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Wie Augustine Rubit das Spiel der Ulmer verändert

Foto: Florian Achberger

Nach einem imposanten ersten Profi-Jahr bei den WALTER Tigers will Big Men Augustine Rubit seinen nächsten Schritt nun beim diesjährigen Halbfinalisten ratiopharm Ulm machen. Rubit, von Tigers-Manager Robert Wintermantel zu einem der „zehn besten Rookies in ganz Europa“ erklärt, bestach in der abgelaufenen Saison vor allem durch seine überragende Athletik. Für Thorsten Leibenath und seine Ulmer der erste Ansatz für eine neue Spielweise…  

 

Offense  

 

Zu aller erst wollte sich das Trainerteam nämlich um Spieler bemühen, die eben die angesprochene Athletik mitbringen. Nachdem man im letzten Jahr mit Will Clyburn und Tim Ohlbrecht nur zwei sprungkräftige Spieler in den Reihen hatte, scheint der Ansatz in diesem Sommer ein anderer. Für Rubit muss auf der Power Foward-Position nämlich der US-Amerikaner Maarten Leunen weichen, der lediglich wegen seines Distanzwurfs gefürchtet war. Die Spielanlage von Augustine Rubit, der vier Jahre für das College in South Alabama spielte, unterscheidet sich da sehr.

Der 25-Jährige hat sich bislang noch keinen soliden Dreipunktwurf zugelegt. Nur zwölf seiner 34 Versuche fanden in der letzten Spielzeit in Tübingen ihr Ziel, was zur Folge hatte das seine Gegenspieler diesen Aspekt seines Spiels noch nicht respektierten. Oft war es zu sehen, dass die Verteidiger von Rubit zum Korb absinkten, um Help-Defense zu spielen und keine Sorgen hatten ihn an der Dreierlinie offen stehen zu lassen. Dies konnte Rubit zu selten bestrafen, weshalb man auch in der nächsten Saison damit rechnen muss, dass er freie Looks von „Downtown“ bekommt.

 

(www.telekombasketball.de, TUB-ART) (www.telekombasketball.de, ULM-TUB) (www.telekombasketball.de, ULM-TUB)

 

Doch der Dreipunktwurf nimmt ja nur ein sehr kleines Volumen der Würfe von Rubit ein (11,7%). Hauptsächlich ist der Texaner unter den Körben zuhause. Mit seiner enormen Sprungkraft steigt er immer wieder für Dunks oder einfache Layups in der Zone hoch. Dabei ist besonders auffällig, wie gut die Körperbeherrschung bei Rubit selbst bei hartem Kontakt des Gegners ist. Nicht selten war es zu sehen, wie Defender ihn für zwei Freiwürfe an die Linie schicken wollten, er aber dann trotzdem noch den Korb erzielte. So trifft Rubit in bemalten Bereich starke 61,5 Prozent seiner Würfe.  

Ein großes Entwicklungspotenzial hat Augustine Rubit dagegen noch in seinem Spiel mit dem Rücken zum Korb. Immer wieder war es zu erkennen, dass er versuchte sich bei den Raubkatzen in eine gute Low-Post-Positionen zu bringen. Häufig wurde er von seinen Mitspielern einfach übergangen, da er immer wieder Probleme hatte die richtige Position „down low“ zu finden. Manchmal postete er beispielsweise genau da auf, wo eigentlich gerade sein Point Guard zum Korb ziehen wollte. Oder er seine Fußstellung war so schlecht, dass sein Gegenspieler ganz einfach den Pass in den Low-Post verhindern konnte:

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So konnte Rubit nur äußerst selten zeigen, welche Moves er im Low-Post drauf hat. Seine Bread & Butter-Bewegung ist sicherlich, wenn er auf der rechten Seite des Courts über die linke Schulter kommen und per Hakenwurf scoren kann. Hier hat er trotz seiner 2,01 Meter mit seiner Physis und Athletik gute Möglichkeiten, um auch größere Big Men weit unter den Korb zu drängen. Hauptsächlich war allerdings zu sehen, dass Rubit nach Empfang des Balls im Low-Post nicht aufgepostet hat. Stattdessen hat er sich gedreht um mit dem Gesicht zum Korb zu attackieren. Hier hat er sich mittlerweile einen akzeptablen Mitteldistanzwurf zugelegt, der äußerst schwer zu verteidigen ist für gegnerische Vierer. Immerhin müssen die Verteidiger immer noch damit rechnen, dass Rubit seine enorme Schnelligkeit nutzt und an ihnen vorbei zum Korb zieht. Dieses leichte Absinken nutzt der 25-Jährige gerne um seinen passablen Jumper anzubringen.  

