San Antonio Spurs

Die Entwicklung Kawhi Leonards

Eine Analyse des Offensivspiels Kawhi Leonards

Kawhi Leonard zeigt in der Saison 2016/2017 eine offensive Steigerung, die ihn in die absolute Liga-Elite der Offensivspieler hievt. Eine Aussage die in der abgelaufenen Saison viel Diskussionspotenzial provoziert hätte, bietet trotz der noch überschaubaren Sample Size (Stand 22.11; 14 Spiele), einige Fakten die sie stützen. Zweifelt man die Aussagekraft der Sample Size an, zeigen sich aber zumindest  Tendenzen. Die von Leonard  bisher gezeigte Entwicklung des offensiven Skillsets offenbart sich in einigen Kernfacetten, die ihn in die offensive Ligaspitze befördern. In dieser Analyse soll aufgezeigt werden, welche offensiven Aspekte Leonard teils drastisch verbessert hat. Der Fokus liegt dementsprechend allein auf den offensiven Attributen, die Defensive wird nicht untersucht, auch wenn diese natürlich zur Gesamt-Evaluation eines Spielers dazu gehört. 

Schwächen in der vergangenen Saison

In der Kategorie der offensiven Elite wurde Leonard in der abgelaufenen Saison 15/16 von vielen Kritikern nicht gesehen. Seine Offense wurde als sehr effizient, effektiv aber eingeschränkt dargestellt. Die Usg% von Kawhi Leonard in der vergangenen Saison (USG% 15/16: 25.8 ; Platz 31 in der Liga) befand sich nicht in der Top 10 der Liga.  Das war eines der Hauptargumente Leonard nicht in der offensiven Superstar-Kategorie zu sehen. Die hohe Assisted FG% von 54.9 zeigt ein weiteres Argument gegen Leonard’s offensive Potenz. Er scored effektiv, aber kreiert zu wenig für sich selbst, braucht also mehr für seinen offensiven Output mehr Unterstützung als Spieler wie LeBron James, Stephen Curry oder Russell Westbrook.

Betrachtet man einen Auszug der offensiven Statistiken, so zeigen sie tatsächlich Verbesserungspotenzial, wenn man Wert auf hohes Volumen eigens kreierter Wurfversuche, das Ziehen von Freiwürfen oder eben die im Kontext betrachtete niedrige Usage% schaut: 

 ORtgUSG%UaFG%TS%FTr
Kawhi Leonard 15/1612125.845.161.630.6

Es wird deutlich, dass Leonard extrem effizient (61.6 TS%, Platz 4 ligaweit) und effektiv (121 ORtg, Platz 3) gescort hat. Es wird aber ebenso auffällig, dass er nur wenig mehr als der Hälfte seiner Abschlüsse selbst kreiert hat (Unassisted FGA% 45.1) und auch generell den Ball weniger in der Hand hält als andere Stars. Zusätzlich generiert er im Vergleich betrachtet nur in kleinem Maße Freiwürfe (Free Throw Attempt Rate 30.6, Platz 36) und verkörpert somit, oberflächlich gesehen, einen Jumpshooter der wenig zum Korb geht. 

Nach Begutachtung dieser Werte könnte man zu dem Schluss kommen, dass Kawhi Leonard offensiv (lediglich) ein sehr guter offensiver Rollenspieler ist, der im Teamverbund enorm effizient agiert. Die Regionen in Leonards Offensivspiel mit Verbesserungspotenzial scheinen offensichtlich. Für die abschließende Evaluation der offensiven Leistung ist es zudem wichtig mit einfließen zu lassen wie (Play Type) und welche Art von Abschlüssen der Spieler für sich generiert (und kreieren lässt). Es wird folglich betrachtet wie groß die jeweiligen Anteile seiner Abschlüsse sind (simplifiziert auf die Zonen Zweipunkt-Abschlüsse, Dreier und Freiwürfe). Die genaue Ausführung der Abschlüsse (Jumpshot, Dunk, Floater, Layup etc.) wird nicht mit einbezogen, ist aber auch für diese Untersuchung der vergangenen Saison nicht zielführend. Die Art der Abschlüsse lässt nur bedingt Schlussfolgerungen auf die Qualität zu und führt teils zu falschen Schlussfolgerungen. Bei der Einordnung eines offensiven Skill-Sets spielt die Ausführung sicherlich ein Rolle, ist aber wenig aussagekräftig wenn man sich auf Volumen, Effizienz und Effektivität konzentriert. Demnach dienen die folgenden Tabellen dem Überblick über die Kernaspekte des Offensivspiels.

