Gedanken, Indiana Pacers, San Antonio Spurs

Wieder in die rechte Spur(s)?

Nachdem die Draftnacht so einige Trades bereit hielt, ist darunter auch ein eher kleiner Deal, dem vielleicht nicht zu viel Beachtung beigemessen wird, der aber für die strategische Ausrichtung der beteiligten Franchises interessant ist. Die Indiana Pacers tauschten ihren #15-Pick Kawhi Leonard gegen George Hill von den San Antonio Spurs. Dazu erhielten die Spurs noch die Draftrechte an Davis Bertans und Erazem Lorbek.

Die Tradebausteine

Zunächst dürfte das momentane Talentlevel der beiden Hauptbestandteile des Trades gleichmäßig verteilt sein. Kawhi Leonard ist ein explosiver Small Forward, der an der Universität von San Diego State extra als Small Forward auflief, um auf seine NBA-Karriere besser vorbereitet zu sein. Seine ewig langen Hände waren meist das Gesprächsthema, wenn es um Leonard ging. Leonard hat Gardemaß für den Small Forward-Spot, ist aber bei Weitem kein guter Basketballer. Durch seine Länge und Athletik kann er sicherlich mehrere Positionen verteidigen, offensiv ist er aber viel zu roh. Leonard hat weder einen erprobten Weitdistanzwurf noch das Ballhandling, um mit dem Drive zum Korb ziehen zu können. Kann Leonard jedoch einen Go-to-Move entwickeln, sei es der Drive oder der Dreier, dann kann er gar ein wertvollerer Spieler als George Hill werden.

Hill selbst ist ein bewiesener Rollenspieler. Er ist auf beiden Guard-Positionen einsetzbar, defensiv kann er seinen Mann vor sich halten und offensiv den Dreier treffen, sowie mit Abstrichen auch zum Korb ziehen. Dabei ist Hill jedoch nicht dominant, sondern ein Spieler, der seine Rolle im Team findet und akzeptiert, um ein wichtiger Rotationsspieler zu sein, mehr aber auch nicht. Hill ist eigentlich der Prototyp eines Spielers der San Antonio Spurs: Er hat eine längere College-Ausbildung durchlaufen, ist als Rollenspieler in die Draft gegangen und vor allem eines: smart. Sowohl auf dem Feld als auch abseits des Courts.

Der Deal aus Sicht der Pacers

Die Indiana Pacers haben eine relativ erfolgreiche Saison abgeschlossen, da sie die Playoffs wieder erreichten. Das noch recht junge Team schied zwar gegen die Chicago Bulls aus, hielt aber in fast allen Spielen bis zum Ende gut mit. Vor der Draft sah die Rotation auf den drei kleinen Positionen bei den Indiana Pacers wie folgt aus:

Collison/Price/Ford
Dunleavy/Rush/Jones
Granger/George

Sinnvoll ist auf den ersten Blick also weder ein Draften von Leonard noch ein Trade für George Hill. Betrachtet man jedoch die Vertragssituation der Pacers, wird deutlich, wieso man sich letztlich zu dieser Transaktion entschied. Die Verträge von TJ Ford und Mike Dunleavy laufen aus, mit Dahntay Jones und Brandon Rush hatte man auf Shooting Guard immer wieder Probleme, sodass gar Rookie Paul George in den Playoffs startete. Betrachtet man nun die wahrscheinliche Rotation in der Saison 2011/12, so wird deutlich, dass Hill (auch wenn dieser weniger Upside als Leonard bietet) dem Team der Pacers mehr helfen kann.

Collison/Hill/Price
Hill/Rush/George
Granger/George

Zudem ist es vielleicht eine nicht ganz so unerhebliche Randnotiz, dass George Hill in Indianapolis beheimatet war. Man holt nicht nur einen charakterlich einwandfreien Profi ins Team, der schon Playoffserien gewonnen und mit entschieden hat, sondern auch einen Spieler, der sich in Indianapolis wohl fühlen könnte. Für die Pacers ist der Trade wohl doch hilfreich, auch wenn man „nur“ den 26. Pick von 2008 für den 15. Pick 2011 erhält. Die Gewissheit, einen bewiesenen Rotationsspieler zu erhalten, ist eventuell auch wichtiger. Hill kann die geforderten Aufgaben (Spacing als Off-Guard, eventuell für einige Minuten den Ballvortrag auf der 1) bewältigen und dem Team weiter Stabilität im Backcourt geben.

