Indiana Pacers, Miami Heat, Playoffs2012

Eigene Schwäche oder gegnerische Stärke?

Betreff: Miami Heat – droht der Abgrund?

Nachrichtentext:
Liebe Redaktion,

die Frage, die spätestens seit heute Nacht jedem unter den Nägeln brennt: Chris Bosh verletzt raus, Dwyane Wade völlig indiskutabel in Spiel 3 – gehen LeBron James und die Miami Heat nun schon gegen die Pacers raus? Wäre wundervoll, wenn ihr da noch vor Gm4 was zu machen könntet.

Beste Grüße,
Patrick

Diese E-Mail eines Lesers erreichte uns wenige Stunden nach dem Ende des dritten Spiels zwischen den Miami Heat und den Indiana Pacers. Die Redaktion in Form von Malte Arndt und Dennis Spillmann hat sich ihre Gedanken zur Frage gemacht, ob die Miami Heat gegen die Pacers schon in der zweiten Runde ausscheiden können und werden.

Malte Arndt: Die Rollenverteilung schien klar: Hier der Topfavorit auf den NBA-Titel, den amtierenden MVP in den eigenen Reihen, topmotiviert durch die Finalniederlage im Vorjahr. Dort der Außenseiter, der zum ersten Mal seit 2005 eine Playoff-Runde überstand, lediglich ein aktueller All Star unterm Brett – und die Auszeichnung auch noch höchst umstritten. Kurz gesagt: In einer normalen Welt, unter normalen Umständen, haben die Pacers gegen die Heat keine Chance – so der allgemeine Konsens. In der realen Welt führen die Indiana Pacers in den Eastern Conference Semifinals mit 2:1 und können am Sonntag im Conseco Field House die Heat an den Rand des Ausscheidens bringen. Doch wie realistisch ist dieser Upset wirklich?

Gemeinhin wurden die Schwächen der Heat direkt am Korb oder an der Dreierlinie ausgemacht – kaum ein Team verteidigte den Distanzwurf schlechter, wenige Teams ließen sich leichter im Post düpieren. Insofern war es zumindest vorhersehbar, dass die Serie nicht der reine Selbstläufer wird, den man gerade in Florida gerne gesehen hätte. Dennoch sprach die individuelle Klasse eindeutig für Miami, besonders unter dem Aspekt, dass Indiana kaum wirklich starke Verteidiger auf dem Flügel aufbieten kann und man mit Hibbert nur eine defensive Präsenz unterm Korb weiß – was sich auf eine relativ simple Formel runterbrechen ließ: Geraten Hibbert bzw. Paul George, der noch als fähigster Perimeter-Verteidiger gelten darf, in Foulprobleme, haben die Pacers enorme Probleme. So gesehen im ersten Spiel, als genau das passierte und Miami in der zweiten Halbzeit einen Rückstand egalisieren und schlussendlich uneinholbar davonziehen konnte.

Die Ausgangslage änderte sich dennoch dramatisch, als Miami Chris Bosh verlor. Nicht etwa, weil Bosh die Big Men der Pacers im Post herausfordern würde (das tut er ja eher sporadisch), sondern weil Bosh extrem wichtig für das Gelingen der Drives von Wade/James ist. Mit keinem anderen Spieler können die Superstars der Heat das Pick-and-Pop derart effizient spielen, kein anderer Big der Heat vermag es, seinen Gegenspieler so weit aus der Zone rauszuziehen (gleichwohl man Udonis Haslem einen passablen Midrange-Jumper attestieren muss). Mögen die individuellen Statistiken für den vorherigen Hype durchaus überschaubar sein, so kann man die Rolle von Bosh im Angriff kaum hoch genug bewerten. Ohne ihn fehlt der Platz in der Zone, den James und Wade für ihren Drive brauchen, um wenigstens nur Eins-gegen-Eins gegen einen Big ziehen zu müssen. Klar, dieses Problem könnte man zumindest theoretisch beheben, indem man statt Bosh einen Dreierschützen in die Startaufstellung beordert, um so das Spacing zu gewährleisten. Das versuchte Spoelstra im zweiten Spiel de facto auch, als er zwar Turiaf starten ließ, aber Shane Battier 32 Minuten sah, was deutlich über seinem normalen Arbeitspensum liegt.