 2PT%3PT%FTA%
Prozentualer Anteil der Abschlüsse 15/1655.425.419.2

Den Hauptanteil Leonards Abschlüsse machen mit 55.4% die Wurfversuche innerhalb der Dreierlinie aus. Hierbei sind sämtliche Abschlüsse inkludiert die nicht den Dreier beinhalten, also alles innerhalb der Zone und der nahen bis weiten Mitteldistanz (Freiwürfe sind hier nicht mit einbezogen). Der Distanzwurf wird mit 25.4% ebenfalls häufig gesucht. Auffallend ist erneut der geringe Anteil an Freiwurfversuchen gemessen am Gesamt-Output. 

Wie bereits erörtert ist nun zu beobachten wie – aus welchen Spielsituationen – die aufgezeigten Abschlüsse zustande kommen. Kategorisiert wird nach Play Type. Hierbei dienen zwei ausgesuchte Kategorien als zielführend, da diese am besten den Unterschied zwischen selbst kreierten und aufgelegten Abschlüssen verdeutlichen:

Play TypeBallhandlerSpot-Up
Prozentualer Anteil der Abschlüsse13.723.6

Die dargelegten Kritikpunkte an Leonards Offensive verdichten sich zunehmend. Lediglich 13.7% Leonards Abschlüsse sind durch ihn als Ball Handler kreiert (darunter fallen Pick&Rolls/Pops etc.). Ganze zehn Prozent über dem genannten Wert befinden sich seine Abschlüsse als Spot-Up Shooter (23.6%). Es belegt einmal mehr den Fakt, das Kawhi Leonard in der vergangenen Saison mehr Abschlüsse nach Vorarbeit eines Mitspielers nahm, als er sich selbst kreiert hat. Wie es Philipp Rück kürzlich schön verdeutlicht hat, ist das ein absolutes Ausschlusskriterium bei der Zuordnung eines Spielers in die (offensive) Superstar-Kategorie

Abschließend kann neben der genannten Kritik am Scoring eine weitere Komponente an Leonard’s Offensivspiel angeprangert werden: das Playmaking. Die Offense der San Antonio verteilt das Playmaking, systembedingt, auf mehreren Schultern. Die adjustierte Assist-to-Pass Percentage (wie hoch ist der prozentuale Anteil der Pässe eines Spielers die zu Assists, Secondary Assists oder Free Throw Assists führen) ist ein reliabler Indikator für die Playmaking-Fähigkeiten eines Spielers. In der vergangenen Saison befand sich Leonard in dieser Kategorie teamintern lediglich auf dem vierten Platz:

 Manu GinobiliTony ParkerAndre MillerKawhi Leonard
AST to Pass% (adjusted) 15/16 15.7 13.2 13.1 11.1

Es lässt sich nicht ablesen, welche Pässe ein Spieler spielt und in welchem Masse sie die Offensive eines Teams beeinflussen. Offensichtlich wird aber das Endprodukt der gespielten Pässe. Wichtig ist hierbei, dass Leonard zwar nicht die Rolle des primären Ballhandlers einnahm, dennoch aber den größten Anteil des Playmakings nach den ballführenden Guards übernahm. Das ist für einen guten Scorer in Ordnung, führt aber auch dazu, dass Leonard nicht das offensive Komplettpaket mitbringt, welches zu Recht von einem Superstar verlangt wird. Leonard (11.1) lag mit seinem Wert klar unter Spielern wie Russell Westbrook (22.8), James Harden (18.3), LeBron James (17.3) oder Stephen Curry (17.2). Die genannten Spieler sind zwar allesamt hinlänglich als Playmaker bekannt, gehören aber auch zur Scoringelite. Die fehlende Kontribution Leonard’s in diesem Spielelement lässt sich also nicht auf eine zu große Scoringlast schieben. Zieht man Spieler heran, die primär Scorer sind so bestätigt das die vorangegangene These. Auch Kevin Durant (16.5) oder Jimmy Butler (13.6) weisen deutlich höhere Werte auf. Zurecht kann also behauptet werden, dass Leonard im Bereich des Playmakings weder im ligaweiten noch im Team-internen Vergleich auf Top-Niveau agierte. 

Es fällt nach den gezeigten Argumenten schwer Leonard in der Saison 15/16 als offensiven Go-to-Guy zu bezeichnen. Ebenso wird aber ein deutliches Bild gezeichnet, in welchen Facetten des Offensivspiels Raum für Verbesserungen vorhanden ist.

