BBL, Taktik

You cannot be in-between

Foto: Alexander Fischer

Svestislav Pesic ist für außergewöhnliche Pressekonferenzen bekannt. Nach dem Spiel gegen ratiopharm Ulm (30.12.14) holte Pesic zu einer weitgreifenden Kritik aus. Wir fassen kurz den Verlauf des Spiels zusammen und erläutert die Kritik des Headcoaches…   

 

 

„Ich sage immer, was ich sehe. Das ist nicht meine Stärke, aber die Leute freuen sich“, so begann Svetislav Pesic, Headcoach der FC Bayern Basketballer seine Pressekonferenz am vergangenen Dienstag nach dem 100:93 Heimspiel-Erfolg gegen ratiopharm Ulm. Seine klare und mitunter sehr unterhaltsame Ausdrucksweise der eigenen Meinungen, machen die Pressekonferenzen beim aktuellen deutschen Meister oft zu einer sehr kurzweiligen Partie. Über 16 Minuten gab er am späten Abend im Audi Dome sein persönliches Statement zum Spiel ab und beantwortete die Fragen zweier Schreiber der SZ recht ausführlich. Zuerst noch recht ruhig und mit dem Sieg zufrieden, schlug der Tonus recht schnell um:  „You cannot be in-between“  

 

Das Spiel

 

Die Gäste aus dem Schwabenland erwischten den deutlich besseren Start ins Spiel und zwangen Coach Pesic nach drei Minuten zur ersten Auszeit (2:10, 3). Insgesamt erzielte die Mannschaft um Spielmacher Per Günther im ersten Viertel 30 Punkte, ließ am anderen Ende des Parketts 18 zu. Die Münchener Verteidigung hatte auch in den nächsten zehn Minuten größte Schwierigkeiten die Gäste-Offensive zu kontrollieren. Der Per Günther verteilte bereits zur Pause sieben Assists und ermöglichte seinen Spatzen die 50:44 nach der Hälfte der Spielzeit. Mit 26 Punkten im zweiten Viertel war es vor allem die Offensive der Isar-Städter, die den Rückstand in einem geringen Umfang hielt (26:20 im zweiten Viertel). Auch nach der Pause behielten die Ulmer, in einem nun wesentlich engerem Spiel, weiterhin ihre Führung. Eine Minute vor Ende des Viertels war es – der an diesem Abend überragende – Per Günther, der per Dreier die 60:68 Führung herbei und erneut kurz vor Ablauf der Spieluhr den Vorsprung erneut ins zweistellige brachte (63:73, 29).

 

Der 8:0 Lauf der Hausherren zu Beginn des Viertels ließ die Punktedifferenz jedoch schnell schmelzen (71:73, 33). Bis kurz vor Schluss bewegte sich die Partie nun zwischen der geringen Ulmer Führung und dem folgenden Ausgleich der Münchener auf Messers Schneide hin und her. 128 Sekunden vor Schluss setzte Heiko Schaffartzik zum erfolgreichen Dreier und der damit verbundenen ersten Führung (88:87) an. Damit fiel nun auch endgültig der Startschuss für den sieg-bringenden Run jenseits der Drei-Punkte-Linie an. Weitere Punkte von Bryant, Savanovic und McCalebb und eine fast perfekte Trefferquote aus dem Feld in den letzten Sekunden des Spiels sorgten am Ende für den 100:93 Sieg der Mannschaft um Kapitän Bryce Taylor (14 Min, 0 Pts, -14 +/-, 4 PF).  

 

Die Kritik

 

Immer wieder erwähnte Pesic die Spannung, genauer die fehlende Spannung. Einen Grund machte er dabei nicht aus. Ulm gehöre für ihn seit mehreren Jahre zu den besten vier Mannschaften Deutschlands. Die Qualität sei nicht von der Hand zu weisen. Neben Günther, lieferte besonders Jaka Klobucar (20 Pts, 5 Ast) eine herausragende Partie ab. Klobucar brachte durch seinen aggressiven Zug zum Korb die Bayern-Verteidigung in die Bredouille. Unter den Brettern räumte Tim Ohlbrecht (18 Pts, 7 Reb, 3 Blk  sowohl in der Offensive (9/13 in der Zone) und in der Defensive auf.

“Er ist eines der größten Talente in Europa, ein sehr guter Spieler”

Pesic über Klobucar  

 

Warum seine Truppe Ulm unterschätzt hatte, das wusste er nicht. “Offiziell: Kritik: Einstellung…Es gibt keine Ausnahme”, über den Sieg selbst verlor der Coach nur wenige Worte, zu groß der Frust über seine Mannschaft. Vor einigen Wochen hatte er bereits die Team-Verteidigung seines Teams kritisiert “wir haben noch kein Spiel über die Verteidigung gewonnen” und auch am Dienstag Abend konnte nicht davon gesprochen werden. Zu oft verpassten Spieler die Rotationen oder ließen sich zu einfach im eins gegen eins schlagen.

