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KOMMENTAR: Chaos in Crailsheim

Nach nur einem Sieg in neun Spielen haben die Crailsheim Merlins ihren Headcoach Willie Young entlassen. Nun wird Ingo Enskat die Taktiktafel schwingen und soll die Zauberer aus dem Tabellenkeller führen. Doch war diese Entscheidung vielleicht eine Panikreaktion und wird sie dem Aufsteiger wirklich weiterhelfen? Die BBL News-Autoren Jan Sodoge und Chris Schmidt haben dies kommentiert und sich zusätzlich Verstärkung von Stephan Binder und Tobias Forster geholt. Die beiden schreiben für BBLProfis.de  über das Geschehen in der Beko BBL.   

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Stephan Binder: Dieser Aufsteiger war speziell und auf den ersten Blick ist die Trainerentlassung nun auch ein Schnellschuss, der nach außen hin unprofessionell wirkt. Jedoch sind im Sport die Ergebnisse wichtig und im Basketball lügen die Statistiken nur selten, so dass es auch durchaus Argumente für diese Entscheidung gibt.

Die Merlins haben durchaus gute Szenen gezeigt, aber eben nicht über einen langen Zeitraum. Zu unkonstant und fahrig treten die Merlins in Spielen gegen direkte Konkurrenten an. Das Spiel gegen Tübingen war symptomatisch. Ein starkes erstes Viertel, indem man seine Stärken ausspielen konnte wurde durch Verunsicherung und Unkonzentriertheit jäh zu Nichte gemacht. Alle Versuche des Coachs dem Team die fehlende Stabilität während des Spielverlaufs zu verleihen schlugen fehl. Am Ende muss man sagen, der Einbruch im zweiten Viertel gab den Ausschlag zur Niederlage. Leider gab es diese Ausschläge beim Aufsteiger schon oft in dieser Saison. Auch bei den Spielen gegen Göttingen oder die Eisbären Bremerhaven stand man sich selbst erfolgreich im Weg. Das der Trainer nun gehen musste, ist jedoch keinesfalls eine Panikreaktion. Vielmehr konnte jeder sehen, dass am Ende des letzten Spiels Willie Young am Spielfeldrand resignierte und offenbar sein Team nicht mehr erreichte, weshalb ein solcher Einschnitt durchaus nachvollziehbar ist, denn noch kann einiges in diesem Jahr erreicht werden.  

Tobias Forster: Ich gebe Stephan mit seinen Ansichten vollkommen Recht. Sicherlich hatte Willie Young eine tolle Zeit in Crailsheim, doch hat er am Ende einfach keinen Effekt mehr auf sein Team gehabt. Wieso? Weshalb? Warum? Das können eigentlich nur die Spieler sagen, doch sind gerade diese nun in der Pflicht eine positive Reaktion zu zeigen. Mir gefällt der neue Mann. Mit Ingo Enskat wurde nicht nur ein Fachmann geholt, sondern auch jemand, der das Umfeld in Crailsheim kennt und bereits Erfahrung vor Ort hat. Natürlich ist hierbei einerseits Rückhalt bei den Fans gegeben, doch kennt er eben auch die handelnden Personen sehr gut, was ohne Frage ein Vorteil ist. Auch das nun in der ersten Partie die Bayern warten ist ein Glücksfall. Gerade nachdem die Bayern Basketball Bo Mccalebb verpflichten konnten, ist doch alles außer einer Blow Out Niederlage eine Überraschung, so dass erst einmal vollkommen ohne Druck gestartet werden kann. Zugleich kann der neue Trainer aber die Partie durchaus als Charaktertest betrachten, denn hier zeigt sich, wer auch vor großen und schier unlösbaren Aufgaben nicht zurückschreckt und alles auf dem Court zeigt. Genau diese Leute brauchen die Merlins, um am Ende die Klasse zu halten. Die Klasse, um in der Beko BBL bestehen zu können, haben die Merlins auf jeden Fall. Dies haben diverse Viertel in der bisherigen Saison gezeigt. Ein Vorteil ist dabei auch, dass sie keineswegs abgeschlagen im Tabellenkeller stecken.    

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Jan Sodoge: „Wir sind das neue Kind im Block, alles ist für dich härter und neu und du musst dir den Respekt erarbeiten. Wir erwarten nicht, dass alles optimal läuft, aber wir müssen als Team zusammenstehen und auch schwere Phasen durchschreiten.“, so hatte es Merlins Kapitän und jetziger Co-Trainer Stevie Johnson vor der Saison im BBL News Interview gesagt. Und in so einer „schweren Phase“ befindet sich sein Team momentan. Den Zauberern aus dem Süden fehlt die „Street credibility“, strickt man die Metapher von Johnson weiter. Die Entscheidung, Headcoach Willie  zu beurlauben, erschien den Verantwortlichen als die einzige Möglichkeit, die rote Laterne schnellstmöglich abzugeben. Ob nun Ingo Enskat die Problemzonen auf dem Feld kaschieren kann, bleibt weiterhin ungewiss.

Fakt ist, die Crailsheim Merlins spielen die zweitschlechteste Verteidigung der Liga mit einem DRTG von 118, foulen pro Partie jedoch nur 18 Mal.  Ligabestwert. Trifft der Gegner wie er will, dann sollte die Defensive doch wenigstens versuchen ihn mit einem simplen, aber bestimmten Schlag auf den Wurfarm aus dem Rhythmus zu bringen. Am anderen Ende des Parketts wirkt das Spiel phasenweise sehr hektisch, ohne ein klares Ziel und ohne die nötigen Mittel um ausreichend Zähler in den Scoutingreport zu drucken.