Die Transition zum offensiven Führungsspieler

Begutachtet man die gezeigten Kriterien und projiziert sie auf eine Evaluation der aktuellen Saison, so zeichnen sie eine klare Tendenz der offensiven Entwicklung Kawhi Leonards. Hierbei ist es wichtig zu verdeutlichen, dass die nachfolgend dargelegten Merkmale im Kontext zur offensiven Elite der Liga betrachtet werden. Die Offensive kann nur zu einem bestimmten Teil im Vakuum betrachtet werden. Es drängt sich demnach die Frage auf, in welcher Güteklasse sich Leonard’s Offensivspiel befindet, wenn er in einem anderen System als dem sehr speziellen der San Antonio Spurs außerhalb seiner Komfortzone agieren muss. Diese Frage ist natürlich nicht zielführend zu beantworten, da Leonard nach wie vor das Trikot der Spurs trägt. Dennoch zeigt Leonard aktuell offensive Facetten, die System-unabhängig seine Qualität belegen. 

Um die teils starken Verbesserungen und Entwicklungen in Leonard’s Spiel zu verdeutlichen, werden die Schwachpunkte der Saison 15/16 berücksichtigt, aber auch andere Punkte beleuchtet, die für die eingangs gestellte These als zielführend erachtet werden. Den Einstieg liefert eine Vergleichstabelle, die eine statistische Verbesserung zur Vorsaison klar darstellt:

 ORtgUSG%UaFG%TS%FTr
15/1612125.845.161.630.6
16/1711831.357.359.842.3

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Leonard übernimmt mehr Verantwortung (USG% 31.1; höchster Teamwert seit Tony Parker in der Saison 08/09), kreiert kontinuierlicher für sich selbst, zieht deutlich mehr Freiwürfe und verbucht dabei eine minimale Senkung seiner Effizienz. Wie diese Werte indes zustande kommen, wird nachfolgend mit Beispielen erläutert. Bei der Untersuchung wird in Scoring und Playmaking unterteilt.

Scoring

Die entscheidende stark verbesserte Komponente in Leonards Scoring, stellt seine Fähigkeit sich als Ballhandler selbst Würfe zu kreieren da. Hierzu der Vergleich der Play Type%:

Play Type:BallhandlerSpot-Up
15/1613.723.6
16/1725.218.1

Leonard schließt in der laufenden Saison mehr als 12% öfter ab wenn er das Play selbst als Ballhandler initiiert. Zudem wird er sichtlich seltener als Spot-Up-Schütze eingesetzt.

Shooting

Im gezeigten Play benötigt es für Leonard lediglich einen gestellten Pick von Neuzugang Pau Gasol um durch sein verbessertes Decision Making sowie sein konstant weiterentwickeltes Ballhandling einen Wurf für sich zu kreieren. Durch das Pick&Roll wird das Matchup David West-Leonard forciert, dass Leonard mit einigen Hesitation Dribblings ausnutzt um einen freien Abschluss aus der Mitteldistanz zu generieren. Aus der Mitteldistanz (5-24 feet) schließt Leonard mit 44.6% (47.1% in 15/16) effizient ab. 

Ähnlich verhält es sich im nachfolgenden Ausschnitt:

Erneut schafft sich Leonard selbst Raum für seinen Abschluss. Mit einer Kombination aus Hesitation Dribblings, Crossovern und Fakes bringt Leonard Andre Iguodala aus der Balance und kreiert sich einen Jumpshot. Die Bewegungsabläufe erinnern hier an Kobe Bryant, der sich oftmals ähnliche Abschlüsse in der Form generierte. 

Bei den Abschlüssen aus der nahen und weiten Mitteldistanz greift Leonard auf unterschiedliche Abschlüsse zurück. 

Ein Pick von Gasol ermöglicht es Leonard in die nahe Mitteldistanz vorzudringen. Schafft er es wie hier nicht genügend Platz zu seinem Verteidiger zu generieren, nutzt Leonard einen Fadeaway. Erneut wird durch gezielte Dribblings und Kontaktaufnahme mit dem Gegenspieler eine Abschlusssituation geschaffen in der Leonard effizient (44.6% s.o.) und effektiv (7.8 Abschlüsse aus der Mitteldistanz pro Spiel) scoren kann.

Driving

Voraussetzung für das Kreieren von Jumpshots ist neben dem sicheren Ballhandling und der Fußarbeit die potenzielle Gefahr eines Drives. Durch das Respektieren des Drives ermöglicht die Verteidigung Raum. Kawhi Leonard verbucht bisher 6.8 Drives pro Spiel (15/16: 4.9), die er zu 56.3% (15/16: 55.3%) erfolgreich abschließt. Leonard zieht in dieser Saison also fast zweimal öfter zum Korb als in der vergangen und zeigt dabei sogar eine leicht gesteigerte Effizienz. Nach dem Drive zeigt Leonard bei der Variation seiner Abschlüsse eine Vielfalt und Konzentration, die in dem Maße in der vergangenen Spielzeit nicht zu vernehmen war. 