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Auch in Ulm wird dieser Mitteldistanzwurf von Wichtigkeit sein. Mit Philipp Neumann haben die Spatzen einen neuen Center verpflichtet, dessen Range kaum über die Freiwurflinie hinausgeht, da er hauptsächlich unter den Brettern agiert.  Mit zwei Big Men, die nur in Korbnähe spielen könnten, wäre die Zone zu voll für die gefährlichen Drives von Per Günther. In der letzten Saison war das nie ein Problem, da mit Maarty Leunen und Adam Hess beide Vierer mit einem Distanzwurf ausgestattet waren. Zudem versuchte sich selbst Tim Ohlbrecht immer wieder von „beyond the arc.“

Um diese Philosophie nicht komplett einstellen zu müssen, wäre es somit von Bedarf, dass Rubit im Sommer weiter an seinem Wurf feilt. Immerhin wurde er in der Ankündigung von Manager Thomas Stoll sogar als Teilzeit-Small-Foward bezeichnet. Hier würde der Wurf nochmals an Wichtigkeit gewinnen.   Ein weiterer großer Unterschied zu Maarten Leunen ist Rubit’s Geschwindigkeit. Die Tübinger pflegten den zweitschnellsten Basketball der Beko Basketball Bundesliga (Pace: 75,3), von daher ist er die Transition-Offense eh gewohnt. Somit haben die Ulmer nun nach einem langen Rebound einen Big Man, der extrem schnell auf der anderen Seite der Platte ist und ihnen zwei einfache Punkte bescheren kann:

 

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Seine Shotchart gibt genau dies wieder. Seine große Stärke ist und bleibt das Spiel unter den Brettern, wo er mit viel Autorität und Athletik abschließen kann. Allerdings versucht Rubit auch immer wieder den modernen Power Foward zu mimen und weiter nach außen auszuweichen. Besonders der Midrange-Jumper von der linken Seite des Courts fällt sehr konstant (58,8 %). Während er von der anderen Seite noch auf Liga-Mittelmaß abschließt, sind vor allem die Elbows seine großen Schwächen. Hier trifft er aus keiner Position über 40 Prozent seiner Würfe.

Wie bereits anfangs erwähnt, bekommt Rubit gute Looks von jenseits der 6,75m-Linie, allerdings ist sein Wurf noch zu wackelig, um dort konstant für Gefahr zu sorgen.  Hier wird interessant zu beobachten sein, wie Thorsten Leibenath Rubit am Perimter einsetzen will. Eine konstante Pick & Pop-Anspielstation á la Maarten Leunen wird Rubit vorerst nicht werden. Umso geschickter wäre es ihn in Big Men-Isolations oder bei Drives in einer der Ecken zu platzieren, da der Dreipunktwurf von dort kürzer, und wie oft von Spielern behauptet, einfacher ist. Sollte er darauf eine echte Waffe entwickeln können, hätte die Ulmer Offense ein enormes Spacing und eine gute Variabilität vorzuweisen.  

 

Shotchart: www.korbrechung.de

 

Eine weitere große Stärke von Augustine Rubit, die die Spielphilosophie von ratiopharm Ulm nächste Saison grundlegend ändern könnte, ist das Rebounding. Mit 7,3 Rebounds pro Partie zählte Rubit in der letzten Spielzeit zu den fünf besten Reboundern der Liga. Zusätzlich gehörte er auch am offensiven Brett (2,6 ORB/G) zur absoluten Elite in der deutschen Basketball-Bundesliga.  Dies wird das Rebounding der Ulmer in eine ganz neue Sphäre heben, da in der abgelaufenen Saison hauptsächlich Small Foward Will Clyburn für die Abpraller zuständig war. Allerdings sollte man hier nicht den Fehler machen und einen guten Rebounder gleich über den grünen Klee loben, nur weil Ulm 2014/15 zu den schwächeren Rebounding-Teams der Liga gehörte und somit die Verpflichtung ja vermeintlich sofort Sinn ergäbe.

Denn: In der letzten Saison entsprach es überhaupt nicht der Philosophie von Thorsten Leibenath, dass die Spatzen zu den besten Teams in Sachen „Boards“ gehörten. Aufgrund der Kader-Konstellation war es von Anfang an klar, dass Ulm in diesem Jahr Small Ball spielen würde. Mit Clyburn auf der Vier oder einem Philmore auf der Fünf zählt man nun mal zu den kleineren Teams der Liga und die haben meist eine andere Spielanlage. So zählten auch beispielsweise Bonn und Hagen zu den schlechtesten Mannschaften der Beko BBL, wenn es um Rebounds geht. Allerdings verfolgen auch die eine andere Spielweise, die in der Defense viel mehr auf Steals bzw. Traps (Fallen) aus ist. Auch so kann man erfolgreich Basketball spielen.