Der Nachteil dieser Variante: Natürlich ist Shane Battier kein annähernd so guter Rebounder wie Bosh (obwohl Bosh selbst ja für einen Big Man kein besonders toller Rebounder ist), weshalb man Indiana immer wieder zweite oder sogar dritte Wurfchancen gewährleistete. Eine defensive Reboundquote von 63% in diesem Spiel war unterirdisch, insgesamt verlor man das Duell an den Brettern 40:50. Hierauf reagierte Spoelstra, indem er die Minuten von Mario Chalmers (auch durch Foulprobleme bedingt) deutlich reduzierte und dafür auch Joel Anthony ungewohnt viel Spielzeit gab (knappe 35 Minuten). Damit war natürlich der erhoffte Spacing-Effekt zunichte, de facto spielt man mit Joel Anthony im Angriff vier gegen fünf. Wieso man nicht Udonis Haslem deutlich mehr Spielzeit gibt, da er als einziger Big für etwas Spacing sorgen kann, ist eine Frage, die ich gerne mal von Spoelstra beantwortet hätte. So liefert man sich auf Gedeih und Verderb dem Erfolg des Teams in der Zone aus, man muss darauf hoffen, dass die Schiedsrichter viele Fouls pfeifen, um an die Freiwurflinie zu kommen und gleichzeitig Indiana in Foulprobleme zu bringen, man hat keinen Plan B.

Zum jetzigen Zeitpunkt erinnert diese Serie frappierend an die Finals 2011: Auch damals wollte der Dreier nicht fallen (traurige Realität oder Comedy? Die 20% aus dem dritten Spiel sind bislang der Bestwert in dieser Serie für Miami), Spoelstra reagierte, statt selber zu agieren, schien teilweise planlos, wie er auf die Rotation des Gegners antworten soll. Sicher, Indianas Stärke liegt in der Vielseitigkeit: Man kann über Hibbert und (mit Abstrichen) Hansbrough am Korb agieren, man kann mit Barbosa und Hill penetrieren, mit West und den Flügeln aus der Mitteldistanz agieren, man hat verlässliche Dreierschützen, die Versetzung von Darren Collison auf die Bank hat wahre Wunder für die Effektivität der Second Unit gewirkt. Man kann vieles, wenn auch nichts herausragend gut. Vielleicht ist es aber genau diese Mischung, die den Heat 2012 den Gar ausmachen kann: die Vielzahl der Probleme, vor die man Miami stellt, indem man immer wieder flexibel auf die Schwächen der jeweiligen Lineup eingeht. Sei es das Rebounding, das die Pacers in den letzten beiden Partien klar dominierten, sei es die Dreierlinie, von der aus zumindest letzte Nacht zuverlässig getroffen wurde. Miami spielt momentan wie ein Zwei-Mann-Team, weshalb es umso schlimmer ist, dass das große Spiel von Chalmers letzte Nacht „vergeudet“ wurde, da Dwyane Wade eine seiner seltenen No-Shows in den Playoffs hinlegte.

Sicher, die Serie ist noch nicht entschieden. Man darf trotz des deutlichen Resultats in Spiel Drei nicht vergessen, dass das Spiel zur Halbzeit ausgeglichen war, Miami hat noch immer die individuelle Klasse, die schon oft genug den Unterschied in den Playoffs ausgemacht hat. Nur wie lange kann diese Klasse strukturelle Defizite überdecken? Wie lange dauert es, bis Spoelstra die richtige Rotation gefunden hat, um den Pacers beizukommen? Ringt er sich erst wieder (wie in den Finals) bei einem Do-or-die zu tiefgreifenden Änderungen durch, oder wird er diesmal vorher aktiv? Zum Beispiel, indem er Mike Miller statt Shane Battier in die Startformation schickt, die Rotation strafft und Rollen (bspw. die angesprochene von Haslem) ändert? Die Alarmglocken sollten jedenfalls am South Beach schrillen, denn man kann die Serie auch so sehen: Einzig eine überragende Performance von Wade und James sowie Foulprobleme von Hibbert haben verhindert, dass man schon 0:3 zurückliegt. Die Pacers sind nicht nur psychologisch, sondern auch von der Spielanlage her im Vorteil – und das ist bei dem Coach vielleicht der größte Nachteil, den Miami derzeit haben kann.

Dennis Spillmann: Generell sollte man zudem mal die Situation der Miami Heat betrachten, die nun in ihrem zweiten Jahr seit dem Zusammenschluss von Wade, James und Bosh sind. Verschiedenste Fanäußerungen forderten seit dieser Zeit eine Umstrukturierung des CBA, um die Bildung eines solchen Triumvirats zu verhindern. Die Heat wären zu stark aufgestellt, der Impact in der Spitze sei in einer solchen Dichte bisher noch nie vorhanden gewesen. Teile dieser Behauptungen stimmen. Letztlich führen jedoch alle diese Forderungen am Thema vorbei, denn trotz vorgenommener Gehaltseinsparungen seitens James’, Wades und Boshs ist es Miami nicht gelungen, ein funktionierendes Team mit einem System zu installieren.