Leonard schafft es per Drive in die Zone zu ziehen, sucht Kontakt und bewahrt dennoch Ruhe beim Abschluss. Oftmals tendieren Spieler dazu sich auf das alleinige Ziehen von Fouls beim Drive zu konzentrieren und den eigentlichen Abschluss zu vernachlässigen. In diesem Beispiel wartet Leonard den Kontakt ab und schließt erst nach ausbleibendem Pfiff ab, bewahrt also das eigentliche Ziel des Drives: ein hochprozentiger Abschluss am Korb. 

Auch hier ist die Zielstrebigkeit des Drives zu erkennen. Wie bereits erwähnt verfügt Leonard über einige Abschlussvariationen. Im gezeigten Beispiel wird Leonard ein Layup oder Dunk verwehrt. Leonard umgeht hier die potenzielle Gefahr (Contest/Block) der Helpside-Defense und schließt per Hookshot ab. Die gezeigten Varianten im Abschluss in Form von (driving) Hookshots, Leanern, Floatern und unterschiedlichsten Layup-Variationen zeigen ein gereiftes Arsenal im Abschluss innerhalb der Dreierlinie. 

Die gezeigten Beispiele zeigen einen Aspekt der offensiven Steigerung Kawhi Leonards auf, der wiederum zu einer anderen stark verbesserten Komponente seines Spiels führt.

Free Throws

Wie bereits erläutert ließ Leonards mäßiges Generieren von Freiwürfen Raum für Kritik. In der laufenden Saison zeigt sich dieser Bereich ebenfalls enorm verbessert:

 FTrFTA%FT%FTA
15/1630.6%33.787.44.6
16/1742.5%44.293.47.1

Bei der Free Throw Rate per FGA (FTr) befindet sich Leonard in der Top 10 ligaweit (15/16: Platz 36). Steht Leonard auf dem Feld ist er für 44.2% der generierten Freiwurfversuche San Antonios verantwortlich. Insgesamt 7.1 mal geht Leonard pro Spiel an die Linie und verwandelt seine Versuche zu 93.4%. Lediglich Damian Lillard forciert mindestens sieben Freiwürfe (8.4) und verwandelt diese mit mindestens 90%. 

Diese eklatante Steigerung eines sehr wichtigen Offensiv-Aspektes, erreicht Leonard durch eine erhöhte Konzentration, bessere Kontaktaufnahme und zielstrebigere (und höher frequentiertere) Drives zum Korb.

Leonard erkennt hier das Zusammenziehen der Warriors-Defense und forciert ein Foul. Diese Art von Szene ist gewöhnlich, wenn man sich bekannte Offensivakteure der Liga anschaut. Bei Leonard konnte man vergangene Saison diese Form von Zielstrebigkeit und Aggressivität beim Ziehen von Fouls eher seltener vernehmen. 

Generell schafft es Leonard besser Kontakt zu generieren und trotzdem die Balance im Abschluss zu behalten.

Erneut ist die Variation im Abschluss zu vernehmen, als auch die Zielstrebigkeit der Bewegung zum Korb. Der Verteidiger wird durch Leonards Forcieren von Körperkontakt, einem Fake und sicherem Ballhandling in eine Situation gebracht, die schließlich in einem Foul endet.

Im folgenden exemplarischen Beispiel, sieht man eine Verkettung der bereits erläuterten Verbesserungen:

Leonard strahlt als Triple Threat Gefahr aus. Nach einem Pick von Dewayne Dedmon nutzt Leonard sein Ballhandling seine Potenz aus der Mitteldistanz und seinen verbesserten Drive um ein Foul zu forcieren. Hier lässt sich die Verbesserung in Leonards Decision Making erkennen. Es wird richtigerweise kein Abschluss am Ring forciert – die Defense der Pelicans hat sich nach dem Pick gut positioniert – oder ein überhasteter, bedrängter Abschluss aus der Mitteldistanz erzwungen. Durch gezieltes Abwarten (auch hier wieder Hesitation Dribblings und Körpertäuschungen) und folgende, Shotfake schafft es Leonard Alexis Ajinca aus der Balance zu bringen und ein Shooting Foul zu provozieren. 

Betrachtet man abschließend die Abschlussverteilung verdeutlicht sich die erläuterte Entwicklung:

 2PT%3PT%FTA%
Prozentualer Anteil der Abschlüsse 15/1655.425.419.2
Prozentualer Anteil der Abschlüsse 16/1747.824.2 28.0

Durch die enorme Steigerung der Freiwurfversuche sind Abschlüsse aus dem 2 Punkt-(deutlich) und dem Dreierbereich (minimal) zurückgegangen. Der Rückgang der 2PT% ist eindeutig auf die gesteigerte Anzahl an Drives (s.o.) und das stark verbesserte Ziehen von Fouls und daraus resultierenden Freiwürfen zurückzuführen. Der Dreier wird nicht mehr so effizient wie vergangenes Jahr verwandelt (15/16: 44.3 3P%; 16/17: 41.2 3P%), wird diese Saison dafür aber öfters genutzt (15/16: 4.0 3PA; 16/17: 4.9). 

