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Die causa Sterling

Zur Hypokrisie einer Gesellschaft
Quelle: < href="http://www.nba.com/clippers/one">Clippers Official Page

Als der damals 37-jährige Kapitän des Lazio Rom, Paolo Di Canio, beim Stadtderby gegen den AS Rom 2005 den römischen Führergruß gen Publikum zeigte, ging ein Aufschrei durch die italienische Fußball-Liga Serie A: Di Canio kokettiere bewusst mit rechtsradikalen Gesten. Der Übeltäter wiederholte die Begrüßung in Spielen gegen den AS Livorno und Juventus Turin. Er gestand zudem, faschistische Ansichten zu haben. Die Liga nahm Untersuchungen auf, verurteilte den Stoßstürmer zu Geldstrafen und suspendierte ihn schlussendlich. Ein Jahr darauf trat Di Canio vom Profifußball zurück.

Diese Disziplinarmaßnahmen funktionierten gegenüber einem Spieler, der Festangestellter bei seinem Verein war und den Ligautoritäten unterstand. Schwieriger wird es, Teambesitzer zu sanktionieren, die nicht nur rechtlich im Besitz einer NBA-Franchise, sondern auch keinem Rechenschaft schuldig sind. Vorhang auf für die causa Sterling.

Der Fall Sterling

Am Freitag, 25. April wurde eine Audioaufnahme bei TMZ sports öffentlich, auf der der Teambesitzer der Los Angeles Clippers, Donald Sterling, in einer Konversation mit seiner damaligen Lebensgefährtin V. Stiviano zu hören ist. Darin äußerte sich Sterling wiederholte Male rassistisch. So verlangte er von Stiviano, sie solle auf ihrem Instagram-Account keine schwarzen Männer abbilden, nachdem diese ein Bild von sich und Magic Johnson auf dem sozialen Netzwerk veröffentlichte. Ebensowenig, so Sterling, wolle er sehen, dass Stiviano Afroamerikaner zu Spielen der Clippers bringe. Mittlerweile bestätigte Stivianos Rechtsanwalt, dass es sich bei der Stimme auf der Audioaufnahme zweifellos um Donald Sterling handele.

Wie ein Strohfeuer verbreitete sich die Nachricht durch US-Medien. Hall-of-Famer Magic Johnson gab auf dem sozialen Medium twitter zum Besten, er würde kein NBA-Spiel der Clippers mehr besuchen, solange Donald Sterling deren Besitzer sei.

Der Vorsitzende der National Basketball Players’ Association, Kevin Johnson, schlug in eine ähnliche Kerbe und forcierte öffentlich “maximale Bestrafung” für Sterling. Die Teams der Clippers und Blazers zeigten sich betroffen und symbolisierten ihre Anteilnahme in Form von schwarzen Handgelenksbändern und nach innen gekehrten Warm Up-Shirts. LeBron James sagte nach Spiel 3 gegen die Charlotte Bobcats, er könne sich gar nicht vorstellen, welch’ Empörung eine solche Äußerung bewirkt hätte, käme sie von einem NBA-Spieler.

James’ Statement ist interessant, zeigt es doch eindrucksvoll ein Ungleichgewicht bei der Handhabung von Großunternehmern und Spielern. In Realität nämlich gestaltet sich Sterlings Rauswurf schwieriger als man denkt: Sterling ist der rechtlich legale Inhaber der Franchise und man kann ihn auf Grund von rassistischen Äußerungen nicht einfach von seinem Besitz enteignen. Der Großteil des Umsatzes, den die Clippers durch uns Fans generieren – ob durch den Verkauf von Saisonkarten, TV-Gelder oder Trikotverkäufe – landet bei Sterling, der im Umkehrschluss Angestellte, Mitarbeiter der Franchise, Coaching Staff und Spieler ausbezahlt. Die Implikationen einer ownership, also eines Besitzanspruchs, sind möglicherweise problematisch: Wird hier ein anderer Moralkodex zur Hand gezogen als bei regulären Mitarbeitern; als bei Profisportlern; als bei Normalsterblichen?

