And One, NBA

Werden die Mavericks die WCF erreichen?

And One Ausgabe #4

Die Dallas Mavericks stellen bisher die mit Abstand beste Offense der Liga. Ist dies nur ein Strohfeuer aufgrund von zu wenigen Spielen oder sind die Mavericks in dieser Saison Contender? Unsere Experten diskutieren in dieser Woche zu der Frage:

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Sebastian Bergmann (Sidelinewatch.com): Um die Frage zu beantworten, müssten eigentlich erst die Begriffe „Leistungen“ und „Überraschungen“ in Bezug auf die Mavs 2014/2015 definiert werden. Wenn wir nämlich nur auf die Bilanz der Mavs schauen, offenbart sich meines Erachtens keine wirkliche Überraschung: Zehn Siege stehen fünf Niederlagen gegenüber. Das ist nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ich vor der Saison von dem umstrukturierten Kader in Big D erwartet habe. Sollten Dirk und Co. dieses Niveau beibehalten, dann schließt Dallas die Saison mit einer Bilanz von in etwa 55 Siegen und 27 Niederlagen ab. Das wird sicherlich für einen Platz in den Playoffs in der Western Conference reichen, würde mich als Fan der Mavs aber auch nicht sonderlich schocken. Dafür waren die Verstärkungen im Sommer einfach zu vielversprechend. Kein Team würde in der ersten Runde der Playoffs gerne auf die Texaner treffen, da bin ich mir sicher.

Aber ob dann eine „Überraschung“ drin ist? Um das zum jetzigen Zeitpunkt prognostizieren zu können, kommt es in den Playoffs viel zu sehr auf die Matchups an. Wenn wir die Leistung der Mavs am offensiven Output in den ersten 15 Spielen festmachen wollen, dann dürften wir uns einig sein: ein derart perfekt harmonierendes Team, das sprichwörtlich in Rick Carlisles „Flow Offense“ zu schwimmen scheint, und dass obwohl drei Viertel der ersten Fünf im Sommer ausgetauscht wurden, hat es in der NBA wohl nie zuvor gegeben. Die Zahlen belegen dies eindrucksvoll: 109,3 PpG (1.), 48,9% FG (1.), 24,1 ApG (1.). Bemisst man die Leistung der Mavs allerdings mit den Statistiken (und auch dem menschlichen Auge) am defensiven Ende des Courts, dann kann das Urteil nur enttäuschend ausfallen. Auch hier belegen dies die Zahlen: Dallas lässt eine gegnerische Dreierquote von 39,4% (26.) zu, lässt sich zudem knapp 100 Punkte pro Spiel einschenken (99,6 PpG; 25.). Durch die Additionen von Tyson Chandler, Chandler Parsons und Jameer Nelson hatte man sich defensiv eigentlich eine Verbesserung erhofft. Dieser Fall ist bislang nicht eingetreten. Bis zum Saisonende können und werden sich die zum Teil absurden Offensiv- und Defensiv-Statistiken zwar noch einpendeln, allerdings ist davon auszugehen, dass Dallas in der Regular Season auch weiterhin ein Team sein wird, das Spiele vor allem durch seinen formidablen Angriff gewinnen wird.

In den Playoffs kommt es wie schon erwähnt auf die Matchups an. Aber ich denke schon, dass die Mavs das Potenzial haben, in der Defensive einen Zahn zulegen und mehr als nur die erste Runde überstehen können. Rick Carlisle hat in den sechs Jahren Amtszeit in Dallas bewiesen, dass er seine Spieler in der Regel dann in Topform hat, wenn die Post-Season langsam losgeht und endlich der Basketball gespielt wird, den es in den 1230 Saisonspielen zuvor nur so selten zu sehen gibt. Viele würden es wohl als Überraschung ansehen, sollten die Mavs in diesem Jahr die zweite Runde erreichen. Das denke ich nicht. Bei passendem Matchup sind Dirk und Co. mindestens Runde zwei, wenn nicht sogar die Conference-Finals zuzutrauen. Dafür ist der Kader tiefer als in der Vorsaison, und auch die bis dato schwache Defense hat noch genügend Zeit und Potenzial sich zu steigern.

