Draft, Tournament 2013

Wie ein Wirbelsturm

Die bemerkenswerte Saison der Miami Hurricanes

Started from the bottom…

Die Miami Hurricanes waren nie eine große Nummer im College Basketball. Zeitweise wurde das Basketballprogramm gar vollends stillgelegt und erst 1985 von Grund neu aufgebaut. Einziger Lichtblick war NBA-Legende Rick Barry (genau, der mit dem Unterhand-Freiwurf), der in seiner Senior Saison 37.4 Punkte pro Spiel auflegte und bis heute der einzige All-American der Universität Miami ist. 1971 war dann jedoch für knapp 15 Jahre erst einmal Ende mit Basketball auf dem Campus. Nach ein paar Jahren im Niemandsland des College-Basketballs wurde das Team 1990 in die Big East Conference aufgenommen, wo es gegen Ende der 90er Jahre dann mit späteren NBA-Spielern wir John Salmons oder James Jones zum ersten Mal seit 1960 und drei Mal in Folge im NCAA Tournament stand, jedoch abgesehen von einem kurzen Ausflug ins Sweet-16 im Jahr 2000 keine besonderen Erfolge verbuchen konnte.

Nach Umzug in die Atlantic Coast Conference waren die Canes in den letzten zehn Jahren jedoch lediglich ein Mal beim Big Dance dabei. Die Konkurrenz in der ACC ist mit renommierten Basketballhochburgen wie Duke, North Carolina und North Carolina State allzeit immens. Auch noch zu Beginn dieser Saison hatte Miami niemand auf der Rechnung, insbesondere nicht nachdem man mit einer Niederlage in einem Freundschaftsspiel gegen Saint Leo gegen ein Division II Team verloren hatte und auch das zweite Saisonspiel gegen das ebenfalls schwache Team der Florida Gulf Coast nicht gewinnen konnte. Es sah alles nach einer weiteren unspektakulären Saison für den Männerbasketball der Hurricanes aus.

… Now we’re here!

Fast Forward ins Jetzt. Miami hat mit nur drei Niederlagen in der starken ACC (15-3) und einer Bilanz von insgesamt 27 – 6 in der regulären Saison eine bisher unbekannte Dominanz an den Tag gelegt. Man besiegte als erstes Team überhaupt innerhalb weniger Wochen sowohl Duke (90-63) als auch North Carolina (87 -61) mit je mindestens 25 Punkten Abstand, schockierte die Basketballwelt und rangierte zwischenzeitlich im nationalen Ranking erst auf Platz Acht, dann auf Drei und gar Zwei, was für die Uni die höchsten Ränge seit 1960 bedeutete. Der wahnsinnige Sieg gegen die zu dem Zeitpunkt an 1 platzierten Blue Devils markierte das erste Mal, das Miami ein an Eins platziertes Team geschlagen hatte. Zu den überzeugenden Siegen gegen die Großmächte kamen noch knappe Siege gegen North Carolina State und Virginia, in denen Coach Jim Larranagas Team bewies, dass es auch weiß enge Spiele zu gewinnen.

Nachdem im letzten Saisonspiel im heimischen BankUnited Center auf dem Campus dann der Titelgewinn der ACC festgemacht werden konnte, ging es für die Canes zum ACC Tournament, wo die Erfolgsgeschichte weitergeschrieben werden sollte. Erst konnten das Boston College und North Carolina State aus dem Weg geräumt werden, um schließlich North Carolina in einem denkwürdigen Showdown im Finale 87-77 zu besiegen, in welchen beiden Teams zusammen mit 25 getroffenen Dreiern einen neuen Rekord aufstellten. Miami wurde so zur ersten Universität die nicht im Staat North Carolina ansässig ist und sowohl ACC Titel als auch ACC Tournament gewinnt.

Started from the bottom…

Doch woher der plötzliche und selbst für eingefleischte Fans der Miami Hurricanes unerwartete Erfolg der Mannen in Grün-Orange-Weiß? Schwache Konkurrenz? Auf keinen Fall. Glück? Wohl kaum. Herausragende Recruting Class? Mitnichten.

Ein Großteil des Erfolgs ist wohl „Coach L“ zuzuschreiben, der bereits 2006 überraschenderweise mit seiner damaligen Uni George Mason ins Final Four vorstoßen konnte. Der New Yorker kubanischer Abstammung greift dabei auf einen offenbar gut funktionierenden Mix aus Sportpsychologie und Advanced Statistic zurück. Letzteres nutzte der studierte Wirtschaftswissenschaftler bereits als Assistenztrainer in den 70er Jahren, als er von Hand Statistiken wie „Points per Possession“ ausrechnete.