Viel mehr lassen sie sich von BBL-erfahrenen Mannschaften verunsichern und ihr Spiel aus der Ordnung bringen. Gegen die Raubkatzen aus Tübingen am vergangenen Freitag (14.11.2014) gerieten die Jungs um Spielmacher Garrett Sim Mitte des zweiten Viertels in solch eine Phase: Alleine der Tübinger Flügelspieler Nick Wiggins bedankte sich nach zwei schlampigen Pässen der Crailsheimer Offensive mit krachenden Dunks. Chris Otule, der sich nach ersten Schwierigkeiten nun im deutschen Oberhaus zu Recht gefunden haben scheint, lässt sich am Brett von Anatoly Kashirov überrumpeln und wirkt im Pick&Roll verloren. Treten die Tübinger zu ihrem wohl siegesbringenden Run an, verfällt die Offensive der Crailsheimer schnell in den „Iso-Ball“, kommt dabei häufig nur zu schlechten Würfen aus der Mitteldistanz. Verlassen sie sich hingegen nicht auf die Isolation und bewegen den Ball schnell in den eigenen Reihen, kreieren sie die offenen Würfe.  Es findet leider nur viel zu selten statt. Defensiv stimmt kaum noch etwas, viele Rotationen werden verschlafen oder kommen erst gar nicht, Gegenspieler werden in der „Transition-D“ nicht aufgenommen und der zwischenzeitlich brandheiße Wallace wird nach dem gestellten Block völlig offen gelassen. Was folgt ist die achte Niederlage der Saison.

Wie die Führungsetage im Zuge der Entlassung von Young am Montag bekanntgab, wird der Markt an vertragslosen Big-Men nach potenziellen Neuzugängen abgegrast. Dringend notwendig, zeigt der Blick auf die verletzten und entlassenen Spieler. Die Problemzonen zu bekämpfen wird sich definitiv nicht als eine einfache Mission herausstellen, auch mit dem Blick auf die nächsten Partien. München, Braunschweig, Ulm und Bamberg. Bryant, Visser, Leunen und Theis. Stehen die Süddeutschen nach 34 Spieltagen mindestens auf Platz 16, können die Bauarbeiten für eine Ingo Enskat Statur auf dem Marktplatz beginnen.    

Chris Schmidt: Schon nach dem Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse war klar, dass die Crailsheim Merlins es dort nicht leicht haben würden. Ähnlich wie RASTA Vechta im Jahr zuvor, sind sie mit dem kleinsten Etat ausgestattet und konnten so kaum erstligareife Spieler verpflichten. Vechta konnte diese Tatsache immerhin in sechs Siege in 34 Spielen ummünzen. In Crailsheim sieht es zurzeit so aus, als wäre noch nicht mal dieses Ziel in Reichweite. In neun Spielen brachten es die Merlins bislang nur auf einen einzigen Sieg. Grund genug für das Management, im Coaching Staff ordentlich aufzuräumen und Headcoach Willie Young zu entlassen. Grund genug? Nein.

Ohne weitere Hintergründe (vielleicht interne Probleme) der Entlassung zu kennen, ist diese Entscheidung, meiner Meinung nach, vollkommen falsch. Niemand hat von den Merlins erwartet, mit diesem Kader mehrere Spiele in Folge zu gewinnen. Den einzigen Sieg feierte man, wie nicht anders zu erwarten zuhause, gegen schwächelnde Trierer. Die Niederlagen gegen Aufsteiger Göttingen und die WALTER Tigers Tübingen schmerzen wohl am meisten, aber Pleiten gegen Oldenburg, Bayreuth, Artland, Bremerhaven, Berlin und Ludwigsburg sind absolut zu entschuldigen. Wer da mit Siegen gerechnet hat, sollte sich genauer mit dem Kader der Zauberer auseinandersetzen. Nur Garrett Sim, Jannik Freese, Joshiko Saibou, Josten Crow und Chirs Otule haben alle neun Spiele bestritten. So gab es kaum Konstanz im Crailsheimer Spiel. Jared Newson und Justin Tubbs zum Beispiel wurden nach vier Spieltagen wieder entlassen und Chad Timberlake nachverpflichtet, sodass sich die Merlins nie richtig finden konnten. Konsequenz daraus ist, dass Crailsheim bislang eine Assist-Percentage von 50.84 (ligaweit: Rang 16) und Turnover-Percentage von 17.04 (ligaweit: Rang 14) aufweist.

Mit diesen ständigen Umstellungen wird der Findungsprozess nur unnötig verlängert. Ähnlich wird es wohl nun nach dem Trainerwechsel passieren. Man darf keinesfalls jetzt erwarten, dass ab jetzt alles besser wird. Wieder muss man dem Team Zeit geben, welches es eigentlich nicht hat, und auf Besserung hoffen. Immerhin Neuzugang Chad Timberlake, zurzeit bester Scorer der Melins (14.2 Punkte), brachte wieder neues Leben in die Mannschaft.

Um den Klassenerhalt mit so einem kleinen Etat zu schaffen, braucht es eine perfekte Saison. Die Neuzugänge müssen einschlagen, die Spiele zuhause müssen gewonnen werden und am Wichtigsten: es muss die komplette Saison über ruhig im Umfeld des Klubs bleiben. Keine dieser Kriterien trifft bislang auf die Merlins zu, sodass der Abstieg leider die logische Konsequenz ist. Auch wenn die Zauberer noch 25 Spiele Zeit haben es wieder gut zu machen, schreibe ich sie jetzt schon ab. So bitter es klingen mag, aber unter diesen Umständen ist der Klassenerhalt ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann dem Team nur wünschen, dass es sofort den Wiederaufstieg schafft und dann eine ruhigere Saison im deutschen Basketball-Oberhaus erlebt. Denn immerhin eine Sache ist und bleibt in Crailsheim erstklassig: die Fans.

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