Julian Lage: Der letzte Playoff-Auftritt der Mavericks gegen die Spurs kann wohl trotz der Niederlage guten Gewissens als Überraschung beschrieben werden: Dallas ging als Achter mit eher gedämpften Erwartungen in das Duell mit dem besten Team der Liga, hielt aber zumindest sechs Spiele lang das Niveau des späteren Meisters mit. Auch die übrigen Erstrundenduelle in der Western Conference waren ähnlich knapp: Nur ein Lillard-Buzzer-Beater verhinderte, dass alle Duelle ins siebte Spiel gingen. Auch wenn in den späteren Runden zumindest die Ergebnisse deutlicher ausfielen, war jede einzelne Serie umkämpft.

Für die kommende Meisterschaftsrunde ist Ähnliches zu erwarten: Mit Kings und Pelicans gesellen sich noch zwei junge Teams zu den letztjährigen Playoff-Anwärtern, und zumindest von den Top-8-Teams des letzten Jahres hat sich keines substanziell verschlechtert. Die Verletzungsprobleme der Thunder oder der etwas verhaltene Start der Spurs und Clippers könnten sich im Lauf der Saison bessern, so dass dann extrem starke Teams von hinteren Plätzen starten. Dallas befindet sich nach 15 Spielen mitten in diesem unübersichtlichen Rennen und wird sich ohne größeres Verletzungspech vermutlich 60 weitere damit auseinandersetzen dürfen. Zwischen Platz 3 und 10 ist jedes Ergebnis realistisch, was ähnlich für fast alle West-Teams gilt. Wenn wie letztes Jahr nur 5 Siege Heimvorteil und Platz 8 trennen, sind schon Kleinigkeiten ausschlaggebend.

Um auf die Frage zurückzukommen: Können die Mavs eine – oder sogar mehrere – Playoffrunden gewinnen? Sicher, genau wie für etwa 10 andere West-Teams besteht eine realistische Chance. Wäre es im eigentlichen Sinn eine Überraschung? Nein, Stand heute bräuchte es dafür keine klassischen Upsets, sondern einfach nur eine gute Entwicklung und die richtigen Matchups, ohne dabei durch Verletzungen oder Leistungseinbrüche zurückgeworfen zu werden. Fällt ein Mavs-Schlüsselspieler länger aus, dürften die Playoffs schwer zu erreichen sein, umgekehrt kann die Verletzung eines gegnerischen Stars den Weg in die nächste Runde frei machen.

Diese Situation teilen sie sich, wie oben angesprochen, mit fast allen Playoffteams der Conference. Nur die Spurs als Titelverteidiger müssten sich wohl in jeder Serie mit ihrer Favoritenrolle anfreunden, die Thunder sind durch den Ausfall von Kevin Durant und Russell Westbrook ein Sonderfall und müssen erst um den Playoffeinzug kämpfen. Diese Saison könnte sich also die von Zach Lowe vor zwei Jahren verbreitete 5-%-Theorie in der Praxis testen lassen: Schafft eines der übrigen Teams – beispielsweise Clippers, Warriors, Grizzlies oder eben Mavericks – den Weg bis ganz nach oben? Auch wenn die Mavs 2011 als letzte Semi-Contender außer den Mit-Favoriten aus Miami beziehungsweise San Antonio ihre Ringe überstreifen durften, sind sie unter den hier genannten Kandidaten tendenziell die schwächsten Anwärter. Entsprechend meine Prognose: Die zweite Playoff-Runde oder unter optimalen Bedingungen die Conference Finals sind möglich, eine echte Überraschung wird aber ausbleiben.