Der Trade für die San Antonio Spurs

Nach dem Motiv der San Antonio Spurs muss man länger suchen. Man sollte vorab festhalten, dass die Spurs sich direkt durch diesen Trade nicht verbessern. Man hat Richard Jefferson langjährig an das Team gebunden. Eine Starterrolle für Kawhi Leonard ist also vorerst nicht wahrscheinlich. Dazu kommt, dass man eigentlich ganz ordentlich im Backcourt aufgestellt war. Die Rotation Parker – Ginobili – Hill war etabliert und funktionierte zusammen, da jeder Akteur mit jedem anderen auflaufen konnte.

Warum tradet man dann mit George Hill einen bewiesenen Rollenspieler? Vor allem, weil man mit einem Auge schon auf den Sommer 2012 schielt. George Hill will dann bezahlt werden, da sein Rookie-Deal ausläuft. Da Hill momentan nicht verzichtbar ist, man mit Parker, Ginobili und Jefferson aber auch über 2012 drei Großverdiener hat und – sollte Tim Duncan seine Karriere beenden – trotzdem relativ perspektivlos dasteht, verzichtet man an dieser Stelle auf George Hill und entscheidet sich für Kawhi Leonard sowie für ein Projekt in Bertans, das man für die nächsten Jahre in Europa parken wird. Was man mit den Rechten von Erazem Lorbek vorhat, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar. Der Slowene ist mit seinen 27 Jahren ein erfahrener Spieler, der am College für Michigan State auflief und von den Pacers 2005 in der zweiten Runde gedraftet wurde. Es wäre auch nicht verwunderlich, wenn Lorbek wirklich für die Spurs auflaufen würde, da die Franchise schon fast berüchtigt dafür ist, „alte“ Rookies, die sich in Europa bewiesen haben, zu verpflichten. Im letzten Jahr debütierten mit Tiago Splitter (25) und Gary Neal (26) auch gestandene Basketballer in der NBA für die Franchise aus Texas.

Fazit

Die Indiana Pacers verpflichten einen routinierten Rollenspieler, der die Minuten von Mike Dunleavy und TJ Ford absorbieren kann und trotzdem auch nach seinem Resigning 2012 nur den Bruchteil der beiden Gehälter kosten wird. Hill selbst ist als „Indiana-Native“ ein guter Fit, weil er nicht nur basketballerisch zu den Pacers passt. Indiana hätte sicherlich nicht vorab gedacht, dass sie in dieser relativ schwachen Draft einen Rollenspieler finden würden. George Hill ist kurzfristig die beste Lösung.

Die San Antonio Spurs haben sich mittelfristig in eine recht gute Position gebracht. Fraglich bleibt aber, ob damit gleichzeitig eingestanden wurde, dass der Contenderstatus des Teams endgültig vorbei ist. Wenn man einen guten Rotationsspieler für einen recht rohen Upside-Spieler tradet, dann ist das im Normalfall ein Eingeständnis. Andererseits könnte es aber auch sein, dass ein Spieler wie James Anderson, Gary Neal oder der andere Rookie, Cory Joseph,  gleich ein gewinnbringender Rollenspieler wird, der George Hill ersetzen kann. Die San Antonio Spurs besitzen zu Recht den Ruf, genau solche Spieler immer wieder in der Draft zu finden.

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2 comments

  1. Michael Stuhldreier

    Ein Aspekt noch zu George Hill: er wäre im nächsten Jahr so oder so weggegwesen, weil die Spurs nicht den finanziellen Spielraum haben, ihn zu halten. Für mich eine Win-Win-Win-Situation. Hill spielt wieder in der Heimat mit größerer Rolle, den Pacers wird er weiterhelfen und die Spurs haben womöglich wieder einen Steal gelandet.

  2. Florian

    Da der 21 Mio $ Vertrag von Duncan ausläuft, müssten die Spurs doch genügend finanziellen Spielraum haben. Zudem stelle ich mir die Frage, ob ein Trade von Parker nicht zukunftsträchtiger gewesen wäre und damit besser. Das Meisterschaftsfenster der Spurs ist meiner Meinung nach nämlich zu.
    http://hoopshype.com/salaries/san_antonio.htm

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