Kapitän Bryce Taylor, vor kurzem von einer langwierigen zurück und offensichtlich noch nicht zurück bei 100%, stand beispielhaft für die bayrische Defensive. Pesic hatte ihn auf den Ulmer Clyburn angesetzt, wohl Ulm’s top Offensiv-Option. Taylor sammelte in 14 Minuten 4 Fouls, erzielte keinen einzigen Punkt und gestatte Clyburn hingegen 15 Zähler. Die Activity-Map der Nummer 6, Per Günther, verdeutlicht den aggressiven Zug zum Korb der Ulmer. Günther attackierte selbst gern schon nach  gegnerischen Punkten den Korb des Gegners im direkten Gegenstoß. Nicht erfolglos mit einer Trefferquote von 75% in dem farblich abgesetzten Bereich unter den Brettern. Von den insgesamt 43 Versuchen innerhalb der Drei-Punkte-Linie, nahmen die Ulmer nur sieben aus der Mitteldistanz, keiner fand den Weg durchs Netz. Abzüglich der Würfe aus der Mitteldistanz, stehen die Schwaben so bei 22/36 unter den Brettern, 61%. Dazu kommen 30 Freiwürfe und die entsprechende Quote von 83,3% von der Linie.

Die Süddeutschen gerieten in den ersten beiden “Quarters” recht früh in den Bereich jenseits der fünf Teamfouls und verteilten so “Geschenke” an die Ulmer. Von “Downtown” zeigten sich die Gäste besonders in den ersten zehn Minuten sehr treffsicher. Im Verlauf des Spiels sank die Quoten von außen jedoch stetig und landete nach 40 Minuten bei exakt 33,3%. Viel zu häufig verlor die Verteidigung die Ulmer Spieler auf den Flügeln aus den Augen. Hier:

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Maarten Leunen (50% 3PFG%) spielt den Handoff mit Per Günther. Savanovic deckt ihn eng. Trotzdem kann die Penetration von Günther nicht verhindert werden. Der Ulmer Point Guard zieht mit voller Geschwindigkeit gen Zone und die Helpside auf sich. Ohlbrecht deutet den Flare Screen für Leunen an und schneidet daraufhin in die Zone. Die stretch four der Ulmer hat inzwischen seinen Platz hinter der Drei-Punkte-Linie gefunden und sich in eine optimale Wurfposition gebracht.

 

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Die gesamte Bayern- “D” hat sich mittlerweile stark zusammengezogen, um den Drive zu verhindern. Besonders Savanovic hat seinen direkten Gegenspieler, Leunen, völlig aus den Augen verloren. Günther erkennt dies, spielt den “kick-out-pass” und der 29- Jährige US-Forward netzt ein.   Auch in der nächsten Szene ist es wieder Per Günther, der mit seiner Penetration die Verteidigung zerlegt.

 

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McCalebb steht denkbar schlecht um den Drive zu verhindern bzw. ist schon längst geschlagen. Bryce Taylor kommt von der “strong side” und versucht Günther den Ball abzuluchsen. Erkennt der deutsche Nationalspieler dies frühzeitig, kann der Clyburn, den Gegenspieler von Taylor, auf dem Flügel bedienen. Bryant, dessen Job es in dieser Szene ist, blitzschnell von der “Weakside” in Günther’s Laufbahn zu rotieren und ihm den Abschluss zu erschweren, bleibt viel zu lange bei seinem eigenen Gegenspieler und ermöglicht den Floater für die Nummer 6.   Noch ein Beispiel:

 

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Leunen, weiterhin von Savanovic bewacht, hält den Ball jenseits der Drei-Punkte-Linie. Direkt, strahlt er keine große Gefahr für den Korb der Hausherren aus. Anton Gavel, in dieser Situation dem Ulmer Klobucar zugeteilt deutet an, Leunen zu doppeln. Klobucar erkennt die Unaufmerksamkeit seines Gegenspielers und läuft in dessen Rücken auf den rechten Flügel. Gavel doppelt nur halbherzig und bemerkt erst viel zu spät, dass sich der Ulmer Guard aus seinem Blickfeld geschlichen hat. Die Folge ist ein guter Pass von Leunen auf Klobucar und der, erneut, schlecht verteidigte Dreier.  

 

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Diese drei Szenen stehen stellvertretend für diverse Rotations- und Konzentrationsfehler in der Verteidigung der FC Bayern Basketballer. Bei den Hausherren retteten die Dreier in den letzten Minuten der Partie den Heimsieg, nachdem vorher miserabel aus der Distanz geschossen wurde. Laut Pesic, auch auf die fehlende Spannung zurückzuführen. Es sei nicht der Wurf selbst, sondern der Pass auf den Schützen. Doch die benötigte Spannung für den Wurf habe heute schlichtweg gefehlt. Besonders gegen die Ulmer Zone entstanden große Probleme einen guten Wurf herauszuspielen. Und war der Wurf einmal offen, so fand er in den ersten 20 Minuten nur selten sein Ziel. Erst im letzten Viertel, so Pesic, sei die Spannung zurückgekommen. Der Ball wurde besser bewegt und in der Verteidigung aggressiver gearbeitet.

Die Folge: 37 eigene Punkte im letzten Spielabschnitt. Mit knapp einer FG% von knapp 60% aus dem zwei-Punkte-Bereich konnte die Heimmannschaft jedoch kontinuierlich, progressiv an den Ulmer Vorsprung abbauen.   “Wenn wir in den nächsten Spielen so denken, dann werden wir bestraft”, so Pesic! Wie hat die Mannschaft aus der bayrischen Landeshauptstadt die Kritik verarbeitet? Heute um 17 Uhr trifft der FC Bayern Basketball auf die Brose Baskets aus Bamberg!    

 

 

Alle Rechte an den Bildern liegen bei der Telekom.

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