Off-Court

Botschafter Rodman?

Über die Verbindungen von Sport und Politik

Was muss passieren, damit deutsche Medien Meldungen zum Thema Basketball veröffentlichen, die über einige Zeilen zu Dirk Nowitzki hinausgehen? Vor einigen Tagen beantwortet ein ehemaliger NBA-Star diese Frage auf eine eher skurrile Art und Weise: Dennis Rodman machte mit einer Nordkorea-Reise samt Audienz bei Jung-Diktator Kim Jong Un auf sich aufmerksam. Der fünfmalige Meister mit den Pistons und Bulls besuchte den isolierten Staat zusammen mit einer Delegation der Harlem Globetrotters, initiiert vom Online-Magazin Vice. Aus sportlicher Sicht folglich völlig uninteressant, ist die hier vorzufindende Verknüpfung von Basketball und Politik trotzdem einen genaueren Blick wert.

Sport und Politik

Durch die Fixierung des Basketballs auf die NBA und damit die USA kreuzen sich die Wege der Spieler und Funktionäre eher selten mit denen von Vertretern politisch fragwürdiger Systeme. Durch die Zentrierung auf Nordamerika ist zudem die FIBA vergleichsweise wenig bedeutsam, anders als die FIFA. Der Fußball ist in dieser Hinsicht nicht der Extremfall als weltweit am weitesten verbreitete Sportart, aber besonders im Fokus und somit zum Beispiel prädestiniert: Einerseits verbittet sich die FIFA wie praktisch alle Sportverbände im Rückgriff auf die olympischen Ideen offiziell jeden politischen Eingriff. Andererseits führen de Facto finanzielle Interessen, das ‚Ein Staat, Eine Stimme‘-Prinzip und eben auch die weitgehende Unabhängigkeit von rechtsstaatlicher Kontrolle dazu, dass etablierte Funktionärszirkel kaum Einschränkungen ihres Einflusses fürchten müssen. Die Verbände können die Unabhängigkeit von der Politik folglich nach eigenem Gutdünken auslegen – und somit finanzkräftige Staaten und die wichtigsten Organisationen erheblich voneinander profitieren. In diesen Zusammenhang ist etwa die Frage einzuordnen, ob Katar im Hochsommer der richtige Spielort für eine Fußball-Weltmeisterschaft ist.

In diesem Fall blieben die wirtschaftlich-politischen Komponenten im Verborgenen, deutlich direkter verfuhr dagegen Kirsan Iljumschinow, Präsident des Weltschachbundes FIDE und früherer Gouverneur der russischen Teilrepublik Kalmückien. Er besuchte demonstrativ sowohl den früheren libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi als auch Baschar al-Assad, Präsident Syriens, während des Bürgerkriegs in den jeweiligen Staaten. Den angeschlagenen Herrschern half das wenig, und nachdem keiner der Staaten größere Relevanz für das Schach aufweist, blieben die Motive des FIDE-Präsidenten unklar. Bemerkenswert ist aber, dass die Stabilität der Funktionäre in ihren Ämtern von derart fragwürdigen Entscheidungen in der Regel nicht berührt wird – meist aufgrund der Stimmmacht der kleineren Verbände und gegen den Widerstand aus westlichen Staaten.

Ping-Pong- und Cricket-Diplomatie

Diesen ebenfalls eher skurrilen und vor allem für die Sportarten relevanten Fällen stehen allerdings auch Beispiele gegenüber, wo die sportliche Auseinandersetzung zur diplomatischen Annäherung genutzt wurde. Meistens wird in diesem Zusammenhang die sogenannte Ping-Pong-Diplomatie bemüht, die Anfang der 1970er Jahren eine Annäherung der USA an das kommunistische China ermöglichte. Freundschaftsspiele im Tischtennis waren der Anlass für einen Austausch auf höchster politischer Ebene, erst der Staatssekretär und spätere Außenminister Henry Kissinger und 1972 auch der damalige Präsident Richard Nixon besuchten China. Ein ähnlicher Fall waren Kontakte zwischen Indien und Pakistan im Rahmen von Spielen der jeweiligen Cricket-Nationalmannschaften in den 2000er-Jahren. Die in den beiden Staaten extrem beliebte Sportart schuf den Rahmen für Gespräche der durch den Kaschmir-Konflikt verfeindeten Staaten. Die konkrete Wirkung der sportlichen für die diplomatischen Begegnungen ist dabei allerdings schwer einzuschätzen – mehr als lediglich Symbolik dürfte jedoch schwer zu belegen sein.

„Slam Dunk Diplomacy“?

Eine US-Amerikanische Website zu Nordkorea sieht ähnliche Verbindungen auch zwischen der Volksrepublik und den Vereinigten Staaten und spricht analog von „slam dunk diplomacy“. Hintergrund ist die Begeisterung vieler nordkoreanischer Funktionäre, einschließlich der Kims, für Basketball, die seit Anfang der 1990er Jahre zu einigen Kontakten zwischen den beiden Staaten führten. Tatsächlich kann der Artikel kaum Beispiele für eine erfolgreiche Annäherung aufführen, sondern zeigt im Gegenteil die verfahrene Situation zwischen den beiden Staaten.

Dass Dennis Rodman in diesem Fall eine Verbesserung der Beziehungen erreichen könnte, darf wohl als ausgeschlossen gelten. In einem seiner Tweets zur Reise schrieb er etwa: „Maybe I’ll run into the Gangnam Style dude while I’m here“ – seine völlige politische Unbedarftheit, hier konkret, zwischen Norden und Süden zu unterscheiden, wird dabei nur zu deutlich. (Abgesehen davon, dass er es nicht für nötig hielt, PSY mit Namen zu nennen) Allerdings nimmt Rodman keinen Posten ein, wurde nicht dafür gewählt, seine Sportart zu repräsentieren – der einzige, dessen Ruf unter der Reise leiden könnte, ist Rodman selbst.

Unvermögen als einziger gemeinsamer Nenner

Was verbindet die diversen Schnittpunkte von Sport und Politik, zwischen der Aufwertung diplomatischer Parias wie Assad oder eben Kim über wirtschaftlich motivierte Kooperation bis hin zur tatsächlichen Kontaktaufnahme über Sportereignisse mit Rodmans „Mission“? Das ist in erster Linie das Unvermögen, den eigenen Anspruch – völkerverbindend und unpolitisch zu sein – mit der Realität in Einklang zu bringen. Konkret formulierte Rodman das bei Twitter folgendermaßen: „I’m not a politician. Kim Jung Un & North Korean people are basketball fans. I love everyone. Period. End of story.“ Tatsächlich wird dieses Konstrukt praktisch ausschließlich zum eigenen Vorteil genutzt, um etwa Kritik für den Umgang mit Diktaturen abzuwehren. Die Umkehrung, dass Sportler sich genauso wenig für politische Zwecke einspannen lassen dürfen, schließen allerdings die wenigsten. Die Durchführung großer Turniere, oder in Sonderfällen wie Nordkorea auch ein Besuch wie der Rodmans können Staaten aufwerten und sind demnach nicht völlig von dem politischen Hintergrund zu befreien. Aussagen, dass Kim sich eine Kontaktaufnahme durch die USA wünsche – während die Staaten gleichzeitig Drohgebärden austauschen – vervollständigen das Bild: Rodman scheitert, genauso wie auch viele andere Sportler und Funktionäre, am Spagat zwischen dem eigenen Auftreten und dem Anspruch, unpolitisch zu sein.

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