Die gezeigten Aspekte zeigen sowohl statistisch als auch nach dem Eyetest betrachtet eine klare Veränderung des Scoring-Verhaltens Kawhi Leonard’s auf. Abschließend wird das letzte in der Analyse relevante Element, das Playmaking, beleuchtet.

Mehr Verantwortung im Playmaking und Ballhandling

Wie bereits zurecht kritisiert, gehörte Leonard im letzten Jahr weder im Ligavergleich noch teamintern zu den führenden Ballhandlern und Playmakern. Die Adjusted Assist-to-Pass Percentage fungiert auch hier wieder als Indikator:

 Manu GinobiliKawhi LeonardTony Parker
AST to Pass% (adjusted)14.513.6 12.3

Befand sich Leonard teamintern in der vergangenen Saison mit einem Wert von 11.1% noch hinter drei Spielern (Parker, Ginobili und Andre Miller), liefert aktuell allein Manu Ginobili einen höheren Wert. Hierbei ist allerdings zu erwähnen, dass Ginobili hauptsächlich in der Second Unit agiert, welche sich eher an der Motion Offense der Championship-Spurs von 2014 orientiert als an dem Offensiv-System der Starter um LaMarcus Aldridge. Ginobili profitiert hier neben seiner eingeschränkten Spielzeit von mehr Bewegung und Pässen seiner Mitspieler. 

Die deutlich gesteigerte USG% Leonards (15/16: 25.8%; 16/17: 31.1%) spiegelt sich unter anderem in seiner größeren Verantwortung als Playmaker wieder. Wie bereits aufgezeigt fungiert Leonard deutlich öfter als Ballhandler im System der Spurs. Dadurch generiert er durch ein deutlich verbessertes Decision Making und Passspiel gute Scoringmöglichkeiten für seine Mitspieler:

Durch seine erhöhte Scoringpotenz zieht Leonard mehr defensive Aufmerksamkeit auf sich und schafft somit Raum für seine Mitspieler. Im gezeigten Beispiel initiiert Leonard ein Pick&Roll mit LaMarcus Aldridge. Durch das Antäuschen eines Wurfes bindet Leonard seinen Verteidiger und ermöglicht einen freien Passweg zu dem sich in die Zone abrollenden Aldridge. Das Resultat ist ein präziser Bodenpass, welcher zu einem freien Abschluss direkt am Ring führt. 

Auch die Basics des Passspiels nutzt Leonard immer konsequenter:

Erneut erzwingt Leonard die Aufmerksamkeit gleich mehrerer Gegenspieler. Es folgt ein Drive und ein gezielter, simpler Kickout-Pass der zu einem unbedrängten Abschluss aus der Mitteldistanz führt.

Weiterhin ist besonders die gezeigte Ruhe in den Offensivaktionen Leonard’s ein entscheidender Faktor um effektiv als Playmaker und Facilitator zu agieren:

Leonard behält sich im gezeigten Beispiel mehrere Optionen die Possession abzuschließen: ein Pass auf den abrollenden Pau Gasol, einen eigenen Abschluss aus der Mitteldistanz oder per Drive und den letztlich genutzten Kickout zu LaMarcus Aldridge. In der dargestellten Szene lässt sich gut erkennen, dass Leonard sich Zeit für seine Entscheidungen nimmt und als Ballhandler darauf abzielt das beste Basketball-Play zu tätigen. Das wird auch im abschließenden Ausschnitt ersichtlich:

Auch hier nutzt Leonard die defensive Aufmerksamkeit um einen effizienten Abschluss für seinen Mitspieler zu kreieren. Wieder forciert Leonard keinen eigenen Abschluss sondern wartet bis zur idealen Passsituation ab. Vergleichbare Aktionen sah man vergangene Saison deutlich seltener. Die vergrößerte Rolle als Playmaker und Facilitator führt indes nur zu einer gering gesteigerten Turnover-Rate. In der vergangenen Saison verbuchte Leonard trotz einer deutlich niedrigeren Usage nur minimal weniger Turnover als aktuell (15/16: 7.8 TOV%; 16/17: 8.4 TOV%). Das lässt den Schluss zu, dass Leonard souverän mit der gesteigerten Last umgeht.

Insgesamt zeigen sich in Leonard’s Playmaking- und Ballhandler-Fähigkeiten sehr positive Tendenzen die sich noch nicht deutlich genug statistisch belegen lassen.