Immerhin gibt es auch Gegenbeispiele: Die WALTER Tigers waren das drittbeste Rebounding-Team und wurden am Ende trotzdem nur 14. in der Tabelle. Somit hat Rebounding nicht immer gleich was mit dem Gewinnen von Spielen zu tun. Zuerst sollte die Spielphilosophie überprüft werden, um (vermeintliche) Schwächen auszumachen. Doch aufgrund der neuesten Verpflichtungen der Ulmer ist davon auszugehen, dass sie in der kommenden Spielzeit weniger auf Small Ball setzen und wieder zu den reboundstärkeren Teams der Liga zählen wollen. Hier hilft die Athletik von Rubit ungemein weiter. Dies hat er auch schon gegen Ulm selbst in der letzten Saison bewiesen.

 

(www.telekombasketball.de, ULM-TUB)

 

 

Defense  

 

Eigentlich bringt Augustine Rubit die perfekten Voraussetzungen mit, um ein starker Verteidiger zu sein. Leider konnte er das letzte Saison in der zweitschwächsten Defense der Beko BBL (Defensive-Rating: 114,45) nie zeigen. So war es auffällig, dass er selbst auch immer wieder schlechte Defensivsequenzen vorzuweisen hatte. Dabei liegt das Problem nicht in der 1-on-1 Verteidigung, weil Rubit dort selbst mit den schnellsten Point Guards der Liga auf dem Weg zum Korb mithalten konnte. Viel eher vernachlässigte er immer wieder Rotationen und spielte kaum Help-Defense. Er wagte es nie wirklich seinem Gegenspieler mal Freiräume zu geben, um seinen Teamkameraden bei der Verteidigung eines besseren Spielers zu helfen. Hier muss er noch deutlich aktiver werden, da man sich dies auf Playoff-Niveau nicht mehr leisten kann.

Zusätzlich hat Rubit ja die Schnelligkeit, um wieder zu seinem Mann zu gelangen, wenn er in der Defense mal auf der Strongside aushilft. In den folgenden Szenen lässt sich gut erkennen, wie hoch der Texaner seinen Gegenspieler verteidigen kann. Es ist für ihn kein Problem einem Shooter wie Leunen oder Jaka Klobucar auf den Füßen zu stehen und dann trotzdem noch rechtzeitig den Weg zum Korb für einen Block oder Rebound zu schaffen.

 

(www.telekombasketball.de, ULM-TUB) (www.telekombasketball.de, ULM-TUB)

 

Weiterhin ist Rubit es aus Tübingen gewöhnt, dass in der Defense viel geswitcht wird. Immer wieder hatte er die Guards nach einem Pick & Roll gegen sich und verteidigte sie gut. Hier wird interessant zu sehen sein, ob Leibenath seinem Vierer auch diese Freiräume in der Defense gibt. Allerdings kann dies, wie hier zu sehen, auch immer wieder zu Abstimmungsproblemen führen. So switche Rubit manchmal komplett unnötigerweise und plötzlich war sein Gegenspieler frei, weil niemand mit dem Switch rechnete:

 

(www.telekombasketball.de, ULM-TUB)

 Insgesamt spielte das Team von Thorsten Leibenath ja auch nur eine leicht bessere Defense als die Tübinger in der letzten Spielzeit, weshalb der Headcoach wohl auch noch keine defensiven Wunderdinge von dem 25-Jährigen erwartet. Trotzdem sollte er keine Probleme haben sich bei entsprechender Entwicklung als passabler Defender in dieser Liga zu etablieren.  

 

Lineup Love  

 

Ratiopharm Ulm bekommt somit hier einen überragenden Athleten, der hauptsächlich auf der Power Foward-Position einzusetzen ist. Wenn Leibenath aber entsprechendes Personal noch verpflichtet, wird es auch möglich sein, dass Augustine Rubit immer wieder die Fünf in Small Ball-Lineups spielen wird. Auf der Drei wäre er wohl nur bei stark verbessertem Wurf eine Alternative, da ansonsten kaum Spacing in der Aufstellung zu finden wäre. Hier wäre es nur eine Möglichkeit, wenn Ulm weiterhin einen wurfstarken Vierer in ihren Reihen hat. Mit dieser XXL-Lineup könnte man Mismatches über das ganze Feld generieren und große Teams wie (in der letzten Saison) Bayern München oder ALBA Berlin große Probleme bereiten.

Interessant wird zu sehen sein, ob und wie sich das Rebound-Verhalten der Spatzen ändert und ob Leibenath es schafft aus dieser Truppe eine gute Defense zu formen. Mit David Brembly ist auf der Flügelposition auf jeden Fall schon der erste Schritt getan. Weiterhin darf man erwarten, dass Ulm in der nächsten Saison wieder einen schnellen, begeisternden Basketball pflegt. Zu dieser Annahme gibt es spätestens seit der Verpflichtung von Augustine Rubit allen Grund.      

 

Die Rechte an den Bildern liegen bei der Telekom.

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