Die moralische Dimension des Vorfalls

Womöglich. Denn Sterling ist kein unbeschriebenes Blatt. Abseits des Feldes bekleckerte sich Sterling selten mit Ruhm: Mit dem ehemaligen Clippers-General Manager Elgin Baylor geriet Sterling auf Grund von Diskriminierung bei der Einstellung von Personal in Konflikt. So solle Sterling damals zu Protokoll gegeben haben, er wolle ein Team voller „armer, schwarzer Südstaaten-Jungs, trainiert von einem weißen Headcoach“. Bei Verhandlungen mit Free Agent Danny Manning soll Sterling gesagt haben, er gebe „eine Menge Geld für einen armen, schwarzen Jungen“ aus. 2006 wurde Sterling vom US-Justizministerium verklagt, weil er beim Vermieten von Immobilien rassistische Kriterien benutzt haben soll. So verweigerte er Nicht-Koreanern (in Koreatown) und Afroamerikanern (in Beverly Hills) die Wohnungsvergaben. Im Bezug auf Hispanics sagte Sterling, er möchte sie nicht als Bewohner seiner Immobilien haben, weil sie „rauchen, trinken und nur im Gebäude rumhängen“; Afroamerikaner „riechen und ziehen Gesindel an“. Auch Baron Davis bestätigte gegenüber Grantland, dass der Clippers-Besitzer ihn als Bastard bezeichnet habe und mehrfach rassistisch aufgefallen sei.

Auch sportlich liest sich das Résumé Sterlings nicht sonderlich glorreich: Seitdem er die Franchise der Los Angeles Clippers 1981 übernahm, hat kein Profiteam innerhalb der vier großen amerikanischen Sportligen eine schlechtere winning percentage aufzuweisen. Nochmal: Seitdem Sterling der Owner der Clippers wurde, haben diese die schlechteste Gewinnquote innerhalb aller Franchises in der NBA, NHL, NFL und MLB. Sterlings Amtszeit ist von Missmanagement geprägt, und dass die Clippers um Blake Griffin, Chris Paul und DeAndre Jordan dieses Jahr eine konkurrenzfähige Truppe mit Aussicht auf Postseason-Erfolg haben, ist mehr Ausnahme als Regel.

Die Krux an der causa Sterling ist also, dass er selbst kein Unschuldslamm ist, Vivianos Audioaufnahme nicht das erste Mal sind, dass er rassistisch auffiel und – noch wichtiger – ligaintern Wissen darüber existierte. Die Ligaautoritäten – speziell der ehemalige Commissioner David Stern zeigte sich wiederholt passiv – hatten jedoch so lange kein Problem mit Sterling, so lange dieser tragbar für der Öffentlichkeit war und zum “revenue sharing”, dem Ligafinanzausgleich, beitrug. Dass er jetzt als Sündenbock stilisiert wird, hat nichts mit Rassismus negierendem Idealismus der Ligaführung zu tun, sondern mit der Tatsache, dass Sterling eine Grenze überschritt und nun nicht mehr publik in Schutz zu nehmen ist.