Jim Larranaga konnte 2011 für die Canes verpflichtet werden und erfüllte sich somit seinen Traum ein ACC Team coachen zu können. Im Sommer 2011, kurz nachdem er seinen Job in Miami angetreten hatte und Chris Bosh mit den ortsansässigen Miami Heat im NBA Finale gegen die Dallas Mavericks verloren hatte, schaute der Star beim Training der Hurricanes vorbei und hatte nach Abschluss des Trainings laut Coach ein paar ehrliche Worte für das Team:

“‘You guys don’t work hard enough. You don’t deserve the success you’d like to have. You can’t compete at the highest level of college basketball with the effort that you’re giving,’” Larranaga recalls Bosh saying. “It was just music to my ears because that was the message we were trying to deliver. Coming from Chris Bosh, it meant a whole lot to the team.”

Im ersten Jahr hatte das Team dann jedoch mit Verletzungen und mit der Universität von der NCAA auferlegten Sanktionen zu kämpfen wodurch von Coach Ls Einfluss in der Folge recht wenig zu sehen war. Vor dieser Saison schrieb er sich dann einige Ziele für 2012-2013 auf, die er mittlerweile nach und nach abhaken konnte: Top Defense? Check. ACC Regular Season Title? Check. ACC Tournament Title? Check…

… Now the whole team’s right here!

Der beste Coach bringt jedoch nicht viel, wenn kein Team auf dem Platz steht, welches seine Anweisungen umsetzen kann. Ein großer Vorteil ist natürlich, dass fünf der besten sechs Spieler Seniors und im Schnitt 22,5 Jahre alte sind. Folglich legen die wichtigsten Spieler eine gewisse Reife an den Tag, wissen wie College Basketball gespielt wird und haben mittlerweile so gut wie alles in einem Basketballspiel gesehen. Auf der anderen Seite weiß Coach L so, was er von welchem Spieler erwarten kann – und was nicht.

Anführer auf dem Feld ist jedoch keiner der zahlreichen Seniors, sondern der 20-jährige Sophomore Point Guard Shane Larkin. Der 1,80m große Sohn der Baseballlegende Barry Larkin ist in Offense und Defense pfeilschnell und läuft so gekonnt den Fastbreak und holt zwei Steals pro Spiel, gerne auch ersteres nach letzterem. Er bringt zusätzlich zu seinen Pflichten als Topscorer des Teams (14.4 PPG) eine Übersicht mit, mit der er nach dem Drive immer wieder die offenen Mitspieler findet (4.4 APG). Was ihn für gegnerische Verteidgungen jedoch zum Albtraum macht, ist die Kombination aus genanntem mit seinem Dreier, den er mit 41% bei knapp fünf Versuchen pro Spiel extrem gut trifft, auch und vor allem am Ende von engen Spielen. Im Finale des ACC Tournaments gegen die Tar Heels legte er 22 Punkte und 7 Assists auf, was den legendären Coach des Gegners, Roy Williams, dazu verleitete, Larkin als den „effektivesten Spieler der Conference“ zu bezeichnen. Larkin wurde somit  zu Recht zum MVP des ACC Tournaments, ACC Player of the Year und ins All-ACC First Team sowie ins Second All-Defense Team der ACC gewählt. Er wäre beim diesjährigen NBA Draft wohl Erstrundenmaterial, wenn er sich anmelden würde (was er laut eigener Aussage aber nicht vorhat).

Sein kongenialer Partner im Backcourt ist Senior Guard und Defensivterror Durand Scott. Der 1,96m große amtierende ACC Defender of the Year übernimmt in der Regel den besten Scorer des Gegners, kann aber auch in der Offense immer wieder Akzente setzen, was ihm eine Wahl ins All-ACC Third Team einbrachte. Scott erzielt 13.2 Punkte pro Spiel, trifft annehmbare 34% bei knapp drei Versuchen pro Spiel von Downtown und explodierte im ACC Tournament Halbfinale für 32 Punkte gegen NC State.

Eine weitere wichtige Stütze des Teams ist Senior Kenny Kadji, der mit seinen 2,11m und einem weichen Händchen von Außen (35% 3er bei ca. 4 Versuchen) ohne Zweifel als Stretch Four gelten kann. Der Power Forward ist zudem athletisch genug um den Break zu rennen und spektakulär abzuschließen. Davon konnten sich im Februar LeBron James und Dwyane Wade persönlich überzeugen, als sie beim Heimspiel gegen die Tar Heels einen off-the-glass Alley-Oop bestaunten, den sie sogleich in ihr Repertoire aufnahmen. Dieses Skillset sowie Durchschnittswerte von 13.3 PPG, 7.0 RPG und 1.3 BPG ist der Grund dafür, warum ihn zum Beispiel nbadraft.net momentan Mitte der zweiten NBA Draftrunde führt und er ins All-ACC Second Team gewählt wurde.