Alexander Aust: Ein solches Szenario wäre auch aus meiner Sicht keine besondere Überraschung. Die Mavericks fliegen wie immer unter dem Radar, obwohl nach knapp 20 Prozent der abgelaufenen Saison erste Tendenzen für eine erfolgreiche Saison zu erkennen sind. So stark der Westen auch ist, die Mavs haben in dieser Saison einen Kader beisammen, der mit allen Teams aus dieser Conference mithalten kann.

Um die Tauglichkeit des Teams einer möglichen WCF-Teilnahme zu prüfen, sollten jedoch die Playoff- und die Regular-Season-Auftritte eines Teams gesondert betrachtet werden. Bei den relativ neuen Mavs gibt aber es leider keine Möglichkeit Vergleiche anzustellen. Deshalb schaue ich in solchen Fällen gerne auf erfolgreiche Teams aus der näheren Vergangenheit. Contender, so zeigt die Erfahrung, müssen oder sollen neben einer Top-Ten Offense auch eine Top-Ten Defense aufweisen. Diese können die Mavs bis dato noch nicht stellen. Ob Carlisle und Co. dies überhaupt umsetzen können, scheint zudem eher unwahrscheinlich. Es wäre also durchaus legitim zu sagen, die Mavs-Defense wird der Grund sein, weshalb es für die WCF auf keinen Fall reicht. Bevor es aber den Anschein macht ich argumentiere gegen mich selbst, möchte ich erklären, worauf ich eigentlich hinaus will – nämlich darauf, dass die Mavs trotz der Erfahrungswerte gar nicht zwingend eine Top-Ten-Defense benötigen, um die WCF zu erreichen. Der Grund dafür ist ihre elitäre Offensive. Denn ich finde, es muss den Leuten klar werden, wie stark die Dallas Offensive eigentlich agiert.

Das extrem gute Offensivrating von 117 ist absolut beeindruckend. Auch WIE die Mannschaft ihre Punkte erzielt ist sehr interessant. Das Team ist kein reines Jumpshooting-Team, sondern erzielt die meisten Punkte aus den effizienten Regionen des Spielfeldes. Nämlich in der Zone und jenseits der Dreierlinie. Dallas ist die Nummer zwei bei versenkten Dreiern und dritter bei den Punkten in der Zone – und das bei einer eher mittelmäßigen Pace (93,3; Platz 15) die so auch in den Playoffs gespielt wird. Eine besonders gute Wurfauswahl ist hier klar zu erkennen. Nebenbei werden die eher ineffizienten Würfe aus der Mitteldistanz einem Dirk Nowitzki überlassen – swish!

Zudem muss bedacht werden, dass der Kader relativ neu zusammengestellt ist. Die Starting Five sogar auf drei (!) Positionen. Der frühe Zeitpunkt der Saison, zu dem das System des Trainers so gut umgesetzt wird, zeigt mir persönlich die Qualität dieses Teams, welches sich während einer Saison ja noch entwickelt. Der wichtigste Spielzug der NBA, das Pick&Roll bzw. Pick&Pop, ist bereits aber jetzt eine echte Waffe. Sowohl die Starter (Dirk und T. Chandler) als auch die Bank (Brandon Wright) laufen diesen  Spielzug mit den vielen sehr guten Ballhandlern im Team wie aus einem Lehrbuch. Da werden sich einige Teams die Zähne daran ausbeißen. Sofern noch die Defense auf einem Niveau zwischen Platz 10-15 gehalten werden kann, wären für mich die WCF keine Überraschung. Als guten Vergleich könnten die Suns aus den Jahren 2005/2006 oder 2010 herangezogen werden, die mit ihrer Offensive alles überragten. Diese waren defensiv sogar noch schlechter als Platz 15.

Nichtsdestotrotz sind die Mavericks durch ihre Offensivstärke allein nicht unbedingt ein Favorit auf die WCF. Es gibt im Westen, wie Julian schon erwähnt, einfach zu viele Teams, die auf einem sehr hohen Niveau agieren. Das Zeug dazu haben die Mavericks aber allemal.

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