Nur Einer unter Vielen

Das mag besonders interessant sein, wenn man die derzeit vorherrschende gesellschaftliche Dynamik in den Vereinigten Staaten sieht: Nie war Rassismus ein größeres Tabu und gleichzeitig so salonfähig wie heutzutage. Während die Liga (die zu mehr als drei Vierteln aus schwarzen Athleten besteht) im Konsens akzeptiert, dass Menschen weißer Hautfarbe, unter keinen Umständen das N-Wort gegenüber Menschen schwarzer Hautfarbe gebrauchen sollten, stellt sich Cliven Owen, ein fast 70-jähriger Rancher aus Nevada, öffentlich die Frage, ob Dunkelhäutige als Baumwollpflücker nicht besser aufgehoben wären. Während die öffentliche Anteilnahme an der Ermordung Treyvon Martins riesig war, konnte das amerikanische Justizsystem nur bedingt Recht walten lassen. Während Coca Cola beim Super Bowl 2014 eine Werbung ausstrahlen ließ, in der „America Is Beautiful“ in verschiedenen Sprachen gesungen wurde, gab es es etwaige Stimmen, die sich rassistisch und ignorant darüber äußerten. Der Blog public shaming braucht nur ein öffentliches Großereignis, um aufzuzeigen, wie rassistisch die USA immer noch sind. In keinem öffentlichen Skandal sind die gesellschaftlichen Widersprüche zwischen vorgeheuchelter Progressivität und gelebtem Rückschritt besser zu erkennen, als in Donald Sterlings Rassismus-Skandal.

Der entscheidende Punkt an der Debatte um Sterling ist nämlich nicht, dass sich hier jemand offenkundig rassistisch geäußert hat, sondern dass der öffentliche Aufschrei glauben lässt, es handele sich hierbei um eine Ausnahme. Die causa Sterling mag besonders dramatisch sein, handelt es sich um einen 80-jährigen weißen Multimilliardär in einer vorwiegend afroamerikanischen Liga, sie ist aber nur das Symptom, an der sich eine gesamtgesellschaftliche Krankheit zeigt.

Rekapituliert man das Verhältnis vom owner, dem Besitzenden, und den owned, also den unter Besitz stehenden, und sieht dieses Verhältnis im Kontext von Sterlings Äußerungen, erlebt man ein Déjà-Vu der bösen Sorte. Afroamerikaner aus dem Süden, die im Besitz eines älteren, weißen Mannes stehen, und für dessen Lebensunterhalt sorgen? Das hatten wir schon mal. Sicherlich ist das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt lediglich ein indirektes: Sterling besitzt die Clippers, aber nicht die Rechte an Chris Pauls erdlichem Dasein. Und gewiss werden die bei den Clippers unter Vertrag stehenden afroamerikanischen Profis auch nicht zu unmenschlichen Bedingungen als Sklaven gehalten, sondern gerecht vergütet. Dennoch sollte an dieser Stelle hinterfragt werden, zu welchem Ausmaß ein Besitzanspruch überhaupt legitim ist, wenn der Besitzer fundamental widersprüchliche und diffamierende Ansichten zu seinen Festangestellten besitzt.

Gestern hat sich der neue NBA Commissioner Adam Silver für das einzig Richtige entschieden und eine lebenslange Sperre gegen Sterling verhängt. Zudem wurde dieser zu einer Geldstrafte in Höhe von 2,5 Millionen Dollar verurteilt. Es ist anzunehmen, dass Sterling unter dem horrenden öffentlichen Druck zurücktreten oder durch eine ¾-Mehrheit der restlichen Teambesitzer abgesetzt wird. Niemand will ihn in dieser Liga mehr sehen und sein Ruf ist bereits dermaßen ruiniert, dass jegliche Rückkehr ausgeschlossen scheint. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Menschen mit Sterlings Gedankengut überall in den Vereinigten Staaten gibt. Die Sanktionen der Liga sind wichtig, schaffen sie doch einen Präzedenzfall, der als abschreckendes Beispiel für jeden weiteren Rassisten in Führungspositionen dient. Sie entfernen letzten Endes die von der Krankheit befallenen Teile eines Körpers. Die Anteilnahme und Verwunderung über die Existenz solcher Ansichten sind jedoch schockierend und heuchlerisch, implizieren sie doch, dass der Rest des gesellschaftlichen Körpers gesund sei. In Wahrheit aber ist dieser an verschiedenen Enden von der Invasion der Krankheitserreger betroffen. Die lebenslange Suspendierung Sterlings beseitigt nur ein – äußerst sichtbares – Symptom.

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