Defensivanker ist Senior Big Man Julian Gamble. Der 2,08-Mann ist jederzeit für ein Double-Double gut, ist aber hauptsächlich als Korbbeschützer (1.8 BPG) wichtig und offensiv eher Verwerter von Durchsteckern. Diese Rolle brachte ihm eine Wahl ins All-ACC Defense Team ein. Er teilt sich die Minuten auf der Fünf mit Center Reggie Johnson, der auf Grund seiner Masse im Lowpost eigentlich immer gedoppelt werden muss, diese Saison in der Folge aber oft den Ball verliert (2.1 TOPG) und schlecht aus dem Feld trifft (38% FG). Um das Selbstvertrauen des Fanlieblings hochzuhalten, erinnert Coach L in deshalb gerne an seine beiden Gamewinner, die Johnson diese Saison erzielen konnte.

Die Starting Five wird durch Small Forward Trey McKinney-Jones komplettiert, der seinem Vornamen mit 39% Dreierquote bei über vier Versuchen pro Spiel alle Ehre macht. Im Finale des ACC Tournaments traf er sechs Dreier gegen North Carolina, doch der Senior kann auch athletisch abschließen und in der Defense zupacken. Neben Sixth Man Reggie Johnson kommt mit Guard-Forward Rion Brown ein weiterer brauchbarer Mann von der Bank, der gegen die Tar Heels im Finale 12 Punkte beisteuern konnte.

Full Speed Ahead?

Der Kader hat also Talent, keine erkennbaren Lücken, eine ausgewogenene Offense durch Inside Scoring und Außenschützen, gute Verteidiger auf dem Flügel und am Korb, kann langsam und schnell spielen… Da stellt sich die Frage, warum Miami als erstes Team, welches beide ACC Titel holen konnte, keinen First Seed von der NCAA bekommen hat.

Es spielt sicher eine Rolle, dass die Canes drei ihrer letzten fünf Spiele der regulären Saison in der ACC verloren haben und sie Duke im ACC Tournament nicht begegnen mussten. Auch muss man bei der Evaluierung des Teams im Auge behalten, dass das Team an sich zwar sehr erfahren und tief ist, jedoch bisher noch keine einzige Minuten NCAA Tournament gespielt hat und ihnen diesbezüglich die Erfahrung abgeht.

Zurück zu Coach L. Der National Coach of the Year hat sich vor Beginn der Saison noch ein weiteres Ziel gesteckt: NCAA Title. Das Potential ist definitiv vorhanden, eine Cinderella Story wäre es mittlerweile aber keine mehr. Miami hat oft genug bewiesen, dass sie jedes Team schlagen können. Natürlich fehlt ihnen (wie eigentlich fast jedem Team beim Tournament) die frenetische Fanunterstützung, die bei den 25+ Siegen gegen Duke und North Carolina geholfen haben. Das liegt in der Natur des Tournaments. Jedoch waren die Canes auch auswärts gegen Duke nur einen getroffenen Dreier von der Overtime entfernt und haben beim ACC Tournament bewiesen, in einer Halle gewinnen zu können, in der über 20.000 Fans der Tar Heels waren.

Jim Larranaga versteht es auch, seinen Spielern stets die richtigen Worte mit auf den Weg und so den richtigen Fokus zu geben. So auch jetzt, kurz vor Start des NCAA Tournaments:

Everyone has the same record, 0 and 0. Every team shows up to play their best. The team that plays the best moves on. … You guys have been awesome all season long.

“You’re the best basketball team I’ve ever coached, and I’ve coached some great teams. You guys have proven so much to me. I want you to enjoy this. Have more fun than any other team. This is what college basketball is all about.

Heute (19.10 Uhr deutscher Zeit) geht es im ersten Spiel gegen eine Uni, die am ehesten für den ersten Pick der Draft 1998, Michael Olowokandi, bekannt ist. Der Erste Schritt auf dem Weg durch ein hoffentlich langes Turnier, an dessen Ende die Miami Hurricanes bei optimalem Verlauf zum dritten Mal in dieser Saison die Netze abschneiden dürfen. Ich werde, wie jeder Student und Fan der Universität von Miami, gespannt vor dem Bildschirm sitzen und unserem Team die Daumen drücken. Let the madness beginn!

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