Milwaukee Bucks

Das Alter ist nur eine Zahl

Warum die Bucks ganz andere Probleme mit Thon Maker haben dürften

Das Prep-to-Pro-Zeitalter der NBA ist eigentlich seit 2005 vorbei. Mit Andrew Bynum an Position 10 wurde damals der letzte einer Reihe von Allstars gedraftet, die – neben diversen Busts – direkt von der High School in die NBA wechselten. Ebenfalls mit dem 10. Pick riefen 2016 die Milwaukee Bucks Thon Maker auf, der durch ein zusätzliches Jahr nach seinem Abschluss nicht unter das Verbot fällt. Umstritten war der Pick jedoch nicht aufgrund Makers ungewöhnlichem Weg in die NBA, den Satnam Singh Bhamara im Vorjahr auch beschritten hatte. Die meiste Kritik mussten die Bucks einstecken, weil Maker als zum einen massiver Reach gilt – der letzte Mock Draft von nbadraft.net führte ihn beispielsweise ebenfalls als Pick der Bucks an, allerdings mit Pick 36 in Runde 2. Tobias Berger führte ihn in der ‚Fools Gold‘-Kategorie. Zusätzlich entstanden bereits zuvor Gerüchte, die ihn für älter als die offiziellen 19 Jahre erklärten. Nach dem Draft in der Lottery und dem dadurch gesteigerten Interesse verstärkten sich diese Vorwürfe sogar noch.

Der Gegenwind ist daher verständlich, aber gleichzeitig etwas übertrieben und verfrüht: Makers athletische und physische Voraussetzungen lassen auf mehr hoffen, und, wie die Geschichte der High School-Draftees zeigt, ist ohne gut einzuordnende Konkurrenz die Einschätzung eines jungen Spielers noch schwerer. Kevin Garnett, Kobe Bryant und LeBron James stehen etwa Kwame Brown, Eddy Curry und DeSagna Diop gegenüber – übrigens alle drei aus dem gleichen Draft, 2001, alle drei ebenfalls Center, und alle drei ebenfalls in der Top 10 gezogen (an 1, 4 und 8). Während das Niveau der drei oben angesprochenen Superstars für Maker wohl utopisch ist, gibt es genug Beispiele für zumindest brauchbare Spieler aus der Prep-to-Pro-Generation: Allein aus dem 2005er-Draft neben Bynum etwa noch Amir Johnson, Monta Ellis und C.J. Miles. Gerade als Beobachter aus der Distanz und ohne genauere Kenntnis des kanadischen High School-Basketball muss man daher eingestehen, dass es für ein Urteil zu Makers Talent viel zu früh ist.

So viel zur Verteidigung des Picks, das Problem nur: Die Entscheidung lässt sich trotzdem irgendwo im Spektrum von gewagt bis katastrophal einordnen. Das ist nicht Makers Schuld, sondern dem in jeder Hinsicht extrem fragwürdigen Team Fit Bucks zuzuschreiben. Die Problematik hätte für jeden Draftee gegolten, der mit ähnlichen Voraussetzungen gezogen wurde, unabhängig von der tatsächlichen Qualität. Selbst seine Kritiker würden Maker zugestehen, dass er bei Größe und Athletik die angesprochenen Pluspunkte aufweist, während auch seine Unterstützer ihn vermutlich als sehr rohen (Forward-)Big der Kategorie ‚High Risk, High Reward‘ einordnen müssten. Jeder einzelne dieser Punkte ist für die Bucks ein massives Problem.

Position

Zuerst zur Position: Ein Blick in den Bucks-Roster macht klar, dass eigentlich kein Frontcourt-Spieler gefragt ist. Maker ist mit 7-1 an sich nur als Big denkbar, obwohl er durch sein geringes Gewicht und seine Geschwindigkeit durchaus auch als Small Forward gehandelt wird. Letztendlich hat diese gerade bei einem so rohen Spieler relativ willkürliche Zuschreibung ohnehin keine Bedeutung: Mit Giannis Antetokounmpo und Jabari Parker stehen bereits die beiden größten Bucks-Talente für eine ähnliche positionelle Ambivalenz. Bei beiden ist vorerst nicht klar, in welcher Rolle sie offensiv wie defensiv besser aufgehoben sind. Ein weiterer Spieler mit ähnlichem Skillset – dazu später mehr – wird diese Problematik zumindest nicht vereinfachen.

Auch eine Verschiebung auf die Center-Position, egal ob von Maker oder Antetokounmpo, verbessert die Konkurrenzsituation nicht. In Greg Monroe und John Henson stehen zwei klassische Bigs mit einem Vertrag jenseits der 10 Millionen Dollar unter Vertrag, Miles Plumlee ist Restricted Free Agent. In Johnny O‘Bryant erhielt ein weiterer junger Big in der abgelaufenen Saison Minuten. Selbst mit einem Abschied von Monroe, ob sofort per Trade oder im nächsten Sommer durch die Player Option, ergäbe sich nicht zwangsläufig eine Lücke, die mit Maker zu füllen wäre. Gerade wenn der an die 7-0 große Antetokounmpo mit zunehmender Erfahrung und mehr Masse als Small-Ball-Center a la Draymond Green in Frage kommt, wären echte Wings als Komplementärspieler gefragt. Henson und möglicherweise Plumlee könnten die Rolle als klassische Bigs ausfüllen.

Skillset

Damit zum Skillset, denn eine von Flügelspielern mittlerweile praktisch erwartete Fähigkeit ist das derzeit größte Problem der Bucks: Wie schon in der GtG-Saisonvorschau vorhergesagt und auch in die Team Needs aufgenommen, fehlt dem Team massiv Scoring aus der Distanz und damit Spacing. Außer Khris Middleton trifft kein Spieler des prognostizierten Kerns auch nur durchschnittlich von der Dreipunktlinie. Antetokounmpo und Parker standen bei jeweils 25%, Monroe nimmt praktisch keine Würfe – und seine Schwäche im Jumpshot hat Michael Carter-Williams praktisch aus dem hoffnungsvollen Kreis entfernt.