Stets Raum für Verbesserungen

Trotz der aufgezeigten und deutlichen Entwicklung im Offensivspiel Kawhi Leonards gibt es weiterhin Facetten, die Verbesserungspotenzial offerieren. Das Playmaking kann sich sicherlich noch weiterentwickeln. Die Basics (Kickout, Durchstecker etc.) sind inzwischen verankert, werden aber teils noch immer nicht oft genug verwendet. Es finden sich nach wie vor zu viele (wenn auch abnehmend) Situationen, in denen Leonard den eigenen Abschluss forciert und besser positionierte Mitspieler übersieht. Im Gegensatz dazu zeigen sich zudem Situationen in denen Leonard noch öfter den eigenen Abschluss suchen müsste. Seine gleichgebliebene große defensive Beanspruchung ist dabei sicher ebenso ein Faktor wie seine gesteigerte Ballhandler-Verantwortung. 

Zusätzlich könnte man, kritisch betrachtet, einen nochmals gesteigerten Scoring-Output fordern, gerade wenn man sich an den Topscorern der Liga orientiert:

 USG%ORtgPTS/G
Russell Westbrook40.811131.2
DeMarcus Cousins36.311227.8
DeMar DeRozan35.411530.2
Anthony Davis 34.111431.3
James Harden33.312128.3
Isaiah Thomas33.311826.1
Damian Lillard31.711928.3
Kawhi Leonard31.1118 25.4

Aufgelistet sind sämtliche Spieler mit einer USG% >= 31.0 und mindestens 25 PTS/G. Auffällig ist, dass ausser Thomas, DeRozan und Lillard (alle mit Abstrichen) keiner der Spieler einen Mitspieler der Qualitätskategorie LaMarcus Aldridge im Team hat. Die offensiven Anforderungen sind also höher. Ein Grund dafür, dass Leonard die niedrigste USG% und geringste Punkteausbeute stellt. Mit seinem ORtg befindet er sich aber in den Top 3. Kann Leonard die Effizienz halten, wäre ein nochmals gesteigerter Scoring-Impact wünschenswert. Insgesamt befindet sich Leonard aber sichtlich auf absoluten Top-Niveau.

Fazit

Kawhi Leonard zeigt in der aktuellen Saison, dass es selbst auf sehr hohem Niveau noch möglich ist sich zu steigern. Sämtliche Elemente, welche einen in der heutigen NBA dominanten Offensivspieler ausmachen, liefert Kawhi Leonard bisher in dieser Saison. Hervorzuheben sind die deutlich erhöhte Verantwortung als Ballhandler und Playmaker, das effektive und effiziente Ziehen von Freiwürfen sowie die allgemeine Reife Leonard’s Offensivspiels welche sich in der Wurfauswahl und dem Passspiel wiederspiegelt. In all diesen Aspekten hat sich Leonard auf ein Elite-Level gesteigert, welches positionsunabhängig klar die Spitze der Liga definiert. Mehr Erfahrung und ein noch besseres Decision Making können die gezeigten Verbesserungen nochmals ausbauen. Auch das Bestätigten der Leistungen mit gesteigerter defensiver Aufmerksamkeit in den Playoffs steht noch aus. Es bleibt abzuwarten ob Leonard das bisher enorm hohe Level halten kann. Stand jetzt sprechen alle Indizien und Tendenzen dafür. 

Statistiken via basketball-reference.com, nbawowy.com & nba.com/stats – Stand 23.11.2016

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10 comments

  1. Simon

    Kawhi spielen zu sehen, insbesondere in den ersten ca. 10 Spielen der Saison, liefert auf jeden Fall den Beweis, dass er offensiv noch einmal stärker geworden und inzwischen wirklich ein Two-Way-Star ist. Deswegen will ich die Grundaussage des Artikels auch gar nicht in Frage stellen.

    Aber irgendwie überzeugen mich die Statistiken hier nicht ganz. Zum einen ist der 22.11. schon ziemlich lange her, seitdem gab es 6 Spiele und in den letzten 4 hatte Leonard z.B. “nur” noch 21 PPG (bei 39% aus dem Feld (25/64) und 31,5% 3P (6/19)). Aber das ändert natürlich nichts grundsätzliches, hätte man aber noch aktualisieren können. (Trotzdem soll das keine Kritik sein, ich freu mich über jeden Artikel von euch!)

    Außerdem können Dinge wie Assisted/Unassisted FG, Assist/Pass-Ratio und Usage auch stark vom System beeinflusst sein (der Artikel erwähnt das ja glaube ich auch kurz) und San Antonios System sorgt vermutlich dafür, dass kein Spieler da extreme Werte auflegt, selbst wenn er offensiv auf (Super-)Star-Niveau ist.