Die Heat haben im letzten und in diesem Jahr nicht ihre Conference gewonnen. Dies ist kein Zufall, sondern beschreibt einen Umstand, der bisher so nicht anerkannt wurde: Das CBA funktioniert. Es erlaubt nicht genügend Ausnahmen, um weitere Leistungsträger zu signen. Kein Team in der NBA leidet so sehr unter dem Ausfall seines drittbesten Spielers wie die Miami Heat. Wenn man sich individuell so hervorragend in der Spitze aufstellt, dann macht man automatisch Abstriche bei der weiteren Besetzung des Kaders. Dabei haben die Heat mit Chalmers, Haslem, Miller und Battier solide Rollenspieler in ihren Reihen, aber eben keine weitere Scoring-Option, die einspringen kann, wenn einer der Big 3 ausfällt.
Da bringt es auch nichts, wenn man mit LeBron James und Dwyane Wade zwei der besten zehn Basketballer dieses Planeten im eigenen Team hat, denn Basketball ist bekanntlich ein Teamsport. Auch wenn man die zwei besten Spieler auf dem Feld hat, bedeutet dies nicht, dass man von den Spielern 3-7 des Gegners besiegt werden kann. Die von Malte bereits beschriebenen Vorzüge von Chris Bosh haben – in Kombination mit James und Wade – zumeist ausgereicht, um individuell zu dominieren, da man zumeist die drei besten Spieler stellte oder zumindest 3 der besten 4.

Natürlich kann man unter dem Reglement des CBA einen Contender in einem Jahr zusammenkaufen. Natürlich waren die Heat im letzten Jahr schon sehr nah am Titel, wenn man Spiel 2 vernünftig closed. Aber die Strategie des One-and-Done-Prinzips, indem man nach einem Jahr mit einem komplett neuen Team direkt den Titel gewinnt, plant eines nicht ein: Verletzungen. Um kurzfristig erfolgreich zu sein, muss man sich auf die Fitness und Belastbarkeit aller Akteure verlassen können, denn eine tiefe Bank ist mit dieser Strategie nicht möglich. Man hat in der Regular Season gesehen, dass ein gewachsenes Team wie die Bulls mit dem Ausfall von Derrick Rose gut zurecht kam, weil man eben ein-zwei Rollenspieler mehr hatte, die Leistungen abrufen konnten, wenn sie gebraucht wurden. Das ist nun mal in Miami nicht möglich.

Wenn zudem mit Chris Bosh genau der Spieler ausfällt, der Spacing schafft, der tendenziell am besten zu James und Wade passt, dann ändert dies den kompletten Gameplan. Spoelstra sucht nun verzweifelt nach einem Ersatz im Kader. Malte beschrieb treffend die Lücke, die Bosh hinterlässt. Wahrscheinlich würden die Heat mit einem Ausfall von Wade oder James strukturell besser zurecht kommen (ohne Wade gewannen die Heat 10 von 11 Partien in dieser Saison), weil der on-the-ball-Spielertyp James/Wade durch einen off-the-ball Schützen (Miller/Battier/James Jones) ersetzt werden könnte und so weitere Räume für den Superstar schaffen könnte. Der Ausfall Boshs trifft die Heat am härtesten, weil in ihrem One-and-Done-Kader kein Ersatz für den Spielertyp Bosh vorhanden ist.

Ob man mit individueller Dominanz die Serie gegen die Pacers nun noch gewinnen kann, hängt vor allem davon ab, ob Coach Spoelstra eine Lösung für den Ausfall Boshs findet, denn die Probleme, die Miami hat, sind offensichtlich: Spacing und Rebounding. Eigentlich vereint Udonis Haslem dieses Profil, jedoch hat dieser in der gesamten Saison seinen Wurf noch nicht gefunden. Wenn Haslem also nicht die Lösung ist, wird es ständig ein Switchen zwischen Spacing (eine Lineup mit Chalmers – Wade – James – Battier/Miller – Anthony/Turiaf) und Rebounding (Chalmers – Wade – James – Turiaf – Anthony oder mit James auf der 4 und einem weiteren Schützen sein) geben, um gerade den akutesten Brandherd zu löschen. Damit kann man die Serie noch drehen, aber es würde nicht verwundern, wenn die Pacers die jeweilige Schwäche sofort lokalisieren und entweder eine Zone oder Box-And-One auspacken, wenn die Rebounding-Unit auf dem Feld ist, oder am Brett dominieren, wenn die Heat versuchen, das Feld breit zu machen.

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