhindern, versichert. 10 Millionen Dollar stünden ihm beispielweise im Falle einer Ganzkörperlähmung zu, die einen Wechsel in die NBA unmöglich machen würde. Glücklicherweise fiel die Diagnose nach der Verletzung im Vergleich zu solchen Horrorszenarien eher mild aus: Kreuzbandriss, wie ihn zum Beispiel auch Derrick Rose im vergangenen Jahr hinnehmen musste. Dies bedeutet 8-12 Monate Pause, aber eventuelle Langzeiteffekte können bei einer solchen Verletzung durch die neusten Behandlungs- und Therapiemethoden größtenteils ausgeschlossen werden. Dennoch, aktuell führt kein Mockdraft Noel mehr an Position Eins. Sollte Noel nun noch den Sprung in die NBA wagen oder für eine weitere Saison an das College zurückkehren?

Ein zweites Jahr bei Kentucky bietet natürlich die Möglichkeit, sich den Status eines potentiellen #1 Picks zurückzuholen und dafür beispielsweise weiter an den Offensivfähigkeiten zu feilen, um mit einem runderen Spiel das College zu verlassen. Zudem besteht die Chance mit einer herausragenden Recruitingclass im nächsten Jahr mit Kentucky nach dem Titel zu greifen. Allerdings stellt sich die Frage, inwiefern Noel hier seinen eigenen Wert wirklich steigern kann oder eventuell sogar darunter leidet, dass er nach langer Pause wohl erst zu den letzten 10-15 Saisonspielen wieder das Parkett betreten werden kann. Wird er neben den verbesserten Teamkollegen überhaupt noch so sehr herausstechen? Was passiert, wenn er in der Offensive keine Verbesserung zeigt und sich dies als „red flag“ in sein Spielerprofil einfügt? Fragen, die eine Menge negative Anworten und Szenarien für Noel zulassen.

Wohin die Reise gehen sollte

Deshalb gibt es aus meiner Sicht für ihn nur eine richtige Entscheidung: Den Weg in die NBA zu suchen. Und dies scheint Noel auch erkannt zu haben. In Rücksprache mit NBA-Vertretern hat er sich Anfang März bei Dr. James Andrews in Florida operieren lassen. Dieser ausgewiesene Kniespezialist hat in der Vergangenheit schon Michael Jordan, Charles Barkley, Brett Farve oder aber in jüngerer Vergangenheit Rajon Rondo und Robert Griffin III auf dem Tisch gehabt. Interessantester Patient dürfte NFL-Running Back Adrian Peterson gewesen sein, der in der vergangenen Saison nach seinem Kreuzbandriss eines der beeindruckendsten Verletzungscomebacks der Footballgeschichte feierte und nur 14 Monate nach seinem Kreuzbandriss im Dezember 2011 zum MVP der NFL-Saison 2012/13 gewählt wurde.

Auch der Zeitpunkt der OP war abgesprochen. Pünktlich zu den Draftworkouts lassen sich sicherlich schon einige Aussagen zum Verheilungsprozess in Noels Knie treffen und minimieren so das Risiko der potentiellen neuen Arbeitgeber etwas. Zudem haben Teams, die hoch in der Lottery picken, zumeist Zeit eine Saison auf einen Spieler wie Noel zu warten und ihn im eigenen Umfeld auf die Rückkehr bestmöglich vorzubereiten. Dies scheinen auch die meisten Mock Drafts so zu sehen. Nerlens Noel gilt noch immer als sicherer Lottery Pick mit guten Chancen auf eine Top 5-Platzierung. Bei Draftanmeldung würde er wohl eine Einladung zum „Green Room“ bekommen. Und diese darf er nicht ausschlagen!

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0 comments

  1. Klar wäre es gut sich jetzt für den Draft anzumelden wenn er es will.
    Andererseits würde mindestens ein weiteres College-Jahr seine Fähigkeiten verbessern. Denn: wenn er Angst davor haben sollte in nem stärkeren Team unterzugehen, dann sollte er mMn gar nicht erst an die NBA denken.

  2. Christian Neumann via Facebook

    In der NBA wird öfter, intensiver und auf höherem Niveau trainiert. Wenn er wirklich seine Fähigkeiten verbessern will, muss er Profi werden. Wenn er in der NBA aber auch gleich viel spielen will, ist ein weiteres Jahr am College vielleicht doch besser.

  3. Sebastian Hansen via Facebook

    was meint ihr, gäbe es teams, die das risiko ihn (hoch) zu draften eingehen würden?

  4. Christian Neumann via Facebook

    Ja, öfter. Die NCAA schränkt ein, wann, wie oft und wie lange trainiert werden darf. Profis kennen solche Vorschriften nicht.

  5. Dennis Spillmann via Facebook

    @Sebastian: Das werden wir im Draftvorlauf sicherlich noch besprechen, deshalb ganz kurz: Jedes team ohne Baustein sollte das Risiko eingehen. Also die Bobcats beispielsweise. Draftposition ist da fast unerheblich


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