    Auch die Liste der Spieler mit hoher USG% + hohem ORtg + vielen PPG beinhaltet ja nicht unbedingt die besten Offensivspieler der Liga, sondern einfach die Alleinunterhalter ohne offensive Unterstützung. Dass Kawhi überhaupt dabei ist, ist schon verwunderlich und spricht wohl mindestens genauso stark gegen die Qualität der Spurs wie für die Qualität von Leonard. Und dass er bei Usage und PPG am Ende dieser Liste steht, ist auch klar. Es ist ja einfach kein einziger Spieler der besten 3-4 Teams der Liga dabei (Warriors, Cavs, Clippers und eben Spurs). Das sagt aber rein gar nichts darüber aus, ob Curry, Durant, James, Griffin, Paul, Irving, Love, Leonard oder Aldridge gute Offensivspieler sind (7 dieser 9 gehören wohl zu den Top 10 bis 12 der Liga).

    Interessanter als der Anteil an Isolationen/unassisted FG wäre doch, ober er diese auch besser trifft als letzte Saison. Ist er in diesem Jahr effizienter in der Isolation, im Post, am Ende der Shotclock, in der Crunchtime?

  2. Simon

    Hier schnell ein paar weitere Statistiken (nba.com, USG und ORtg von bball-ref), erst einmal unkommentiert, weil ich gerade nicht mehr Zeit habe:

    FGA/100 Possessions

    2015/16: 23,0 (25,8% USG, ORtg 121)
    2016/17: 25,6 (30,6% USG, ORtg 118)

    Isolation

    2015/16: 11,8% seiner Possessions, 0,99 Pts Per Poss., 46,9% eFG, 5,8 TO pro 100 Poss.
    2016/17: 12,9%, 0,74 PPP, 24,4% eFG, 6,9 TO/100

    PnR-Ballhandler

    2015/16: 13,7%, 1,02 PPP, 51,7% eFG, 11,6 TO/100
    2016/17: 24,3%, 1,10 PPP, 54,1% eFG, 10,6 TO/100

    Post-Up

    2015/16: 13,0%, 1,02 PPP, 48,9% eFG, 9,3 TO/100
    2016/17: 8,2%, 0,89 PPP, 40,7% eFG, 11,4 TO/100

    Clutch (letzte 5 Min., +- 5 Punkte)

    2015/16: 0,317 PPP, 24,3 FGA/100 Poss., 41,9% FG, 30,0% 3P, 10,8 FTA/100, 2,8 AST/100, 1,1 TO/100
    2016/17: 0,45 PPP, 29,1 FGA/100, 48,0% FG, 33,3% 3P, 18,6 FTA/100, 4,7 AST/100, 2,3 TO/100

    Late Shotclock (4-0 Sekunden)

    2015/16: 0,189 PPP, 23,1 FGA/100 Poss., 36,4% FG, 24,1% 3P, 1,5 TO/100
    2016/17: 0,599 PPP, 23,8 FGA/100, 36,8% FG, 41,7% 3P, 1,3 TO/100

  3. Simon

    Ich sehe den Sprung von der letzten zu dieser Saison nicht so groß. Obwohl ich wie gesagt zugeben muss, dass der Eye-Test schon den Eindruck hinterlässt, dass seine Rolle deutlich gewachsen ist. Aber die Zahlen belegen das m.E. nicht so deutlich, wie im Artikel dargestellt.

    Zwei deutlich positive Entwicklungen fallen auf, die der Artikel auch beschreibt. die Freiwürfe und die Rolle als Ballhandler im Pick-and-Roll, wo Leonard auch sehr effizient ist. Außerdem ist er auch deutlich effizienter in Clutch-Situationen und am Ende der Shotclock, aber seine Rolle in diesen Situationen ist nicht sehr viel größer ist als 2015/16.

    Im Post und in der Isolation ist Leonard dagegen bisher eher schwächer als letzte Saison. Ob das relevante Kriterien für seinen Status als offensiver Superstar sind, darüber kann man natürlich streiten. In der Liste der Spieler, die mindestens so viele ISO-Possessions wie Leonard hatten, steht er in dieser Saison jedenfalls bei den PPP (nur Isolationen) hinter der “offensiven Elite” der Liga (Percentile: 33,8); am effizientesten sind Irving, Durant, Lillard, DeRozan und Barnes, vor Leonard liegen dann auch noch u.a. Butler, James, Anthony, Westbrook, Cousins, Harden. Naja, das sollte man natürlich auch nicht überbewerten, aber mir scheint es irgendwie aussagekräftiger als z.B. der reine Anteil an FG, denen kein Assist vorausgeht.

    Leonard ist auf jeden Fall sehr, sehr gut, das ist klar! Aber ich glaube das war er letzte Saison eben auch schon.

  4. Dennis Spillmann

    Danke für dein reges Interesse, Simon.