Selbst wenn Maker, wie von einigen Beobachtern erhofft, einen verlässlichen Sprungwurf entwickeln kann: Naheliegender würde man unter diesen Bedingungen schlicht einen Spieler ziehen, der im College oder in Europa seine Treffsicherheit aus der Distanz bereits bewiesen hat. Kandidaten, die noch an ihrem Wurf arbeiten, haben die Bucks bereits genug. Außerdem ergibt sich hier in Kombination mit der Positionszuordnung die Frage, warum die Bucks überhaupt einen Stretch Big brauchen: Viel logischer wäre ein Guard mit Wurf, der dann eine Verschiebung der übrigen Spieler ermöglicht.

Zeitplan

In der Saison 2014/15 schafften es die Bucks bereits etwas überraschend in die Playoffs, wobei Veteranen wie Jared Dudley und Zaza Pachulia einen anfangs unterschätzten Beitrag leisteten. Auch danach, etwa im Rahmen der Verpflichtung von Monroe, wurde die Postseason wieder als Ziel angegeben – und nicht nur aufgrund des generell stärkeren Ostens verpasst. Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass die Bucks noch Jahre auf ihre nächste Chance warten wollen. Daher ist ein so roher Spieler wie Maker auch aus dieser Perspektive unverständlich.

Um den Zeitdruck der Bucks in Zahlen zu fassen: Antetokounmpo und Parker werden in einem beziehungsweise zwei Jahren zwar nur Restricted Free Agents, sind aber noch nicht so gut, dass die Bucks automatisch jedes Angebot matchen können. In jedem Fall reduziert sich mit einem neuen Vertrag sofort der finanzielle Spielraum des Teams. Daher sollte im Optimalfall in der nächsten Saison zumindest klar werden, welches Potential der Kern noch aufweist und ob die beiden zentralen Figuren überhaupt zusammenpassen. Middleton wird in Sachen Team Fit wohl nie ein Problem sein, ist dafür aber schon in vier Jahren Unrestricted Free Agent. Was wie ein ausreichender Zeitraum klingt, könnte für ein Big-Talent wie Maker nicht ausreichen – die wenigsten Spieler seiner Größe erreichen ihre besten Jahre vor dem 25. Geburtstag. (Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhang die etwas provokative Frage stellen, ob ein höheres Alter Makers den Bucks nicht sogar helfen könnte…)

Upside

Zuletzt noch ein Punkt, der in eine ähnliche Richtung geht und auf die Probleme eines High Risk-High Reward-Picks Bezug nimmt: Warum sollte ein Team, das in vor allem in Antetokounmpo und zudem in Parker junge Spieler mit Franchise Player-Potential in den eigenen Reihen hat, ein solchen Risiko eingehen? An Talent und Upside fehlt es den Bucks also mit Sicherheit nicht, sondern an den sinnvollen Komplementärspielern. Der wichtigste Rollenspieler der abgelaufenen Saison war wohl Jerryd Bayless, weil er als einziger Spieler neben Middleton aus der Distanz traf. Die Lücke hier ist offensichtlich, so dass sich solide Draftees – mit auf College-Niveau bewiesenem Wurf – wie etwa Taurean Prince (Senior, ging an 12 nach Atlanta) oder Wade Baldwin (Sophomore, mit Pick 17 zu den Grizzlies) naheliegend gewesen wären.

Das entspräche auch eher dem grundsätzlich sinnvollen Draftverhalten: Am Anfang des Rebuilds bieten sich die riskanten Picks an, weil man möglichst viel Talent ansammeln und Chancen auf einen Franchise Player generieren möchte. Zu diesem Zeitpunkt sind Niederlagen zu verschmerzen, die jungen Spieler können sich ausprobieren und sich weiterentwickeln. Das beste Beispiel für dieses Verfahren findet sich übrigens bei den Bucks selbst, auch, wenn die Franchise im Anschluss teilweise von den äußeren Umständen zum eigenen Glück (also: dem 2. Pick und Parker) gezwungen werden musste: Antetokounmpo kam als High Risk-High Reward-Pick an Position 15 in ein Treadmill-Team und konnte aufgrund der Situation relativ schnell Spielanteile erhalten und sich entsprechend verbessern. Jetzt dürfte aber gerade Antetokounmpo Maker diese Möglichkeit versperren.

Was bleibt?

Um nicht zu negativ zu klingen: Wenn alles optimal läuft, haben die Bucks in Maker einen Stretch Big mit Star-Potential gedraftet und stehen in einigen Jahren auf Contender-Niveau. Das Problem: Für dieses Szenario ist wohl eine einstellige Prozentzahl noch recht großzügig. Der Pick von Maker macht den Eindruck, das Bucks-Management um John Hammond und Head Coach Jason Kidd wären zum einen zu sehr auf Länge fokussiert und hätten zum anderen nur den Best Case im Blick. In diesem Zusammenhang muss an die von Anfang an kritisierten Trades für MCW und Greivis Vasquez erinnert werden, die zwar mit 6-6 beide eine hervorragende Größe für einen Point Guard mitbringen, zuletzt aber – auch verletzungsbedingt – nicht annähernd auf dem erhofften Level liefern. Ähnlich wie Carter-Williams passt auch Maker kaum zum restlichen Kern, was ein zumindest genauso großes Fragezeichen darstellen sollte wie die Überlegungen zu Alter und Draft-Reach.

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