    Die Zahlen belegen das, was du siehst, schon – und du hast die betreffenden Zahlen auch herausgesucht. Kawhi Leonard läuft mehr als doppelt so viele PnR als Ballhandler! Alleine das ist ein eindeutiges Indiz für die viel größere Rolle. Die Spot Ups sind gleich geblieben, aber das Ballhandling hat sich vergrößert – das ist die anspruchsvollste Aufgabe offensiv. Deshalb siehst du Leonard auch per eye test in einer größeren Rolle: er agiert anders. Seine Aufgaben sind schwieriger, deswegen sinkt seien Effizienz auch ein wenig.

    Deshalb hat Leonard momentan auch einfach richtige Probleme, aus dem Pick’n’Roll adäquat zu passen. Er muss sich an seine neue Rolle noch etwas gewöhnen.

  5. Flashmaster

    |Author

    Erstmal vielen Dank für dein ausführliches Feedback! Ich bin leider gerade im Abreisestress und kann deshalb deinen Ausführungen nicht die ausführlichen Antworten liefern, die sie verdienen ;) Ich melde mich im Detail dazu wenn ich wieder etwas mehr Luft habe.

  6. Simon

    Danke für die Rückmeldung :tup:

    Mein Problem mit den Zahlen war, dass er ja gerade als PnR-Ballhandler trotz größerer Rolle sogar noch effizienter ist als letzte Saison. (Wobei ich zugeben muss, dass ich gar nicht sicher bin, was die PPP hier genau beschreiben. Nur die Possessions, die er als Ballhandler selbst abschließt (mit FGA, TO oder FT) oder auch die, die nach einem Pass von Leonard durch einen anderen Spieler abgeschlossen werden?)

    Aber andererseits eben im Post und in der Isolation bei ähnlichem Volumen an Effizienz eingebüßt hat, was ja eigentlich eher andeutet, dass er kein verlässlicherer offensiver Go-to-Guy ist als in der vergangenen Saison. Naja, wahrscheinlich sind dafür sowieso zu großen Teilen die Sample Size und die Mitspieler verantwortlich und es wird auf die Dauer darauf hinauslaufen, dass er bei mehr Ballhandling und Usage ähnlich effizient ist wie 2015/16, also genau das eintritt, was du und der Artikel beschreiben.

  7. Dennis Spillmann

    Ich habe durch Synergy-Stats einen detaillierteren Einblick in die Zahlen. PnR Ball Handler bedeutet nur, dass Leonard die Possession abgeschlossen hat. Aus dem Herauspassen als PnR Ballhandler ergeben sich – bei natürlich zu kleiner sample size – Probleme: Nach Pässe von Leonard erzielen die Mitspieler nur 0,6 PPP. Daran muss er arbeiten und wachsen.

    Generell musst du sehen, dass das Team potenziell schwächer als im letzten Jahr ist und das Scouting/der Gameplan sich immer mehr in Richtung Leonard verschiebt. Dass Leonard dann Probleme in der Isolation bekommt, passiert. Als PnR Ball Handler und als Spot Up-Schütze (40% seiner Abschlüsse) ist er bisher Extraklasse (94% bzw. 91% Percentile). Der Sprung zum Spieler mit noch mehr Verantwortung ist nicht zu übersehen. Dafür reicht es schon aus, wenn sich sein PnR Ball Handler-Wert verdoppelt.

  8. Simon

    Ah ok, spannend. :tup:
    Das ist schon alles ziemlich beeindruckend, wie Leonard sich über die Jahre entwickelt hat.

    Und trotz der riesigen Menge an Stats, die die NBA öffentlich verfügbar macht, gibt es da immer noch Hoffnung auf noch mehr. Die PPP, die ein Playmaker als PnR-Ballhandler erzeugt, egal ob durch eigenen Abschluss oder Assist, wären ja z.B. wirklich interessant.

    PS: Ohne, dass du eure Geschäftsgeheimnisse preisgeben sollst: zahlt ihr als Redaktion für Synergy (und SportVU?) -Daten, oder wie sind die zugänglich?

  9. Dennis Spillmann

    Das Geschäftsgeheimnis besteht darin, dass ich privat dafür investiere. ;) Go-to-Guys ist ein non-kommerzielles Projekt und bleibt dies auch.

  10. Simon

    Ist mir schon klar ;) So war das mit dem “Geschäft” natürlich nicht gemeint, wobei ihr ja immerhin mit Ruhm, Ehre und reichlich :tup: entlohnt werdet!

    Hätte ja sein können, dass ihr euch das in der Redaktion teilt, ich hatte nämlich in Erinnerung, vor ein paar Jahren mal gelesen zu haben, dass dieses günstige “Synergy for Fans and Fantasy”-Abo abgeschafft wurde. Kann mich aber wie immer irren. Und könnte das natürlich auch einfach selbst kurz recherchieren ;)


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